Zusammen mit William Clark führt Meriwether Lewis die ersten Weißen auf dem Landweg vom Mississippi zur Pazifikküste. Ausgezehrt von Hunger und Kälte überqueren die Pioniere unter indianischer Führung zweimal die Rocky Mountains.
Seine Geburt fällt in eine Zeit der Umbrüche. Als er 1774 das Licht der Welt erblickt, sind die Vereinigten Staaten im Entstehen. Zwei Jahre fehlen noch bis zur Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien an der Atlantikküste. Dem Jungen, der da heranwächst, wird eine historische Rolle zufallen.
Meriwether Lewis ist der Sohn eines Plantagenbesitzers in Virginia. Die großen Kämpfe auf der politischen Bühne stehen für ihn zunächst hinter familiären Schicksalsschlägen zurück. Als er fünf ist, stirbt sein Vater. Als er 18 ist, stirbt sein Stiefvater. Für kurze Zeit sieht es so aus, als werde er die Plantage übernehmen. Doch dann zieht es ihn zum Militär – und damit in den Strudel der Geschehnisse, die den Aufbruch der Vereinigten Staaten von Amerika prägen.
Im Jahr 1794 ist Meriwether Lewis als Milizionär dabei, als Bundestruppen in Pennsylvania die Whiskey-Rebellion niederschlagen – den Aufstand von Siedlern gegen eine staatliche Verbrauchssteuer. Danach macht er Karriere in der Armee, 1800 hat er den Rang eines Hauptmanns erreicht. Lewis ist an der „Front“ stationiert, in Ohio und Tennessee, wo Indianer sich gewaltsam gegen das Vordringen der Weißen in ihr angestammtes Land wehren. Das qualifiziert ihn für ein Unternehmen, das für die junge Nation zum entscheidenden Sprung nach vorn werden soll.
Thomas Jefferson, der dritte Präsident des Landes, hat bereits als Staatssekretär 1792 eine Expedition mit dem Ziel vorgeschlagen, eine Landroute zum Pazifik zu finden. Zwar sind schon Scharen von Einwanderern nach Westen gezogen, um dort eine neue Zukunft zu suchen. Doch noch scheinen die Rocky Mountains – sie sind bis zu 650 Kilometer breit und haben Berge von mehr als 4000 Meter Höhe – eine unüberwindliche Barriere. Noch sind die wüstenartigen Hochebenen zu Füßen des Gebirges schier undurchdringliche Weiten. Doch als Jefferson 1801 Präsident wird, geht er entschlossen an die Verwirklichung seines Plans. Er will den Handelsweg in den Fernen Osten verkürzen, der bisher um Kap Hoorn herumführt, will die USA aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Europa lösen. Dabei muss er taktisch vorgehen, um keinen Konflikt mit Spanien zu provozieren, das ebenfalls Ansprüche auf die noch unerforschten Gebiete geltend machen könnte. So wird die Expedition als rein wissenschaftliches Unternehmen getarnt.
Als Pflanzer aus Virginia ist Jefferson ein alter Freund der Familie Lewis. Er macht den inzwischen 27-jährigen Meriwether zu seinem Privatsekretär. Bis die Mittel für die Pionierreise bewilligt sind, bereitet sich Lewis mit naturwissenschaftlichen Studien an der Universität von Pennsylvania darauf vor. Und er holt sich William Clark, den er 1795 an der Front kennen gelernt hat, als zweiten Expeditionsführer.
Clark, vier Jahre älter als Lewis, ist ebenfalls in Virginia auf einer Plantage aufgewachsen. Er hat frühzeitig gelernt, zu reiten und zu schießen, Tiere zu beobachten und Landstücke zu vermessen. 1788 wurde er Fähnrich, 1791 Leutnant der Infanterie, quittierte aber 1796 aus Krankheitsgründen den Dienst bei der Armee. Seither lebt er auf seinem Landsitz in Kentucky, unternimmt Reisen nach Virginia, Washington und New Orleans. Nun spielt auch er, als Spezialist für Karten und astronomische Berechnungen, die Rolle seines Lebens.
Die beiden Expeditionsleiter ergänzen sich nahezu perfekt: Lewis ist der Nachdenkliche und Bedächtige, Clark der Schnelldenker und Schneidige. Beide aber sind sie erfahrene Waldläufer und haben gelernt, sich in unbekanntem Terrain zurechtzufinden.
Im Mai 1804 bricht die Lewis-Clark-Expedition von St. Louis auf. Sie besteht aus amerikanischen Soldaten und frankokanadischen Trappern. Clark hat seinen schwarzen Diener York, Lewis seinen Hund „Seaman“ dabei. Mit drei Segelbooten fahren sie den Missouri hinauf, Pferde begleiten sie am Ufer. Clark hat meist das Kommando über die Boote, Lewis durchstreift die Uferzonen und macht sich Notizen über Tiere und Pflanzen.
