Vitus Bering

Ein Däne im Dienst des Zaren findet die Meerenge zwischen Asien und Amerika. Die Russen schicken Vitus Bering noch weiter nach Osten. Doch er wird zermürbt von Bürokraten zu Land und den Strapazen zu Wasser.

Wo ist das Ende meines riesigen Reichs? Es gibt wenige Herrscher in der neueren Geschichte, die auf diese Frage keine Antwort wissen. Peter der Große ist in so einer Situation. Noch nie hat ihm jemand genau berichten können, wie Russlands Grenzen im fernsten Osten verlaufen. Werden sie durch Wasser gesetzt? Oder gibt es eine Landbrücke? Und wie weit ist es eigentlich nach Amerika?

Der Zar weiß nicht, dass ein Kosake namens Semjon Deschnew schon 1648 eine Pionierfahrt in dieser Region unternommen hat. Er segelte vom Fluss Kolyma um Asiens Nordostspitze bis in den Pazifik hinein. Doch niemand hat das seinerzeit so richtig wahrgenommen. Die dünnen Berichte darüber verstauben in Archiven, erst drei Jahrhunderte später werden Forscher sie ausgraben. So kennt man am Hof, was Ostsibirien betrifft, nur riesige weiße Flecken.

Peter der Große aber ist ein Mann der Aufklärung. Der Kosmopolit hat schon viele Geistesgrößen aus Westeuropa in sein Reich geholt. Nun sucht er auch Männer, die im wahrsten Wortsinn bereit sind, zu
neuen Ufern aufzubrechen. Der Däne Vitus Bering, 1681 auf Jütland geboren, könnte der Richtige sein. Er steht schon seit 1704 im Dienst der russischen Marine, hat es in den folgenden 20 Jahren bis zum Kapitän ersten Ranges gebracht – ein Seemann im besten Alter.

Die Admiralität des Zaren wählt Bering für eine Reise aus, die im Osten die Wahrheit von der Dichtung trennen soll. Seit 1649 ist auf Karten ein mysteriöses „Gamaland“ eingezeichnet, das der Portugiese João da Gama auf einer Fahrt von Macau nach Mexiko entdeckt haben wollte. Vitus Bering verlässt St. Petersburg 1725, fast zeitgleich mit dem Tod des Zaren, der ihm genaue Instruktionen gab. Bis er in See stechen kann, vergehen drei Jahre. So groß ist das Reich, das er zu Land durchqueren muss, um überhaupt erst mal an die richtige Küste zu kommen.

Über Tobolsk, Tomsk, Jenisseisk und Jakutsk kommt Vitus Bering nach Ochotsk. Im Sommer 1727 setzt er mit seiner Truppe nach Bolscherezk über, dann geht es mit Hundeschlitten quer über die Halbinsel Kamtschatka. Im Frühjahr 1728 lässt er in Nischne-Kamtschatsk (Ust-Kamtschatsk) die „St. Gabriel“ bauen. Am 13. Juli bricht Bering nach Norden ins Ungewisse auf. Dichter Nebel hüllt sein Schiff ein, er sieht Land nur zur Linken, nicht aber zur Rechten, und keine Spur vom „Gamaland“. Plötzlich wendet sich die Küste nach Westen, im Norden ist weit und breit kein Land mehr auszumachen. Bering segelt bis 67 Grad 18 Minuten nördlicher Breite – und weiß, dass er eine Meeresstraße passiert hat.

Sein ehrgeiziger Leutnant Alexej Iljitsch Tschirikow drängt noch weiter. Er will bis zum Kolyma, um den endgültigen Beweis für die Landtrennung zu liefern. Doch Vitus Bering ist ein vorsichtiger Mann. Er befürchtet, dass es dann zu spät für eine sichere Rückkehr wird. Er glaubt, seine Mission erfüllt zu haben, auch wenn er nichts von Amerika gesehen hat. So kehrt Bering um, überwintert noch einmal auf Kamtschatka und begibt sich auf den langen Landweg zurück.

Die Begeisterung am Hof, wo inzwischen die Zarin Anna regiert, hält sich in Grenzen. Nichts Neues zum Thema Amerika? Bering fängt die Enttäuschung auf, indem er neue, kühne Pläne unterbreitet: die Suche nach einem Weg zum anderen Kontinent, nach einem Weg zur Amur-Mündung, zu den Kurilen und nach Japan, die Kartierung der ganzen nordsibirischen Küste. 1732 gibt ihm die Zarin noch einmal die Chance. Die Große Nordische Expedition ist unterteilt in sieben Unternehmungen. Sie ist das größte Forschungsabenteuer, das es bis dahin gegeben hat.

Vitus Bering ahnt nicht, was ihm bevorsteht. 610 Menschen, dazu Proviant und wissenschaftliche Geräte, müssen von 1733 an mit Pferden, Wagen und Schlitten über eine unwegsame Strecke gebracht werden, deren Luftlinie schon 6600 Kilometer misst. Von Jakutsk aus ist nur noch der Wasserweg möglich, der aber ist das halbe Jahr zugefroren. Seine Bootsleute laufen davon oder werden von Wölfen zerrissen. Die lokalen Beamten «tun nicht den kleinsten Schritt, um den Erlassen Ihrer Majestät zu entsprechen», wie Vitus Bering wütend nach St. Petersburg schreibt. In Jakutsk dauert es zwei Jahre, bis ein Transportaufseher bestimmt ist. In Ochotsk dauert es drei Jahre, bis seine Expedition ausgerüstet ist. Und die ungeduldige Admiralität macht ihn nun auch noch zum Sündenbock für das Schneckentempo – und entzieht ihm einen Teil des Soldes.

