Vasco Nuñez de Balboa

Der Spanier Vasco Nuñez de Balboa schafft es wie nur wenige, besiegte Indianer zu Verbündeten zu machen. Mit deren Hilfe entdeckt er in Amerika „das andere Meer“: den Pazifik. Nach Intrigen gegen ihn am Königshof wird er öffentlich enthauptet.

Es gibt nur eine Rettung vor den gierigen Weißen, vor ihren fürchterlichen Waffen und den unheimlichen Tieren, auf denen sie daherspringen. Panquiaco, der älteste Sohn von Häuptling Comogre, setzt seine Hoffnung auf dieses Rezept wie so viele Indianer seiner Zeit. «Ich zeige euch eine Gegend», sagt er, «wo sich eure Wünsche erfüllen.» Sie sollen weiterziehen, irgendwohin, nur weg von hier. Er deutet mit dem Finger nach Süden und spricht von Gold. Dort, hinter den Bergen, liege ein anderes Meer. An dessen Küste lebe ein mächtiges Volk, das aus goldenen Gefäßen esse und trinke. Er sei bereit, als Führer mitzugehen, und sollten seine Worte sich als unwahr erweisen, so könne man ihn am nächsten Baum aufhängen.

Die Augen der Weißen beginnen zu glänzen. Es ist das erste Mal, dass sie von diesem Volk und diesem Meer hören. Sie kommen aus der neu gegründeten Siedlung Santa María de la Antigua, 20 Kilometer entfernt an der Küste des Atlantiks gelegen. Von dort sind sie aufgebrochen, um im Hinterland nach Nahrung und neuen Schätzen zu suchen. Jetzt, so scheint es, sind sie ihnen so nah wie nie zuvor.

Ihr Anführer ist Vasco Nuñez de Balboa. Einer dieser Abenteurer aus der spanischen Extremadura, die nach den Entdeckungen des Christoph Kolumbus das große Glück im Westen suchen. 1502 ist er mit einer großen Flotte unter Rodrigo de Bastidas zum ersten Mal an diese Küste gekommen, die später zu Kolumbien und Panama gehören wird. Schon damals suchten sie nach Schätzen, mussten die Reise aber abbrechen, weil Würmer ihre Schiffe so zernagt hatten, dass sie an allen Ecken und Enden leckten. In einem Hurrikan gingen der größte Teil der Flotte und rund 500 Seeleute unter. Balboa war einer der wenigen, die sich auf die Insel Hispaniola retteten.

Als Plantagenbesitzer wurde Vasco Nuñez de Balboa dort auch nicht reich – im Gegenteil. 1510 war er so verschuldet, dass er nur noch den Ausweg sah, sich als blinder Passagier auf einem Schiff zu den neu kolonisierten Küsten wegzustehlen. Balboa versteckte sich beim Beladen in einem leeren Fass, rollte so an Bord und kroch dort unter ein Segel. Erst auf offener See meldete er sich bei Martín Fernández de Enciso, dem Leiter der Expedition. Der war über den ungebetenen Fahrgast nicht begeistert, weil er fürchtete, für dessen Schulden geradestehen zu müssen. Doch Freunde von Balboa an Bord, die eingeweiht waren, brachten ihn dazu, den Mann weiter mitfahren zu lassen.

Die alte Siedlung San Sebastián, von Bastidas’ Leuten gegründet, war verlassen. So führte Balboa, der die Gegend schon kannte, die 150 Kolonisten von Encisos Schiff an die Westseite des Golfs von Urabá. Dort gründeten sie Santa María de la Antigua, die erste Siedlung von Europäern auf dem amerikanischen Festland, die dauerhaften Bestand haben sollte. Es gab die üblichen Streitereien um die Macht, Balboa setzte sich schließlich gegen Diego de Nicuesa und Alonso de Ojeda durch. Spaniens König Ferdinand II. ernannte ihn 1511 zum Interimsgouverneur und Generalkapitän von Castilla del Oro, wie die Region damals hieß.

Nun hat ihm das Schicksal durch den Sohn des Häuptlings den großen Wink gegeben. Ein neues Meer, ein neues Reich – das ist der Lohn für all die Qualen, die das feucht-heiße Klima hier bereitet. Balboa, der mit Indianern schon halbwegs radebrechen kann, lässt sich von Panquiaco die Route beschreiben. Er lässt dessen Vater Comogre und die ganze Familie taufen. Panquiaco erhält den christlichen Vornamen Carlos, so heißt zu dieser Zeit der spanische Kronprinz. Balboa, staunen seine Leute, versteht sich nicht nur aufs Kämpfen. Er kann auch aus Besiegten Freunde machen.

