Der Amerikaner Richard E. Byrd überfliegt als Erster den Nord- und den Südpol. Er leitet vier Expeditionen in die Antarktis und überwintert allein im Inlandeis. Als er dort krank zusammenbricht, kann er nur mit Mühe gerettet werden.
Die Zeit der großen Polarexpeditionen über Land ist vorbei. Robert E. Peary , Roald Amundsen , Robert F. Scott und Ernest Shackleton haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch zu Fuß oder mit Hundeschlitten durch Schnee und Eis gekämpft. Zwei Jahrzehnte später stehen für Expeditionen ganz neue, bislang unbekannte Mittel zur Verfügung. Das technische Zeitalter ist angebrochen, mit Autos und Flugzeugen, Radios und Kameras. Die Expeditionen sind dadurch aber nicht weniger riskant – die Natur bleibt unberechenbar.
Richard E. Byrd ist fasziniert von den Polargebieten. Seine Familie ist eine der reichsten Virginias. Dem jungen Mann stehen alle Möglichkeiten offen. Richard E. Byrd entscheidet sich für eine Laufbahn als Offizier, besucht die Militärschule in Virginia, dann die Schiffsakademie der Vereinigten Staaten in Annapolis, an der er 1912 graduiert. 1917 beginnt Byrd mit dem Flugtraining. Das Fliegen nimmt nach dem Ersten Weltkrieg eine rasante Entwicklung. Es wird ihn sein Leben lang nicht loslassen.
Im Jahr 1925 kommt er als Leiter der „McMillan“-Expedition das erste Mal in die Arktis. Die Truppe errichtet ihr Camp in Etah an der Nordwestküste Grönlands. Byrd unternimmt mehrere Flüge über das Inlandeis der Insel. Die Amerikaner kartieren knapp 78000 Quadratkilometer.
Byrd findet Gefallen an den arktischen Flügen, genießt die unendliche Weite, das Glitzern der Schneeflächen. Ein Flug zum Nordpol sei möglich, so glaubt er, wenn man ihn im Mai unternehme. Dann herrschen die günstigsten Wetterbedingungen – die immer noch hart genug sein können. Byrd ist bei der Marine in den Rang eines commander aufgestiegen. Für seinen Traum vom Nordpol gewinnt er in den Vereinigten Staaten die finanzielle Unterstützung des Autokönigs Edsel Ford.
Im April 1926 gelangt Byrd per Schiff nach Spitzbergen – an Bord eine Eindecker-Fokker mit drei Motoren. Zur selben Zeit bereiten auch Roald Amundsen und Lincoln Ellsworth auf Spitzbergen ihren Flug zum Nordpol vor. Zwei Tage vor ihnen, am 9. Mai, starten Byrd – er hat das Kommando und navigiert – und Floyd Bennett – er ist der Pilot. Unterwegs gibt es Probleme mit dem Motor, Byrd weigert sich notzulanden, zum Glück löst sich das Problem von selber. Nach sieben Stunden Flugzeit erreichen sie nach eigenen Angaben den Pol und sehen den nördlichsten Punkt der Erde als erste Menschen aus der Luft.
Im Jahr 1928 bricht der Flugpionier mit einer Expedition in die Antarktis auf. Gut zwei Jahre hat er das Unternehmen vorbereitet, hat Proviant und Ausrüstung für 45 Menschen, die auf dem Südkontinent überwintern sollen, zusammengestellt – unter anderem fünf Tonnen Rindfleisch, 500 Kartons Eier und eine Tonne Marmelade. Eine logistische Meisterleistung. Byrd plant Nahrung für drei, statt für zwei Jahre ein. Man kann nie wissen, was dazwischenkommt. Er kauft die „City of New York“, die die Männer in die Antarktis bringt. An Bord sind 80 Hunde und drei Flugzeuge. Sie brechen von Neuseeland auf, erreichen am ersten Weihnachtstag 1928 die Schelfeiskante in der Walbucht. Dort gründen die Männer ihr Basislager „Little America“. Sie errichten eine Radiostation und Fertighäuser – ohne einen einzigen Nagel, der die Kälte von außen nach innen transportieren könnte. Byrd unternimmt einen Probeflug mit der „Stars and Stripes“. An den Steuerflächen bilden sich Eiszapfen, aber der Start gelingt. Aus der Luft entdeckt er ein Gebirge, das er „Rockefeller Mountains“ tauft.
Das zweite Flugzeug, die „Virginia“, fällt einem Orkan mit Spitzengeschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern zum Opfer. Bei dem Versuch, die Maschine mit Seilen am Boden zu verankern, werden die Männer umgeblasen. Die „Virginia“ wird in die Luft gehoben, anderthalb Kilometer weit getragen – und zerschellt schließlich auf dem Eis eines Gletschers. Im April geht die Sonne für vier Wintermonate unter. «Wir wurden zu einer Familie von Maulwürfen, die mit Laternen und Taschenlampen durch glitzernde Schneeröhren huschten», schreibt Byrd später. Das Thermometer fällt auf minus 57 Grad. Sogar das Petroleum friert in den Kanistern vor der Tür.
