Wilhelm Filchner überquert das „Dach der Welt“ zu Pferd, leitet eine Expedition zum weißen Kontinent, führt geophysikalische Messungen quer durch Zentralasien durch. Dabei gelangt der Deutsche in die abgeschiedensten Regionen Tibets.
Wilhelm Filchner ist ein temperamentvoller Junge. Der Vater stirbt früh, die Mutter wird mit dem Sohn nicht mehr fertig. So schickt sie ihn ins Kadettenkorps. Da werde, so hofft sie, seine Energie in vernünftige Bahnen gelenkt. Wilhelm Filchner wird Degenfähnrich. Aber ausgefallene Ideen hat er noch immer.
Wilhelm Filchner ist 23, als er mit 300 Mark in der Tasche nach Taschkent in Usbekistan reist. Von dort will er das Pamir-Gebirge zu Pferd überqueren. Die Leute lachen ihn aus, als er von dem Plan erzählt. Doch Filchner lässt sich nicht beirren. In Andischan kauft er zwei Pferde und einen Holzsattel. Er überquert die Berge des Alai und den Taldyk-Pass. Kirgisenkarawanen ziehen ihm entgegen, nachts heulen die Wölfe. Filchner reitet über den Transalai, von dort ins Karakulbecken. Tierkadaver säumen den unwegsamen Pfad. Er überwindet den Akbaital-Pass, der über 4000 Meter geht, und gelangt ins Murghab-Tal. Der Abenteurer zieht durch trostlose Steppen, sumpfige Täler, in denen seine Pferde bis zum Bauch versinken. Wilhelm Filchner kommt zum Bijk-Pass, an dem drei Reiche aneinanderstoßen: Russland, Afghanistan und China. Filchner hat den Südrand des Pamirs erreicht. Als er wieder in Deutschland ankommt, ist er mehr tot als lebendig – vermutlich Malaria. Es dauert sieben Monate, bis er wieder einigermaßen gesund ist. Seiner Leidenschaft für ferne Länder tut das keinen Abbruch. Er will nun im Dienst der Wissenschaft reisen. Filchner lässt sich bei der Armee zum Landvermesser ausbilden.
Seine erste Expedition führt Wilhelm Filchner in den Süden Chinas, in den Norden und Osten Tibets. Der Qinling Shan zwischen Ankang und Xián ist noch nicht kartiert, der ganze zentralasiatische Bereich erdmagnetisch so gut wie unerforscht. Filchner bricht im Herbst 1904 mit seiner Frau und dem Geographen und Mediziner Dr. Tafel von Genua nach Schanghai auf.
Sie fahren mit einem Hausboot den Han Shui hinauf, queren den Qinling Shan auf einem talu, wie die uralten Verkehrswege der Chinesen heißen. In Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu, stellen sie eine große Maultierkarawane zusammen. Am 24. April 1905 brechen sie von dort nach Xining auf. Die Expedition zieht am Hwangho entlang, dem „Unglücksstrom Chinas“, der in regelmäßigen Abständen riesige Landstriche überflutet und jedes Mal Hunderttausende von Menschenleben fordert. Immer wieder werden sie von Ngolok-Nomaden angegriffen, bangen um die kostbaren Messinstrumente und um ihr Leben. In Xining lässt Filchner seine Frau zurück, er findet die Weiterreise zu gefährlich für sie. Er dringt bis zum Matschu, dem Oberlauf des Hwangho, vor und überquert den reißenden Strom.
Von da an gibt sich die Expedition als Gruppe muslimischer Priester aus. Der Deutsche rasiert seine Haare, färbt die blonden Stoppeln mit Fett und Ruß schwarz. Darüber stülpt er einen Turban. Anfang September fällt der erste Schnee, Ngolok stehlen ihre Pferde und Yaks. Doch sie ziehen weiter nach Osten, über wild zerklüftete Berge, und schwimmen durch eiskalte Flüsse. Jeden Tag packt Filchner seine Messinstrumente aus. Als er am 11. Oktober 1905 wieder in der Zivilisation ankommt, hat Wilhelm Filchner die Strecke von Scharakuto bis Songpan kartographiert. Er ist durch ein riesiges unbekanntes Gebiet Zentralasiens gezogen, hat dabei wertvolle erdmagnetische Messungen durchgeführt. Für seine wissenschaftlichen Verdienste wird Wilhelm Filchner die Ehrendoktorwürde der Königsberger Universität verliehen.
Seine nächste Expedition führt Filchner ans andere Ende der Welt: in die Antarktis. Er leitet die zweite deutsche Südpolarexpedition. Es ist die Zeit, in der Robert F. Scott und Roald Amundsen ihren Wettlauf zum Pol austragen. Noch immer ist nicht bekannt, wie weit Ross- und Weddellmeer voneinander entfernt sind. Womöglich sind sie über einen zugefrorenen Sund miteinander verbunden. Der sechste Kontinent bestünde dann aus zwei Teilen. Diese Frage zu klären ist das Hauptziel von Filchners Unternehmen. Es sind mehrere Inlandexpeditionen geplant, womöglich sogar eine Durchquerung der Antarktis.
