Geschichte und Kultur

Cenoten - Die heiligen Höhlen der Maya

Neueste Erkenntnis der Forscher: Die Karsthöhlen spielten eine wichtige Rolle in der Astronomie der Maya.

Von Alma Guillermoprieto

Das Fachmagazin "Science" berichtet, dass in einer mexikanischen Unterwasserhöhle das Skelett eines Mädchen gefunden wurde. Wie die Genanalyse ergab, sind die Knochen 12.000 bis 13.000 Jahre alt. Der Fund stärkt die Theorie, dass der Kontinent sehr früh und von einer einzelnen Gruppe aus dem Norden Asiens besiedelt wurde. Mehr über die Forschung in den Cenoten lesen Sie in unserer Reportage.

In den Karsthöhlen unterhalb der Halbinsel Yucatán lebte in der Glaubenswelt der Maya ihr Regengott Chac. Jetzt fanden Archäologen heraus: Die Brunnen waren sogar wichtig in der Astronomie dieser Kultur.

Es passiert am Rand eines Maisfelds unweit der Maya-Ruinen von Chichén Itzá.

Eine sich überschlagende Stimme hallt aus der Unterwelt: «Ich habe es gesehen! Ich habe es gesehen! Es stimmt!»

Guillermo de Anda beugt sich über die Öffnung. Hat er richtig gehört? Ist es so, wie er es sich erhofft? «Was stimmt, Arturo?», ruft er nach unten. Und Arturo Montero, der unten im Wasser schwimmt, antwortet: «Das Zenitlicht! Es funktioniert tatsächlich! Schnell, komm runter!»

Endlich Gewissheit? Diente diese Cenote (Karsthöhle) den Maya einst als heilige Sonnenuhr und Zeitmesser, wenn die Sonne hier am 23. Mai und am 19. Juli exakt im Zenit stand? Warteten Maya­Priester in der Tiefe, um die Sonne zu beob­ achten und ihre Messungen zu präzisieren? Kamen sie in Zeiten der Dürre hierher, um Opfer darzubringen, und auch, um für reichliche Ernte Dank zu sagen? Glaubten sie, dass dies ein Ort war, an dem die Sonne und das Wasser zusammenkamen und neues Leben schufen? Solchen Fragen rund um die Beziehung der Maya zu ihren Göttern, ihrer heiligen Stadt und ihrem außerordentlich präzisen Kalender gehen die beiden Archäologen von den Universitäten von Yucatán und Tepeyac nach.

Eigentlich wollten sie schon am 23. Mai an der Cenote Holtún sein, aber dann hatte ein Autoreifen einen Platten, und es ging ihnen auch noch das Benzin aus. So kamen sie mit einem Tag Verspätung, an dem die Sonne aber immer noch fast im Zenit stand. Montero und dem Doktoranden Dante García Sedano blieben nur wenig Zeit, um ihren Tauchanzug anzuziehen, sich ins Klettergeschirr einzuhaken und von einer Gruppe Maya­ Bauern abseilen zu lassen.

Und nun jubelt Montero.

Die Helfer lassen zuerst ein Schlauchboot und dann mich in die Höhle hinab. De Anda schwitzt heftig in der Gluthitze der Halbinsel Yucatán im Osten Mexikos und hadert mit seinem Tauchanzug. Aber schließlich wird auch er die 22 Meter in die Höhle hinabgelassen. Wir vier sind wahrscheinlich seit Jahrhunderten die ersten Menschen, die den vom Sonnengott gezeichneten Weg des Lichts über das Wasser beobachten.

