Pierre de Brazza lockt das dunkle Herz von Afrika. Er verhandelt mit Häuptlingen, glaubt an die friedliche Erschließung einer französischen Kolonie am Kongo. Doch letztlich sind die Politiker stärker, die das Gebiet nur ausbeuten wollen.
Das Land ist nicht für Europäer gemacht. Die grelle Sonne, die feuchte Hitze, Malaria – jeder Weiße wird hier früher oder später krank. Oder von den Eingeborenen getötet, die zum Teil noch Kannibalen sind. Doch Pierre Savorgnan de Brazza fühlt sich angezogen von diesem noch dunklen Teil des afrikanischen Kontinents. Er wird alles daransetzen, ins tropische Landesinnere zu gelangen.
De Brazza, Spross eines italienischen Adelsgeschlechts, wurde in Rom geboren. Er schaffte es – für einen Ausländer sehr ungewöhnlich –, in die französische Marineschule aufgenommen zu werden. 1870 bis 1871 kämpfte Pierre de Brazza für Frankreich gegen Deutschland. Nach Kriegsende wird er mit der Marine an der Küste Westafrikas stationiert. Dort fasst de Brazza das erste Mal den Plan, Zentralafrika für Frankreich zu erkunden. Er überzeugt die Pariser Regierung, ihn mit einer Expedition zu beauftragen.
Im August 1875 sticht Pierre de Brazza in Bordeaux in See. Mittlerweile hat er die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Im Senegal nimmt er 13 Schützen an Bord, die ihn, einen französischen Arzt, einen Naturwissenschaftler und zwei Dolmetscher in den Urwald begleiten sollen. Einen Monat später erreicht Pierre de Brazza Gabun. Der Fluss Ogowe ist sein Ausgangspunkt. Mit einem Dampfer fährt die Expedition bis Lambaréné hinauf – zur letzten europäischen Niederlassung am Strom. Von dort geht es mit Pirogen weiter nach Samkita im Bakalé-Gebiet. In Stromschnellen geht ein Großteil der Waren und Vorräte verloren. Die Expedition ist nach diesem Unglück noch kleiner geworden. Sie führt zwar Stoffe und Glasperlen für die Häuptlinge mit, aber nur wenige Waffen. De Brazza will sich den Weg durchs Unbekannte nicht mit Gewalt bahnen – anders als Henry M. Stanley, der zur gleichen Zeit den Kontinent aus der entgegengesetzten Richtung durchquert.
De Brazza tritt in Verhandlungen mit den Stammesoberhäuptern flussaufwärts. Meist kommt er friedlich mit ihnen aus. Er zieht weiter ins Sébé-Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer betreten hat. Im April 1877 schlägt die Gruppe im Land der Adoma ihr Hauptlager auf. Im Juli stößt sie zu den Poubara-Fällen vor. Hier teilt sich der Ogowe in zwei Arme. Stromschnellen und Wasserfälle versperren die Weiterfahrt. De Brazzas Hoffnung, dass der Fluss ein günstiger Verkehrsweg ins Landesinnere sei, hat sich nicht erfüllt. Zwei Jahre Arbeit – für nichts?
Pierre de Brazza lässt sich nicht entmutigen. Es gibt noch riesige unerforschte Gebiete in Richtung Tanganjikasee. Er marschiert 20 Tage nach Osten. Seine Kleider sind zerfetzt, der Körper ist ausgezehrt vom unvermeidlichen Fieber, als er den Alima entdeckt. 100 Meter breit, fünf Meter tief, strömt er wer weiß wohin. Die Ufer sind so sumpfig, dass sie nur schwer zu passieren sind. Eingeborene erzählen de Brazza, dass der Fluss nach sechs Tagesreisen in einen Strom münde, über den «Gewehre und Schießpulver kämen». Da Brazza ahnt nicht, dass es sich dabei um den Kongo handelt. Er weiß nichts von Stanleys Reise. Erst nach seiner Rückkehr wird Pierre de Brazza von dessen Entdeckung erfahren.
Brazza und seine Männer dringen auf dem Alima weiter ins Landesinnere ein. Sie schaffen 100 Kilometer in zwei Tagen, dann wird ihnen die Weiterfahrt von feindlichen Eingeborenen verwehrt, die – was für eine Überraschung – mit Gewehren ausgerüstet sind. De Brazza zieht nach Norden bis zum Äquator, überquert etliche unbekannte Flüsse. Am 11. August 1878 macht sich der Trupp auf den Rückweg.
In Paris ist man beeindruckt von den geographischen Erkenntnissen, die der Wahlfranzose mit nach Hause bringt. Aber die Regierung zögert mit einer Erschließung des Schwarzen Kontinents. Niemand glaubt so recht, dass es sich wirtschaftlich lohne. De Brazza ist anderer Meinung. Er hält Vorträge vor der feinen Pariser Gesellschaft. Alle sind fasziniert von seinen Abenteuern. Für sie ist de Brazza ein romantischer Held. Bald gibt es Zigaretten, die nach ihm benannt sind. So viel Öffentlichkeit verfehlt ihre Wirkung nicht. Aber erst, als sich England für die Gebiete am Niger interessiert, entschließt sich Frankreich zu einem Engagement in Zentralafrika.
