Der spanische Franziskaner Junípero Serra betreibt religiöse Bußrituale bis zur Selbstzerfleischung. Unter seiner Führung dringen die ersten Weißen von Mexiko nach Kalifornien ein. Die Missionare behandeln die Indianer wie Kinder.
Das Leben ist für ihn eine einzige Buße. «Ich bin ein Sünder», pflegt Junípero Serra zu sagen. Tag für Tag ist sein Streben darauf gerichtet, die Seele reinzuwaschen von Schuld. Er kennt kein Vergnügen, weder beim Essen noch beim Lesen, noch gar mit dem anderen Geschlecht. Demütig, arm und bescheiden wandelt er in seiner Kutte durch das Leben – nie lachend, immer todernst. Der Bauernsohn aus Petra auf Mallorca ist klein von Gestalt, erreicht kaum 1,60 Meter. Seine Hand reicht nicht einmal hoch genug, um als Altardiener die Seiten des schweren Messbuchs zu wenden. Doch schon mit 18 Jahren spürt Junípero Serra den Auftrag Gottes. Er macht die Profess als Mönch und ersetzt seinen Geburtsnamen Miguel José durch „Junípero“ – so hieß einer der engsten Vertrauten des Heiligen Franziskus.
Im Franziskanerkloster von Palma studiert Junípero Serra fünf Jahre Philosophie. Doch er bleibt völlig unberührt vom Geist der Aufklärung, der fast überall durch Europa weht. Unberührt vom Gedanken des Immanuel Kant, dem Menschen mit Hilfe der Vernunft zum «Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit» zu verhelfen. Für ihn gibt es nur Schuld und Sühne und ein Leben streng nach Gottes Plan.
Das Schicksal hält viel Leid für ihn bereit. 1749 wird Junípero Serra von seinem Orden nach Mexiko geschickt. Nach seiner Ankunft im Hafen Veracruz besteht er darauf, den mehr als 600 Kilometer langen Weg hinauf in die Hauptstadt zu Fuss zurückzulegen. Auf dem 24-Tage-Marsch in Sandalen verletzt ihn ein Insekt so schwer am Bein, dass er für den Rest seines Lebens Schwellungen und Schmerzen haben wird.
Sein Geist aber verleiht dem Körper ständig neue Kräfte. Neun Jahre lang missioniert Junípero Serra Indianer in der Sierra Gorda. Dann wird er in Mexiko-Stadt zu einem glühenden Prediger, den der religiöse Eifer bis zum Masochismus treibt. Auf der Kanzel des Konvents San Fernando reißt Serra sich oft die Kutte auf und hämmert, in der anderen Hand das Kreuz, mit einem schweren Stein auf die entblößte Brust. Oder reißt mit einer Geißel seine Haut in Fetzen. «Ich bin ein Sünder», schreit er dazu in die schluchzende Menge. Bei einem dieser Auftritte reißt ihm ein fanatisierter Zuhörer das Marterinstrument aus der Hand – und geißelt sich damit selber, bis er zusammenbricht.
Profane Dinge scheinen weit weg von ihm. Doch die Interessen von Krone und Kirche sind im katholischen Spanien und dessen Kolonien oft eng verwoben. So wächst Junípero Serra, den keine Härte des Lebens schreckt, eine Aufgabe zu, bei der er sich nicht nur in den Dienst Gottes, sondern zugleich des Staates stellt.
Spaniens König Karl III. erfüllen Meldungen mit Sorge, die das weite, großenteils öde, noch unerforschte Land an Amerikas Westküste betreffen. Die Spanier nennen es Alta California, im Gegensatz zu Baja California, der lang gezogenen Halbinsel im Norden von Mexiko, wo die Jesuiten schon 13 Missionsstationen errichtet haben. José de Gálvez, Generalinspektor des Königs in Neuspanien, füttert diesen ständig mit Gerüchten, wonach Engländer und Holländer dabei seien, ihre Hand nach dem Gebiet auszustrecken. Und nun trifft auch noch ein Bericht des spanischen Botschafters in Russland ein, dass der Zar sein Imperium von Alaska aus an der Küste hinunter bis zur Monterey Bay ausdehnen wolle, bei deren Ansicht der Seefahrer Sebastián Viscaíno 1602 angeblich in Entzücken ausgebrochen ist.
Die Spanier wollen nicht tatenlos bleiben. Schließlich liegt Kalifornien, zum Osten des Kontinents abgeriegelt durch die Rocky Mountains, sozusagen vor der Haustür ihres Kolonialreichs. Sie haben den nächsten Zugang, obwohl es selbst von ihren Gebieten durch weite, wüstenartige Landstriche getrennt ist. Nun gilt es, diesen riesigen Raum, den noch nie ein Weißer besiedelt hat, auf Dauer in Besitz zu nehmen.
Die dortigen Indianer werden noch für lange Zeit die Bevölkerungsmehrheit bilden. Das sehen die Spanier ganz realistisch. Mit einer Hand voll Soldaten allein lässt sich so ein Gebiet nicht regieren. Kein Siedler aber ist bereit, sich in dieser endlosen Weite niederzulassen – 2000 Kilometer und mehr von Mexiko-Stadt entfernt, ohne Landweg zur Versorgung. So bleiben nur die Missionare. Sie sollen die Indianer zu treuen Untertanen machen.
