Louise Arner Boyd

Louise Arner Boyd wandelt sich von einer Abenteurerin, die Eisbären jagt, zur erfolgreichen Polarforscherin. Sie erkundet die Fjorde an Grönlands Ostküste, entdeckt ein Gebirge in der arktischen Tiefsee und überfliegt als erste Frau den Nordpol.

Spitzbergen mit der Bäreninsel, Grönland und Franz-Joseph-Land – wer weiß schon genau, wo diese unbekannten Länder liegen, wie weit sie nach Norden reichen? Die Wikinger gelangten mit Erik dem Roten im zehnten Jahrhundert von Island aus in das „grüne Land“. Doch als das Klima im Lauf der Jahrhunderte immer kälter wurde, verließen es die Nordmänner wieder. Erst im 18. Jahrhundert wurde Grönland erneut von Europäern besiedelt.

Auch Spitzbergen wurde von den Wikingern entdeckt. Sie nannten es Svalbard – kalte Küste. Heute weiß man, dass der Boden dort bis in 300 Meter Tiefe gefroren ist und nur im Sommer an der Oberfläche auftaut. Die Inselgruppe wurde im 16. Jahrhundert von dem niederländischen Seefahrer Willem Barents auf seiner Suche nach der Nordostpassage wiederentdeckt. Er taufte sie „Bäreninsel“, ein anderes Eiland des Archipels trägt heute seinen Namen. Seit 1920 gehört Spitzbergen zu Norwegen.

Franz-Joseph-Land besteht aus ungefähr 60 eisbedeckten Inseln. Es wurde im August 1873 von Karl Weyprecht und Julius Payer auf der Österreichischen Nordpolarexpedition entdeckt. Sie waren ein Jahr vorher im Eis eingefroren und nach Norden gedriftet – bis 79,7 Grad. «Es war um die Mittagszeit, da wir über die Bordwand gelehnt, in die flüchtigen Nebel starrten, als eine vorüberziehende Dunstwand plötzlich raue Felszüge fern in Nordwest enthüllte, die sich binnen wenigen Minuten zu dem Anblick eines strahlenden Alpenlandes entwickelten», heißt es später im Reisebericht.

Es sollte noch lange dauern, bis diese fernen Länder am Polarkreis durch die Wissenschaft erschlossen wurden. Zu hart ist ihr Klima, zu unberechenbar das Eis. Fahrten dorthin sind ohnehin nur im Sommer möglich – und der ist kurz in diesen nördlichen Breiten. Eine Männerwelt, so scheint es. Doch Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts schlägt die Arktis eine Amerikanerin in ihren Bann.

«Weit oben im Norden, versteckt hinter einer abweisenden Barriere aus Packeis, liegen Länder, die einen verzaubern... eine Welt, in der Menschen unwichtig sind inmitten der ehrfurchtgebietenden Größe einsamer Berge, Fjorde und Gletscher», schreibt Louise A. Boyd über die Polargebiete, denen sie ihr Leben widmet.

Louise A. Boyd ist jung, reich und schön, als sie 1920 das riesige Vermögen ihrer Eltern erbt. Der Urgroßvater mütterlicherseits hatte den Grundstock dafür im kalifornischen Goldrausch gelegt. Er ließ „Maple Lawn“ bauen, den herrschaftlichen Sitz der Familie, in dem Louise A. Boyd aufwächst. Sie lernt jagen und schießen auf der Familienranch, wird auf Privatschulen erzogen, ist eine umschwärmte Persönlichkeit der Gesellschaft von San Francisco. 1910 begleitet die junge Frau ihre Eltern auf einer einjährigen Reise durch Europa und Ägypten. Nach deren Tod tritt Louise A. Boyd die Nachfolge ihres Vaters in der Boyd Investment Company an.

Im Jahr 1924 reist Louise A. Boyd auf einem norwegischen Touristenschiff das erste Mal in die Arktis. Die Fahrt verändert ihr Leben. «Eines Tages möchte ich aus der Landschaft hinausblicken, nicht in sie hinein», schreibt sie später.

Louise A. Boyd beschafft sich Karten, eine Fotoausrüstung und chartert den norwegischen Robbenfänger „Hobby“. Das Schiff hat kurz vorher Vorräte für Roald Amundsen und Lincoln Ellsworth nach Spitzbergen gebracht, die von dort ihren ersten Flug zum Nordpol unternehmen wollen. Boyd bricht im Sommer 1926 mit ein paar Freunden nach Franz-Joseph-Land auf – zur Eisbärenjagd. «Eine der interessantesten Sportarten, der ich jemals nachgegangen bin», wie sie sagt. Sie beschreibt Blumen, die an geschützten Stellen wachsen. Ansonsten zeigt sie noch kein wissenschaftliches Interesse. Doch das Arktisfieber hat sie endgültig gepackt.

