Sieur de La Salle

Sieur de La Salle will Frankreich zur dominierenden Kolonialmacht in Nordamerika machen. Dafür erkundet er den Mississippi bis zur Mündung. Er wird geadelt und zum Vizekönig ernannt – und dann von den eigenen Leuten ermordet.

Der Vater, ein gut situierter Tuchhändler aus Rouen, möchte am liebsten einen Priester aus ihm machen. 1658, als René Robert Cavelier 15 ist, tritt er in das Noviziat der Jesuiten ein. Doch irgendwie ist ihm das alles zu eng und zu streng.

Sein älterer Bruder gehört zwar auch einem Orden an, nämlich den Sulpizianern. Der aber ist hinüber nach Neufrankreich gegangen, hinaus in die große Welt. Dort stapfen Trapper in Mokassins durch die Wälder, paddeln mit leichten, tragbaren Kanus auf den Flüssen. Sie schießen Büffel und Bären und tauschen bei den Indianern Gewehre gegen Biber- und Marderpelze. Dies ist das Leben, das Robert Cavelier sucht. 1667 verlässt er die Jesuiten und seine Heimat und folgt seinem Bruder nach Kanada.

Die Sulpizianer geben ihm ein Grundstück in der Nähe von Montreal zum Farmen. Doch auch hier mag er nicht lange sesshaft bleiben. Er beginnt, mit Pelzen zu handeln, so kommt er mit Indianern in Berührung und lernt deren Sprachen. Schon Anfang 1669 verkauft er einen Großteil seines Besitzes, um auf eine erste Expedition zu gehen. Indianer vom Irokesenstamm der Seneca haben ihm erzählt, in ihrem Gebiet entspringe ein „großer Strom“, der zu einem Meer fließe. Ist das etwa der heiß ersehnte Weg nach China? Robert Cavelier glaubt, dass dieses Meer im Westen liegen muss – von dort wäre dann der Weg über See nach Asien frei.

Cavelier schließt sich zwei Missionaren des Sulpizianerordens an, François Dollier de Casson und René de Bréhant de Galinée. Im Juli 1669 fahren sie gemeinsam in Kanus von Montreal über den Ontariosee. Dann trennt sich Cavelier von ihnen und zieht allein durch die Wildnis, erforscht den Oberlauf des Ohio.

Nicht nur ihn fesselt das Geheimnis des „großen Stroms“, den die Indianer Mississippi nennen. 1672 führen Louis Jolliet und der Jesuitenpater Jacques Marquette eine Expedition, die den Verlauf des Flusses klären soll. Sie treffen auf ihn weit westlich des Michigansees, fahren auf ihm aber ständig Richtung Südost oder Süd, an den Einmündungen des Missouri und Ohio vorbei, fast hinunter bis an den Arkansas, wo das Gebiet der Spanier beginnt. Der Mississippi fließt – das wissen Jolliet und Marquette nun – mit Sicherheit nicht in ein westliches Meer, das den Weg nach Osten öffnet. Dabei aber lassen sie es bewenden. Sie wollen keinen Ärger mit den Spaniern und treten daher den Rückweg an.

Cavelier setzt sich in den Kopf, die Mississippi-Mission von Jolliet und Marquette zu vollenden. Der Comte de Frontenac, seit 1672 Gouverneur von Neufrankreich, mag den unruhigen Geist. Beide Männer haben die Vision, Frankreich in Nordamerika zur Kolonialmacht Nummer eins zu machen und die Engländer aus dem Pelzgeschäft zu drängen. Frontenac ernennt ihn zum Kommandeur des nach ihm benannten Forts, das nicht nur zum Zentrum des Pelzhandels, sondern der gesamten französischen Kolonisierung werden soll. Und er sorgt für die nötigen Verbindungen in Paris. 1674 reist Cavelier als sein Gesandter dorthin. Er wird geadelt, die Urkunde lautet auf den Namen „Sieur de La Salle“. Unter dieser Nobelbezeichnung wird er in die Geschichte eingehen.

Bei seinem zweiten Besuch in Paris erhält La Salle 1678 das Monopol für den Handel mit Büffelfellen. Er wird ermächtigt, für Frankreich im Westen neue Länder zu entdecken und zu deren Sicherung Forts anzulegen. Um seine Expedition zu finanzieren, stürzt er sich tief in Schulden. «Das Leben, das ich führe, hat für mich keinen anderen Reiz als die Ehre», schreibt er. «Je mehr Gefahren und Schwierigkeiten mit solchen Unternehmungen verbunden sind, desto ehrenvoller sind sie in meinen Augen.»

