John H. Speke

Mit Richard F. Burton entdeckt John H. Speke den Tanganjikasee. Als erster Europäer steht er am Ufer des Victoriasees. Nach seiner Theorie entspringt dort der Nil. Um sie zu beweisen, zieht er ein zweites Mal durch Afrika – und wird fündig.

Caput Nili quaerere» – nach den Quellen des Nil fragen – so lautete ein römisches Sprichwort, wenn jemand etwas wissen wollte, auf das es beim besten Willen keine Antwort gab. John Hanning Speke hört nicht auf, diese Frage zu stellen – bis er ein Ergebnis hat.

John H. Speke wird in Bath, im Südwesten Englands, als Kind einer Upper-Class-Familie geboren. Mit 17 entscheidet er sich für eine Offizierskarriere. So kommt Speke nach Indien in die Region von Pandschab. Der Engländer unternimmt Expeditionen in entlegene Winkel des Himalajas, die vor ihm noch kein Europäer betreten hat. Er führt Vermessungen durch, zeichnet die ersten modernen Karten der Region.

1854 trifft John H. Speke in Aden Richard F. Burton , der gerade eine Expedition ins Somaliland am Horn von Afrika plant. Er schließt sich seinem Landsmann an. Doch die Reise im darauf folgenden Jahr scheitert nach einem Überfall durch Eingeborene, noch bevor sie richtig angefangen hat. Danach nimmt Speke als Freiwilliger am Krimkrieg 1853 bis 1856 teil.

Im Jahr 1857 begleitet er Burton auf einer neuen Expedition. Sie soll den Ursprung der Nilquellen klären. Die Reise startet von Bagamoyo am Indischen Ozean und zieht nach Westen in den afrikanischen Kontinent. Speke, schwer an Malaria erkrankt, ist fast blind, als sie im Februar 1858 das Ostufer des Tanganjikasees erreichen. Doch er erholt sich schneller als sein ebenfalls schwerkranker Partner – und beginnt, mit einem Kanu den See zu erkunden.

Im Himalaja hat John H. Speke einige Berge vermessen. Hier ermittelt er nun, dass der See auf einer Höhe von rund 700 Metern liegt. Der südlichste bis dahin bekannte Ort am Nil – Gondokoro im Sudan – liegt aber schon auf 600 Meter Höhe. Der Tanganjikasee, da ist sich Speke sicher, kann also schon von daher gar nicht die Quelle des großen Stroms sein. Er ist der Meinung – damit hat er vom heutigen Stand der Wissenschaft aus gesehen Recht -–, dass der Tanganjikasee vulkanischen Ursprungs ist.

Burton aber will von all dem nichts hören. Für ihn entspringt der Nil im Tanganjikasee. Als Eingeborene erzählen, am Nordufer gebe es einen großen Strom, sieht er sich bestätigt. Auf ihrer gemeinsamen Erkundungstour gelangen Speke und Burton jedoch nicht ganz in den Norden des Sees. Denn die Afrikaner, die dort leben, sind mit dem Volk, aus dem ihre Bootsleute stammen, verfeindet. Daher weigern die sich, weiter in diese Richtung zu paddeln. Immerhin erfahren die Engländer, dass der Fluss Rusisi in den See hineinfließt – und nicht hinaus. Burton ist schwer enttäuscht.

Auf dem Rückweg halten sich die Forscher ein paar Wochen in der arabischen Handelsstation Kase (Tabora) auf, die sie schon auf dem Hinweg passiert haben. Dort hört John H. Speke das Gerücht von einem noch größeren See im Norden. Er beschließt, diesem nachzugehen. Am 3. August 1858 steht Speke am Südufer der riesigen Wasserfläche, die die Eingeborenen Ukerewe nennen. Er tauft sie auf den Namen seiner Queen Victoria. «Ich zweifelte nicht länger daran», schreibt er später, «dass der See hier zu meinen Füßen den interessanten Strom hervorbringt.»

John H. Speke hat keinen Beweis für seine Theorie, doch einiges bestärkt ihn. Er ermittelt eine Höhe von 1120 Metern – dieser Höhenunterschied zum südlichen Nil würde in der Tat ausreichen. Araber erzählen ihm, dass aus den Bergen im Westen mehr als 100 Flüsse den gigantischen See speisen. Also hat er auch genug Wasser für einen so langen Strom wie den Nil. Speke hört von Bergen nördlich des Tanganjikasees und wann dort Regenzeit herrscht. So stellt er einen Zusammenhang her mit dem sommerlichen Hochwasser des Weißen Nil. Begeistert macht er sich auf den Rückweg nach Kase.

Doch von Burton erntet John H. Speke nur Spott. Er habe den See nicht umfahren, weder einen großen Zu- noch einen Abfluss gesehen. Er habe keine Kenntnis der Eingeborenensprachen und sie deshalb vielleicht falsch verstanden. Die Männer meiden fortan das Thema, und machen sich auf den Rückweg zur Küste.

