Wilfred Thesiger

Fünf Jahre lang zieht der Engländer Wilfred Thesiger mit Beduinen durch die Unzugänglichsten Wüsten auf der Arabischen Halbinsel. Gequält von Hunger und Durst durchquert er zweimal das „Leere Viertel“ – das größte Sandmeer der Welt.

Heuschrecken sind eine fürchterliche Plage. Sie fressen in Stunden weg, was der Mensch in Monaten angebaut hat, und stürzen so ganze Regionen in Hungersnöte. Wilfred Thesiger hat die unheimlichen Schwärme, die daherkommen «wie Rauchwolken am Horizont», oft in seinem Geburtsland Äthiopien gesehen. Er hat erlebt, wie ganze Äste unter dem Gewicht der Insekten abbrachen, wie grüne Felder sich binnen kurzer Zeit in lebloses, trostloses Land verwandelten. Nie hätte Thesiger gedacht, dass Heuschrecken für ihn einmal etwas Gutes haben würden.

Nun aber eröffnen sich, im Rahmen der internationalen Heuschreckenbekämpfung, ungeahnte Möglichkeiten. Die Arabische Halbinsel gilt als Brutstätte der Wüstenheuschrecke, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs den Nahen Osten an den Rand einer Katastrophe brachte. Einen der wichtigsten Ursprungsherde vermuten Forscher an der fruchtbaren Küste im Süden, wo jährlich Monsunregen fällt. Um die Heuschrecken zu lokalisieren, lassen König Ibn Saud von Saudi-Arabien und Sultan Sir Said Ibn Taimur von Oman ausnahmsweise Ausländer in ihre Länder, die für sie – zumal für Christen – ansonsten so gut wie tabu sind. Die Heuschrecken interessieren Thesiger im Grunde überhaupt nicht. Umso mehr aber die Gegend, die er im Rahmen des Forschungsprogramms Erkunden soll.

Wilfred Thesiger gehört zu der Sorte von Menschen, die jede Mission erledigen, die immer und überall zurechtkommen. Geboren in Äthiopien als Sohn eines britischen Staatsdieners, haben ihn von Kindheit an die Länder und Völker fasziniert, die sich möglichst stark vom guten alten Mutterland unterscheiden. Er hat die klassische Elite-Schulbildung auf der Insel genossen, erst Eton, dann Oxford. Doch sein wahrer Wissensdurst ist auf Dinge gerichtet, die sich fern der Hörsäle und Bibliotheken abspielen. Thesiger liebt die Wüste und die Menschen, die in ihr ums Überleben kämpfen.

Das britische Empire hat genügend Außenposten, wo Typen wie er gebraucht werden. 1934 hat er auf eigene Faust das öde Hochland Danakil am Roten Meer durchstreift. 1935 wird er Beamter im Sudan, bald darauf ist er für die Eliteeinheit Special Air Service und in politischer Mission unterwegs: 1936 in Syrien und Palästina, 1937 in Marokko, 1938 im Tibesti-Gebirge. 1941 kämpft Thesiger mit britischen Truppen für die Befreiung Abessiniens von den italienischen Invasoren, 1942 ist er in Libyen, 1943 wieder in Palästina.

Nun also Arabien. Auf diese Wüstengegend dort hat Wilfred Thesiger schon lange ein Auge geworfen. Sie reizt ihn viel mehr als die Sahara, die schon bis in den letzten Winkel erforscht, kartographiert und von Pisten durchzogen ist. Arabien aber ist noch immer verschlossenes Land. Die Karten, die es über das Innere der Halbinsel gibt, enthalten riesige Flächen, wo kein einziger Strich eingezeichnet ist.

Die größte arabische Wüste heißt Rub al-Chali, „Leeres Viertel“. Sie hat die größte zusammenhängende Sandfläche der Erde, in Nord-Süd-Richtung 500 Kilometer, in Ost-West-Richtung 1300 Kilometer lang. Die furchterregenden Geschichten, die über sie erzählt werden, könnten Bücher füllen. Als bislang einzige Europäer sind zwei Landsleute von Thesiger, Bertram Thomas (1931) und Harry St. John Philby (1932), in sie eingedrungen. Doch Thesiger will nicht nur einfach hindurchreisen. Er will mit den Beduinenstämmen leben. Wie ein Sohn der Wüste. Wie ein Nomade.

Wilfred Thesiger fliegt nach Salala, wo die britische Luftwaffe ein Lager errichten durfte – unter der Bedingung, dass kein Ausländer mit Einheimischen sprechen und ohne Begleitung einer Wache des Sultans die Stadt besuchen darf. Die Daten in Sachen Heuschrecken sind schnell erfasst. Dann bespricht Thesiger seine privaten Pläne mit dem Statthalter vor Ort und dem britischen Konsul in Maskat. Tatsächlich erhält er die Genehmigungen, die er braucht. Und eine Truppe verwegener Wanderhirten, die mit ihm ins „Leere Viertel“ ziehen will. Für ein schönes Gewehr und 50 Schuss Munition lässt sich ein Beduine schon auf einiges ein.

Vier Männer vom Stamm der Raschid brechen mit Thesiger auf. Sie haben noch nie zuvor einen Engländer gesehen. Sein treuester Begleiter heißt Salim bin Kabina. Er ist gerade 16 und wird den seltsamen Weißen für die nächsten fünf Jahre begleiten. Der erfahrenste Führer, Mohammed al-Auf, geht mit ausgestreckten Armen, die Handflächen nach oben gedreht, und zitiert dabei Koranverse. Die Salzkruste des Bodens knirscht unter den Hufen der Kamele. Die Tagesration pro Kopf ist ein halbes Pfund Mehl, aus dem abends ein Brei gerührt wird, und ein knapper Liter Wasser aus Ziegenlederbehältern. Die Kamele halten es maximal 20 Tage ohne Wasser aus. Wenn die Tiere sterben, das wissen sie, bedeutet das auch für den Menschen den sicheren Tod.

