Besessen von der Idee, der Erste am Südpol zu sein, treibt Robert F. Scott sich und seine Männer zu übermenschlichen Leistungen an. Mit Hunden und Ponys, dann mit eigener Kraft ziehen sie ihre Schlitten zum Pol. Doch Scott ist dort der Zweite.
Victorialand und Herzog- Ernst-Bucht, Prinz-Olaf-Küste und Königin-Maud-Land, Ross-Insel, Weddellmeer und Neuschwabenland. Wohl auf keinem anderen Kontinent sind Orte, Inseln, Küsten nach Herrschern und Entdeckern so vieler unterschiedlicher Länder benannt wie in der Antarktis. Vielleicht, weil sie bis heute niemandem gehört. Vielleicht, weil sie sich der Eroberung des Menschen so lange widersetzt hat. Vielleicht, weil immer wieder neue Länder ihre kühnsten Entdecker aussenden mussten, um das ewige Eis Schritt für Schritt zu erkunden.
Ende des 19. Jahrhunderts weiß man immer noch nicht genau, ob die Antarktis ein Kontinent ist oder aus verschiedenen Inseln besteht. Wo die Eisschicht auf dem Festland endet. Wo genau der Südpol liegt. So beschließt der Siebte Internationale Geographenkongress in Berlin, dass mehrere Länder – darunter Schweden und Deutschland – die Antarktis von verschiedenen Seiten wissenschaftlich erforschen sollen. England wird den Vorstoß vom Rossmeer aus unternehmen. Robert Scott hat zu der Zeit eine behütete Jugend hinter sich. Mit 13 Jahren ist er in die königliche Marineschule eingetreten. Ehrgeizig und fleißig hat Robert Scott seine Abschlussprüfungen mit sehr guten Noten bestanden. Nun kennt er das strenge Regiment der englischen Marine, Disziplin und strikte Hierarchien. Aber England ist gerade in keinen Krieg verwickelt. Die Möglichkeiten einer Beförderung sind entsprechend gering. Seit den Zeiten von James Cook aber bieten Expeditionen eine gute Gelegenheit, in Friedenszeiten Karriere zu machen. Scott bewirbt sich um die Leitung der Antarktisexpedition – mit Erfolg.
Sir Clements Markham, der Präsident der Royal Geographical Society, treibt 90000 Pfund Fördergelder auf, die größte Summe, die bis dahin für eine Südpolarfahrt ausgegeben worden ist. Ein Jahr vor Expeditionsbeginn stellt Scott Wissenschaftler und Besatzung für die große Fahrt zusammen. Er besucht Fridtjof Nansen im norwegischen Kristiania (heute Oslo), der ihn überredet, Schlittenhunde mitzunehmen, und Erich von Drygalski in Berlin, der vom Indischen Ozean aus zur Antarktis vordringen will. Scott ist beeindruckt, wie organisiert der Deutsche seine Fahrt vorbereitet. Er selber verlässt sich mehr auf sein Improvisationstalent.
Im August 1901 sticht Scott mit der „Discovery“ in See. Im Polarsommer durchdringt das Schiff den Packeisgürtel und gelangt ins Rossmeer, an die Küste von Victorialand. Am 18. Januar 1902 sieht Scott die Antarktis zum ersten Mal. Noch weiß er nicht genau, was auf ihn zukommt. Der Sommer auf der Südhalbkugel ist kurz. Scott folgt der antarktischen Küste entlang der Ross-Eisbarriere nach Osten. Er sichtet neues Land – eine Halbinsel, aus der Felsen ragen – und benennt sie nach König Edward VII. Es ist die erste antarktische Entdeckung im 20. Jahrhundert. Die Männer unternehmen Exkursionen in dem fremden Land. Manche sehen das erste Mal in ihrem Leben Schnee. Sie probieren das Fahren mit Skiern und mit Hundeschlitten aus. Beides erweist sich als nicht so einfach. Ein Matrose stürzt von einer Eisklippe zu Tode. Eis und Schnee verzeihen keine Fehler.
Ende März friert die „Discovery“ im Packeis ein, und am 23. April verschwindet die Sonne für 100 Tage. Die Öfen unter Deck qualmen, alles ist feucht, auch die Betten. Scott führt – ganz im Stil der englischen Marine – ein strenges Regiment. Mannschaft und Offiziere sind strikt voneinander getrennt. Als der Koch einmal den Gehorsam verweigert, wird er für acht Stunden in Ketten gelegt. Es ist nicht einfach, in der permanenten Dunkelheit der Polarnacht Disziplin und gute Stimmung aufrechtzuerhalten. Die Männer überstehen den Winter in keiner guten Verfassung. Bei vielen bricht im Frühling Skorbut aus.
Die Expedition gilt offiziell als wissenschaftliches Unternehmen. Aber natürlich spielt auch der Südpol eine Rolle. Scott hat den Plan, im Sommer mit einer kleinen Truppe ins Innere des Ross-Schelfeises vorzudringen – so weit nach Süden wie möglich. Der Arzt Edward Wilson und Ernest Shackleton sollen ihn begleiten. Scott ist sich zunächst nicht sicher, ob er Hunde vor die Schlitten spannen soll oder nicht. Dann entscheidet er sich dafür, obwohl keiner von ihnen viel Erfahrung mit dem Führen der Tiere hat. Auch Skier sollen mitgenommen werden.