Die Indianer bestaunen die verwegene Truppe. Doch sie nehmen sie freundlich auf. Um den harten Winter nicht in den Bergen zu erleben, bleiben die Pioniere bis Anfang April 1805 am Oberlauf des Flusses. Im Gebiet der Mandan-Indianer, dem späteren Bundesstaat North Dakota, bauen sie Blockhütten und ein Fort. Sie haben das Glück, dass sich ihnen der erfahrene Trapper Toussaint Charbonneau anschließt. Er hat Sacajawea an seiner Seite, eine junge Schoschonin, die von feindlichen Indianern entführt und später an den Frankokanadier verkauft wurde. Sie kennt große Teile der Gegend, die erkundet werden sollen, und spricht die Sprachen der dort lebenden Ureinwohner. Zwei Monate vor ihrem Aufbruch bringt sie noch ein Kind zur Welt. Sie schnallt den kleinen Jean-Baptiste auf den Rücken und wird für die Weißen zur unentbehrlichen Dolmetscherin.
Mit sechs Kanus und zwei Pirogen fahren 33 Leute weiter flussaufwärts, in Richtung Westen. «Nichts als dürre, unfruchtbare Berge», heißt es im Tagebuch, in dem Lewis und Clark später ihre Notizen zusammenfassen werden. Um die großen Wasserfälle des Missouri zu umgehen, bauen sie primitive Karren, schleppen drei Tage lang Boote und Gepäck an den Kaskaden vorbei. Am 26. Juli kommen sie an eine Stelle, wo sich der Fluss in drei Arme gabelt. Sie entscheiden sich für den Lauf, der aus Westen kommt, und nennen ihn zu Ehren ihres Präsidenten „Jefferson River“. Als das Gewässer nicht mehr schiffbar ist, versenken sie ihre Boote in einem Teich und marschieren zu Fuß in die Berge. Die ersten Schoschonen, auf die sie treffen, sind eher ängstlich. Dann aber gibt es ein glückliches Wiedersehen zwischen Sacajawea und ihrem Bruder Cameahwait. Die Weißen kaufen von den Indianern Packpferde, erhalten wichtige Informationen für den weiteren Weg. Ende August stehen sie am Lemhi-Pass. Der Lemhi River, auf den sie danach treffen, ist der erste Fluss, der nicht mehr nach Osten fließt. Sie haben die kontinentale Wasserscheide überwunden.
Lewis und Clark überqueren die Bitter Root Range. Sie haben kaum noch etwas zu essen, haben in der Not schon Pferde und Hunde geschlachtet; ab und zu bekommen sie von Indianern Wurzeln und gedörrten Lachs. Von der Höhe sehen sie, wie sich unten die Täler weiten. Sie ergreift «die nämliche Freude, die Seereisende empfinden mögen, wenn sie nach einer langen, gefährlichen Reise endlich Land erblicken». Sie steigen hinab ins Tal des Clearwater River. Mit Kanus fahren sie am 16. Oktober in den Columbia River ein. Am 15. November gelangen sie, nach einem Weg von 6000 Kilometern, an dessen Mündung ins Meer.
Sie überwintern an der Küste, treten am 23. März 1806 den Rückweg an. Im noch tief verschneiten Gebirge hungern sie wieder, die Pferde sinken manchmal bis zum Bauch im Schnee ein. Nach zwei vergeblichen Versuchen schaffen sie es Ende Juni über den Lolo-Pass. Sie trennen sich, um neue Routen zu erkunden. Lewis zieht zum Marias River, den er nach seiner Kusine benannt hat, Clark folgt dem Yellowstone River. Am 12. August 1806 treffen sie am Missouri wieder zusammen. Sie bringen die ersten Kartenskizzen vom Inneren der Rocky Mountains mit, die ersten Beschreibungen des Grizzly und des Präriehunds, des Steppenhuhns, der Lachsforelle und der Tigerkatze des Columbia. Sie haben Begegnungen mit mehr als 50 Indianerstämmen gehabt. Das Tor in den fernen amerikanischen Westen ist aufgestoßen.
Clark tritt 1807 in den Dienst der Indianerbehörde von Louisiana, führt 1814 eine Militärexpedition an den Mississippi. Von 1821 bis zu seinem Tod 1838 ist er Leiter der Indianerbehörde in St. Louis. Lewis wird 1807 Territorialverwalter von Louisiana. 1809, auf einer Reise nach Washington, stirbt er in Tennessee durch einen Schuss – die genauen Umstände seines Todes aber bleiben ungeklärt.
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