Unter dem engen Eingang zur Cenote Holtún öffnen sich die Wände zu einer riesigen Kuppel. Wie in einer Kathedrale, nur dass hier Baumwurzeln durch den Fels hindurch zum Wasser streben. Die rechteckige Öffnung wurde wohl so bearbeitet, dass sie die vier Ecken des Maya­Kosmos widerspiegelte. Sie bündelt die Sonnenstrahlen, deren Reflexionen wie Flammen über das Relief der Stalaktiten tanzen. Auch das Wasser scheint aufzulodern, wenn das Licht darauf fällt. Seine Farbe wechselt jetzt von einem dunklen Ton in ein transparentes Türkisblau. Die Sonnenstrahlen dringen nahezu senkrecht ein. Es fehlt so wenig, dass Montero keine Zweifel mehr hat, dass die Lichtsäule am Tag zuvor genau von oben ins Wasser eintauchte.

Man muss kein Maya sein, um hier unten ehrfürchtig zu werden.

Seit einiger Zeit richten die Archäologen ihren Blick verstärkt auf die Rolle von Höhlen, die Bedeutung der Sonne im Zenit und nun auch der Cenoten in den Glaubensvorstellungen und der Weltsicht der Maya. Sie wissen schon lange, dass dieses Volk die Höhlen als Münder der von ihrem Regengott Chac bewohnten Unterwelt betrachtete. Aber erst vor kurzem wurde den Forschern klar, was all dies für die Anlage und Architektur der Städte bedeutet hatte.

Der Unterwasserarchäologe de Anda ist schon in Dutzenden Karsthöhlen getaucht. 2010 begann er auf Einladung seines Kollegen Rafael Cobos und mithilfe des Nationalen Instituts für Anthropologie und Geschichte (INAH), die Cenote Holtún zu untersuchen. Als er einige Meter unter der Wasseroberfläche die Wände betrachtete, nahm er einen Felsvorsprung wahr – und darauf Opfergaben: einen menschlichen Schädel, Keramiken, einen Hundeschädel, Knochen von Wild und ein zweischneidiges Messer, das wahrscheinlich für die Opferungen verwendet worden war. Die Maya hatten alles Jahrhunderte zuvor dort abgelegt.

In der Tiefe erkannte de Anda im Schein seiner Lampe zudem zerbrochene Säulen, die geschnitzte Statuette eines Jaguarmenschen und eine Figur, die jenen kleinen Steinmännern am Kriegertempel (Templo de los Guerreros) von Chichén Itzá ähnelt, die den Himmel zu tragen scheinen. Die mit Wasser gefüllte Höhle am Rand eines Maisfelds war offensichtlich eine heilige Stätte.

Nun, drei Jahre später, haben de Anda und Montero nicht nur eine Verbindung zwischen der im Zenit stehenden Sonne und der Cenote entdeckt – sondern wohl auch, welche Rolle die Sonne und die Karsthöhle für den Standort und die Ausrichtung der Pyramide des Kukulkán (El Castillo) in Chichén Itzá spielte.

Zur Tagundnachtgleiche im Frühjahr und Herbst lässt das Licht der Sonne eine aus dem Stein gearbeitete Schlange als Schattenspiel eine Seite der zentralen Pyramidentreppe hinabgleiten: ein Ereignis, das jedes Jahr Tausende Besucher anlockt. Einige laufen die kurze Strecke zur berühmten Heiligen Cenote. Dort wurden in der Blütezeit des Stadtstaats Chichén Itzá zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert Menschen und wertvolle Dinge geopfert.

Früh an einem 23. Mai, wenn die Sonne hier mittags im Zenit steht, war Montero zu der zentralen Pyramide gegangen und hatte entdeckt, dass die Sonne (der Maya-Gott K’inich Ajaw) genau in der Verlängerung ihrer nordöstlichen Ecke aufgeht. Er sah auch, dass der Punkt, an dem sie am Abend untergeht, auf einer Linie von der westlichen Treppe zur Cenote Holtún liegt. Um ihren zu Recht bis heute berühmten Kalender zu kalibrieren, mussten die Maya jene Tage im Jahr bestimmen, an denen die Sonne exakt über ihnen steht. Montero und de Anda nehmen an, dass die Maya-Astronomen deshalb diese zwei Tage im Frühjahr und Sommer in der Karsthöhle zubrachten. Nur dann fällt das Sonnenlicht senkrecht auf das Wasser und wird nicht an die Höhlendecke reflektiert.