Im Jahr 1679 lässt Sieur de La Salle nahe den Niagarafällen die „Griffon“ bauen – das erste europäische Schiff, das über die großen nordamerikanischen Binnenseen segelt. La Salle überquert in drei Wochen den Erie- und den Huronsee bis zur Baie de Puants (Green Bay). Dann schickt er die „Griffon“ mit einer großen Pelzladung zurück, um so seine Gläubiger in Montreal zu befriedigen. Das Schiff und die Ladung kommen dort freilich nie an. Der Verdruss der Gläubiger wächst. La Salle steigt inzwischen mit 14 Mann in Kanus um, fährt den Michigansee nach Süden bis zur Einmündung des St. Joseph River. Er zieht über Land zum Kankakee und folgt dessen Lauf bis in den Illinois. Am Peoriasee, eine Weitung des Illinois, beginnt er Anfang 1680 den Bau von Fort Crèvecoeur. Sein engster Vertrauter, Leutnant Henri de Tonty, wird dessen Kommandant. Am 5. Dezember steht La Salle an der Mündung des Illinois und sieht zum ersten Mal den Mississippi. Um zusätzlichen Proviant zu organisieren, schlägt er sich in 65 mühsamen Tagesmärschen zurück zum Fort Frontenac durch.

Im August 1680 rüstet Sieur de La Salle eine neue Expedition aus. Mit dem Kanu überquert er den Huron- und Michigansee. Als er wieder Fort Crèvecoeur erreicht, findet er es verlassen vor. Angesichts indianischer Attacken ist der Kommandant geflüchtet. Im Mai 1681 trifft La Salle wieder mit Tonty zusammen, der in Green Bay überwintert hat. Mit ihm beginnt er im Herbst 1681 seine größte Reise. 50 Mann – zur Hälfte Franzosen, zur Hälfte Indianer – gelangen am 6. Februar 1682 erneut zum Mississippi. Sie paddeln tagelang zwischen großen Eisschollen hindurch. Von den Indianern, die an den Ufern leben, werden sie fast immer freundlich empfangen. Zudem hat La Salle gute Kenntnis vom Unternehmen des Spaniers Hernando de Soto, der fast 150 Jahre zuvor als erster Europäer zum Unterlauf des Mississippi kam. Am 6. April erreichen die Franzosen die Mündung. Am 9. April lässt La Salle eine Säule mit dem Wappen seines Königs Ludwig XIV. errichten. Seine Leute feuern Salven aus ihren Musketen und singen das Te Deum. Geschmückt mit einer Scharlachschärpe, nimmt La Salle das gesamte Stromland feierlich für Frankreich in Besitz. Zu Ehren von Ludwig XIV. tauft er es „Louisiana“.

Paris beginnt Pläne zu schmieden, die Spanier aus dem Norden Mexikos mit seinen reichen Silberminen zu vertreiben. La Salle wird 1683 in Paris zum Vizekönig von Nordamerika ernannt. Er bietet an, als Stützpunkt im Mississippi-Delta ein Fort und eine Siedlung zu errichten. Als Führer einer Expedition sticht er im Juli 1684 mit vier Schiffen und gut 200 Kolonisten von La Rochelle aus in See. Doch nun, so scheint es, hat das Glück La Salle für immer verlassen. Auf hoher See wird seine Flottille von Piraten überfallen. Und im Golf von Mexiko verfehlen die Franzosen die Mississippi-Mündung. Sie landen 800 Kilometer weiter im Westen in der Matagorda Bay. La Salle lässt seine Leute an Land gehen und ein Fort errichten, weiß aber gar nicht genau, wo er eigentlich ist. Zwei Jahre lang sucht er den Mississippi auf dem Landweg. So welkt der Ruhm von Sieur de La Salle in den trostlosen Weiten von Texas dahin.

Sieur de La Salle ist zwar mutig und zäh, springt aber nicht gerade sanft mit seiner Mannschaft um. «Die leichte Hand, die mir angeblich fehlt, ist bei diesen meist frechen und zügellosen Leuten fehl am Platz», so hat La Salle sich einmal in einem Brief geäußert. «Wer da Nachsicht übt, duldet Gotteslästerung, Trunkenheit, Lüsternheit und eine Zügellosigkeit, die mit jeder Ordnung unvereinbar ist.»

Am Trinity River, im Gebiet der Ceni-Indianer, treibt die Arroganz des Adligen seine Leute 1687 zur offenen Meuterei. Sie erschießen La Salle und lassen ihn liegen. Bussarde und Wölfe machen sich über die Leiche her.

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