Im antarktischen Frühjahr, am 28. November, wagt Byrd mit drei weiteren Männern den großen Flug zum Pol. Einer von ihnen fotografiert die 2570 Kilometer lange Strecke, auf dem Hinweg das Gebiet im Osten, auf dem Rückweg das im Westen. Sie fliegen zum Queen Maud Range. Nur mit knapper Not gelingt es ihnen, das Transantarktische Gebirge zu überfliegen. Die Maschine ist zu schwer, sie müssen 140 Kilogramm Notproviant abwerfen. Dann haben sie freien Flug zum südlichsten Punkt der Erde. Byrd ist der erste Mensch, der beide Pole überquert hat.
Mit unzähligen meteorologischen und geographischen Daten tritt die Expedition im Februar 1930 die Heimreise an. Doch zu viele Fragen sind noch offen. Richard E. Byrd möchte so schnell wie möglich in die Antarktis zurück. Es ist zwar die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Dennoch gelingt es Byrd, 300 000 Dollar aufzutreiben – die Erforschung der Antarktis scheint ein nationales Anliegen zu sein.
Im Januar 1934 ist der Polarforscher mit 120 Männern, sechs Traktoren und vier Flugzeugen wieder in „Little America“. Wissenschaftler, zwei Schreiner und ein Künstler sind mit von der Partie. 200 Kilometer landeinwärts lässt Byrd eine Wetterstation errichten, die das ganze Jahr über Daten sammeln soll. Die Hütte wird im März gebaut. Es ist so kalt, dass die Männer Erfrierungen an den Händen erleiden. Byrd bleibt allein in der Station zurück. Zweimal am Tag erhebt er meteorologische Daten, dreimal pro Woche hat Byrd Funkkontakt übers Radio mit dem Basiscamp.
Richard E. Byrd wird schwächer und schwächer, weiß aber nicht warum. Er merkt nicht, dass die Ventilation in der Hütte nicht richtig funktioniert. So erleidet er eine Kohlenmonoxidvergiftung. Byrd versucht seinen Zustand vor den Männern in „Little Amerika II“ geheim zu halten. Doch irgendwann merken sie, dass er krank ist. Sie unternehmen zwei Vorstöße, um zu ihm zu gelangen. Jedes Mal treiben Schneestürme sie zurück. Endlich, am 10. August, erreichen sie Byrds Lager. Die Hütte ist komplett eingeschneit, Richard E. Byrd selber dem Tod nahe. Sein Zustand ist so labil, dass an einen Rücktransport nicht zu denken ist. Die Männer bleiben bis Oktober bei ihm, dann kann er ausgeflogen werden. Kaum genesen startet Byrd zu Flügen in der „William Horlick“. Er entdeckt die Edsel-Ford-Ketten und das Marie-Byrd-Land. Riesige Gebiete noch unerforschten Landes werden fotografiert. Die Geologen führen unterdessen erdmagnetische Beobachtungen durch.
Byrd unternimmt zwei weitere Expeditionen auf den Südkontinent. Von 1939 bis 1941 richtet er im Auftrag der amerikanischen Regierung zwei neue Stützpunkte ein. Sie liegen 3000 Kilometer voneinander entfernt: einer im Westen in der Nähe von „Little America“, der andere im Osten auf der Antarktischen Halbinsel. Byrd erkundet das Land zwischen Ross- und Weddellmeer, entdeckt mehrere neue Gebirge. Im Jahr 1946 erhält er gemeinsam mit Admiral Richard H. Cruzen von der Marine das Kommando über die Operation „High Jump“. 4500 Menschen, 19 Flugzeuge, vier Hubschrauber und 13 Schiffe – die größte Expedition, die jemals in die Antarktis aufgebrochen ist. Byrd fliegt auf einer unbekannten Route ein zweites Mal zum Südpol. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht es vor allem darum, die amerikanische Macht auf dem sechsten Kontinent zu festigen. Immer noch ist nicht bekannt, ob unter dem Eis Mineralien liegen.
In seinen letzten Jahren setzt sich Byrd für eine gemeinsame Erforschung der Antarktis ein. 1957 und 1958 schließen sich 67 Länder zusammen, um im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres ihre Untersuchungen zu koordinieren. Bereits 1956 beginnt Byrd, die amerikanische Marine bei der Operation „Deep Freeze“ zu beraten, die das Forschungsprojekt in der Antarktis vorbereitet. Im Januar fliegt Richard E. Byrd ein drittes und letztes Mal über den Südpol. Er stirbt 1957.
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