Für die Maya war die Astronomie eine heilige Disziplin, ähnlich wie das Bauen ihrer Städte und die Architektur. De Anda und Montero sind der Ansicht, dass nicht nur Holtún, sondern auch andere Cenoten entscheidend dafür gewesen sein könnten, wo Gebäude errichtet wurden.

Video: Guillermo de Anda erzählt von seiner Arbeit als Unterwasserarchäologe, und was die Cenoten den Maya bedeuteten.

Die Heilige Cenote von Chichén Itzá liegt im Norden der Pyramide des Kukulkán, zwei andere Karsthöhlen befinden sich im Süden und Südosten. Die Cenote Holtún genau im Nordwesten der Pyramide war möglicherweise die Vollendung einer Rautengeometrie, die es demVolk der Maya-Itzá ermöglichte zu bestimmen, wo sie ihre Stadt erbauen und wie sie deren Hauptpyramide ausrichten sollten. Falls weitere Studien dies bestätigen, werden die wichtigsten Koordinaten des Gesamtentwurfs von Chichén Itzá logisch erklärbar.

Unser Weg aus der Cenote ins Freie ist vor allem für die Maya-Bauern in Shorts und Flipflops ein hartes Stück Arbeit: Einen nach dem anderen müssen sie die Archäologen und mich wieder nach oben ziehen. Ringsum rascheln die Maisfelder, die lange keinen Regen mehr gesehen haben. Luis Un Ken, der Chef des Helferteams, ein freundlicher Mann, der in seinem Dorf großen Respekt genießt, ist aber optimistisch. «Kürzlich hat es ordentlich gegossen», sagt er und tupft sich den Schweiß aus dem Gesicht. «Chac hat sich gerührt.»

Für Maya wie ihn sind die alten Götter immer noch lebendig, und Chac, der Gott der Cenoten und Höhlen, ist eine der wichtigsten Gottheiten. Zum Nutzen allen Lebens schüttet er Wasser vom Himmel, das er in Tonkrügen aufbewahrt. Chac ist einer und viele zugleich: Jeder Donnerschlag ist von einem anderen Chac verursacht, der einen Krug öffnet und den Regen ausgießt. Jeder Gott bewohnt eine eigene Ebene der Realität, dazu kommen Dutzende mal duldsame, mal furchterregende Götter, die in den 13 Himmeln über der Weltebene und auf den neun Ebenen der Unterwelt leben. Gemeinsam bestimmen sie den Alltag der Maya mit Visionen, Träumen und Albträumen, und sie prägen den komplizierten Kalender mit Zeiten für die Landwirtschaft, für die Fruchtbarkeitsrituale und mit festen Regeln, wie Dinge erledigt werden müssen. Chac hat sich bewegt, sagt Un Ken. Also wird die Aussaat bald beginnen.

Wenn Chac die Maya im Stich lässt, kann das eine große Katastrophe zur Folge haben. Das versteht nur, wer einmal auf der harten, mondgleichen Fläche ihres früheren Reichs unterwegs gewesen ist, einer endlosen Landschaft aus Kalkstein. Der Regen sickert in dieser Karstregion direkt ins Grundwasser, es gibt keine Flüsse und Bäche. Das Wasser wird in Cenoten gespeichert: Sinklöchern im Gestein, die bis zum Wasserspiegel und noch tiefer hinabreichen.