Am 2. November brechen sie mit fünf Schlitten und 19 Hunden auf. Ein Trupp ist vorausgezogen, um Vorratslager anzulegen. Der Schnee ändert ständig seine Beschaffenheit. Mal gleiten die Skier, mal werden sie gebremst. Schnallen die Männer die Bretter ab, brechen sie bis zu den Knien in der weichen Unterlage ein. Die Kleidung der Engländer ist zu dünn, sie frieren. Und auch die Hunde ziehen nicht, wie sie sollen. Schließlich schleppen die Männer die Schlitten selber. Für so anstrengende körperliche Arbeit haben sie zu wenig Proviant, verlieren immer mehr Energie. Aber am schlimmsten sind die Spannungen zwischen Scott und Shackleton. Zu unterschiedlich sind die beiden Persönlichkeiten, immer wieder kommt es zu offenen Streitereien, die Wilson schlichten muss. An Heiligabend stellt der Arzt bei seinen Expeditionskameraden geschwollenes und entzündetes Zahnfleisch fest – die typischen Symptome für Skorbut. Die Vorräte gehen zur Neige, er drängt zur Rückkehr. Aber für Robert Scott zählt nur eines – weiter nach Süden! Sie erreichen 82 Grad 17 Minuten – kein Mensch kam jemals weiter –, als Scott endlich einwilligt umzukehren. Mit Gelenken, die vom Skorbut geschwollen sind, kämpfen sie sich durch Nebel und Stürme. Shackleton spuckt Blut. Mit letzter Kraft erreichen sie das Ausgangslager.
Die „Discovery“ bleibt auch den zweiten Winter eingefroren. Erst 1904 kehrt Scotts Expedition mit zahlreichen Forschungsergebnissen nach England zurück. Unter anderem haben sie Pflanzenfossilien gefunden, die darauf hindeuten, dass es in der Antarktis früher wärmer war. Scott aber hat mit dem Kontinent noch eine Rechnung offen. Im Jahr 1910 erhält er die Gelegenheit, sie zu begleichen. Für seine zweite Expedition in die Antarktis werden eigens Motorschlitten entwickelt. Aber auch Schlittenhunde und Ponys nimmt er mit. Scott lässt sie in Sibirien kaufen. Er fährt mit der „Terra Nova“ von Neuseeland ins Südpolarmeer. Unterwegs erfährt Robert Scott, dass der Norweger Roald Amundsen ebenfalls auf dem Weg ist, um als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Scott überwintert im McMurdo-Sund an der Südostküste von Victorialand. Beim Entladen des Schiffs versinkt einer der drei Motorschlitten im Eismeer. Im Winter lässt Scott Vorratslager auf dem Weg zum Pol anlegen, damit die Expedition später weniger Gewicht auf den Schlitten mitnehmen muss.
Am 1. November 1911 bricht Robert Scott mit 16 Mann auf. Darunter sind Hilfstruppen, die Depots anlegen, Ausrüstung transportieren, aber vor Erreichen des Pols wieder umkehren. Die Expedition steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Hunde kommen nicht richtig ins Laufen, die Ponys brechen bis zum Bauch im Schnee ein. Keines der Tiere überlebt den Weg zum Polarplateau. Es stürmt und ist eisigkalt. Immer wieder behindert Nebel das Vorankommen. Die Jahreszeit ist weiter fortgeschritten als bei Amundsens Aufbruch. In der Antarktis können ein paar Wochen entscheidend sein.
Das Unternehmen ist nicht so perfekt geplant wie bei den Norwegern. So lässt Scott die Vorratslager für den Rückweg in viel zu großen Abständen anlegen. Ein Fehler, der fatale Folgen haben wird. Am 5. Dezember geraten sie in einen Schneesturm – und haben bereits ihren Verpflegungssoll überzogen. Am 8. Dezember spannen sie sich selber vor die Schlitten, die erschöpften Hunde laufen nutzlos nebenher. Über den Beardmore-Gletscher erkämpfen sie sich den Aufstieg zum Hochplateau. Der letzte Hilfstrupp wird zurück zum Basiscamp geschickt. Scott und fünf Männer ziehen weiter gen Südpol, langsam quälen sie sich voran. Scott leidet an Schneeblindheit. Und dann der Schock, sie können es nicht fassen: Fremde Schlittenspuren tauchen im Schnee auf. Als sie am 18. Januar 1912 den Pol erreichen, steckt dort bereits die norwegische Flagge. «Das Schlimmste war passiert», schreibt Scott in sein Tagebuch, «alle Träume sind zunichte.»
Aber das Schlimmste steht noch bevor, Scott ahnt es. «Großer Gott, was für ein fürchterlicher Ort!», schreibt er. «Jetzt der Rückweg. Es wird ein verzweifelter Kampf.» Schon am nächsten Tag brechen sie auf. Zwei Männer sterben unterwegs an Erfrierungen, Hunger und totaler Erschöpfung. Scott und zwei Begleiter schaffen es bis 18 Kilometer vor das letzte Vorratslager. Dort geraten sie in einen Schneesturm, haben nicht mehr die Kraft, ihr Zelt zu verlassen. «Hätten wir überlebt, hätte ich eine Geschichte der Tapferkeit, der Ausdauer und des Mutes meiner Gefährten erzählt, die das Herz jedes Engländers berührt hätte. So müssen diese groben Notizen und unsere Leichen von dieser Geschichte zeugen.» Scotts letzter Tagebucheintrag stammt vom 29. März. Acht Monate später findet ein Suchtrupp ihn und seine Gefährten.
In England werden seine Tagebücher veröffentlicht. Scott, der tragische Held, wird zum Mythos. Mit ihm endet das „heroische Zeitalter“ der Antarktisentdecker, vielleicht der Entdecker überhaupt.
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