Geschichte und Kultur

Der erste Mensch

In der Afar-Wüste Äthiopiens stießen Paläoanthropologen auf das 4,4 Mio Jahre alte Skelett eines frühen Hominiden, den sie „Ardi“ nannten.

Von Jamie Shreeve

Seit fast sechs Millionen Jahren haben unsere Vorfahren die Gegend am Mittleren Awash in Äthiopien ununterbrochen besiedelt. Heute legt die Erosion ihre fossilen Knochen wieder frei. Die Funde belegen, wie sich primitive Primaten Schritt für Schritt zu den Herren des Planeten entwickelten. Nirgendwo kann man besser erforschen, wie wir zu Menschen wurden.

In der Afar-Wüste kann ein Mensch auf viele Arten ums Leben kommen: Durch Krankheit, Löwen oder den Biss einer Schlange. Er kann hier, im Zentrum Äthiopiens, von einem Felsvorsprung stürzen oder in eine Schießerei zwischen verfeindeten Clans geraten.

Aber das Leben in Afrika ist beinahe überall mehr gefährdet als anderswo auf der Welt. Auf­fällig an der Afar-Region ist aber, dass die Über­reste der Toten hier zuweilen erstaunlich lange überdauern. Millionen von Jahren. Dazu trägt eine geologische Besonderheit bei: Die Senke von Afar liegt unmittelbar über einem Riss der Erdkruste, der immer breiter wird. Vulkane , Erdbeben und die langsame Anhäufung von Sedimenten – Ablagerungen von Schutt und Staub – haben vor Urzeiten zusammengewirkt und viele Knochen begraben. Viel später faltete sich der Erdboden wieder hoch, und die Erosion legt nun die fossilierten Gebeine wieder frei. «Hin und wieder haben wir dann Glück und finden das, was von ihnen übrig geblieben ist», sagt der Paläoanthropologe Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley.

White leitet zusammen mit seinen äthiopischen Kollegen Berhane Asfaw und Giday Wolde-Gabriel das Forschungsprojekt „Mittlerer Awash“. Der Name bezieht sich auf einen Abschnitt des Flusses Awash in der Afar-Region. Im Oktober 2009 hatten die Forscher eine Sensation publik gemacht – 15 Jahre nachdem sie dort, an einem Ort namens Aramis, rund 30 Kilometer nördlich des heutigen Yardi-Sees, das Skelett eines Frühmenschen gefunden hatten, der vor 4,4 Millionen Jahren gestorben war.

Die Tote war weiblich und gehört zur Spezies Ardipithecus ramidus. Deswegen wurde sie kurz „Ardi“ getauft. Die Überreste sind mehr als eine Million Jahre älter als das Skelett von „Lucy“, jener weltberühmten Frau der schon moderneren Gattung Australopithecus. Von „Ardi“ erhoffen sich die Forscher neue Aufschlüsse über eine Kernfrage der Evolution: Wie sah der Vorfahr aus, den wir Menschen mit dem Schimpansen gemeinsam haben?

Für den, der die Entwicklung vom Affen über frühe Menschenformen bis hin zu jener Art nachvollziehen will, die heute das Schicksal der Erde bestimmt, gibt es auf der ganzen Welt keinen besseren Ort als den Mittleren Awash. Neben der Fundstätte bei Aramis haben Bodenschichten aus 14 weiteren Zeitabschnitten Fossilien von Homininen freigegeben. (Das ist der biologische Sammelbegriff für die lebenden und ausgestorbenen Mitglieder der menschlichen Abstammungslinie.) Zusammen mit den Menschenaffen gehören die Homininen zur übergeordneten Gruppe der Hominiden. Viele dieser Fundstellen liegen hier geografisch so dicht beieinander, dass man die Geschichte der Evolution des Menschen innerhalb weniger Tage buchstäblich zu Fuß durchwandern kann. White lädt mich ein, sein Team zu begleiten, um das zu beweisen. Wir haben vor, am Yardi-See in der Jetztzeit zu beginnen und von dort immer tiefer in die Vergangenheit zu gehen. Dabei sollten wir Schritt für Schritt, Art für Art und Merkmal für Merkmal bei den Fossilien immer weniger von dem finden, was uns zu Menschen macht.

Herto: Ein alter Bekannter

Mit zwei Dutzend Wissenschaftlern und Studenten sowie sechs bewaffneten Wächtern fahren wir ins Gelände. Unsere Karawane aus elf Fahrzeugen führt Lebensmittel und Ausrüstung für sechs Wochen mit. Auf sorgfältig angelegte Terrassenfelder mit Mais und Hirse folgen bald neblige Wälder. Strandgut der Zeitgeschichte säumt die Straße: Hinter einer Kurve liegt das Blechgerippe eines gepanzerten Truppentransporters aus dem Bürgerkrieg der neunziger Jahre, ein Stück weiter ist über einem Tunnel der Name «Mussolini» eingemeißelt – ein Hinweis darauf, dass das Land vor 80 Jahren noch von Italien besetzt war.