Die Jesuiten, die bislang den Norden Neuspaniens erschlossen haben, sind soeben mit dem Bann belegt worden. Die Krone fürchtet ihre scharfen Denker, ihren Reformgeist, ihre demokratischen Experimente mit den Indianern. 1767 hat Spanien den Orden im Mutterland und in allen Kolonien verboten. So braucht Generalinspektor Gálvez für die erste Expedition, mit der er Kalifornien an sich reißen will, einen anderen Orden. Er benötigt Männer, die mutig und hoch motiviert, zäh und ausdauernd sind. Er ruft Junípero Serra und die Franziskaner.
Diesmal ist es ein Marsch von fast 1500 Kilometern. Den ersten Trupp kommandiert Fernando de Rivera y Moncado: fast 400 Pferde und Maultiere mit Proviant, 25 Soldaten mit Lederwesten zum Schutz gegen indianische Pfeile, 42 getaufte Indianer als Arbeitskräfte, Dolmetscher und Katecheten, drei Maultiertreiber und Pater Juan Crespi, ein enger Freund von Serra. Der zweite Trupp, der bald darauf folgt, steht unter dem Befehl von Gaspar de Portolá: zehn Soldaten, zwei Diener, 44 Indianer. Dazu Serra mit seinem geschwollenen Bein, mal humpelnd, mal auf dem Maultier sitzend. Zwei Schiffe begleiten zu Wasser den Zug. Sie haben noch ein paar Dutzend Soldaten an Bord, dazu einen Zimmermann, einen Bäcker, einen Werkzeugspezialisten, mehrere Schmiede, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte und sakrale Gegenstände für die ersten christlichen Messen. Von Loreto aus ziehen sie monatelang durch Sand und Steppe, wo kaum etwas außer Kaktus wächst. Die Hälfte der Landexpeditionsteilnehmer stirbt auf dem Weg. Doch im Juli 1769 gründet Junípero Serra seine erste Missionsstation: die spätere Stadt San Diego. Sie wird zum Ausgangspunkt für die Kolonisierung Kaliforniens.
Serra hält die erste Messe. Verwirrt und etwas bang verfolgen die Indianer das Ritual von den umliegenden Hügeln aus. Keiner von ihnen wagt sich näher heran. Im ersten Jahr der Mission San Diego wird nur ein einziger Einheimischer die christliche Taufe empfangen.
Portolá will weiter nach Norden, noch mal 600 Kilometer, bis zur Monterey Bay. Mit 63 Leuten zieht er die Küste entlang. Nackte, von Kopf bis Fuß bemalte Ureinwohner stehen staunend am Weg. Erdstöße lassen den Boden und die Menschen erzittern. Ende September 1769 erreicht die ausgemergelte Schar Monterey, ohne die Bucht als solche zu erkennen. Denn sie ist weit weniger schön, als Viscaíno sie beschrieben hat. 17 Expeditionsteilnehmer können nicht mehr laufen, werden auf Tragen geschleppt, die jeweils zwischen zwei Maultiere gespannt sind. So ziehen die Spanier zur Erkundung noch ein Stück weiter nach Norden – bis zu der Bucht, die einmal von der Golden Gate Bridge überspannt werden wird. Erschöpft und halb verhungert kehrt die Truppe im November nach San Diego zurück.
Im April 1770 nehmen die Spanier wieder Anlauf, diesmal zu Wasser. Das Schiff „San Antonio“ sticht mit Serra und Crespi in See. Nach 38 Tagen sehen sie an der Küste ein Kreuz, das ihre Landsleute im Vorjahr errichtet haben. Indianer haben sich von ihm magische Wirkungen versprochen und daher am Fuß des christlichen Symbols Fische und Beeren als Opfergaben hingelegt. Im Juni 1770 gründet Serra hier die zweite Missionsstation, San Carlos Borromeo. Sieben weitere werden zu seinen Lebzeiten folgen, darunter 1776 eine mit Namen San Francisco.
Fernab vom Rest der Welt wächst in Kalifornien ein bizarres Staatsgebilde heran. Die Indianer verstehen wenig von dem, was die Mönche predigen. Sie werden, wenn sie folgsam zur Messe gehen, getätschelt und gelobt. Aber sie werden ausgepeitscht, wenn sie stehlen oder aufsässig sind. Von indianischer Selbstverwaltung, wie die Jesuiten es versuchten, halten die Franziskaner nichts. Die Indianer sind nicht nur Gottes, sondern auch der Missionare Kinder.
Die Soldaten haben weniger die Bibel als Frauen im Sinn. Immer wieder gibt es Vergewaltigungen. Der Zorn der Indianer wächst. Die Missionare wollen, dass die Uniformierten sich von ihren Schützlingen fern halten. So bricht Serra, mit geschwollenem Bein, zu seinem längsten Marsch auf: nach Mexiko-Stadt und zurück, fast 4000 Kilometer. Er will vom Vizekönig mehr Vollmachten bekommen und den Bau einer ersten Straße in das Gebiet am Ende der Welt anregen. Junípero Serra bekommt beides – und merkt doch am Ende seines Lebens, dass er die profanen Geister, die ihn riefen, nicht mehr loswerden wird.
Junípero Serra stirbt 1784 auf San Carlos Borromeo. Er hat alles gegeben. Doch nicht mal 6000 Seelen hat er in Kalifornien gewinnen können. Sein enger Freund Crespi zieht die ernüchternde Bilanz: «Die Indianer lassen sich nur von denen etwas sagen, die ihnen Geschenke machen.»
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