Geschichte und Kultur

Brunelleschis Wunder: Der Dom von Florenz

Er war kein gelernter Architekt, aber ein Genie: Also schuf Filippo Brunelleschi die Kuppel des Doms von Florenz. Und wir staunen noch heute. Mittwoch, 22 Januar

Von Tom Mueller

Er war kein gelernter Architekt, aber ein Genie: Also schuf Filippo Brunelleschi die Kuppel des Doms von Florenz. Und wir staunen noch heute.

Im Dach der Kathedrale klaffte ein riesiges Loch. Die Stadtväter von Florenz kannten das Problem – und ignorierten es seit Jahrzehnten. Man schrieb das Jahr 1418, als die Florentiner endlich beschlossen, Santa Maria del Fiore mit einer einzigartigen Kuppel zu krönen.

Die Bauarbeiten für die Kirche hatten bereits 1296 begonnen. Für das reiche Florenz, das sich durch sein Finanzwesen und den Handel mit Wolle und Tuch zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentren Europas entwickelt hatte, war der Dom ein Statussymbol. Und so sollte die größte Kuppel der Welt dieser Kathedrale den krönenden Abschluss verleihen. Doch auch viele Jahrzehnte später hatte anscheinend niemand eine brauchbare Idee, wie man eine Kuppel mit einem inneren Durchmesser von 45 Metern erbauen konnte – noch dazu auf Mauern in 55 Metern Höhe.

Auch andere Fragen machten den Bauherren zu schaffen. Ihre Pläne sahen keine gotischen Strebepfeiler und Spitzbögen vor, wie sie in den rivalisierenden Städten des Nordens üblich waren, so auch im verfeindeten Mailand. Das war damals für ein Gewölbe dieser Größe die einzige bekannte Lösung. Würde eine Zehntausende Tonnen schwere Kuppel auch ohne sie halten? Gab es in der Toskana genügend Holz für das Gerüst und die Verschalungen, die für die Formung des Mauerwerks notwendig waren? War es überhaupt möglich, auf acht tortenstückförmigen Keilen eine Kuppel zu bauen, ohne dass diese in sich zusammenfiel, wenn sich das Mauerwerk zum Scheitelpunkt hin krümmte? Niemand wusste es.

So lobten die besorgten Florentiner Stadtväter um die aufstrebende Medici-Familie 1418 einen Wettbewerb für den idealen Kuppelentwurf aus. Mit einem Preisgeld von 200 Goldflorinen für den Sieger – und der Aussicht auf ewigen Ruhm. Führende Architekten kamen nach Florenz, um ihre Pläne vorzulegen. Aber von Anfang an war das Projekt von Zweifeln, Ängsten, Geheimniskrämerei und Bürgerstolz begleitet, so dass sich bald Legenden darum rankten. Der Bau der Kuppel wurde zur Parabel auf den Florentiner Erfindergeist und ein zentraler Gründungsmythos der italienischen Renaissance.

In den ersten Chroniken dieser Geschichte kommen die Verlierer gar nicht gut weg. Einer der Bewerber wollte die Kuppel mit einem riesigen Mittelpfeiler stützen. Ein anderer schlug vor, sie aus „Schwammstein“ (möglicherweise spugna, einem porösen Vulkangestein) zu Brunelleschi, auf wundersame Weise genesen, auf die Baustelle zurück und erklärte Ghibertis Arbeit laut klagend für so mangelhaft, dass die Balken herausgerissen und ersetzt werden mussten. Sein Gehalt stieg bald darauf auf 100 Florinen jährlich, während das von Ghiberti bei 36 Florinen blieb.

Doch Ghiberti gab nicht auf. Um 1426 sandte sein Assistent, der Architekt Giovanni da Prato, den Dombauverwaltern ein großes Pergament, in dem er, detailliert und mit Illustrationen belegt, Kritik an Brunelleschis Arbeit übte. Dieser sei aus «Unwissenheit und Dünkel» von den Originalbauplänen für die Kuppel abgewichen, die deshalb «verunstaltet und der Gefahr des Einsturzes ausgesetzt» sei.