Vom oberen Ende eines Steilhangs holpern wir in Serpentinen eine gigantische natürliche Treppe hinab. Sie ist dadurch entstanden, dass die Arabische Kontinentalplatte von Afrika wegdriftet. Das begann vor etwa 30 Millionen Jahren und ließ die Senke von Afar immer tiefer rutschen. Je weiter wir hinabkommen, desto spärlicher wird die Vegetation, die Sonne brennt immer heißer. Hundert Meter über dem Boden der Senke halten wir an. Am südöstlichen Horizont, hinter dem grünen Band des Flusses Awash, scheint das Hochland mit dem Gipfel des jungen Vulkans Ayelu zu verschmelzen. Unter dem Ayelu glitzert der Yardi-See.

Zwei Tage später ziehen wir an seinem Ufer entlang: White, Asfaw, Wolde-Gabriel sowie der amerikanische Geologe Bill Hart und Ahamed Elema, das Oberhaupt der Afar-Sippe Bouri- Modaito. Bunte Libellen tanzen um unsere Füße. Dies ist heute wie früher ein ideales Umfeld für die Entstehung von Fossilien. Tiere kommen, um zu fressen, zu trinken, zu töten. Knochen werden im Schlamm begraben und vor der Zersetzung bewahrt. White – 58, zäh und dünn wie ein Schakal – stochert mit seinem Eispickel in den Kadavern kürzlich verendeter Tiere: im Skelett eines Welses, das ein Adler zurückgelassen hat; im Kopf einer Kuh, überzogen mit einer ledrigen Maske aus getrocknetem Fleisch. «Ein erstklassiger Platz, um zum Fossil zu werden», sagt er.

Am ersten Tag begehen wir die hoch aufragende Landzunge der Bouri-Halbinsel. Hier liegt das Afar-Dorf Herto. Ein Junge und ein Mädchen kommen mit ihren Ziegenherden neugierig auf uns zu. Die Afar betreiben Weidewirtschaft, und wenn man von den Gewehren absieht, die in jüngster Zeit hinzugekommen sind, leben sie heute nicht viel anders als vor 500 Jahren. Wir gehen in der Hitze zwischen den leise blökenden Tieren hindurch, und dabei ist uns, als würde die Geschichte mit jedem Schritt ein Stück weiter zurückgedreht.

«Passen Sie auf, wo Sie hintreten», sagt Asfaw, als wir uns den grasbewachsenen Hütten des mit Dornbüschen eingefriedeten Dorfs nähern. Um mich herum hat die Erosion im gelblichen Sand Stücke eines fossilen Flusspferdschädels freigelegt. Nicht weit davon liegt ein tropfenförmiges, rund zwölf Zentimeter langes Steinbeil. Die Afar stellen keine Steinwerkzeuge her: Wir haben das erste Fenster in die Vergangenheit erreicht.

Genau an dieser Stelle hat ein Mitglied des Teams im November 1997 das Bruchstück eines Hominidenschädels gefunden. Seine Lage wurde mit einem gelben Fähnchen markiert, und das Team schwärmte aus, um nach weiteren Fragmenten zu suchen. Wenig später standen die gelben Fähnchen wie ein Feld voller Blumen, besonders dicht aber an einer Stelle. Hier lag, im Sandboden begraben, ein bemerkenswert vollständiger menschlicher Schädel.

Während die anderen Teammitglieder Knochen ausgruben, sammelte der Geologe Wolde­ Gabriel Gesteinsproben: Obsidian­ und Bimssteinbrocken, manche so groß wie Tennisbälle. Solches Gestein, das die Erde bei Vulkanausbrüchen ausspeit, ist für Geologen Gold wert, denn in vielen Fällen kann man sein Alter sehr genau bestimmen. Die Untersuchungen ergaben, dass der Schädel 154.000 bis 160.000 Jahre alt war.

Diese zeitliche Einordnung ist von enormer Bedeutung. Genetiker haben die DNA heutiger Menschen aus verschiedenen geografischen Regionen der Erde analysiert und aus Ähnlichkeiten und Abweichungen im Erbgut errechnet, dass alle heutigen Menschen von einer Population abstammen, die vor 100.000 bis 200.000 Jahren in Afrika lebte. Fossilien, die das genetische Modell absichern könnten, gab es aus dieser Zeit jedoch kaum. Bis zu jenem Fund.

Der breite männliche Schädel mit seinen kräftigen Brauenwülsten erwies sich als das ideale Gesicht für die „Out of Africa“­Theorie. Er stammt von einem sehr frühen modernen Homo sapiens. Tim White nimmt an, dass es sich sogar um den ältesten jemals gefundenen Vertreter unserer Art handelt. Der hohe, gewölbte Hirnschädel ist erstaunlich groß: Er hat ein Volumen von 1450 Kubikzentimetern – mehr als ein durchschnittlicher Mensch heute. Andererseits stellen das lange Gesicht des Fossils und einige Merkmale auf der Schädelrückseite auch eine Verbindung zu älteren Formen der Gattung Homo her, etwa zu einem 600.000 Jahre alten Schädel, den andere Forscher 1976 auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses Awash entdeckt hatten, an der Fundstätte Bodo.

«Eines wissen wir über die Menschen von Herto: Sie mochten Fleisch. Vor allem von Flusspferden», sagt White, während er Sand von einem Hipposchädel bürstet. Viele Säugetierknochen, die hier gefunden wurden, tragen Schnittspuren von Steinwerkzeugen. Ob die Menschen die Tiere aktiv jagten oder die von Raubtieren übrig gelassenen Kadaver verwerteten, lässt sich nicht feststellen. Schneckengehäuse im Sand weisen darauf hin, dass sie die Tiere wohl am Ufer eines Süßwassersees zerlegten, der dem heutigen Yardi ähnelte. Spuren von Feuer oder Anzeichen für eine Siedlung gibt es allerdings nicht.

Nach der Größe des Gehirns zu schließen, war der Mensch von Herto ebenso „menschlich“ wie irgendjemand, der heute lebt. Auffällig ist aber: Seine Steinwerkzeuge sind zwar recht fortschrittlich, unterscheiden sich allerdings kaum von Funden, die 100.000 Jahre älter oder 100.000 Jahre jünger sind.

Es gibt auch keine durchbohrten Perlen wie an anderen, rund 60.000 Jahre jüngeren afrikanischen Fundstätten. Ebenso fehlen geschnitzte Figuren, wie man sie aus der Altsteinzeit in Europa kennt, jener Epoche vor rund 40.000 Jahren, als der Mensch die Kunst erfand. 160.000 Jahre sind in der Evolutionsgeschichte kaum mehr als ein Augenblick – und dennoch haben wir auf unserer Reise in die Vergangenheit hier in Herto schon ein wesentliches Merkmal des Menschseins hinter uns gelassen: die Fähigkeit zur Innovation.

Einige besondere Knochen zeigen freilich ein Merkmal, das mit aller Vorsicht als Vorbote späteren Sozialverhaltens zu deuten sein könnte. Sie gehören zu einem Kind, das etwa sechs oder sieben Jahre alt war. Schnittspuren an seinem Schädel zeigen, dass er sorgfältig vom Fleisch gereinigt wurde, als die Knochen noch frisch waren. Die Art der Schnitte schließt Kannibalismus vermutlich aus. Sie weist eher auf eine rituelle Handlung hin. Die Oberfläche des jugendlichen Schädels ist unversehrt, wirkt aber an einer Stelle wie poliert, als ob er öfter in die Hand genommen wurde. Vielleicht diente er als eine Art Reliquie, ehe ihn irgendjemand hier in Herto zur letzten Ruhe bettete.

Daka: Schon auf unserer Seite

Nach einem schnellen Mittagessen setzen wir unseren Spaziergang auf der anderen Seite des Dorfs fort. Hier fällt der östliche Abhang des Bouri­Bergrückens in eine sonnenverbrannte Mondlandschaft ab: grauer Sandstein, öde und bizarr, hier und da unterbrochen von kleinen Höhlen. Wolde-Gabriel erklärt mir, wie die Bodenschichten hier einst durch geologische Verwerfungen gekippt und dann über Jahrtausende von Wind, Wasser und Schwerkraft wieder freigelegt und geformt wurden.

Dann stehen wir an einem weiteren Zeitfenster, der Dakanihylo­ oder Daka­Schicht der Bouri­Formation. Diese Sedimente sind rund eine Million Jahre alt. Hier hatte Ende Dezember 1997 der Anthropologe Henry Gilbert die Oberseite eines Schädels entdeckt, den die Erosion zum Teil freigelegt hatte. Der Fund wurde, ein­ gebettet in einen 50 Kilo schweren Sandstein­ block, nach Addis Abeba geschafft und dort im Museum vorsichtig gesäubert mit Zahnarztbohrern und Stachelschweinstacheln. Dabei kam das vollständige Schädelgewölbe eines Exemplars der Spezies Homo erectus zum Vorschein, leider ohne Gesichtsknochen.

Die Überreste eines Homo erectus waren erstmals 1891 in Indonesien entdeckt worden. Die Art gehört zu den am besten bekannten Frühmenschen. In Körpergröße und Proportionen ähnelte er uns, den modernen Menschen, schon sehr. Die Periode, in der er seine Steinwerkzeuge schuf, wird Acheuléen genannt, nach einem bekannten Fundort in Frankreich, Saint Acheul.

