Schon in seiner Jugend träumt der Franzose René Caillié davon, als erster Europäer das sagenumwobene Timbuktu zu betreten. Unter größten Strapazen kämpft er sich in die Stadt am Niger vor. Doch deren Glanzzeit ist schon lange vorbei.
Timbuktu ist die „Königin Afrikas“, eine Zauberstadt wie aus „Tausendundeine Nacht“. Ein Knotenpunkt der Handelsrouten, ein Zentrum der arabischen Kultur. Hier residieren mächtige Scheichs, tätigen reiche Kaufleute ihre Geschäfte. Kostbare Stoffe und duftende Gewürze füllen die Basare. Prächtige Paläste mit schattigen Innenhöfen säumen die Straßen. Mosaike, Marmor und Moscheen – an allen Orten zeigt sich der Reichtum der Stadt. Und über allem tönt der Ruf der Muezzin, der die Menschen fünfmal am Tag zu ihren Gebeten ruft. So jedenfalls stellt man sich im Europa des 18. Jahrhunderts die geheimnisvolle Stadt am Niger vor. Ibn Battuta und Leo Africanus haben durch ihre Berichte viel zu diesem Mythos beigetragen. Doch das ist Jahrhunderte her.
Nach den napoleonischen Feldzügen 1798/99 in Ägypten dringt verstärkt Kunde von der orientalischen Welt nach Frankreich. Vielleicht inspirieren diese Nachrichten den jungen René Caillié zu seinem Lebenstraum. Er möchte der erste Europäer sein, der die sagenhafte, für Christen streng verbotene Stadt in der Wüste betritt.
Die Voraussetzungen, die Caillié dafür mitbringt, sind denkbar schlecht. Sein Vater ist der Bäcker eines französischen Provinznests. Er kommt wegen Diebstahls ins Gefängnis, als der Sohn noch sehr jung ist. Als die Mutter stirbt, ist Caillié gerade zwölf. Er geht bei einem Schuster in die Lehre. Eine weiter gehende Schulbildung erhält René Caillié nicht, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung, die ihn auf zukünftige Forschungsreisen in Afrika vorbereitet. René Caillié hat kein Geld, keine Ausrüstung, nur seinen Willen.
Mit 17 läuft Caillié von zu Hause weg. Er heuert als Kabinenjunge auf einem Schiff an, das an die westafrikanische Küste fährt. Er geht im Senegal an Land. Dort ist unter Major Gray eine britische Expedition aufgebrochen, um Mungo Park zu suchen, der seit zehn Jahren am Niger verschollen ist. Caillié folgt den Engländern zu Fuß, doch als er sie erreicht, steht das Unternehmen bereits kurz vor dem Scheitern. René Caillié unternimmt einige Exkursionen zwischen den Küstensiedlungen Dakar und Saint Louis und erkundet den Unterlauf des Senegal. Dann fordert das afrikanische Klima seinen Tribut. Der junge Franzose erkrankt so schwer an tropischem Fieber, dass er 1819 zur Genesung in seine Heimat zurückkehren muss. Doch seinen Plan gibt René Caillié deswegen noch lange nicht auf. Er bleibt fünf Jahre in Frankreich. Arbeitet, spart Geld, bereitet seine nächste Afrikareise vor.
Im Jahr 1824 kehrt René Caillié in den Senegal zurück. Er weiß mittlerweile, dass er nur eine Chance hat, Timbuktu zu erreichen, wenn er eine arabische Identität annimmt. Caillié reist in die Wüste Mauretaniens und lebt dort ein Jahr beim Volk der Brakna. Er lernt bei ihnen Arabisch und die islamischen Bräuche. Das Leben ist karg, das Essen knapp. Caillié weiß längst, dass Afrika nicht so romantisch ist, wie er es sich vorgestellt hat. 1825 fragt er beim französischen Gouverneur des Senegal nach finanzieller Unterstützung für seine Reisepläne an den Niger und nach Timbuktu. René Caillié wird als Aufschneider und Abenteurer abgetan. Caillié reist nach Sierra Leone, das unter englischer Kolonialherrschaft steht. Dort findet er Arbeit als Oberaufseher einer Indigo-Plantage und kann so weiteres Geld für sein Vorhaben verdienen. René Caillié erfährt, dass die Französische Geographische Gesellschaft einen Preis von 10000 Francs für den Europäer ausgesetzt hat, der als Erster Timbuktu erreicht und Nachricht von der Stadt mit nach Hause bringt. Ein weiterer Anreiz, das Unmögliche zu wagen.
Cailliés Plan ist, verkleidet als ägyptischer Muslim zu reisen. Den misstrauischen arabischen Händlern und fremdenfeindlichen Völkern, durch deren Gebiete er zieht, wird er erzählen, er sei in Ägypten von Napoleons Truppen nach Frankreich entführt worden. Dort habe er einige Jahre als Sklave gelebt – daher seine helle Haut –, bis er mit seinem Herrn nach Senegambien gefahren und wegen guter Dienste freigelassen worden sei. Nun befände er sich auf dem Heimweg nach Ägypten.
