Jules Dumont d’Urville

Keiner hat so wenig Gelegenheiten, im Pazifik auf neues Land zu stoßen, und keiner hat so umfangreich wie er Altbekanntes neu gesichtet und dokumentiert. Nach drei Weltreisen stirbt Jules Dumont d’Urville bei einem Eisenbahnunglück.

Eine Frau wie diese hat Paris noch nicht gesehen, und der Mann an ihrer Seite erregt, weil er so wenig zu ihr passt, kein geringeres Erstaunen. Jules-Sébastien-César Dumont d’Urville stammt zwar aus einem alten, ruhmreichen normannischen Geschlecht. Im Jahr 1820 ist eine solche Herkunft aber nicht mehr ganz so viel wert. Man muss sich beweisen, um auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bestehen. Daran hat sich auch jetzt, in der Restaurationszeit nach den Jahren, in denen die Republik die Maßstäbe setzte, nicht viel geändert.

Dumont d’Urville freilich hält den Beweis, dass er über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, an diesem Tag des Triumphs in seinen Händen. Der Frau, die er Paris schenkt, ist er in der Ägäis begegnet. Sie stammt von der Kykladeninsel Milos, einem Vulkanfelsen, auf dem Schwefel und Blei abgebaut werden. Ihre Züge sind fest, aber offen, die Haltung ist statuarisch, um ihren Mund spielt ein beinahe ironischer Zug. Im antiken Griechenland haben solche Frauen die Rolle der Hetären gegeben: Freundinnen einflussreicher Männer, gepflegt, gebildet, für alles außer für die Einförmigkeit des ehelichen Lebens zu haben.

Dumont d’Urville genießt seinen Auftritt. Das Publikum erschauert, als es die Nacktheit dieser Aphrodite bemerkt. Ihre marmorblasse Haut trifft den Geschmack der Zeit. Die makellosen Brüste, der Faltenwurf des über die Hüften gelegten Gewands, das Fehlen beider Arme: Gerade weil er ein Torso ist, verströmt dieser Körper eine unwiderstehliche Kraft. Dumont d’Urville übergibt an diesem Tag die Venus von Milo dem französischen Volk. Begegnet ist er ihr auf einer hydrographischen Expedition, die ihn ins Mittelmeer führte.

Zwei Jahre nach seinem sensationellen Auftritt verlässt Dumont d’Urville als stellvertretender Leiter einer Forschungsreise, die ihn in 31 Monaten und 13 Tagen an Bord der Fregatte „Coquille“ einmal um die Erde führen wird, im August 1822 Toulon.

Dumont d’Urville besucht die mittlerweile als Falklandinseln unter britischer Hoheit stehenden Malwinen und weitere südatlantische Inseln. Im Pazifik überprüft er die Messungen und Kartenaufnahmen früherer Expeditionen. Ein Aufenthalt auf Bora Bora weckt in ihm die Liebe zur Ethnographie. Beobachtungen zum Erdmagnetismus gehören zur täglichen Routine an Bord. Dumont d’Urville sichtet, ordnet und konserviert Tausende von Pflanzen- und Insektenarten. Viele davon sind nicht unbekannt und werden von ihm erstmals klassifiziert.

Im März 1825 ist die „Coquille“, nach einer Reise, auf der sie mehr als 46000 Kilometer zurückgelegt hat, wieder in französischen Gewässern. Dumont d’Urville verfasst mehrere wissenschaftliche Arbeiten, darunter, auf Wunsch der Akademie, eine, die die Pflanzenwelt der Falklandinseln dokumentiert. Die Chancen für eine zweite Expedition stehen günstig. Noch während der Rückreise, im November 1824, ist er in den Rang eines Fregattenkapitäns aufgestiegen. Der Plan für die nächste Unternehmung, bei der Dumont d’Urville das Kommando führen wird, befindet sich bereits in seinem Gepäck. Im Mai 1825 erläutert er ihn im Marineministerium. Man habe zwar, räumt er ein, im Pazifik nicht mehr mit bedeutenden Landentdeckungen zu rechnen. Viele der Arbeiten an Bord der „Coquille“ seien aber zu flüchtig ausgeführt worden, Neuseeland, die Fidschi-Inseln, die Loyalty-Inseln, Neubritannien, Neuirland und Neuguinea nur unzulänglich vermessen. Keines dieser Argumente ist von der Hand zu weisen. In der Summe aber fehlt der Anreiz, mit dem eine solche Anstrengung vor der Öffentlichkeit legitimiert werden könnte. Im Marineministerium ersinnt man daher, sehr zu seinem Gefallen, einen speziellen Zusatzauftrag: Dumont d’Urville soll eine Suchaktion nach dem 1788 verschollenen Jean-F. de La Pérouse einleiten. In Erinnerung an dessen pazifische Reise erhält die „Coquille“ als neuen Namen den von La Pérouses Schiff „Astrolabe“.