Aus der Luft blickt man auf ein grünes Meer dichten Dschungels. Aber am Boden ist der Wald eher locker und besteht aus kärglichen Bäumen, deren Wurzeln sich ins Gestein krallen. Wo immer die Flecken fruchtbaren Erdreichs groß genug sind, bauen die Maya Mais auf milpa-Feldern an, einer erprobten Kombination von Mais mit Kürbis und Bohnen: eine wichtige Eiweißquelle. Aber Mais zieht große Mengen Nährstoffe aus dem Boden. Seit Tausenden von Jahren haben die milpa-Bauern deshalb jedes Jahr ein neues Stückchen Land brandgerodet. Wir sprechen von Entwaldung; den Maya sichert dies ihr Überleben.

Chac spielt auch bei der Bewässerung der Felder eine Rolle. Nur wenn der Regen in der richtigen Jahreszeit fällt, gedeiht der Mais so, wie er es sollte: kein Regen im Winter, damit die Felder und Waldgebiete im März so ausgetrocknet sind, dass sie gut brennen; ein wenig Regen Anfang Mai, damit der Boden für die Aussaat locker genug ist; dann sehr sanfte Regenfälle, damit die Saat aufgeht und der junge Gott des Maises in Form eines noch kaum ausgebildeten Kolbens erscheint; schließlich Regen in großer Menge, damit die Körner der ausgereiften Kolben kräftig zulegen. Wenn der Regen im jährlichen Kreislauf mal nicht wie gewohnt fällt, wird die Nahrung knapp.

Die eine Frage ist, weshalb die großen Maya­-Stadtstaaten einer nach dem anderen zusammenbrachen. Die andere, wie diese Menschen überhaupt überleben konnten, obwohl sie sich von Mais ernährten, der unter so schwierigen Bedingungen angebaut werden musste. Sie haben überlebt – und es ging ihnen sogar gut. Immer mal wieder gab es reiche Ernte. Und in Zeiten längerer Dürre, wenn der Wasserspiegel um bis zu sechs Meter fiel, boten die Maya ihren Göttern in einer Cenote Opfer dar, nach Ansicht von de Anda auch in Holtún.

Vor rund tausend Jahren lebten in Mittelamerika ein paar Millionen Maya. Sie bauten überall im trockenen Norden ihre Städte (stets in der Nähe einer lebenspendenden Cenote), deren Ruinen bisher erst zum Teil freigelegt worden sind. Ein paar Tage nach dem Besuch der Cenote Holtún gehe ich mit dem Archäologen und Höhlenforscher Donald Slater auf einem Pfad zwischen milpa-Feldern und dem Wald ein paar Kilometer von Chichén Itzá entfernt. Plötzlich weist er mit einem Nicken nach rechts. «Da ist es.»

Ich schaue mich um und sehe – nichts. Lediglich dünne Bäume und hinter ihnen noch mehr Bäume. Dann, endlich, erkenne ich etwa 50 Meter neben unserem Pfad einen steil ansteigenden Hügel: eine besonders große, bewachsene Pyramide. Direkt gegenüber ihrer südwestlichen Ecke ist eine Höhle.

Für die frühen Maya war sie einer der Wohnorte des Chac oder ein Mund: der aufgerissene Kiefer einer gefräßigen Erdgöttin. Slater vertritt die These, dass diese Höhle bei der Festlegung des Standorts oder zumindest der Ausrichtung der Pyramide eine wichtige Rolle spielte. Das Bauwerk ist schon lange bekannt, aber noch nicht erforscht.

Vor unserem Besuch hat der Forscher einige Maya­Bauern gebeten, die westliche Seite der Pyramide vom Bewuchs zu befreien, damit er den Weg der Sonne durch den Zenit besser verfolgen kann. Am Rand der Höhle weist Slater auf die Reste einiger Stufen, die vor Jahrhunderten grob in den Stein gehauen wurden – möglicher­ weise um für Priester einen besseren Zugang zu diesem Schlund ins Erdinnere zu schaffen. Er nimmt an, dass die Sonnenpriester die Nacht vor dem Zenitdurchgang der Sonne fastend, tanzend und singend zum Klang der Trommeln und der doppelkammrigen Tonflöte verbrachten; eine fand der Archäologe tief im Innern der Höhle. So priesen sie den Sonnengott, um noch einmal den Tag des Zenitdurchgangs und mit ihm den Regen kommen zu lassen.