René Caillié bricht im März 1827 von Freetown in Sierra Leone auf. Seine Ausrüstung ist mehr als dürftig. Zwei Kompasse, einige wenige Waren, um sie bei den Eingeborenen zu tauschen, 300 Francs trägt er gut versteckt an seinem Körper. René Caillié reist allein. Erst geht es ein kurzes Stück an der Küste entlang bis Conakry. Von dort dringt er ins Landesinnere vor. Er quert die Wüste bis zum Bergland von Fouta-Djalon, zieht durch das Gebiet der friedlichen Fulahs, dann über das Land der gefährlichen Manding. René Caillié kämpft sich durch tiefen Sand, über steinige Geröllfelder, kein Schatten schützt ihn vor der sengenden Sonne. Eine eiternde Fußverletzung quält ihn bei jedem Schritt. Gewissenhaft führt Caillié Tagebuch, notiert seine Route, jedes Volk, jede Beobachtung. Vor der Geographischen Gesellschaft in Paris wird es später der einzige Beweis dafür sein, dass er Timbuktu erreicht hat. Doch René Caillié muss heimlich schreiben. Es wäre sein Tod, wenn er dabei entdeckt würde. Denn einen freigelassenen Sklaven, der in einer fremden Sprache Tagebuch schreibt, kann es nicht geben.
Caillié leidet an Skorbut, an Fieberschüben, die immer stärker werden. Im August 1827 erreicht er Tieme – und bricht zusammen. Allein dämmert er in einer Schilfhütte vor sich hin, vier Monate lang. Dann zwingt er sich wieder auf die Beine, gesund ist er noch nicht. Caillié schließt sich einer Karawane an, murmelt Koranverse vor sich hin, sobald sich ihm jemand nähert. Weiter geht es nach Osten.
Im Januar 1828 gelangt René Caillié an den Niger bei Kouroussa. In Djenné nimmt ihn ein Kaufmann auf seiner Piroge mit. Vier Wochen reist er mit ihm den Niger hinab. Eine beschwerliche Fahrt, aber besser als zu Fuß. Am 20. April 1828 erreicht er Kabara, den Hafen von Timbuktu. «Im Lichte der untergehenden Sonne lag die Hauptstadt des Sudans, die schon so lange der Gegenstand meiner Sehnsucht gewesen war, vor meinen Augen. Ein nie gekanntes Gefühl der Befriedigung erfüllte mich, als ich endlich diese geheimnisvolle Stadt betrat», schreibt René Caillié später. Doch die Enttäuschung folgt auf den Fuß. Keine Pracht, kein Reichtum weit und breit. Das legendäre Timbuktu wirkt armselig. «Einige Bewohner hockten auf Matten und unterhielten sich, andere lagen vor der Tür und schliefen», so lauten seine Notizen. «Kurzum, alles atmete tiefe Traurigkeit.» Caillié bleibt zwei Wochen, es ist unerträglich heiß. Er wohnt bei dem Kaufmann Sidi Abdahallahi. Und erfährt, dass zwei Jahre vor ihm schon ein Schotte in die Stadt vorgedrungen ist: Alexander G. Laing . Doch der wurde, wie die Leute erzählen, auf der Heimreise ermordet.
Caillié kauft sich vom letzten Geld ein Kamel. Er schließt sich einer Karawane mit 1000 Kamelen nach Marokko an. Am 4. Mai 1828 brechen sie auf. Es wird eine Reise unter unmenschlichen Bedingungen. Die Treiber laden dem Franzosen die schwerste Arbeit auf, lassen ihn fast verhungern. Sie ziehen durch die Sahara, überqueren den Hohen Atlas. Bis auf die Knochen abgemagert kommt Caillié Anfang September in Tanger an.
In Frankreich wird er als „Besieger von Timbuktu“ gefeiert. Die Geographische Gelsellschaft überreicht ihm den Geldpreis, verleiht ihm die goldene Entdeckermedaille. Doch in England gibt es Kritiker, die nicht glauben, dass er die legendäre Stadt erreicht hat. Zu sehr weichen seine Schilderungen vom alten Mythos ab.
Endgültig ausgeräumt werden alle Zweifel erst Jahrzehnte später von dem deutschen Saharaforscher Heinrich Barth : «Es war mir recht interessant, hier die vom wohlverdienten französischen Reisenden Réné Caillié auf seiner mühevollen und gefährlichen Reise durch den ganzen westlichen Teil Nordafrikas verfolgte Straßen zu erreichen, und es ist mir eine angenehme Pflicht, die allgemeine Richtigkeit seiner Beschreibung zu bestätigen.»
Caillié wird nach seiner Rückkehr Bürgermeister in seinem Heimatort, stirbt jedoch jung an Tuberkulose, die er sich auf seiner Afrikareise zugezogen hat.
Das Lexikon der Entdecker - Die bedeutendsten Pioniere aller Zeiten
Von Christoph Kolumbus und Magellan bis Ernest Shackleton - das erfolgreiche Lexikon vereint in alphabetischer Reihenfolge die 100 bedeutendsten Entdecker vom 10. bis zum 20. Jahrhundert. Neuauflage in hochwertiger Broschurausstattung mit Klappen. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus