Seine ganze Liebe gilt der belebten und der unbelebten Natur. Diese Leidenschaft führt den preußischen Wissenschaftler Ludwig Leichhardt bis nach Australien. Beim Versuch, den Kontinent von Ost nach West zu durchqueren, verschwindet er.
Kein Hinweis, keine Spur, kein Gegenstand, nichts. Vielleicht, heißt es, haben sie ja noch Jahre dort draußen gelegen, ihre Körper von der Sonnenglut und vom Wind mumifiziert. Tage wie Feuersbrünste, an denen die Luft einer in der Hitze wogenden Flüssigkeit gleicht. Himmel, die kaum im Stande scheinen, die Last ihrer Sterne zu tragen. Steppen voller Inseln aus dem widerspenstigen, das bläuliche Licht des Nachthimmels spiegelnden Stachelkopfgras. Dieses Gras, bei dem es sich eigentlich um ein zerzaustes, hartblättriges Gestrüpp handelt, entmutigt die Lebenden. Seine Beharrlichkeit zeigt den Menschen, woran es ihnen mangelt, wenn sie dieses Land betreten, als sei es für sie gemacht. Und es schützt die Toten. Es spendet ihnen dort, wo sie liegen, den letzten, bescheidenen Schatten, ritzt noch einmal ihre lederne Haut und nimmt, was von ihnen übrig blieb, wenn der Regen niedergestürzt ist, in sein Wurzelwerk auf. Das Grün, erzählt man sich, soll frischer wirken, wenn die Pflanze Menschenstaub aufnehmen konnte. Im Spinifex, sagen sie, muss man suchen nach ihnen. Im Spinifex finden sich die letzten Überreste einer Expedition, die zu den großen Mythen Australiens gehört. We from the never never: Ludwig Leichhardt, das ist einer, dessen Schicksal zu Spekulationen darüber einlädt, ob die Erde nicht doch eine Scheibe ist, mit einem Rand, über den man hinausstürzen kann. Irgendwo, mitten in Zentralaustralien, in einer vom Spinifex überwucherten Wüste, ist Leichhardt in diesem Nichts einfach verschwunden.
Kein Hinweis, keine Spur, kein Gegenstand: Selbst von denen, die nach Ludwig Leichhardt gesucht haben, sind nicht alle wiedergekehrt. Die letzte offene Frage, die auf diese Weise von ihm geblieben ist, ist nur eine von vielen. Warum, fragt man sich zum Beispiel, ist Ludwig Leichhardt überhaupt in Australien geblieben? In Preußen, heißt es dann, habe man wegen seiner angeblichen Desertion aus dem Militärdienst nach ihm gesucht. Dass es sich um ein Missverständnis handelte, war auch ihm längst bekannt. Außerdem hatte Alexander von Humboldt , beeindruckt von Leichhardts Briefen, sich beim König für ihn eingesetzt.
Ludwig Leichhardt, ein Kind der Mark Brandenburg, studiert in Göttingen, Berlin, London und Paris Botanik, Geologie und Zoologie. Während seiner Universitätszeit kommt es zu einer Begegnung mit Hermann von Pückler-Muskau. In den literarischen Salons Europas genießt der Fürst, ein scharfsinniger Beobachter und Verfasser glänzend geschriebener Reiseberichte, höchstes Ansehen. Nach Abschluss seiner Studien begibt sich Leichhardt auf den Weg nach Italien. Von dort kehrt er 1841 mit weit reichenden Plänen nach London zurück. Sein Ziel ist es, in den „Kern der dunklen Masse“ Australiens vorzudringen. Dieses Vorhaben, von dem Ludwig Leichhardt weiß, dass es nicht frei von Risiken ist, erklärt er zu seiner Lebensaufgabe.
Im Alter von 29 Jahren betritt er in Port Jackson zum ersten Mal australischen Boden. Ludwig Leichhardt ist gebildet, zielstrebig in der Durchsetzung seiner Interessen, und er versteht es, sich virtuos auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen. In der Kolonie, mit ihren rauen Sitten, öffnen sich alle Türen für einen wie ihn. Leichhardt gilt als ein Mann der Wissenschaften, dem nichts von dem in diesen Kreisen verbreiteten Dünkel anhaftet. Man registriert, wie viel er von dem Pioniergeist in sich trägt, der in diesem Teil der Welt noch gebraucht wird, um den Siedlern eine dauerhafte Existenzgrundlage zu sichern.
Leichhardts erste, vergleichsweise bescheidene Unternehmungen führen ihn nach Brisbane an der Moreton Bay. Von dort unternimmt er zwei Jahre lang Vorstöße ins Landesinnere. Leichhardt macht sich auf diesen Ausflügen mit den Besonderheiten des Geländes, des Klimas und mit den Techniken der Reiseplanung vertraut. Während dieser Tätigkeit entgeht ihm nicht, dass in der Kolonie eine öffentliche Diskussion darüber geführt wird, ob es möglich wäre, einen Landweg nordwärts nach Port Essington zu finden. Der Gedanke elektrisiert Ludwig Leichhardt umso mehr, als er erfährt, dass seitens der Kolonie für ein solches Vorhaben eine Summe von 1000 Pfund Sterling in Aussicht gestellt ist. Als Bewerber ist bereits der Entdeckungsreisende Thomas Livingstone Mitchell im Gespräch.