Als wir dort stehen, wo wohl einst die heiligen Männer ausharrten, ragt die gesamte Pyramide vor uns auf. Wir warten. Genau um sieben Mi- nuten nach acht steigt flimmernd eine dicke orangefarbene Scheibe hinter dem Bau empor, scheint eine oder zwei Sekunden lang innezuhalten und zeigt sich dann in blendender Pracht. Sie füllt unsere Höhle mit feurigem Licht.

Für die Astronomen der Maya waren die Pyramiden in Yucatán, die an der Auf- und Untergangsposition der Sonne zur Tagundnachtgleiche oder den Tagen des Zenitdurchgangs ausgerichtet waren, nicht nur Bauwerke. Sie waren kosmische Zeitmesser, die in konstanter Interaktion mit dem Himmel standen. Das Zusammenwirken von Sonne und Wasser ließ die Maisfelder gedeihen.

Auf meiner Suche nach Chac fahre ich kreuz und quer über die Halbinsel Yucatán. Ich möchte Rituale besuchen, die mir helfen, die Verbindung der heutigen Maya zu ihren Vorfahren vergangener Jahrhunderte besser zu verstehen. In den armen Bauerngemeinden ist Chac noch immer sehr angesehen, und der Gott wird stets zur gleichen Zeit im Jahr mit einem sich lange hinziehenden Regengebet gefeiert. Es ist als Cha Chac bekannt.

Etwa 130 Kilometer südöstlich von Chichén Itzá, vor dem Gebiet, das unter dem klangvollen, aber irreführenden Begriff „Maya Riviera“ vermarktet wird, liegt der kleine Ort Chunpón. Er gehört zur von der Regierung proklamierten Zona Maya, die eine größere Region von Yucatán umfasst.

Ein Mann namens Pastor Caamal begleitet mich. Er arbeitet als Touristenführer. Wie viele seiner Nachbarn ist er ein Cruzoob – jemand, der an das sogenannte Sprechende Kreuz glaubt, das in dem als „Krieg der Kasten“ bekannten Aufstand 1847 bis 1901 eine wichtige Rolle spielte. Damals lehnten sich die Maya gegen die europäisch dominierte Regierung auf. Es heißt, das Kreuz habe das Wort Gottes an die Indigenen weitergegeben. Als Nachkömmling ihrer Krieger, die damals gegen die mexikanischen Truppen kämpften, leistet Caamal an zwei Wochen im Jahr Wachdienst an dem wie ein Heiligtum beschützten Aufbewahrungsort des Kreuzes.

«Die Cruzoob sind die überlebenden Maya dieses Krieges», sagt Caamal, während wir zu seinem Heimatort fahren. Das ist übertrieben: Der Krieg der Kasten war lokal begrenzt, und im südlichen Drittel Mexikos, im größten Teil von Guatemala und Belize sowie im Westen von Honduras und El Salvador leben heute etwa fünf Millionen Maya. Unbestritten ist, dass der Krieg in Yucatán fast jedes Dorf erfasste.

Ich frage meinen Begleiter, wie er denn die Kluft zwischen dem alten Glauben und dem Christentum, zwischen den Maya-Göttern und Jesus Christus überbrücke, den die Maya oft anrufen und manchmal „Unser Herr Heiligstes Kreuz Drei Personen“ nennen. «Wir sind Polytheisten», antwortet er. Es fällt auf, dass der Katholizismus in der Zona Maya kaum in Erscheinung tritt; stattdessen gibt es hmem – Priester, Heiler und Zauberer, die meist im Traum ihre Berufung entdecken und zwischen den Göttern und Gläubigen vermitteln.