Typisch sind große, symmetrisch geformte Faustkeile. Elema hebt einen auf: Es ist ein Brocken aus schwarzem Basalt. Das dicke Ende liegt gut in der Hand, zu den Rändern und zur Spitze hin sind auf allen Seiten Splitter abgeschlagen worden. Es ist ein gröberes Gerät als die Werk­ zeuge, die ich in Herto gesehen habe, aber in seiner Symmetrie spiegelt sich die Fähigkeit wider, in einem Stück Stein eine Form zu erkennen und sie durch gezielte Schläge zu verfeinern.

Aufrechten Gangs und ausgerüstet mit solchen Werkzeugen, verließ der Homo erectus vermutlich als erster Hominide vor fast zwei Millionen Jahren den afrikanischen Kontinent und wanderte bis nach Südostasien. In älteren Lehrbüchern findet er sich dort noch unter dem Namen „Pekingmensch“.

Auf dem kurzen Spaziergang von Herto hinüber nach Daka ist abermals ein Teil unseres Menschseins verschwunden: einige hundert Kubikzentimeter an grauer Gehirnsubstanz. Der Hirnschädel von Daka hat ein Volumen von tausend Kubikzentimetern – typisch für Homo erectus, aber viel weniger als beim frühen modernen Menschen von Herto oder dem da­ zwischen datierten, 600.000 Jahre alten Schädel von Bodo. Außerdem blieben die von Homo erectus hergestellten Acheuléen­Werkzeuge nicht nur 100000, sondern mehr als eine Million Jahre lang nahezu gleich.

Für White gibt es dennoch keinen Zweifel daran, «dass diese Spezies ungeheuer erfolgreich war. Sie hat ihren Lebensraum über Afrika hinaus vergrößert. Homo erectus stand durchaus schon auf unserer Seite einer Scheidelinie in der Evolution zum Menschen. Wenn wir nun weiter in die Vergangenheit zurückgehen, werden wir in eine völlig fremde Welt blicken.»

Hata: Die Überraschung

Dazu brauchen wir nicht mehr als einen einzigen Schritt. Unterhalb der Sedimente in der Daka­Schicht gibt es eine Unterbrechung in der geologischen Abfolge. Gesteinsverschiebungen und die Erosion haben einen ganzen Zeitabschnitt entfernt. Ein großer Schritt reicht – und wir haben anderthalb Millionen Jahre übersprungen. Wir wandern nun über eine kahle, von ausgetrockneten Flussbetten durchschnittene Ebene, die in der Nachmittagshitze rötlich grau flimmert.

Die rötlichen Schichtungen werden Hata genannt. Schon Mitte der neunziger Jahre eröffnete hier eine Reihe von Entdeckungen den Blick auf eine der größten Umwälzungen in unserer Evolution. An Knochen von Antilopen, Pferden und anderen Säugetieren sind die charakteristischen Schnittspuren von Steinwerkzeugen zu erkennen. Mit einem Alter von zweieinhalb Millionen Jahren gehören sie zu den ältesten Zeugnissen des Gebrauchs von Werkzeugen. «Kerben auf der Innenseite eines Antilopenkiefers zeigen uns zum Beispiel, dass die Frühmenschen dem Tier die Zunge herausgeschnitten haben», sagt White. «Wir wissen also nicht nur, dass sie Werkzeuge herstellten, sondern auch, wozu: um sich an Säugetierkadavern mit Nahrung zu versorgen.» Weil die Wissenschaftler bei den Knochen aber nicht die passenden Werkzeuge fanden, habe wer auch immer das Tier zerlegte sein Werkzeug wohl mitgenommen. «Diese Menschen hatten keine festen Siedlungen», sagt White. «Sie kamen und gingen.»

Doch wer waren „sie“? Nur wenige Meter von den Säugetiergebeinen mit den Schnittspuren entfernt kamen ein Oberschenkelknochen, einige Armknochen und ein Unterkieferfragment ans Licht – fossile Überreste eines einzigen Hominiden. Der Oberschenkelknochen war lang; das erinnerte an die Gattung Homo. Der Unterarm war aber ebenfalls lang; das passte zu einem Menschenaffen. Was da lag, schien der Traum jedes Paläoanthropologen zu sein: der fossile Nachweis für die Aufspaltung der Hominiden in zwei Entwicklungslinien.

Zu jener Zeit entwickelte ein Ast der Gattung Australopithecus gewaltige Kiefermuskeln und mächtige Backenzähne – Hilfsmittel zum Zerbeißen zäher Wurzeln und anderer harter Nahrung. Der andere Zweig brachte Homininen mit immer kleineren Backenzähnen, leichterem Körperbau, längeren Beinen und einem größeren Gehirn hervor. Er führte – zu uns.