Im Jahr 1879 schickt die Regierung Pierre de Brazza los, um vor der Konkurrenzmacht die französische Flagge an dem „Schwarzen Fluss“ zu hissen. De Brazza ist schon unterwegs, als das Unternehmen von Paris aus wieder abgeblasen wird. Der Pionier beschließt, auf eigene Faust zu handeln. Der Schlüssel zum Erfolg in Afrika liegt seiner Meinung nach am Kongo. De Brazza möchte, wenn schon nicht den Engländern, dann wenigstens Stanley und den Belgiern zuvorkommen.
Ende 1879 fährt er erneut den Ogowe hinauf. Ein halbes Jahr später gründet de Brazza Franceville am Passa-Fluss. Auf einer neuen Route zieht er von dort zum Kongo. Im Oktober erreicht er ihn am Stanley-Pool. Am Ufer steckt er die Fläche für eine Siedlung ab – Brazzaville – und nimmt das Nordufer für Frankreich in Besitz. Mit Häuptling Makoko vom Stamm der Batéké trifft Pierre de Brazza ein Abkommen, das große Gebiete der Kongoregion unter Frankreichs Obhut stellt. Dann reist de Brazza das rechte Ufer hinab Richtung Küste.
In Isangila trifft er seinen großen Konkurrenten Stanley, der für den belgischen König unterwegs ist. Leopold II. hatte schon auf das gesamte Gebiet zwischen dem 14. und 26. Längengrad – südlich und nördlich des Äquators – Anspruch erhoben. Doch das Gebiet um Brazzaville – ungefähr 500 Kilometer am Nordufer entlang – muss er nun Frankreich überlassen. Der Vertrag wird im September 1880 vom französischen Parlament verabschiedet. De Brazza unternimmt weitere Expeditionen durch das riesige Kongobecken. Er erforscht die Gebiete zwischen den Flüssen Ogowe, Alima und Lékéti, um sie für Frankreich zu erschließen.
Das Geschacher der europäischen Mächte um Afrika ist nun in vollem Gang. Jeder will ein Stück vom Kuchen, vom Kautschuk und vom Elfenbein. Europa ahnt, dass der afrikanische Boden reich an Mineralien ist. Die Portugiesen erinnern sich an ihre alten Handelsstationen am Kongo – immerhin hat ihr Landsmann Diego Cão 1484 die Mündung des Flusses entdeckt – und beanspruchen das Land an der Küste. England steht auf ihrer Seite. Dagegen sind vor allem die Belgier. Sie fürchten um ihren freien Zugang zum Meer. Auch Frankreich und Deutschland wehren sich gegen den portugiesischen Anspruch. Unter Leopold II. ist der Raum am Unterlauf des Kongo für den Handel offen.
Zur Klärung der Streitfragen beruft der deutsche Reichskanzler Bismarck für den 15. November 1884 in Berlin die Kongo-Konferenz ein. Zwölf Staaten – darunter Norwegen und Österreich – nehmen daran teil. Sie beschließen, dass bestimmte Formalitäten einzuhalten seien, wenn eine Nation ein neues Gebiet in Besitz nimmt. Die Flüsse sollen jedem Land frei zugänglich sein, wogegen sich vor allem die Engländer wehren. Und Belgien setzt sich im Streit gegen Portugal durch. Die Kongo-Kolonie des belgischen Königs wird anerkannt – mit Zugang zum Atlantik.
Im Jahr 1886 wird Pierre de Brazza Generalkommissar von Französisch-Kongo. Er verbessert die Infrastruktur im Land, gründet Krankenhäuser und Schulen, setzt sich für faire Löhne der schwarzen Arbeiter ein. Sein Kolonialreich gilt als vorbildlich – im Gegensatz zur belgischen Herrschaft am anderen Flussufer. Dort werden die Afrikaner als Sklaven gehalten und zu Tode geschunden. Dem belgischen König ist de Brazza ein Dorn im Auge. Aber auch im eigenen Land hat der gebürtige Italiener Feinde. Er sei ein „Negerfreund“ und eigentlich ja Ausländer. Nach zwölf Jahren Amtszeit, im Januar 1898, erfährt de Brazza aus der Zeitung von seiner Entlassung als Generalkommissar. Schon bald gleichen sich die Kolonien auf beiden Seiten des Flusses.
Im Jahr 1905 erfährt die französische Regierung von den skandalösen Verhältnissen in der Kolonie. Sie schickt de Brazza noch einmal an den Kongo, um einen Lagebericht zu erstellen. Er ist schockiert über die Zustände in dem Land, das er immer geliebt hat. Korrupte Kolonialbeamte, hungernde Afrikaner, Sklavencamps. «Das äquatoriale Afrika stimmt tieftraurig», schreibt sein Begleiter Félicien Challaye. De Brazzas Gesundheit wird durch den Aufenthalt so stark angegriffen, dass er auf dem Rückweg nach Frankreich stirbt. Der Gründer von Französisch-Kongo erhält in Paris ein Staatsbegräbnis. Sein Bericht über den Zustand der Kolonie wird totgeschwiegen – er wäre zu peinlich für die Grande Nation. Sein Name aber lebt am Kongo fort. Brazzaville ist eine der wenigen afrikanischen Hauptstädte, die auch nach der Entlassung des Landes in die Unabhängigkeit nicht anders heißen werden.
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