Zunehmend ungeduldig, will ich von Caamal wissen, wo ich ein Cha-Chac- Ritual miterleben könne. Die Priester wüssten wohl, ob irgendwo bald eines stattfinden werde, antwortet er – auch wenn die richtige Zeit dafür schon fast vorüber sei.

In brütender Mittagshitze halten wir kurz am Gehöft von Caamals Familie. In der ovalen Küchenhütte schaukeln seine Verwandten schwatzend nebeneinander in ihren Hängematten. Seine winzige Mutter starrt mich, eine „Spanierin“, also eine nicht den Maya zugehörige Fremde, ungehalten an, aber sie backt einige Tortillas und bietet sie uns mit Fleisch und Chilis an. Später fragt sie ihren Sohn ohne Umschweife, wann ich endlich aus ihrer Hängematte verschwinden und gehen würde. Aber die Gesetze der Gastfreundschaft erfordern, dass uns etwas zu essen angeboten wird. Das ist so unabänderlich wie der Lauf der Sterne.

Weiter geht es durch die knochenweiße, knochenharte Karstlandschaft. Schlanke Bäume begleiten unseren Weg. Dann halten wir in dem Dorf Chun­Yah, das wie viele Siedlungen in der Zona Maya keinerlei Telefonverbindung mit der Außenwelt und nur sehr einfache Schulen hat. In seinem staubigen Anwesen aus ovalen, strohgedeckten Hütten begrüßt mich Mariano Pacheco Caamal, Pastor Caamals Mentor und hmem, mit einem breiten Lächeln.

Don Mariano erzählt, dass er 40 verschiedene Pflanzenarten kenne, mit denen er Krankheiten, Brüche und Schlangenbisse heilen könne. In einer bedrohlichen Zeit für Caamal hatte er einmal einen schützenden Ring unsichtbaren Feuers um seinen Freund gelegt. In Träumen lernte er, was und an welchem Wochentag er die Götter fragen muss. Er weiß, wo heilige Höhlen zu finden sind.

Mariano trägt über dem Knie abgeschnittene Hosen, dazu Flipflops, und für jemanden in seinem Alter und mit diesem Ansehen scheint er bemerkenswert wenig Besitz zu haben. Er spricht nur ein paar Brocken Spanisch. Caamal übersetzt. Ich fragte ihn, woran er erkennt, dass er Maya ist. Der sanftmütige heilige Mann blinzelt durch seine dicken Brillengläser. «Weil wir arm sind.» Ich hake nach. «Wegen unserer Nahrung, unserer Hautfarbe, unserer Kleinwüchsigkeit.» Und weiter: «Weil es hier keine Fabriken, keine Maschinen, keinen Qualm gibt. Nachts ist es friedlich und still. Weil wir für uns selber arbeiten. Wenn jemand für andere Leute arbeitet, sagen sie: ‹Gib mir deine Zeit.› Als Maya bist du dein eigener Herr.»

Weiß er von einem Cha Chac in der nächsten Zeit? Wieder der Hinweis, dass ich zu spät komme. In Chun­Yah wie auch anderswo sei die Phase schon vorüber, in der der Mais ausgesät und der Regengott angerufen werde. Immerhin erklärt er mir, wie eine Cha­Chac­Opferzeremonie in seiner Region abläuft: Ein rechteckiger Altar oder Opfertisch, einen knappen Meter breit und aus Schößlingen und ein paar Brettern zusammengesetzt, stellt die Welt dar. Die verschiedenen Speisen für Chac werden in einer strikten Ordnung darauf aufgebaut, zudem Gefäße aus halbierten Kürbissen mit balché, einem heiligen vergorenen Getränk, das aus Baumrinde hergestellt wird. Dazu Trinkschalen mit heiligem Wasser aus einer versteckten Cenote oder einer Höhle. Die besonderen Speiseopfer bestehen aus Tortillas, die aus 13 Schichten Maisteig gebacken sind. Sie symbolisieren die 13 Weltebenen über uns. Das Brot wird in bakaalché­Blätter gewickelt, die die Maya von einer Rankpflanze abtrennen, und in einem sarggroßen Erdloch, dem pib, neben dem Altar gebacken. Ein alles beschützendes Kreuz steht mittig hinten auf dem Tisch.