Ein größeres Gehirn ist natürlich nützlich, sein Unterhalt aber aufwendig. Es braucht ständig kalorienreiche Nahrung. Die kann man sich beispielsweise beschaffen, wenn man von Löwen gerissene Tiere verwertet und die Knochen zerschlägt, um das nahrhafte Mark herauszusaugen. In Hata fehlte nur noch ein passender Schädel, um diese Annahme zu belegen: Er sollte kleiner sein als der eines Homo erectus, aber eindeutig auf dem Entwicklungsweg in dessen Richtung. Prompt entdeckte Yohannes Haile-Selassie, der heute eine Abteilung für Anthropologie am Cleveland-Museum für Naturgeschichte leitet, in der folgenden Grabungssaison das erste Stück eines solchen Schädels. Mit dem so sehr erhofften „Anthropologentraum“ hatte es allerdings nicht viel gemein.

Berhane Asfaw wendet sich hinaus in die flache Ebene, um mir die Fundstelle zu zeigen. Steinhaufen zeugen von den sieben Wochen harter Arbeit, die zur Bergung der Knochen- stücke notwendig waren. Doch schließlich hatte man den Schädel zusammen: Die Größe der Schneidezähne und einige andere Merkmale erinnerten an die Gattung Homo. Aber die Backenzähne waren riesig. Und der Hirnschädel fasste höchstens 450 Kubikzentimeter, nicht mehr als der eines typischen Australopithecus. Das hier waren nicht die Überreste eines Lebewesens, das wie der Homo erectus seine Umwelt beherrschte. Sie gehörten zu einem schlauen, auf zwei Beinen gehenden Primaten, der sich zwischen größeren, schnelleren Raubtieren behaupten musste, immer bemüht, ihren Kiefern lange genug zu entgehen, um seine wachsende Intelligenz an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Forscher nannten ihn Australopithecus garhi. Garhi bedeutet in der Sprache der Afar „Überraschung“. Die Zeit und der Ort stimmen, um als Vorfahr der Gattung Homo in Frage zu kommen. Aber war er es wirklich? «Darauf werden Sie bald eine Antwort bekommen», sagt Asfaw auf dem Rückweg ins Lager. «Und Sie werden sie hier am Awash bekommen.»

Aramis: Großes Forscherglück

Am folgenden morgen finde ich Asfaw, White, Wolde-Gabriel und Elema um einige Landkarten versammelt. Unser Weg wird uns durch das Gebiet einer feindseligen Afar-Sippe führen, der Alisera. Um Schwierigkeiten zu vermeiden, wollen wir zuerst ihrem Dorf Adgantole einen diplomatischen Besuch abstatten und dabei die sechs Afar-Polizisten mitnehmen. Außerdem genießt Elema als Distriktbeamter und Oberhaupt der Bouri-Modaitu den Respekt aller Afar-Sippen am Mittleren Awash. Nach einem hoffentlich freundlichen Zusammentreffen soll das Forschungsteam in Richtung Bouri-Modaitu fahren und außer Sichtweite ein paar von uns absetzen. Von dort wollen wir unsere Exkursion in die Vergangenheit fortsetzen.

Adgantole ist ein muffig riechendes, staubiges Dorf am Rand der Überflutungsebene des Awash. Die Afar begrüßen sich gegenseitig traditionell mit dem dagu, einem Hagel von Handküssen und dem Austausch von Neuigkeiten. Doch hier erscheinen nur wenige Bewohner. Der Häuptling der Sippe ist offenbar krank und bleibt in seiner Hütte. Elema geht allein hinein, um mit ihm zu sprechen. Danach machen wir uns wieder auf den Weg. Streng genommen müssten wir auf unserem Spaziergang durch die Zeit jetzt zunächst an einer 3,4 Millionen Jahre alten Fundstätte namens Maka Station machen. Dort hat man das Stück eines Kiefers und andere Überreste eines Australopithecus afarensis gefunden. Aber Maka liegt auf der anderen Seite des Flusses. Seit einem blutigen Krieg zwischen den Afar und den Issa ist dieses Gelände gefährliches Niemandsland – gut für Wildtiere, schlecht für Fossiliensucher.

Der bekannteste Australopithecus afarensis ist „Lucy“. Donald Johanson hat ihr Skelett 1974 unweit von hier in Hadar gefunden. „Lucy“ ist etwa 3,2 Millionen Jahre alt. Sie hatte eine vorspringende Schnauze, und ihr Gehirn war nicht viel größer als das eines Schimpansen. Aber ihr Becken und die Beinknochen zeigten, dass sie einer Art angehörte, die bereits aufrecht ging. Ihre langen, gebogenen Finger und die langen Unterarme ließen andererseits vermuten, dass sie auch fähig war, sich wie ein Schimpanse in den Bäumen fortzuhangeln. Die meisten Wissenschaftler unterstellten deshalb, „Lucys“ Vorfahren hätten noch stärker Schimpansen geglichen. Man brauche nur noch die Knochen, um das zu beweisen. Doch die Fossilien, die man dann fand, sorgten für eine Überraschung.