Die Dünen des Sandgebirges Uruk al-Schaiba haben auf ihren Kämmen dunklen und schweren, in den Vertiefungen hellen und feinkörnigen Sand. Die Nomaden erkennen die Hügel an ihren Formen, die sich im Lauf der Jahre nur wenig ändern. Sie locken, zerren und schieben die brüllenden Tiere in der stechenden Sonne über die sandigen Steilhänge, sinken dabei bis zu den Knien ein. Hunger und Durst zehren die Gruppe aus. Wenn es zum Äußersten kommt, sagen sie zu Thesiger, stecken sie einem Kamel einen langen Halm in die Kehle und saugen dessen Mageninhalt aus. «Dieses grausame Land», schreibt er später, «übt einen Zauber aus, den keine der gemäßigten Zonen je erreicht.»

1946 schafft Thesiger seine erste Durchquerung der Rub al-Chali. 1948, bei der zweiten Durchquerung, legt er 600 Kilometer zurück, ohne an eine Wasserstelle zu kommen. Wieder zieht er durch Gebiete, die noch nie ein Europäer gesehen hat. Sie erreichen nach qualvollen Märschen die Oase As Sulaijil. Dort schlägt ihnen offener Hass entgegen – dem Engländer, weil er Christ ist, und seinen Führern, weil sie vom Stamm der Mishqa sind. Die Älteren spucken aus, wenn sie an der Gruppe vorbeigehen. König Ibn Saud, so erfahren sie, hat offizielle Erlaubnis zu Überfällen auf die Mishqa gegeben. Von Thesigers Trip wusste er nichts. Als er nun davon erfährt, schäumt er vor Wut, will ein für alle Mal ein Exempel statuieren. Der Engländer wird wegen unbefugter Einreise verhaftet. Er kommt durch einen glücklichen Zufall wieder frei. Sein in Saudi-Arabien weilender Landsmann Philby erfährt von der Verhaftung und stimmt Ibn Saud wieder um.

So zieht Wilfred Thesiger weiter durch die Wüste, Hunderte von Kilometern, nun in Richtung Abu Dhabi. In der Oase Laila werden die Beduinen wieder beschimpft, weil sie einen Ungläubigen in die Stadt gebracht haben. Als Thesiger etwas kaufen will, sagen sie, das Geld müsse erst gewaschen werden. Niemand ist bereit, als Führer bis zur nächsten Oase mitzugehen. «Geht in die Wüste und sterbt!», rufen die Leute. «Kommt bloß nicht zurück!» Die Gruppe zieht nochmals durch das „Leere Viertel“ und überlebt auch den zweiten Horrormarsch.

Ein Jahr später reitet Thesiger durch die Wüsten des Oman. In knapp 70 Tagen legt er mit seinen Begleitern 1700 Kilometer zurück. Wenn sie Araber treffen, geben ihn seine Leute als Belutschen aus, der sich Sklaven kaufen wolle. Je länger Thesiger mit seinen Beduinen umherzieht, umso größer wird seine Bewunderung für sie. «Ich werde nie vergessen», schreibt er später, «wie meine des Lesens und Schreibens unkundigen Begleiter mich beschämten, da sie so viel großzügiger, mutiger, ausdauernder, geduldiger, fröhlicher, unbeschwerter und tapferer waren als ich. Kein anderes Volk machte mir meine persönliche Minderwertigkeit so sehr bewusst.»

Von 1950 bis 1958 lebt der Brite mehrmals bei den Madan, den Bewohnern der irakischen Sümpfe am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris. 1959 bis 1960 reist er mit Maultieren wieder durch Äthiopien, 1963 auf Eseln durch das Land der Massai in Tansania. Wilfred Thesiger zieht durch die Berge Kurdistans und Afghanistans, 1966 ist er bei den royalistischen Rebellen im Jemen, die für eine Rückkehr des gestürzten Imam kämpfen. Er geht jahrelang zu Fuß auf Safari in Kenia, dann führt ihn der Weg nach Indonesien und Indien. Die fünf Jahre in den arabischen Wüsten aber haben in ihm die tiefsten Spuren hinterlassen.

Thesiger ist der letzte große Exzentriker unter den britischen Entdeckern. Als er 1977 zu seinen Beduinen zurückkehrt, fahren sie mit Autos durch die Wüste, verladen ihr Vieh und ihre Zelte in Lastwagen. «In ganz Arabien», schreibt der Engländer schockiert, «hat das Transistorradio den Geschichtenerzähler ersetzt.»

In einer einzigen Generation ist die Welt, die er liebte, zuammengebrochen. Die Kultur der Beduinen ist durch die Entdeckung des Öls für immer ausgelöscht worden. «Ich bin ein Beduine!» – das war früher ein stolzes Bekenntnis. Nun erlebt Thesiger, dass „Beduine“ ein Schimpfwort ist, das Fußgänger rücksichtslosen Fahrern zurufen.

Thesiger schreibt über seine Abendteuer viele Bücher, die Bestseller werden. Und trauert den harten, herrlichen Zeiten nach. «Alles, was bei den Arabern zum Besten zählt, kam aus der Wüste.» Ohne Autos, Luxus und Kreditkarten, davon ist er überzeugt, seien sie glücklicher gewesen. «Nie habe ich unter ihnen einen depressiven oder neurotischen Menschen gesehen. Nun, da sie zu den Spitzenverdienern der Welt gehören, befürchte ich, dass viele die Langeweile ihres Reichtums nicht ertragen.»

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