Dumont d’Urville verlässt Toulon am 25. April 1826. Am 2. Dezember trifft er, vom Kap der Guten Hoffnung kommend, in Port Jackson ein. Die nächsten Wochen verbringt er mit kartographischen Aufnahmen vor Neuseeland. Auf dem Weg nach Tongatapu werden ein paar von Cook entdeckte, aber von ihm für nicht benennenswert gehaltene Inseln getauft. Dumont d’Urville ist einer der ersten Entdeckungsreisenden, denen sich nichts wirklich Neues mehr bietet. Die Originalhandschrift auf den Kartenblättern, die er mit sich führt, stammt von anderen. Ihm bleibt nur das Zitat. Trotzdem findet Dumont d’Urville sichtlich Vergnügen daran, auf den Schultern von Riesen stehend deren Welten noch einmal zu finden. Außerdem haben seine Vorläufer weit mehr als nur Brosamen übrig gelassen. In der pazifischen Inselwelt mit ihren zahllosen Riffen und Passagen, in denen schwer berechenbare Strömungen laufen, warten auf einen Seefahrer mit Ambitionen Aufgaben in Hülle und Fülle. Dumont d’Urville, der, wie er später in einem Schreiben an das Marineministerium behaupten wird, vom zartesten Kindesalter an nie etwas anderes als ein solcher Seefahrer sein wollte, meistert seinen Auftrag entschlossen. Auf den Fidschi-Inseln gelingt, zu seiner Genugtuung, die Entdeckung einer bisher von europäischen Sendboten übersehenen Insel, und das schon von William Bligh gesichtete Moala steht so ungenau auf den Karten, dass er es eigentlich für sich beanspruchen könnte. Kandavu, südlich von Viti Levu, ist auch so ein Fall. Krusenstern hat es auf seiner Karte 80 Kilometer südlich der Insel niedergelegt. In der wolkenreichen Mondnacht des 5. Juni 1827 liegen dort, wo es offene See geben müsste, Riffe vor dem Bug der „Astrolabe“. In letzter Sekunde gelingt es Dumont d’Urville, das Schiff parallel zu ihnen zu steuern. Er benennt sie nach der „Astrolabe“ und tauft die Ostspitze von Kandavu, vor der sie sich ausbreiten, Kap Bligh.

Obwohl er sich nach einem ereignisreichen Leben auf See gesehnt hat, ergibt sich Dumont d’Urville mit bemerkenswertem Gleichmut der Monotonie dieser mehr als ein Jahr beanspruchenden Aufnahme sämtlicher erreichbarer Inseln, Klippen und Riffe. Als die „Astrolabe“ am 30. Dezember 1827 als erstes französisches Schiff im Hafen von Hobart auf Tasmanien einläuft, erfährt er, dass der bislang am wenigsten beachtete Teil seiner Mission, die Suche nach der verschollenen Expedition von La Pérouse, keiner weiteren Anstrengungen mehr bedarf. Der britische Kapitän Dillon ist auf Hinweise gestoßen, nach denen La Pérouse auf dem Wallriff vor der Santa-Cruz-Insel Vanikoro beide Schiffe verlor. Dumont d’Urville erreicht Vanikoro am 22. Februar 1828. Er bleibt bis zum 17. März, birgt einen Anker, eine Kanone und Porzellan aus den Überresten der gescheiterten Schiffe. Auch mit dem Ausmaß der 40 Jahre zurückliegenden Tragödie macht er sich vertraut. Demnach wurden diejenigen, die sich nach der Havarie an Land retten konnten, von Eingeborenen erschlagen und ihrer Habseligkeiten beraubt. An Bord seines eigenen Schiffs herrscht mittlerweile wegen verschiedener Krankheitsfälle eine solche Mutlosigkeit, dass er sich zur Rückkehr entschließt. Am 2. April 1829 liegt die „Astrolabe“ wieder in Toulon.

Dumont d’Urvilles zweite Reise ist, obwohl er keine originären Entdeckungen mehr macht, wegen der präzisen Vermessungsarbeiten, die er vornehmen lässt, eine der ertragsreichsten in der Geschichte der pazifischen Expeditionen. Auch auf seiner dritten Ausfahrt, von 1837 bis 1840, geht es noch einmal, wenn auch nur am Rande, um La Pérouse. Angeblich sollen sich auf den Santa-Cruz-Inseln noch Überlebende der „Boussole“ und der ursprünglichen „Astrolabe“ aufhalten. Hauptaugenmerk auf dieser Fahrt ist aber die Antarktis. Sie ist, wie man inzwischen weiß, der einzige reale Südkontinent. Dumont d’Urville gelangt bis an eine Eisbarriere zwischen 63 Grad und 39 Minuten. Er kreuzt zwei Monate vor den Eisfeldern im Gebiet der Süd-Orkney und der Süd-Shetland-Inseln. Das Land, über dessen Beschaffenheit er keine endgültige Klarheit erlangt, benennt er nach seinem Auftraggeber, dem Bürgerkönig Ludwig-Philipp. Über Valparaíso segelt er in den Pazifik, wo er fast drei Jahre lang kartographische und hydrographische Untersuchungen zur Lage des magnetischen Südpols vornimmt. Auch der Ertrag dieser Fahrt übersteigt im Umfang und in der Präzision der Forschungsarbeiten alles Dagewesene. Dumont d’Urville ist am 6. November 1840 wieder in Toulon. Anderthalb Jahre später, am 8. Mai 1842, stirbt er mitsamt seiner Familie bei dem historischen Einsenbahnunglück auf der Strecke von Versailles nach Paris.

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