«Wir haben ja geglaubt, „Lucy“ sei urtümlich», sagt White, während wir uns mit unseren Autos dem Ort Aramis nähern. «Wir hatten ja keine Ahnung, was wirklich primitiv ist.» Er gibt über Funk die Anweisung anzuhalten. Von hier aus setzen wir unseren Weg zurück durch die Zeit zu Fuß fort. Wir halten uns Richtung Südwesten und durchqueren eine triste Landschaft, die als Central Awash Com­ plex (CAC) bezeichnet wird. Mitten in dieser Region liegt Aramis, „Ardis“ Heimat.

Giday Wolde-Gabriel erklärt mir die komplizierten geologischen Verhältnisse des CAC. Vor rund 5,2 Millionen Jahren ergoss sich hier ein Lavastrom über eine gewaltige Überschwemmungsebene. Auf dem erstarrten Basalt lagerten sich im Laufe der Zeit viele Schichten von Sedimenten ab. Hin und wieder hinterließen Vulkanausbrüche dünne Ascheschichten. Vergleichbar etwa den Cremelagen zwischen den Schichten einer gewaltigen Torte. Aus dem Erdinneren aufsteigendes Magma drückte unter eine Seite dieser Torte und ließ sie nach Westen kippen. Dadurch wurden einige der unteren Schichten wieder freigelegt. Unser Weg führt uns zwischen solchen gekippten Ablagerungen hindurch: Wir bewegen uns zwar waagerecht durch den Raum, dringen dabei aber senkrecht in die Zeit vor.

Schließlich steigen wir einen Abhang hinab. Wolde-Gabriel bleibt plötzlich stehen und klopft mit seinem Geologenhammer an einem Streifen Vulkangestein herum, dem sogenannten Lubaka­Tuff. Der enthält zwar selbst keine Mineralien für eine sichere Altersbestimmung, wohl aber das Material direkt darunter. Es ist magnetisches Gestein. Die Magnetpole der Erde haben über die Äonen immer mal wieder Süd­ und Nordpol vertauscht, und das zeigt sich an der Orientierung magnetischer Mineralien. Eine solche Polaritätsumkehr hat vor 4,18 Millionen Jahren stattgefunden, und dieses Ereignis hat in den Sedimenten des CAC für geübte Geologen eine sichtbare Markierung hinterlassen.

Unmittelbar unterhalb der Schicht mit diesem „Kalendereintrag“ liegt unser erstes Ziel: eine mit vereinzelten Büschen bestandene Ebene, in der 1994 ein fossiler Kieferknochen gefunden wurde. Er passte gut zu Fossilien, die Meave Leakey und ihr Team einige Zeit früher in Kenia entdeckt und auf den Namen Australopithecus anamensis getauft hatten. Ähnliche Knochen fanden sich am Mittleren Awash an einer Stelle namens Asa Issie, ungefähr zehn Kilometer von unserem gegenwärtigen Standort entfernt. All diese Fossilien sind ein wenig älter und urtümlicher als die von Australopithecus afarensis, aber nach dem Schienbein aus Kenia und einem Oberschenkelknochen von Asa Issie zu urteilen, ging auch der Australopithecus anamensis auf­ recht. Möglicherweise sind afarensis und anamensis nur unterschiedlich alte Vertreter ein und derselben Art, zwei Knospen einer einzigen evolutionsgeschichtlichen Linie am Stammbaum des Menschen. Eine klare Grenze zwischen ihnen gibt es nicht.

Geht man noch weiter in die Zeit zurück, dann öffnet sich nun unterhalb der Schicht des Australopithecus anamensis eine Lücke in den Belegen über die Hominidenevolution am Mittleren Awash. Der Lehm, über den wir jetzt wandern, wurde vor 4,4 bis 4,3 Millionen Jahren abgelagert. Damals lag hier ein See, und außer den Überresten von Fischen ist davon nichts erhalten geblieben. Doch in der Schicht darunter lag der schönste Fund von allen.

Dabei scheint die von der Sonne versengte Niederung, durch die wir nun stapfen, keine Besonderheiten zu enthalten. Mit Ausnahme eines Halbkreises aus Basaltsteinen. Er kenn­ zeichnet die Stelle, an der Gen Suwa, ein Paläoanthropologe der Universität Tokio, am 17. Dezember 1992 einen rätselhaften Backenzahn aus dem Boden ragen sah. Er war gerade noch als Zahn eines Menschen zu erkennen. Tage später fand der Fossiliensammler Alemayehu Asfaw in der Nähe das Stück eines kindlichen Unterkiefers. Darin steckte der vorderste Backenzahn eines Milchgebisses.