Im September 1513 bricht Vasco Nuñez de Balboa von Santa María de la Antigua mit 190 Spaniern und rund 800 Indianern – Helfern und Sklaven – zum Marsch über die Berge der Landenge auf. Ureinwohner, die sich feindselig verhalten, werden niedergemacht. Häuptlinge aber, die kooperieren, werden mit Hemden, Beilen und Glaskügelchen beschenkt. Am 25. September führen ihn Mitglieder des Stamms der Quarequá auf einen Berggipfel. Dort erblickt Balboa als erster Europäer vom amerikanischen Kontinent aus „das andere Meer“: den Pazifischen Ozean. Balboa sinkt auf die Knie, streckt die Arme zum Wasser hin aus, dankt Gott und allen Heiligen, dann ruft er seine Leute hoch. Weithin schallen ihre Begeisterungsschreie: «Das Meer! Das Meer!»
Es müssen, daran haben sie keinen Zweifel, die Gewässer von Cipangu (Japan) sein. Also geht es hier zu Asiens Küsten, nach Cathay (China) und zu den Molukken, wo es die kostbaren Gewürze gibt. Sie knien nun alle auf dem Gipfel. Der Priester Andrés de Vera stimmt das Te Deum an, andere Kirchenlieder folgen. Balboa nimmt alles Land, das er sieht, für seine Krone in Besitz. Die Spanier fällen ein junges Bäumchen, bauen aus dem Stamm ein Kreuz, rammen es in den Boden, festigen es mit einem Haufen aus Steinen.
Häuptling Chiapes versucht sich Balboa in den Weg zu stellen. Seine Krieger erleiden das gleiche Schicksal wie die anderen Indianer, die sich wehren wollten. Die Feuerwaffen der Spanier stürzen sie in Panik, die meisten fliehen, ein paar werden gefangen. Balboa wendet noch einmal sein Erfolgsrezept an: Er behandelt die Gefangenen gut, schickt sie dann zu dem flüchtigen Häuptling mit der Botschaft, ihm werde nichts geschehen, wenn er in sein Dorf zurückkehre und die Spanier unterstütze. Der Häuptling geht darauf ein, beschenkt Balboa mit Gold und Perlen, bekommt dafür Messer, Glaskugeln und Glöckchen.

Am 29. September steht Balboa am Meer. Er nennt es die große „Südsee“. In voller Rüstung watet er ins Wasser, in einer Hand das gezogene Schwert, in der anderen eine Fahne, auf der die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm und darunter das Wappen des Herrscherhauses von Kastilien und León dargestellt sind. Balboa spricht nochmals die feierlichen Formeln, mit denen Spaniens Konquistadoren neue Länder für ihren König in Besitz nehmen. Trotz der Warnung von Häuptling Chiapes vor den häufigen Stürmen zu dieser Jahreszeit wollen die Spanier in Kanus zu den Perleninseln (Archipiélago de las Perlas) paddeln, von denen die Indianer erzählen. Wind und Wellen aber werfen sie auf ein kleines, perlenloses Eiland. Sie stopfen die aufgerissenen Boote notdürftig mit Seepflanzen, gelangen so gerade noch ans Festland zurück.

Häuptling Tumaco, in dessen Gebiet sie landen, erzählt von einem großen Reich weiter im Süden. Dort besäßen die Menschen Segelschiffe und außerdem Tiere zum Tragen von Lasten. Die Spanier werden neugierig, lassen Tumaco so ein Tier aus Lehm kneten. Es sieht aus wie ein Schaf, doch sein Hals ähnelt dem eines Kamels. Es ist die erste Kunde von den Lamas in den Anden, die Europäer erhalten. Froh, erst einmal mit dem Leben davongekommen zu sein, machen sich die Spanier auf den Rückweg.

Doch die Perleninseln lassen Vasco Nuñez de Balboa nicht ruhen. Drei Jahre später zieht er von Acla, einer neu gegründeten Siedlung am Atlantik, noch einmal hinüber zum Pazifik. Diesmal bringen die Spanier zwei stabilere Brigantinen aus eigenen Beständen mit. Sie schaffen sie, in Einzelteile zerlegt, über die Berge und bauen sie an der Pazifikküste zusammen. Balboa macht den qualvollen Weg insgesamt 20-mal hin und her. 500 indianische Helfer verlieren ihr Leben. Der Lohn für die Überlebenden: reiche Beute von den Perleninseln.

Aber die alten Rechnungen aus der Anfangszeit sind immer noch offen. Seine Feinde von damals und deren Anhänger haben seit Jahren gegen ihn intrigiert. Das hatte schon zur Folge, dass ihm 1514 mit Pedro Arias de Avila ein neuer Statthalter vor die Nase gesetzt wurde. Avila, der Balboa seine Erfolge von jeher neidet, schwärzt ihn zusätzlich bei Hofe an. Er beschuldigt ihn, sich mit seiner Kolonie vom Mutterland lossagen zu wollen. Schließlich lässt er Balboa eigenmächtig durch Leutnant Francisco Pizarro , einen alten Mitstreiter, verhaften. In einem Prozess mit gekauften Zeugen wird Balboa wegen Hochverrats zum Tod verurteilt. An einem Januartag 1519 schreitet der Pazifikentdecker zusammen mit vier seiner Anhänger in Acla zum Schafott. Sein abgeschlagenes Haupt, aufgespießt auf einem Pfahl, wird noch mehrere Tage am Hauptplatz zur Schau gestellt. Der König in Spanien erfährt erst Monate später von der Exekution.

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