Tscheng Ho

Tscheng Ho führt die gewaltigsten Flotten aller Zeiten. An seinen sieben Expeditionen nehmen pro Fahrt bis zu 27000 Menschen teil. China wird unter ihm zur größten Seemacht der Welt – und fällt kurz darauf in den Isolationismus zurück.

Eine Generation lang reckt sich noch einmal der Riese, nur für eine einzige Generation. Als wolle er der Welt all das Wissen, all das Können und all die Kräfte zeigen, die in ihm stecken. Es wirkt wie ein herkulisches Muskelspiel, bevor der Gigant beginnt sich einzuigeln. Das Wort ming bedeutet „hell“. Die Ming-Dynastie wurde 1368, nach der Abschüttelung der Mongolenherrschaft, begründet. 1403 kommt der Ming-Kaiser Yung Lo an die Macht. Er will sich und der Welt beweisen, dass China neuen Glanz bekommen hat. Er hat Ideen, die ganz Asien die Sprache verschlagen.
Zwei geistige Strömungen ringen in seinem Land miteinander. Die Isolationisten glauben, das Reich der Mitte brauche den Rest der Welt nicht. Sie sind geprägt durch konfuzianisches Denken und möchten, dass das Imperium in sich selber ruht. Die Expansionisten hingegen wollen die Öffnung nach außen, den Austausch von Waren und Gedanken, die Demonstration von Macht. Dies haben sie nicht zuletzt von den Mongolen geerbt.

Kaiser Yung Lo macht vom ersten Tag seiner Herrschaft an klar, welche der beiden Denkweisen sein Handeln bestimmt. Er ist nicht damit zufrieden, dass der Große (Kaiser-)Kanal nach Peking wieder schiffbar gemacht, das Netz an Straßen und Brücken ausgebaut, Stadtmauern, Tempel und Schreine restauriert werden. Er lässt auch Schiffe für die Ozeane bauen – Ungetüme, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Sie haben neun Masten, 13 Segel und bis zu 1000 Mann Besatzung. Die größten sind mehr als 140 Meter lang und gut 60 Meter breit. Die fünfmal kleineren Karavellen, mit denen die Europäer ein Jahrhundert später die Weltmeere erobern werden, wirken dagegen wie Nussschalen. Es ist noch ein halbes Jahrhundert vor der Geburt von Christoph Kolumbus . Und noch fast ein ganzes Jahrhundert, bis Spanier und Portugiesen ihre großen Expeditionen starten. Da schlägt im Fernen Osten die Stunde eines Seefahrers, wie es ihn nie zuvor gab und danach nie wieder geben wird.

Im Städtchen Kunjang, im abgelegenen Süden der Provinz Yunnan, wird der zweite Sohn der muslimischen Familie Ma geboren. Der junge Ma He beginnt schon mit zehn Jahren eine Karriere in den Diensten der Ming, die ihn zu ungeahnten Ufern führen wird. Drei Jahre später wird er kastriert – die Voraussetzung, um in die Elite der Eunuchen aufgenommen zu werden, die eine immer größere Rolle im kaiserlichen Beamtenapparat spielen. Mit Tsiu Di, dem Onkel des zweiten Ming-Herrschers Chien Wen, zieht er gegen die Mongolen zu Felde, mit denen es an der Nordgrenze des Reichs noch immer Kämpfe gibt. Als Tsiu Di die Macht ergreift, führt auch der Weg des erprobten Eunuchen in den Palast von Nanking. Der neue Herrscher ändert seinen eigenen Namen in Yung Lo und den seines Getreuen in Tscheng Ho. Denn das Wort ma, sein Familienname, bedeutet „Pferd“, und ein altes chinesisches Sprichwort besagt: «Pferde dürfen nicht den Palast betreten.»

Es ist fast unbegreiflich, wie ein Beamter, noch dazu einer aus dem Binnenland, die Fähigkeit erwerben kann, die größten Flotten zu kommandieren, die jemals auf den Weltmeeren fuhren. Der Nachwelt werden keine Dokumente erhalten, die Aufschluss geben, wie Tscheng Ho die Kunst des Segelns und der Navigation erlernt hat. Es werden nur ein paar Aufzeichnungen bleiben, die ahnen lassen, was sich abspielt, wenn Ho im Auftrag des Kaisers zu einer seiner insgesamt sieben Expeditionen aufbricht. Es sind bis zu 27000 Menschen, die Tscheng Ho auf einer solchen Reise begleiten.

Forscher werden Jahrhunderte lang darüber rätseln, welche Motivationen Tscheng Ho und den Kaiser zu solchen Unternehmen treibt. Wilde Legenden ranken sich zum Beispiel um den Tod des von Yung Lo entmachteten Kaisers Chien Wen. Es gibt Leute, die sagen, er sei in einem Feuer gestorben. Es gibt andere, die behaupten, er sei lebend entkommen und habe sich als Mönch verkleidet. Wieder andere sind der Meinung, er sei ins Ausland geflüchtet und bereite von dort aus die Rückkehr vor – Tscheng Ho solle ihn vorher zur Strecke zu bringen.

Vermutlich aber liegen die Gründe in der strategischen und wirtschaftlichen Situation des Reichs. Die Mongolen, die noch immer Zentralasien beherrschen, blockieren die Handelswege über Land, auf denen die Chinesen traditionell ihre Produkte nach Europa exportieren. Als starke Seemacht hat China die Chance, sich neue Routen zu erschließen, andere Länder zu unterwerfen und Luxusgüter zu importieren, die den Glanz des Palasts mehren.

