Samuel de Champlain paddelt mit Indianern über Kanadas Flüsse und Seen. Er hilft den Huronen im Kampf gegen die Irokesen, um dadurch weiter ins Land vorzudringen. Er gründet Quebec und Montreal. So wird er zum „Vater von Neufrankreich“.
Sechzig Jahre hat Frankreich in Religionskriegen geblutet. Katholische Herzöge, unterstützt von Spanien, kämpften gegen protestantische Aristokraten und Hugenotten, unterstützt von England. Nun aber, nach dem Frieden von Vervins im Jahr 1598, will das Land seine alte Stärke zurückgewinnen. Kanada, die fast schon vergessene Kolonie, rückt wieder ins Blickfeld von Paris. Neue Entdecker sollen dorthin. Händler und Siedler, die das Werk von Jacques Cartier – es ist nun schon fast ein Jahrhundert her – fortsetzen wollen. Noch immer gibt es keine Route nach Asien. Noch immer ist rätselhaft, wie weit der neue Kontinent Amerika nach Westen reicht.
Eine Firma, die von König Heinrich IV. das Pelzmonopol erhält, soll neues Geld in die leeren Staatskassen bringen. 1603 sticht ihr Chef Aymar de Chastes, bis dahin Gouverneur von Dieppe, als Leiter einer Kanadaexpedition in See. Zu seinen Leuten gehört ein junger Geograph, der sich bei Hofe einen Namen gemacht hat. Samuel de Champlain ist 1599 bis 1601 mit einer spanischen Flotte zu den Antillen und nach Mexiko, nach Kuba, Puerto Rico und Panama gereist. Er hat darüber einen Reisebericht geschrieben, in dem er als einer der Ersten vorschlägt, durch den Isthmus von Panama einen Kanal zu bauen.
Champlain ist voller Tatendrang. Er nimmt Cartiers Spuren auf, fährt den Saguenay und den St.-Lorenz-Strom hoch, sieht die Reste verfallener Siedlungen. Nach dem Tod von Chastes leitet Pierre de Gua Sieur de Monts die Handelskompanie. Champlain unternimmt zwei weitere Kanadareisen. Durchstreift die Ostküste. Gründet 1604 eine erste Siedlung an der Mündung des St. Croix. Verlegt sie im Jahr darauf und tauft sie „Port Royal“. Verbringt dort den Winter. Tastet sich vorsichtig in Flüsse, auf denen er nach Westen vordringen könnte – die ewige Suche nach einer Route, die den Handelsweg nach Asien eröffnet.
Aber das Land ist endlos weit. Die Wälder scheinen undurchdringlich. Flüsse und Seen bilden ein unentwirrbares Labyrinth. Nach seinen ersten drei Reisen – insgesamt werden es elf – steht für Champlain fest: Ohne die Hilfe der Ureinwohner wird Frankreich diesen gewaltigen Kontinent niemals erschließen können.
Champlain zieht Nutzen aus einer Konstellation, die fast alle europäischen Entdecker vorfinden, wenn sie in neue Weltgegenden vorstoßen: Unter den dortigen Völkern herrschen, nicht anders als in Europa, Hass und Krieg. Meist spielen die Weißen die Einheimischen so lange gegeneinander aus, bis sie am Ende alle unter ihre Herrschaft gezwungen haben. Champlain aber hat in Kanada keine strategischen, sondern wirtschaftliche Interessen. Er geht militärische Allianzen ein, um das Land den Pelzhändlern und neuen Siedlern zu öffnen.
Samuel de Champlain braucht einen neuen Stützpunkt für seine Pläne. 1608 lässt er am St.-Lorenz-Strom ein Lagerhaus und drei zweistöckige Gebäude errichten, umgeben von Gräben und Palisaden – bald wird an dieser Stelle die Stadt Quebec heranwachsen. Mit zwei Begleitern und 60 Indianern geht Champlain oberhalb der Lachine-Fälle auf Erkundungstour durch feindliches Land. Seit Urzeiten führen Huronen, Algonkin und Montagnais Kriege gegen die Irokesen. Immer wieder fragen seine Begleiter, die den drei ersten Völkern angehören, nach seinen nächtlichen Träumen. An einem Morgen erzählt Champlain, er habe einen Irokesen in einem See ertrinken sehen; er habe ihn retten wollen, sei jedoch von einem Gefährten daran gehindert worden – mit der Bemerkung, die Irokesen seien böse und sollten am besten alle ertrinken. Diese Geschichte stärkt die Zuversicht seiner Truppe. Bei Ticonderoga tobt die erste Schlacht zwischen den Erzfeinden, in der Musketenschüsse fallen. Champlain sieht mit Entsetzen, wie die Indianer Gefangene foltern. Er sieht, wie sie das Herz eines gefallenen Gegners in Stücke schneiden und es noch lebenden Stammesgenossen gewaltsam in den Mund stopfen. Aber der Franzose hat versprochen, seine indianischen Freunde mit Waffen und Leuten gegen die Irokesen zu unterstützen. Nun ist er im Bund mit ihnen und kann nicht mehr zurück.