Am 7. Mai 1911 bricht die Expedition von Bremerhaven aus auf. Filchner stößt im September in Buenos Aires dazu. 33 Menschen – Wissenschaftler, Offiziere, Besatzung –, dazu 75 Hunde, acht Pferde und eine Katze sind an Bord der „Deutschland“. Bei 57,5 Grad südlicher Breite stoßen sie auf Treibeis. Es ist der 14. Dezember – derselbe Tag, an dem Amundsen 3600 Kilometer entfernt als erster Mensch am Südpol steht. Am 29. Januar erreichen sie 74,3 Grad, den südlichsten Punkt, bis zu dem James Weddell, der Namensgeber dieses Meeres, 1823 gekommen ist. Einen Tag später taucht im Nebel eine unbekannte Küste auf. Filchner tauft die Entdeckung „Prinzregent-Luitpold-Land“. Sie fahren weiter, stoßen auf eine hohe Eismauer, die so ähnlich aussieht wie die Rossbarriere auf der anderen Seite des Kontinents. Filchner hat das zweitgrößte Schelfeis der Antarktis entdeckt. Ein Teil davon wird später seinen Namen tragen.
Sie finden für die Landung keine geeignete Stelle, die Eiskante ist zu hoch. Als Standort für ihre Winterstation wählen sie daher einen großen Eisberg, der mit dem Schelfeis verbunden ist. Mitte Februar ist das Camp errichtet, die Forschungsarbeiten können beginnen. Doch es kommt anders. «Morgens hub ein Krachen an, als ob ein Dutzend Kanonen abgeschossen wären», schreibt Wilhelm Filchner in seinem Reisebericht. Durch eine Neumondspringflut ist der Meeresspiegel zwei bis drei Meter angestiegen – das Schelfeis zerbirst. Was für Gewalten, die so eine gewaltige Eismasse zerstören können! Die Mannschaft der „Deutschland“ wird Zeuge, wie die großen Tafeleisberge entstehen, über die sich vor rund 150 Jahren schon James Cook gewundert hat.
Mit Mühe können sie ihre Ausrüstung bergen, das Schiff ist mehrmals in großer Gefahr. Kapitän Vahsel beschließt, in Südgeorgien zu überwintern. Filchner muss sich ihm beugen, denn auf See hat dieser das Kommando. Doch auf dem Weg dorthin frieren sie im Packeis ein. Die Stimmung ist gedrückt, einige Männer bekommen einen regelrechten Polarkoller. «G. total betrunken, droht mit Schusswaffe. Durch diesen Auftritt starke Spannung an Bord», so lautet ein Eintrag in Filchners Tagebuch. Im April errichten die Männer eine Forschungsstation auf dem Packeis, führen meteorologische und erdmagnetische Messungen durch. Der Ozeanograph misst die Tiefentemperatur und Strömungen des Meeres. Die Tage verlaufen regelmäßig, wie ein Uhrwerk. Sie treiben mit einer Driftgeschwindigkeit von 8,5 Seemeilen am Tag nach Norden. Erst im November können sie sich mit Hilfe von Sprengungen aus dem Eis befreien.
Wieder zu Hause gelingt es Filchner nicht, genug Geld für eine zweite Antarktisexpedition aufzutreiben. Doch 70 Jahre später wird auf dem „Filchner-Ronne-Schelfeis“ eine Forschungsstation errichtet und nach dem Entdecker benannt. Ironie der Geschichte: 1998 bricht der Teil des Schelfeises ab, auf dem das Camp steht. Es muss abgebaut werden.
Im Jahr 1925 wendet sich Wilhelm Filchner wieder Zentralasien zu. Mit zwei Planwagen, von je drei Pferden gezogen, fährt er durch einsame Steppen und Wüsten. Manchmal sinken die Wagen bis zu den Achsen im Sand ein. Er legt 160 Stationen an, die er erdmagnetisch vermisst. Immer wird er misstrauisch beäugt von Menschen, die jedem Fremden erst einmal feindlich gesonnen sind und ihn oft genug bedrohen, weil sie ihn für einen Spion halten. Nach gut zwei Jahren hat Wilhelm Filchner 6000 Kilometer zurückgelegt.
Von 1934 bis 1938 vertieft Filchner seine Forschungen in Tibet auf einer weiteren Expedition. Ein Jahr später reist er nach Nepal, um das Reich im Auftrag des Maharadschas zu vermessen. Mit Ochsen und Elefanten zieht Filchner durch Berge und Dschungel, die vor ihm noch kein Europäer betreten hat.
Nach Ende des zweiten Weltkriegs erhält Wilhelm Filchner in Indien Asyl. Er zieht nach Poona und arbeitet an seinen Veröffentlichungen. Wilhelm Filchner kehrt erst 1951 nach Europa zurück.
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