Kaiser Yung Lo hat wenig Interesse an Europa. Es ist weit entfernt und zudem in ein paar hundert Kleinstaaten zersplittert. Umso wichtiger sind ihm die süd- und südostasiatischen Küsten, Länder wie Indien, Persien und Arabien. Für diese Gebiete ist ein Mann wie Tscheng Ho der Richtige. Er ist Muslim und spricht leidlich Arabisch, sein Vater war als Pilger in Mekka – und Ho selber hat keinen größeren Wunsch, als ebenfalls einmal im Leben die große hadsch anzutreten. Die erste Expedition, die 1405 die Mündung des Jangtsekiang verlässt, besteht aus 62 großen und 225 kleineren Schiffen. Tscheng Ho fährt bis Sumatra und nimmt auf See den chinesischen Piraten Tschen Tsu-i gefangen; dieser wird in der Hauptstadt hingerichtet. Die zweite Reise seiner Flotte geht 1407 nach Siam (Thailand), Java und Calicut an der indischen Malabarküste, wo Handelskontakte geknüpft werden. 1409 bis 1411 werden Ceylon und Sumatra unterworfen. Die dritte Reise führt Tscheng Ho von 1413 an nach Hormus am Persischen Golf und an die Küste Arabiens, die vierte 1417 bis 1419 nach Indien, die fünfte 1421 bis 1422 an die Küsten Ostafrikas bis nach Sansibar. Die sechste Reise, die 1424 zum Herrscher von Palembang zur Straße von Malakka führt, wird überschattet vom Tod des Kaisers.

Thronfolger Hong Hi stirbt schon nach wenigen Monaten Herrschaft. Der neue Kaiser Süan Tö scheint zunächst kein Interesse daran zu haben, die großen Expeditionen fortzusetzen. Dann aber vermisst er doch die reichen Tribute, die Tscheng Hos Fahrten in den Jahren zuvor eingebracht haben. So geht der Seefahrer noch einmal auf große Reise. 1431 segelt Tscheng Ho bis ins Rote Meer nach Dschidda. Von dort bricht Tscheng Ho mit einem Dolmetscher und einer siebenköpfigen Gesandtschaft nach Mekka auf. «Die Sitten des Volkes sind mild und freundlich, und es gibt keine hilflosen Familien», notiert der Chronist Ma Huan, der die Reise mitmacht. «Getreu befolgen sie die Vorschriften ihrer Religion und verstoßen nur selten gegen die Gesetze. Sicherlich ist es ein glückliches Land.» Tscheng Ho ist am Ziel seiner Träume. Er umschreitet die Kaaba, küsst den heiligen Stein und ruft unter Tränen aus: «Allah-u akbar!» – Gott ist groß!

In Medina besuchen die Chinesen das Mausoleum Mohammeds. «Täglich umschwebt die Spitze des Grabs ein breites Licht, das Tag und Nacht brennt und bis in die Wolken strahlt», schreibt der Chronist. «Hinter dem Grabe fließt eine Quelle, deren Wasser rein und süß ist ... Seefahrer nehmen etwas von diesem Wasser mit und bewahren es an Bord auf, und wenn sie auf See in einen Sturm geraten, sprengen sie dies Wasser aus, und Wind und Wellen werden ruhig.» Als Geschenke der lokalen Herrscher bringen die Schiffe Strauße, Löwen und sogar eine Giraffe nach China.

Tscheng Ho jedoch erlebt das Ende dieser Reise nicht mehr. Er stirbt 1433 auf hoher See oder in Calicut. Es gibt niemand, der seine Nachfolge antritt. Mit seinem Tod geht auch die Epoche zu Ende, in der China das Tor zur Welt aufstieß. Die Isolationisten gewinnen im Reich der Mitte wieder die Oberhand. 1474 zählt die chinesische Flotte noch ein Drittel, 1503 noch ein Zehntel der 3500 Schiffe, die sie zu Zeiten von Tscheng Ho hatte. Nun ist es bei Todesstrafe verboten, Boote mit mehr als zwei Masten zu bauen. Und 1525, als Spanien und Portugal mit Hilfe ihrer Seefahrer zu Weltmächten geworden sind, werden in China durch kaiserlichen Erlass alle seetüchtigen Schiffe zerstört. Das Kaiserreich schottet sich ab vom Rest der Welt. Es wird nie wieder eine Seemacht werden. Hier liegt der Keim seines späteren Niedergangs.

Fast alle Dokumente über die Reisen von Tscheng Ho werden zerstört. Was von ihm bleibt, sind 20 nautische Karten mit rund 500 Namen. Sie sind nicht nach Norden ausgerichtet, sondern länglich je nach Region angeordnet. Die ersten neun Blatt zeigen Chinas Küste, Blatt 11: Kambodscha, Blatt 12: Java und Thailand, Blatt 18: Ceylon und Teile von Indien, Blatt 19: Aden, Blatt 20: Hormus. Die Karten zeigen auch Korallenriffe und Sandbänke, seichte Stellen. Die Wassertiefe maß Tscheng Ho mit einem eingefetteten Hammer, der an einem Seil hinabgelassen wurde. Er war einer, der den Dingen auf den Grund ging.

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