Zwei Jahre später mietet die Amerikanerin die „Hobby“ ein zweites Mal für einen Jagdausflug. Da hört sie von den Expeditionen, die nach dem Verbleib von Amundsen forschen. Der norwegische Nationalheld ist von einem Flug übers Polarmeer nicht zurückgekehrt, auf dem er nach dem verschollenen italienischen Polarforscher Umberto Nobile suchte. Boyd bietet der norwegischen Regierung ihr Schiff und ihre Ausrüstung an. Gemeinsam mit einem Suchtrupp durchkreuzt sie das Meer zwischen Franz-Joseph-Land und Grönlandsee. Sie legen mehr als 16000 Kilometer zurück. An Bord sind „echte“ Polarfahrer: Kapitän Rieser Larsen ist mit Amundsen nach Alaska geflogen. Kapitän Lutzow Holm gilt als der beste Pilot Norwegens – sie haben für ihre Suche zwei Flugzeuge dabei. Boyd gewinnt durch ihre zupackende Art die Anerkennung der Männer. Auch wenn das Unternehmen nach vier Monaten erfolglos abgebrochen wird, verleiht ihr die norwegische Regierung als erster Ausländerin den St.-Olaf-Orden. Boyds Leben erhält durch die Fahrt eine andere Richtung. In Zukunft wird sie nicht mehr zum Freizeitvergnügen in die Arktis reisen, sondern um wissenschaftliche Beobachtungen zu machen.

Im Jahr 1931 stellt die zukünftige Polarforscherin erneut eine Expedition zusammen. Louise A. Boyd chartert die „Veslekari“ und bricht gemeinsam mit einem Botaniker, einem Jäger und dem Schriftsteller Winifred Menzies an die Ostküste Grönlands auf. Sie sammeln geologische und geographische Daten, fotografieren und studieren die arktische Flora und Fauna. Boyd beobachtet das Leben der Inuit in der Nähe des Scoresby-Sunds, veröffentlicht später Artikel darüber. Die Amerikanerin erforscht den bis dahin unkartierten De-Geer-Gletscher. Später wird das angrenzende Gebiet bis zum Jaette-Gletscher nach ihr benannt, ohne dass sie etwas davon weiß. Es liegt auf 73 Grad nördlicher Breite und ist durch eine Reihe nunatak – so nennen die Inuit Felsen, die aus dem Eis ragen – vom Binneneisschild getrennt.

Im Sommer 1933 bricht Boyd zu ihrer dritten Arktisexpedition auf. Diesmal wird sie von der American Geographical Society gesponsert. An der Expedition nehmen auch zwei Landvermesser und ein Geologe teil. Als der Botaniker wegen einer Blinddarmentzündung ausfällt, sammelt Louise A. Boyd an seiner Stelle Planzen. Sie erforschen die Gletscherformationen an Grönlands Nordostküste, erkunden den Kaiser-Franz-Josef- und den König-Oscar-Fjord nördlich des Scoresby-Sunds. Mit einem Sonargerät untersuchen sie die Tiefenverhältnisse vor der Küste. Boyd kehrt mit einer Unmenge wissenschaftlicher Daten zurück. 1935 erscheint ihr Buch „The Fjord Region of East Greenland“.

Louise A. Boyd ist mittlerweile eine anerkannte Polarforscherin. Für ihre Unternehmen werden ihr die modernsten wissenschaftlichen Geräte zur Verfügung gestellt. 1937 und 1938 unternimmt sie zwei weitere Expeditionen. Sie fährt ins Polarmeer nordöstlich von Norwegen zwischen der Bäreninsel und der Insel Jan Mayen. Bei Tiefseeforschungen mit dem Sonargerät entdeckt sie ein unterseeisches Gebirge zwischen den arktischen Inseln. Louise A. Boyd studiert das Wildleben auf Jan Mayen, beobachtet Moschusochsen, Schneehasen, Polarfüchse. Auf Eis- und Geröllfeldern läuft sie in einem Sommer zwei Paar Stiefel durch. Sie fotografiert und kartiert die Fjordgegend an Grönlands Ostküste, macht erdmagnetische Beobachtungen. Ihre Fotos und Aufzeichnungen sind so hervorragend, dass die amerikanische Regierung sie bittet, mit der Veröffentlichung zu warten: Der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen. Das erforschte Gebiet hat strategische Bedeutung bekommen. Boyds Information soll nicht in deutsche Hände gelangen.

1941 führt sie eine Expedition für die amerikanische Regierung durch. Sie studiert den Erdmagnetismus in der Polarregion und seine Auswirkungen auf die Radiokommunikation. Nach Amerikas Kriegseintritt wird Louise A. Boyd Beraterin der Regierung in strategischen Fragen, die die Arktis betreffen.

Boyds Buch „The Coast of Northeast Greenland“ erscheint 1948. Es ist ein Wissenschaftsbericht, kein Abenteuerbuch. Sie schreibt wenig über die Gefahren und Strapazen ihrer Arktisfahrten. Sie hat mittlerweile die Ehrendoktorwürde von zwei angesehenen Universitäten.

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