«Dieser Backenzahn war anders als alle Kleinkindzähne früher Menschen, die ich jemals gesehen hatte, und ich habe alle gesehen», erklärte mir White. «Gen Suwa und ich haben uns nur angeschaut. Wir mussten nichts sagen. Dieser Zahn war bei weitem primitiver als der eines Australopithecus.»

Das Team steckte ein Forschungsareal ab und begann mit der mühsamen Suche nach weiteren Fossilien. Wolde-Gabriel übernahm die geologische Altersbestimmung. Die Schicht mit den frühmenschlichen Überresten lag zwischen zwei Lagen von Tuff. Beide waren gleich alt: 4,4 Millionen Jahre. Demnach hatten zwei Vulkanausbrüche einen scharf abgegrenzten Zeitraum markiert – vielleicht lagen nicht mehr als tausend Jahre dazwischen. Und überall, wo diese Schicht an die Oberfläche trat – in Form eines neun Kilometer langen Bogens –, gab es Fossilien: von Affen, Antilopen, Nashörnern, Bären, Vögeln, Insekten. Fossiles Holz und andere Pflanzenteile. Ja sogar versteinerte Brutkammern von Mistkäfern. Nach dem Afar­Namen für ein nahe gelegenes, ausgetrocknetes Bachbett bezeichneten sie die Stelle als Aramis.

Im folgenden Jahr kamen weitere Hominidenfossilien ans Licht: ein kaum abgenutzter Eckzahn, ein schöner Backenzahn, weitere Zähne, schließlich ein Armknochen. Noch wichtiger waren aber die Anhaltspunkte für die Landschaft, in der dieses Wesen gelebt hatte.

Seit fast einem Jahrhundert hatten die Wissenschaftler angenommen, dass unsere Vorfahren zum aufrechten Gang wechselten, als sie den Wald verließen, in dem Gorillas und Schimpansen noch heute leben. Im offenen Grasland hätten sich unsere menschlichen Ahnen aufrecht gehend besser über große Entfernungen fort­ bewegen können. Außerdem hätten sie weiter sehen können. Der größte Teil der in Aramis gefundenen Säugetierknochen stammte aber von Kleinaffen und Antilopen, die im Wald lebten. Das Abnutzungsmuster der Hominidenzähne und die Analyse des Zahnschmelzes ließen außerdem auf eine Ernährung schließen, die eher zu einem bewaldeten Umfeld passt. Wenn diese Wesen tatsächlich auf zwei Beinen gingen, wäre die These, dass sich der aufrechte Gang erst mit dem Leben in der Savanne entwickelte, widerlegt. Der neue Hominide erhielt den Namen Ardipithecus ramidus (ardi bedeutet auf Afar „Boden“, ramid heißt „Wurzel“.)

Dann kam das Jahr 1994. Am ersten Tag einer neuen Grabungssaison reicht es normalerweise allen, zunächst das Lager einzurichten. Diesmal nicht: Noch im letzten Abendlicht des ersten Tages eilten sie sofort wieder zum bekannten Fundort. Und die Sonne war noch nicht untergegangen, da stieß Yohannes Haile-Selassie, keinen Steinwurf von der Stelle entfernt, an der man im Jahr zuvor die Zähne entdeckt hatte, auf den Knochen einer Hand.

Am folgenden Tag siebte das Team den ganzen Lehmboden durch, wobei weitere Hand- und Fußknochen ans Licht kamen. Dann fand jemand ein Schienbein. Und schließlich Schädel und Becken, beide allerdings ziemlich zerstückelt. Jedes Knochenteil, das die Wissenschaftler fanden, 125 insgesamt, begossen sie mit einer Härtungslösung. Dann wickelten sie es samt umliegendem Gestein in Gips, damit das Fossil den Transport nach Addis Abeba möglichst ohne weitere Schäden überstehen konnte.

Inzwischen war allen klar, was anfangs keiner zu glauben gewagt hatte: Sie hatten das Skelett eines einzigen Individuums gefunden. Es war ebenso vollständig wie das von „Lucy“, sah aber anders aus als alles, was sie je gesehen hatten.

Die meisten Tierknochen in Aramis zeigten Bissspuren von Hyänen, doch das Hominidenskelett wunderbarerweise nicht. Die sterblichen Überreste dieses weiblichen Wesens waren vielleicht von Flusspferden oder anderen Pflanzenfressern in den Schlamm getrampelt worden, so dass Aasfresser sie nicht fanden. 4,4 Millionen Jahre lang waren sie begraben gewesen, doch hätten ihnen nun Wind und Sonne noch ein oder zwei weitere Jahre zugesetzt, wären sie wohl zu Staub zerfallen.

«Dass wir genau zu dieser Zeit genau an diesem Ort darauf gestoßen sind», sagt White, «dafür ist das Wort Glück viel zu wenig.»