Da Prato verfasste auch eine heftige Attacke in Form eines Sonetts. Darin bezeichnete er Brunelleschi als eine «tiefe, dunkle Quelle der Unwissenheit» und als «jämmerliche Kreatur und Schwachsinnigen», dessen Pläne zum Scheitern verurteilt seien. Sollten sie je von Erfolg gekrönt sein, versprach er ein wenig unbedacht, würde er sich umbringen. Brunelleschi antwortete mit einem nicht weniger bissigen Sonett, in dem er Da Prato riet, seine Gedichte lieber zu vernichten, «weil sie sonst gar zu lächerlich klingen, wenn wir zu tanzen anfangen, um das zu feiern, was er jetzt für unmöglich hält».

Brunelleschi und seine Arbeiter sollten Gelegenheit zu ihrem Freudentanz bekommen, wenn auch erst nach weiteren Jahren voller Zweifel und Mühen. 1429 taten sich neben der Kuppel an der Ostseite des Langhauses Risse auf – Brunelleschi ordnete an, die Mauern mit eisernen Zugankern zu verstärken. 1434 wurde Brunelleschi, möglicherweise auf Ghibertis Betreiben hin, festgenommen, weil er seine Mitgliedsbeiträge zur Maurerzunft nicht entrichtet hatte. Doch kurz darauf kam er wieder frei, und die Kuppel wuchs weiter, jeden Monat um weitere 30 Zentimeter gen Himmel.

Am 25. März 1436, zum Fest Mariä Verkündigung, weihte Papst Eugen IV. den vollendeten Dom zum Klang der Glocken und den Jubelrufen der stolzen Florentiner. Ein Jahrzehnt später wurde der Grundstein für die Laterne gelegt, den dekorativen Marmoraufbau, mit dem Brunelleschi sein Meisterwerk krönte.

Kurz darauf, am 15. April 1446, starb Brunelleschi, offenbar nach kurzer Krankheit. Bei der Beisetzung lag er, in weißes Leinen gehüllt, auf einer von Kerzen umringten Bahre und starrte mit leeren Augen hinauf in die Kuppel, die er Stein auf Stein gebaut hatte. Bestattet wurde er in der Krypta des Doms, eine Gedenktafel erinnert an seinen „göttlichen Schöpfergeist“. Dies waren hohe Ehren. Architekten galten damals noch eher als Handwerker, und vor Brunelleschi wurde nur sehr selten jemand in der Krypta bestattet, darunter ein Heiliger. Mit seiner Genialität, seinen Führungsqualitäten und seiner Entschlossenheit hatte sich Filippo Brunelleschi in den Rang eines Kunstschaffenden aufgeschwungen, dem ewige Huldigung gebührte – ein Verständnis, das für die Renaissance prägend werden sollte.

Im komplexen Zusammenwirken von Inspiration und Analyse, durch die kühne Adaption der klassischen Vergangenheit an die Bedürfnisse und Bestrebungen seiner Zeit wies Brunelleschi den kulturellen und sozialen Umwälzungen der neuen Epoche den Weg.

Als nach der Fertigstellung Künstler wie Donatello, Paolo Uccello und Luca Della Robbia die Kirche ausgestalteten, wurde Santa Maria del Fiore zu einem Herzstück der Renaissance. Noch heute erhebt sich Brunelleschis Kuppel über das Terrakottameer der Dächer von Florenz, perfekt proportioniert, wie eine griechische Göttin im selbstgewebten Kleid.

Gewaltig ist sie und doch seltsam schwebend, als würden die zu ihrer Spitze aufsteigenden weißen Marmorrippen sie an die Erde binden wie die Seile eines Zeppelins. Irgendwie war es Brunelleschi gelungen, Freiheit in Stein zu fassen und die Silhouette von Florenz für immer mit der aufwärtsstrebenden Verkörperung des menschlichen Geistes zu überhöhen.

Tipps für einen Spaziergang durch Florenz finden Sie hier.

(NG, Heft 02 / 2014, Seite(n) 88 bis 99)