Es vergehen sage und schreibe sieben Jahre, bis Bering mit seinem Team aufbrechen kann. Im September 1740 trifft er mit den Schiffen „St. Peter“ (unter seinem Kommando) und „St. Paul“ (unter Tschirikows Kommando) von Ochotsk aus in der Awatscha-Bucht auf Kamtschatka ein. Bering lässt dort als Basislager eine kleine Siedlung errichten – die „Peter- und Pauls-Stadt“, auf Russisch: Petropawlowsk. Am 4. Juni 1741 laufen die zwei Schiffe endlich aus.

Vitus Bering ist in diesen sieben Jahren nicht nur älter geworden, sondern alt. Die ständigen Schikanen vor Ort, das ewige Theater mit der Admiralität – all das hat ihn demotiviert und zermürbt. Der Kapitän, der da in See sticht, ist nicht mehr in Aufbruchstimmung. Er ist nicht mehr der Pionier früherer Tage. Bering scheint ohnehin «zu geschwinden Entschließungen und hurtigen Unternehmungen nicht geboren», wie ein Mitglied seines Teams, der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller, kritisch notiert.

So steht die Expedition von Beginn an unter einem unglücklichen Stern. Schon am 20. Juni verlieren sich die beiden Schiffe in einem Sturm. Bering gibt die „St. Paul“ verloren und segelt allein weiter. Am
16. Juli werden schneebedeckte Berge und ein Vulkankegel gesichtet, es ist die Südküste Alaskas. Alle an Bord brechen in Jubel aus. Nur der Kapitän zuckt stumm die Schultern. In der Kabine hört Steller Bering
sagen: «Unsere Leute denken, wir hätten jetzt alles erreicht. Aber sie begreifen nicht, wo wir Land gefunden haben, wie weit wir von zu Hause entfernt sind und was noch passieren kann.»

Die „St. Peter“ landet auf einer vorgelagerten Insel. Bering hat nicht einmal Lust, seinen Fuß auf amerikanische Erde zu setzen. Er schickt 15 Mann, unter ihnen Steller, zur Erkundung los. Sie finden keine Menschen, aber menschliche Spuren – eine Hütte mit Feuerstelle, eine Schaufel, einen Korb mit Schalentieren. Bering gibt ihnen einen einzigen Tag, dann will er schon wieder die Anker lichten. «Zehn Jahre währete die Vorbereitung zu diesem großen Endzweck», schreibt der Deutsche resigniert, «zehn Stunden wurden zur Sache selbst gewidmet.»

Einen Monat lang kreuzt die „St. Peter“ vor der Küste Alaskas und den Aleuten, die sich über mehr als 2000 Kilometer in Richtung Kamtschatka hinziehen. Zwei Seehundfellboote kommen ihnen entgegen. Die Russen tauschen Geschenke mit den Einheimischen, ein paar folgen ihnen an den Strand einer Insel. Die Bewohner der Aleuten sind zwar wie die Kamtschadalen mit den Eskimos verwandt. Trotzdem gibt es große Verständigungsprobleme. Als die Ureinwohner den Dolmetscher der Crew festhalten, müssen die Russen mit ihrer Bordkanone feuern, um den Mann wieder frei zu bekommen.

Die Weiterreise wird immer schwieriger. Westwinde werfen das Schiff zurück, die Vorräte gehen zur Neige. Leutnant Sven Waxel versucht Bering zu überreden, zurück ans amerikanische Festland zu fahren, um dort zu überwintern. Bering aber lehnt ab. Er ist, wie viele seiner Leute, von Fieber und Skorbut befallen – und nur noch ein Schatten seiner selber.

Der Schiffszwieback ist verrottet, Brot und Trinkwasser gehen zu Ende. Das Großsegel reißt, die ganze Takelage droht zusammenzubrechen. Die Ersten sterben an Skorbut. Am 5. November ist Land in Sicht, die Mannschaft jubelt und glaubt sich nahe der Awatscha-Bucht. Doch sie landen auf einer einsamen, unbewohnten Insel. In der Brandung bricht die Ankerkette, der Sturm wirft das Schiff auf den Strand.

Wer noch Kraft hat, gräbt sich ein Loch in den Sand, baut halb unter der Erde eine Behausung aus Treibholz und Stofffetzen. Die Skorbutkranken liegen mit geschwollenem Zahnfleisch einfach auf dem Boden. Für den totgeweihten Bering bauen die Männer eine Hütte. Sie decken seine Beine mit Sand zu, um sie so vor Erfrierungen zu schützen. Der Däne stirbt am 8. Dezember «an Hunger, Durst, Kälte, Erschöpfung und Gram», wie Steller notiert, der bis zuletzt bei ihm ist.

Von den anfangs 77 Expeditionsteilnehmern kommen nur 46, darunter auch Steller, über den Winter. Sie zimmern im Frühjahr aus dem Holz ihres zerschmetterten Schiffs eine neue Schaluppe. Mit ihr erreichen sie Petropawlowsk. Die „St. Paul“, so erfahren sie dort, ist nicht verschollen, sondern schon im Vorjahr zurückgekommen, mit immerhin noch 55 von ursprünglich 76 Mann.

Steller resümiert in seinen Notizen: «Der einzige Vorwurf, den man diesem vortrefflichen Mann machen kann, ist der, dass er durch seine milde Art zu befehlen ebenso viel Schaden anrichtete wie seine Untergebenen durch ihr impulsives und oft unbedachtes Tun.»

Die Überreste Berings und fünf anderer Seeleute werden erst 250 Jahre später, 1991, entdeckt und zur Untersuchung nach Moskau transportiert. 1992 bringen die Russen die Skelette zurück. Im Inseldorf Nikolskoje steht ein Denkmal für den Dänen. Das Eiland trägt den Namen Beringinsel.

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