Champlain braucht neue Mittel, um seine geplanten Expeditionen zu finanzieren. Da kommt ihm 1610 die Heirat mit Hélène Boullé gelegen, auch wenn sie gerade erst zwölf Jahre alt ist. Denn die Hochzeit bringt eine stattliche Mitgift von 6000 Livres. Davon werden 4500 Livres sogleich in ein neues Unternehmen gesteckt.
Es ist seine sechste Kanadareise. Champlain gründet 1611 eine Pelzhandelsstation, dort wird gut 30 Jahre später die Stadt Montreal entstehen. Er bekommt alle königlichen Vollmachten, die er braucht. Samuel de Champlain hat das Recht, den freien Handel zu unterbinden und Abmachungen mit Eingeborenen zu treffen – und dafür die Pflicht, neue Entdeckungen zu machen. Eines Nachts wird er von Huronen zu einer Versammlung mit dem Stammesrat gerufen. Die Nacht, sagen die Indianer, ist dafür besser als der Tag, weil die Gedanken nicht durch andere Dinge abgelenkt werden. Sie sagen, dass sie ihm vertrauen, nicht aber den anderen Weißen, die sich in der Gegend herumtreiben. Sie schenken ihm 50 Biberfelle und vier Wampum, kostbare Gürtel aus Muscheln und Schnecken, und bitten erneut um Beistand gegen die Irokesen. Dann bieten sie ihm einen schnelleren Rückweg an – im Kanu durch die Lachine-Fälle. Champlain kann nicht einmal schwimmen, doch hier zu kneifen wäre ein Gesichtsverlust, den er sich nicht leisten kann. Kreidebleich rast er als erster Weißer durch die reißenden Schnellen.
Ein Jahr später erzählt ihm ein junger Franzose namens Nicolas de Vignau in Paris, er habe bei den Algonkin gelebt und sei mit ihnen bis zur Quelle des Ottawa River gelangt. Dieser entspringe einem See, der mit dem Nordmeer zusammenhänge, nur 17 Tagesreisen von den Lachine-Fällen entfernt, und dort habe er das Wrack eines englischen Schiffs gesehen. Ist das etwa die ersehnte Passage? 1613 fährt Champlain mit Vignau den Ottawa hinauf. Sie stoßen vor bis zum Allumette Lake, einer Ausweitung des Ottawa. Von einem Meer ist weit und breit nichts zu sehen, außerdem lässt Tessouat, der Häuptling von diesem Gebiet, die Franzosen nicht weiter. Vignau wird als Lügner entlarvt.
In Frankreich erscheint Champlains große Publikation: ein Reisebericht mit Illustrationen und ein detailliertes Kartenwerk, das einen Großteil der Ostküste, Neufundland, das Gebiet um den St.-Lorenz-Strom und den Süden Labradors umfasst. Es weist vielen französischen Entdeckern den Weg, die auf Champlain folgen: Louis Jolliet, Jacques Marquette, Jacques Buteux, Charles Albanel, Jean Nicollet und Sieur de La Salle, der von Kanada aus bis zum Mississippi vorstoßen wird.
Champlains Karriere als Entdecker ist damit zu Ende. Nun quält ihn der Gedanke, dass die Indianer noch immer Heiden sind. «Sie leben ohne Glauben und ohne Gesetz», sagt er, «ohne Gott und ohne Religion, wie Bestien.» Samuel de Champlain findet die ersten vier Missionare unter den Rekollekten, einer asketischen Ordensströmung, die in Frankreich vor allem bei den Franziskanern viele Anhänger hat. Am 24. Juni 1615 wird am St.-Lorenz-Strom die erste Messe gefeiert. Staunend verfolgen die Einheimischen das Ritual. Dann dringen die Franzosen, begleitet von Missionaren und Indianern, mehr als 1000 Kilometer ins Landesinnere vor: nach Norden bis zum Lake Nipissing, von dort nach Westen zum Huronsee, an dessen Ende rund 30 000 Huronen als Mais-, Bohnen- und Kürbisbauern leben. Es ist Champlains letzte große Expedition.
Die Konflikte mit englischen Siedlern, die sich ebenfalls an der Ostküste niederlassen, nehmen von nun an zu. 1629 wird Quebec von ihnen erobert. Champlain gerät in Gefangenschaft, doch nach einem Friedensabkommen darf er noch im selben Jahr nach Frankreich zurück. 1633 tritt Samuel de Champlain, zum Gouverneur von Neufrankreich ernannt, seine letzte Reise nach Kanada an. Nach einem Schlaganfall stirbt er zwei Jahre später zu Weihnachten in Quebec. Champlain schreibt viel über das Land, fast nichts über sich selber. Als „Vater von Neufrankreich“ geht er in die Geschichte ein. Durch ihn haben die Franzosen in Kanada wurzeln geschlagen. Sie werden dort für immer bleiben – selbst unter britischer Herrschaft.
Das Lexikon der Entdecker - Die bedeutendsten Pioniere aller Zeiten
Von Christoph Kolumbus und Magellan bis Ernest Shackleton - das erfolgreiche Lexikon vereint in alphabetischer Reihenfolge die 100 bedeutendsten Entdecker vom 10. bis zum 20. Jahrhundert. Neuauflage in hochwertiger Broschurausstattung mit Klappen. mehr...
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus