Geschichte und Kultur

Begräbniskleidung von Wikingern mit arabischen Schriftzeichen entdeckt

Laut einer Textilarchäologin wurden erstmals die Symbole für „Ali“ und „Allah“ auf der historischen Kleidung in Skandinavien entdeckt. Dienstag, 17 Oktober

Door Austa Somvichian-Clausen

Schwedische Forscher machten vor Kurzem eine interessante Entdeckung: Sie fanden arabische Schriftzeichen, die in Grabkleidung aus Wikinger-Schiffsgräbern und in Kleidung aus Grabkammern von Wikingerstätten wie Birka eingewebt waren. Die Kleidung war als typische Begräbniskleidung der Wikinger für mehr als ein Jahrhundert eingelagert worden, bis eine neue Untersuchung überraschende Erkenntnisse zutage förderte.

„Ein spannendes Detail ist das Wort „Allah“, das spiegelverkehrt dargestellt wird“, sagt die Textilarchäologin Annika Larsson von der Uppsala Universität, die diese Entdeckung gemacht hat.

Die Muster wurden mit Silbergarn auf Seidenbänder gestickt. Larsson sagt, dass die Begräbniskleidung der Wikinger vermutlich vom Islam beeinflusst wurde – und der Vorstellung eines ewigen Nachlebens im Paradies.

„Im Koran steht geschrieben, dass die Bewohner des Paradieses Kleidung aus Seide tragen werden, was zusammen mit der Inschrift auf den Bändern erklären könnte, warum Seide in Wikingergräbern so verbreitet ist“, sagt Larsson. Sie erwähnte außerdem, dass die Funde gleichermaßen häufig in Männer- wie in Frauengräbern auftraten. (Lesenswert: DNA-Test: Berühmter Wikingerkrieger war eine Frau)

Larsson sagt, dass die winzigen geometrischen Designs auf der Grabkleidung anders als alles waren, das sie in Skandinavien je gefunden hat. Sie begriff, dass es sich nicht um wikingische Muster handelte, sondern um Kufi – eine der ältesten kalligrafischen Formen der arabischen Schrift.

Um das Rätsel des Texts zu lösen, mussten die Schriftzeichen vergrößert und aus allen Winkeln sowie von hinten betrachtet werden. Eines der Worte, das immer wieder auftauchte, war der Name Ali, der vierte Kalif des Islam. Auch das arabische Wort für Gott, also Allah, war immer wieder zu lesen.

In einer Pressemitteilung der Uppsala Universität verweist Larsson darauf, dass oft angenommen wird, Objekte aus Ländern des Nahen Ostens in Wikingergräbern seien Beute von Raubzügen. Larsson glaubt, dass die Kufi-Schriftzeichen womöglich einen Versuch darstellen, Gebete zu schreiben, die man von links nach rechts lesen kann.

Die Phrase „für Allah“ wurde auch schon als Inschrift auf einem Silberring gefunden, der im Grab einer Frau in Birka entdeckt wurde. Aber die eingewebten Inschriften, die Larsson kürzlich entdeckte, sind die ersten bekannten Kufi-Symbole für den Namen „Ali“ in ganz Skandinavien.

Auch wenn die genaue Bedeutung der Inschriften unbekannt ist, sagte Larsson der BBC, dass „die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass einige der Begrabenen Muslime waren“. Sie sagt, die Entdeckung sei wichtig "für ein tieferes Verständnis der komplexen geschichtlichen Ereignisse" und hätte "eine hohe Relevanz für die Integration und die Bekämpfung xenophober Strömungen".

Larsson sagt, dass „Ali“ und „Allah“ immer zusammen auf der Begräbniskleidung auftauchten, und dass Alis besonderer Status im Schiitentum darauf hindeuten könnte, dass die Wikinger und die Schiiten spezielle Verbindungen hatten.

Dank fortschrittlicher Technologien wie Satellitenbildern, DNA-Untersuchungen und Isotopanalysen können Archäologen und andere Wissenschaftler überraschende neue Erkenntnisse über eine alte Kultur erlangen, die noch immer voller Geheimnisse steckt. Wikingische Glücksritter entfernten sich auf ihren Reisen oft weit von den heimischen Ufern Skandinaviens. Mit Hilfe ihrer schlanken Segelschiffe und ihrer Seefahrerkenntnisse besuchten sie mehr als 37 Länder von Afghanistan bis Kanada.

NICHT JEDER IST ÜBERZEUGT

Seit der Veröffentlichung dieses Artikels wurden Larssons Befunde von einigen Archäologen angefochten, unter anderem von der Textilarchäologin Carolyn Priest-Dorman, die einen kritischen Blog-Post schrieb. Die Kleidung weise Anzeichen der Instandsetzung auf, darunter auch eine Webkante.

Stephennie Mulder, eine Professorin für islamische Kunst und Architektur an der Universität Texas in Austin, bleibt ebenfalls skeptisch. Sie gibt zu, dass sie Larssons Befunde nicht bewerten kann, bevor sie nicht die vollständige Publikation gesehen hat. Aber es bräuchte eine Menge, um sie davon zu überzeugen, dass die Kleidung tatsächlich Kufi-Schriftzeichen enthalte, die „Allah“ buchstabieren. Ihr zufolge taucht die spezielle Schriftzeichenform, die Larsson identifiziert haben will, erst 500 Jahre nach der Fertigung der Wikingerbekleidung aus dem 10. Jahrhundert auf.

“Das Wort ‘Allah’ ist definitiv nicht da“, so Mulder. „Statt dem Buchstaben ‚A‘ hat man da tatsächlich den Buchstaben ‚L‘, was beim Lesen keinen Sinn ergibt […] So sehr man auch möchte, dass dort Gott steht, das tut es einfach nicht.“

Dennoch sagt Mulder: „Es gibt hier ein grundlegenderes Fundament der Wahrheit. Es gab wirklich Interaktionen zwischen Wikingern, Muslimen und der islamischen Welt. Manche bezeichnen Skandinavien sogar als letzten Außenposten der Seidenstraße.“

Anmerkung: Dieser Artikel wurde am 18. Oktober mit zusätzlichen Kommentaren von Archäologen ergänzt, die Larssons Befunden skeptisch gegenüberstehen.

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