Ich erwähne, dass ich von den sapitos gehört habe: von den Jungen, die am Fuß des Altars hocken und Chac anlocken, indem sie den Ruf der Frösche in der Regenzeit nachahmen.

«Davon haben Sie in der Nähe von Chichén Itzá gehört, nicht wahr?», fragt Pastor Caamal. Dann ahmt er die Jungs nach, wie sie die Frösche nachahmen: «Die machen lek lek lek.» Er lächelt erneut. «Muy bonita costumbre. Eine hübsche Sitte. Wir machen das hier nicht.»

Doch in Yaxuná ist es üblich. In dem kleinen Ort wird an einem heißen Morgen, der immer noch keinen Regen bringt, eine späte Zeremonie für den ausbleibenden Chac abgehalten. Yaxuná liegt etwa 20 Kilometer südlich von Chichén Itzá. Hier sind immer noch viele Menschen vom Ertrag ihrer milpa­Felder abhängig, und das macht sie auch weiterhin zu furchtsamen Untertanen Chacs.

Als ich in dem Dorf ankomme, ist die Zeremonie schon fast zu Ende. Fast zwei Tage lang haben verzweifelt den Regen herbeiwünschende Dorfbewohner und ihre Priester ohne Pause oder Schlaf versucht, Chac anzulocken. Sie sind den weiten Weg durch den Wald zu einer versteckten Höhle gegangen und haben sich an einer beängstigenden Seilkonstruktion zu deren Mitte hinabgelassen, um Wasser für die Zeremonie heraufzuholen. Sie haben den Altar gebaut, die Backgrube ausgehoben, 13 kostbare Hühner für das rituelle Mahl beschafft, die ganze Nacht betend und balché trinkend den Altar bewacht. Sie haben die Teigfladen für die Brote aus 13 Schichten Mais und Kürbiskernen hergestellt, sie in der Grube gebacken und dann aus ihrem Glutbett wieder herausgeholt. Danach stieg der Rauch aus der offenen Grube als Opfer zum Regengott auf.

Nun steht der Priester Hipólito Puuc Tamay, eine runzlige Gestalt mit rotem Basecap, vor dem Altar und betet zu Chac, zu Jesus Christus, zu allen Heiligen, zu den Mächten des Himmels und der Erde und abermals zu Chac. Schickt dieser endlich den himmlischen Segen des Regens auf sie und die umliegenden Maya-Gemeinden und gewährt ihnen das Überleben im kommenden Sonnenkreislauf?

Der hmem instruiert einen der Dorfbewohner, sich auf einen Stein schräg hinter dem Altar zu hocken und stillzuhalten. Nur ab und an soll er in eine der Kalebassen blasen, in denen Chac den Wind aufbewahrt. Er ist ein Nachbar – und nun auch der Regengott. Mit geschlossenen Augen sitzt er da, um die Zeremonie nicht durch seinen bösen Blick zu stören.

Und da sind auch die kleinen Frösche: fünf etwas verschämte Jungen, die am Fuß des Altars kauern, vier an jeder Ecke und einer in der Mitte. Vier sagen «hmaa, hmaa, hmaa» und der fünfte «lek lek lek lek lek», was zusammen einen Gesang ergibt, der dem von Fröschen im Abendregen erstaunlich gleicht.

Aus dem Nichts kommt Wind auf. In der blauen Ferne grollt Donner. Als das zeremonielle Mahl aus Huhn und dem Brot an die erschöpften Männer verteilt wird, beginnt es sanft zu regnen – ein leichter, erfrischender Schauer. Chac hat das Opfer empfangen und die Gebete erhört.

(NG, Heft 8 / 2013, Seite(n) 116 bis 139)

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