John W. Powell

John W. Powell hat im Krieg einen Arm verloren. Dennoch durchfährt er mit einem Team von Wagemutigen als erster Forscher den wildesten Teil des Grand Canyon. Auf der Landkarte der USA verschwindet dadurch der letzte weiße Fleck.

Das unstete Leben hat John W. Powell von Kindesbeinen an im Blut. Sein Vater Joseph Powell, ein methodistischer Wanderprediger, folgt mit Frau und Kindern den Pioniersiedlern, die immer weiter nach Westen vorrücken. 1838 ziehen die Powells ins „Frontdorf“ Jackson im südlichen Ohio, 1846 auf eine Farm im südlichen Wisconsin, 1852 nach Wheaton in Illinois.

Der Vater hält leidenschaftliche Reden für die Abschaffung der Sklaverei und macht sich damit nicht nur Freunde. An der Schule werfen Kinder mit Steinen nach seinem Sohn. So bleibt am Ende nur Privatunterricht. Ein Farmer und Autodidakt namens George Crookham, der zum Hauslehrer wird, weckt die Talente des Jungen. Er nimmt ihn auf lange Wanderungen mit und zeigt ihm die Schönheiten der Natur. Schon mit zehn Jahren weiß John, wie Karten gezeichnet, Steine und Felsformationen untersucht, Tiere und Pflanzen beobachtet werden.

John W. Powell besucht das Wheaton College und verdient nebenher sein erstes Geld als Lehrer. Kaum aber sind Ferien, zieht es ihn aus der Enge der Schulräume in die Weite des Mittleren Westens. 1856 rudert er den Mississippi hinunter, 1857 den Ohio, 1858 den Illinois bis zur Mündung.

Im Amerikanischen Bürgerkrieg, der 1860 ausbricht, stürmt John W. Powell nach vorn wie auf seinen Märschen durch die Berge. 1861 meldet er sich als Freiwilliger auf der Seite der Nordstaaten. Erst kommt er zur Infanterie, dann zur Artillerie. Nach sechs Wochen ist Powell Unterleutnant, nach vier Monaten Hauptmann. In der Schlacht von Shiloh im April 1862, einer der blutigsten des Kriegs, erhält er als Kommandeur einen Schuss in den rechten Arm, der daraufhin bis zum Ellbogen amputiert werden muss. Kaum genesen von der Operation, will John W. Powell zurück zur Artillerie, kämpft unter General Ulysses S. Grant die siegreichen Schlachten bei Vicksburg und Nashville, wird 1964 Major. Sein fehlender Arm ist ein Handicap, das er souverän ignoriert – im Krieg wie im Frieden.

Nach seinem Abschied von der Armee ist John W. Powell für kurze Zeit Geologieprofessor in Bloomington, Illinois. Doch eine Universitätskarriere findet er auf Dauer langweilig. Powell sucht seine Herausforderung woanders. Er besteigt den Pikes Peak und Longs Peak, betreibt geologische Forschungen in den Bergen von Colorado, studiert die Sprache und Sitten der Ute-Indianer, kann sich schließlich mit ihnen in deren Sprache verständigen. Dann nähert er sich dem letzten weißen Fleck, den es auf der Landkarte der Vereinigten Staaten noch gibt: der langen, tiefen, unzugänglichen Schlucht, durch die der Colorado rauscht. Noch nie hat ein Forscher gewagt, durch die reißenden Fluten des Grand Canyon zu fahren – zumindest nicht in dessen wildestem Teil, auf dem windungsreichen, mehr als 1600 Flusskilometer langen Stück von der Mündung des Green River bis zum Virgin River. General Grant, der Freund aus Kriegszeiten, wird 1869 Präsident. Er sorgt dafür, dass John W. Powell Proviant aus Armeebeständen zur Verfügung gestellt wird. Die renommierte Smithsonian-Institution leiht ihm die nötigen Messinstrumente: Sextanten und Kompassgeräte, Chronometer, Barometer und Thermometer. Dann sucht er sich seine Truppe für den Trip.

Am 24. Mai 1869 steigen an der Green-River-Station zehn Männer in vier Boote, die eigens für diese Fahrt gebaut worden sind. Im ersten, „Emma Dean“, sitzen Powell sowie die beiden Trapper Jack C. Summer und William Dunn, im zweiten, „Kitty Clyde’s Sister“, Powells Bruder Walter und George Bradley, ebenfalls zwei Bürgerkriegsveteranen, im dritten, „Maid of the Canyon“, der Trapper Andrew Hall und der Expeditionskoch William R. Hawkins, im vierten, das namenlos bleibt, die Brüder Seneca und Oramel G. Howland sowie der englische Abenteurer Frank Goodman.