Freunde in Brisbane warnen Leichhardt, vergeblich, vor blindem Enthusiasmus. Als der Start sich verzögert und unklar bleibt, ob er öffentliche Unterstützung erhalten wird, mobilisiert Leichhardt eigene Mittel. Am 15. Oktober bricht er mit sechs weißen Europäern, einem schwarzen Amerikaner und einem australischen Eingeborenen auf. Die Expedition geht von Jimbour am Rand der Darling Downs, westlich von Brisbane, auf einer vergleichsweise sicheren, nicht zu tief ins Landesinnere vorstoßenden Route nach Norden. Leichhardt geht es nicht so sehr darum, spektakuläre Signale in für nicht betretbar gehaltenem Gelände zu setzen. Die Warnungen der Freunde in Brisbane haben ihn durchaus erreicht. Ludwig Leichhardt tritt an jedem Tag und auf jeder Meile seines Wegs als sichtender, vergleichender, katalogisierender und beschreibender Naturforscher auf. Sein Tagebuch einer Landreise in Australien, 1846 zuerst in englischer Sprache aufgelegt, liest sich flüssig, obwohl er das Gesehene überaus nüchtern protokolliert und sich kaum einmal rhetorischer Stilmittel bedient. Selbst an dem Tag, an dem die Expedition nach der Ermordung seines langjährigen Vertrauten Gilbert ihren schwersten Rückschlag erleidet, meidet Ludwig Leichhardt in der Darstellung der Ereignisse jede Emphase. Dass namentlich die Begegnungen mit den Aborigines, die auch Gegenstand seiner Forschungen sind, erhebliche Risiken bergen, ist ihm aus Berichten seiner Vorgänger geläufig. Gilbert, der in einem Hagel von Speeren verblutet, erhält ein schmuckloses Grab, auf dem die Hinterbliebenen ein gewaltiges Feuer entzünden, um seine Überreste vor Grabräubern zu verbergen. Danach setzt Leichhardt seine Mission beinahe ungerührt fort.
Als er am 17. Dezember 1845 in Port Essington an der Küste von Arnhemland eintrifft, gilt die Expedition als verschollen. Selbst eine Zeitung in Deutschland hat, unter Berufung auf australische Quellen, bereits den Tod des preußischen Forschungsreisenden Ludwig Leichhardt und seiner Begleiter gemeldet. Ein Missverständnis, wie sich herausstellt, dem sich eine gewisse Plausibilität nicht absprechen lässt. Gut möglich, dass die Warnungen der Freunde aus Brisbane auf dem Weg nach Europa in Tatsachen umgemünzt wurden.
Leichhardt hingegen muss sich um sein weiteres Leben und seinen Nachruhm vorerst nicht sorgen. Die Verwaltung der Kolonie bedenkt ihn am 25. Juni mit einer Ehrenzuwendung von 1000 Pfund Sterling, von denen Leichhardt, als der Initiator der Expedition, die Summe von 600 für sich beanspruchen darf. Angesichts des reichen wissenschaftlichen Ertrags, der sich in seinem im selben Jahr niedergeschriebenen und veröffentlichten Tagebuch spiegelt, ist das ein mehr als angemessener Ausgleich der Vorleistungen, die Ludwig Leichhardt selbst aufbringen musste. Als weitere Ehrengaben erhält er die Goldmedaillen der Geographischen Gesellschaften von London und Paris. Weit mehr beschäftigt den Geehrten da schon sein Plan, auf einer zweiten Reise durch das Herz des Kontinents, den „Kern der dunklen Masse“, zum Swan River an der Westküste zu gehen. Dafür stehen Leichhardt, neben der Ehrengabe, die er erhalten hat, weitere 1518 Pfund zur Verfügung.
Als Leichhardt am 10. Dezember 1846 vom Condamine River in den Darling Downs aufbricht, stehen große Teile der Kolonie im Bann dieses Unternehmens. Über Land nach Westen auf einer Route zwischen 26 Grad und 28 Grad südlicher Breite, ohne die Möglichkeit, bei Bedarf an eine der Küsten auszuweichen, um dort auf Rettung zu warten, das gleicht viel mehr einem Vabanquespiel als Leichhardts erste, auf Sicherheit kalkulierte Expedition. Danach beginnen die Rätsel. Es gelingt ihm und seinen Begleitern bis weit in den australischen Winter des Jahres 1847 hinein nicht, sich von seinem schon bekannten früheren Weg nach Port Essington zu lösen. Sie geraten in schweren Regen, der die ausgetrockneten Flussbetten westlich der Darling Downs in fiebrige Sümpfe verwandelt. Die Expedition verwandelt sich in ein Krankenlager. Damit, dass man Medikamente gegen Fieberinfektionen in größerem Umfang benötigen würde, hat keiner der Teilnehmer gerechnet. Ein paar Erkundungen im Umkreis der alten Route, immer neue Unterbrechungen, Verluste an Material: Glück und Können, Leichhardts treueste Begleiter, haben ihn für immer verlassen. Am 6. Juli 1847, als er wieder am Condamine River eintrifft, schließt sich der erste Kreis seines Scheiterns.
Ludwig Leichhardt lässt in seinen Anstrengungen nicht nach. Mit acht Männern, darunter seinem aus Deutschland nachgekommenen Schwager zieht es ihn erneut in den „Kern der dunklen Masse“. Sein letzter Brief, geschrieben am 3. April 1848, kommt von einer Farm am Coogoon, einem Rinnsal, das, wenn es Wasser führt, ins System des Condamine River mündet. «Wenn ich bedenke», schreibt Leichhardt, «wie glücklich ich bei meinem Vorwärtsdringen bis hierher war, so bin ich von der Hoffnung erfüllt, das unser erfolgreicher Beschützer mir gestatten wird, meinen Lieblingsplan zu einem erfolgreichen Ende zu führen.» Es ist der letzte Satz einer Geschichte, die nur noch im Kreis verläuft und die bis heute Rätsel über Rätsel aufgibt.
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