Speke kommt zwei Wochen vor seinem Begleiter in London an. Gleich nach der Ankunft teilt er der Royal Geographic Society seine Entdeckung des Victoriasees mit und dass dieser sehr wahrscheinlich die Hauptquelle des Weißen Nil sei. Die Gesellschaft ist beeindruckt. Sie unterstützt eine Folgeexpedition, in der Speke den endgültigen Beweis seiner Vermutung erbringen soll. Burton tobt. Er hält Spekes Vorgehensweise für unwissenschaftlich. Und was noch schlimmer ist: Niemand ist an seiner Entdeckung des Tanganjikasees interessiert.

Diesmal ist Speke der Leiter der Expedition. Er wird von James A. Grant begleitet, einem englischen Offizier, den er aus ihrer gemeinsamen Zeit in Indien kennt. Sie brechen im Oktober 1860 von Bagamoyo auf – mit 176 Mann. Die Zeiten haben sich seit der letzten Reise geändert. Die Völker der Gebiete, durch die sie marschieren, sind oft in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Die Geschenkforderungen der Häuptlinge an die Weißen werden immer höher. Was sie von den Europäern nicht bekommen, holen sie sich notfalls mit Gewalt. Oft bedarf es langwieriger Verhandlungen, bevor Speke weiterziehen kann.
Endlich – nach einem Jahr – gelangen sie ins Reich Karagwe am Westufer des Victoriasees. Dessen Häuptling Rumanika – er hat noch nie zuvor einen Europäer gesehen – nimmt sie gastfreundlich auf. Die Frauen des Königs seien so dick, berichtet Speke später in London, dass sie nicht mehr aufrecht gehen könnten.

John H. Speke zieht weiter nach Norden, überquert den Kagera, der sich später als Hauptquellfluss des Nil erweisen wird. Sechs Wochen benötigt der Engländer, um zum Herrscher des nächsten Volks zu gelangen, der Mutesa heißt. Speke darf zu seinem ersten Empfang bei ihm einen eigenen Stuhl zum Sitzen mitbringen – ein großes Privileg. Alle anderen müssen sich ihm gebückt nähern. Aus nichtigsten Anlässen lässt Mutesa Untertanen köpfen. Speke aber kommt mit ihm aus.

Eingeborene haben John H. Speke von einem großen Strom berichtet, der im Norden aus dem See fließt. Sie weisen ihm den Weg. Am 21. Juli 1862 wähnt sich Speke am Ziel: «Hier stand ich endlich am Ufer des Nil: Das Bild war so herrlich schön, wie es nicht schöner hätte sein können.» Der Fluss ist 600 Meter breit. Die Expedition zieht stromaufwärts, über schlüpfrige Steine, morastige Pfade. Eine Woche später erreichen sie das Ufer des Victoriasees. Sie sehen Flusspferde und Krokodile. Über einen mächtigen Wasserfall donnert der Fluss in die Tiefe. Speke nennt die Kaskaden Ripon-Fälle nach dem Präsidenten der Royal Geographic Society. Dann muss er an den Heimweg denken.

Sie sind geschwächt, haben nicht mehr viele Vorräte. Wohl hören sie von einem anderen großen See weiter im Westen. Auch der Nil biegt nach Westen ab. Aber die Gebiete, durch die er fließt, sind von feindlichen Stämmen bewohnt. Speke zieht daher nach Norden, stößt in einiger Entfernung wieder auf den Fluss. Später wird Samuel Baker den Albertsee entdecken, und feststellen, dass der Nil durch diesen hindurchfließt.

Spekes Expedition muss den Strom immer wieder verlassen. Er lässt sich nur schwer befahren, die Ufer sind undurchdringlich. Am Ende ihrer Kräfte erreichen sie Faloro, den südlichsten Handelsplatz der Ägypter. Das erste Mal seit zwei Jahren schlafen sie in einem Bett, waschen sich mit Seife. Sie werden nach Gondokoro im Sudan geleitet, wo sie Samuel Baker treffen, der mit seiner Frau den Nil hinauffährt. Sie tauschen Reiseinformationen aus, erhalten neue Vorräte. Von Khartum schickt Speke sein berühmtes Telegramm nach London: «The Nile is settled!» – Die Nilfrage ist gelöst.

Aber sie ist es nicht. Zurück in London, werden seine Ergebnisse von Burton und anderen Wissenschaftlern scharf angegriffen. Er habe den Victoriasee nicht umfahren, um festzustellen, ob er ein einzelner großer See sei oder sich aus mehreren kleineren zusammensetze; ob im Süden ein großer Strom hineinfließe, der dann als eigentliche Hauptquelle zu gelten habe. Er sei außerdem nicht dem ganzen Lauf des Nil gefolgt. So und ähnlich lauteten die Vorwürfe, denen Speke sich ausgesetzt sieht. Als die hitzige Debatte ihren Höhepunkt erreicht, stirbt John H. Speke am 15. September 1864 bei einem Jagdunfall. Manche vermuten Selbstmord. Es dauert noch Jahre, bis die Nilfrage endgültig geklärt ist. Letztlich wird Speke mit seiner Theorie Recht behalten.

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