Sie schießen auf den Schnellen dahin und wissen nicht, was nach der nächsten Kurve kommt. Nach zwei Wochen kracht das namenlose Boot gegen einen Felsen. Die Insassen können sich retten, tags darauf wird ein Teil der Instrumente geborgen, ein Drittel des Proviants aber geht verloren. Am 18. Juni hangelt sich Powell eine der Schluchtwände hoch, hängt irgendwann hilflos in den Felsen. Bradley schafft es, auf einen kleinen Vorsprung daneben zu klettern. Er zieht seine Hose aus, reicht sie Powell als Seil und rettet ihm so das Leben. Am 5. Juli gibt Goodman auf. «Ich habe hier mehr Aufregendes erlebt als gut ist für einen Menschen im ganzen Leben», sagt er. «Ich steige aus.»

Die Wände zu beiden Seiten werden höher und höher. Am 24. Juli misst Powell fast 700 Meter, am 9. August mehr als 800 Meter. Der Fluss rauscht an Redwall Cavern vorbei, einem riesigen Überhang, unter dem sich das Wasser tief in den Fels eingegraben hat. «Wenn hier ein Theater wäre», beschreibt Powell das Szenario in seinem Tagebuch, «hätten darin 50000 Leute Platz.»

Die Stromschnellen nehmen kein Ende. Der Proviant wird knapp. Das Mehl ist muffig geworden, der Schinken verdorben, nur getrocknete Äpfel gibt es noch an Bord. Am 20. August tauchen Ruinen eines verlassenen Dorfs auf, Artefakte liegen auf einer Terrasse über dem Fluss. Am 25. August steigen auf fünf Kilometer Länge mächtige Lavafelsen mitten aus dem Fluss auf. Powell glaubt, dass irgendwann in der Erdgeschichte hier riesige Lavamassen den Canyon wie ein Damm versperrt haben. «Was für ein Konflikt von Feuer und Wasser muss das gewesen sein!», notiert er in sein Tagebuch. «Was für ein Zischen und Kochen im Wasser, was für eine Dampfwolke muss da himmelwärts gestiegen sein!»

Am Morgen des 28. August haben Dunn und die Brüder Howland genug. Mühsam klettern sie aus dem Canyon heraus und stolpern durch die Wüste. Powell wird sie nie wieder sehen. Denn schon bald fallen sie rachsüchtigen Indianern in die Hände. Die Einheimischen halten sie irrtümlicherweise für die Bergleute, die kurz zuvor ein Mädchen vergewaltigt haben, und bringen sie kurzerhand um. Nur knapp zwei Tage hätten den dreien noch gefehlt – am Abend des 29. August erreicht der Rest der Truppe den Ausgang des Grand Canyon. Es ist die Stelle, an der 1963 der Glen-Canyon-Damm eingeweiht werden wird.

Die Pionierfahrt macht John W. Powell zum Helden. Viele Türen stehen ihm nun offen. Er bekommt die Mittel für eine zweite Colorado-Expedition. Sie führt Powell 1871 bis 1872 von Lees Ferry abwärts bis zur Einmündung des Kanab Creek. 1875 erscheint sein Colorado-Report, das Fazit beider Expeditionen. 1879 wird er Leiter des Geological Survey der USA, 1881 Direktor des Bureau of American Ethnology, das zur Smithsonian-Institution gehört. 1888 sitzt er unter den 33 Männern, die im Washingtoner Cosmos Club die National Geographic Society aus der Taufe heben.

Powell wird zum Anwalt der Indianer, deren Kultur am Aussterben ist. Er fertigt Studien über Farmen in Trockengebieten und deren Bewässerungsprobleme an. Darin kritisiert er die schachbrettartige Anlage solcher Ländereien, weil Wasser sich nicht an gerade Linien halte. Als einer der Ersten erkennt John W. Powell, wie wichtig Bergwälder als Wasserspeicher für die Täler sind. Er arbeitet Pläne zum Schutz natürlicher Ressourcen aus, warnt vor fortschreitender Zerstörung der Umwelt.

Powell kämpft dagegen, schutzwürdiges Land in private Hände zu geben. Das bringt die Holzfäller gegen ihn auf, die nicht die Kosten einer Wiederaufforstung tragen wollen. Und es macht die Viehzüchter zu seinen Feinden, die Wälder roden und durch Weiden ersetzen möchten. 1889 hat er noch den Präsidenten hinter sich, um einen nationalen Managementplan für die Wasserreserven zu erstellen. Doch noch im selben Jahr beginnt im Kongress eine Kampagne gegen die Realisierung des Projekts, das dem Staat Umweltschutzkontrollen sichern soll. Ab 1891 werden die Mittel dafür drastisch gekürzt. Die wilden Wellen des Colorado hat Powell bezwungen. Die Lobby seiner politischen Gegner aber ist letztlich stärker als er.

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