Zwei weitere Jahre waren notwendig, um das Skelett zu bergen, weitere Jahre vergingen mit der Reinigung und dem Präparieren der Knochen. Parallel dazu fertigte Suwa, ein Experte auf dem Gebiet der virtuellen Anthropologie, Computertomogramme der Knochen an. Die digitalen Versionen konnte man analysieren, ohne die zerbrechlichen Originale anfassen zu müssen. 15 lange Jahre hatten nur er, White und eine Handvoll Kollegen Zugang zu dem Skelett.

«So etwas wie Heureka-Momente gab es eigentlich nicht», erzählt White in der Rückschau nüchtern – doch dann beschreibt er gleich ein halbes Dutzend eben solcher Augenblicke.

Da war etwa der Tag, an dem er den Gips rund um das mittlere Keilbein entfernte, einen kleinen Mittelfußknochen am Hinterende der großen Zehe. Bei Menschen und allen anderen Homininen ist er so ausgerichtet, dass die große Zehe in einer Reihe mit den anderen Zehen steht, Druck auf den Boden ausüben kann und so das Abstoßen beim Gehen unterstützt. Bei Menschenaffen ist die Form dagegen so, dass die große Zehe abgespreizt werden kann, was zum Greifen und Festhalten im Geäst nützlich ist. In diesem Merkmal glich „Ardi“ den Menschenaffen. Viele andere Merkmale im Fuß waren aber überhaupt nicht menschenaffenähnlich, sondern Belege für das aufrechte Gehen.

Wohin die Wissenschaftler auch blickten, überall fanden sie ein ähnlich bizarres Mosaik: manche Merkmale waren sehr primitiv, andere weit entwickelt. Deswegen riskiere ich es, Tim White zu fragen, ob Ardipithecus ramidus vielleicht das lange gesuchte missing link ist, das „fehlende Bindeglied“ zwischen Affe und Mensch. «Quatsch», antwortet er ungewöhnlich unwirsch. «Dieser Begriff ist völlig falsch. Und am schlimmsten ist die Vorstellung, es habe irgendwann in der Evolution ein Wesen gegeben, das auf halbem Weg zwischen Schimpansen und Menschen stand. Diese Fehleinschätzung hat das Nachdenken über die Entwicklung des Menschen lange Zeit sehr erschwert. Mit dem Fund von „Ardi“ sollten wir sie endgültig beerdigen.» Sie sei ganz sicher kein Affe auf dem Weg zum aufrecht gehenden Menschen gewesen.

Richtig sei, dass Menschenaffen und Menschen einen gemeinsamen Vorfahren gehabt hätten. Aber ihre Entwicklungslinien hätten sich schon früh getrennt und ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Zuletzt: Der gemeinsame Vorfahr

Nun habe ich vor dem Abendessen noch einen Spaziergang durch eine Million Jahre vor mir. Von Aramis aus wandern wir über eine Geröllebene, bis wir einen Aussichtspunkt erreichen. Unter einem ungeheuer weiten, blauen Himmel überblicken wir 250 Quadratkilometer des Forschungsgeländes. Links sehen wir den flachen Höcker eines erloschenen Vulkans namens Dulu Ali, dahinter erkennt man die Bouri-Halbinsel sowie den Yardi-See, wo wir tags zuvor aufgebrochen sind. Dies ist die richtige Stelle, um die Evolution von „Ardi“ hin zu uns, den modernen Menschen, noch einmal zusammenzufassen.

«Nach heutigem Wissen können wir die Evolution des Menschen in drei Stadien einteilen», sagt White. «Aber die Grenzen dazwischen sind willkürlich gezogen und dienen nur der besseren Übersicht.» Das erste Stadium sei am besten durch Ardipithecus repräsentiert, einen urtümlichen Zweibeiner, der mit einem Teil seines Fußes in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Zukunft stehe. Die Eckzähne waren bei den männlichen Individuen bereits zurück­ gebildet, sein Lebensraum war der Wald. Dann folgte der Australopithecus: Er hatte immer noch ein kleines Gehirn, ging aber bereits aufrecht und lebte nicht mehr nur im Wald. Er weitete sein Verbreitungsgebiet weit nach Westen bis in den heutigen Tschad und nach Süden bis nach Südafrika aus. Australopithecus lebte mindestens zwei Millionen Jahre lang, zehnmal länger als es uns, den Homo sapiens, bisher gibt.

Ob sich aber Australopithecus aus Ardipithecus entwickelte, ist schwer zu sagen. Bisher gibt es keine Funde, die das klären könnten. Möglich ist, dass „Ardi“ zu einer Linie gehörte, die irgendwann ausstarb. Denkbar wäre aber auch, dass sich eine zufällige Veränderung der Fußknochen, um ein Beispiel zu nennen, für den auf­ rechten Gang als so vorteilhaft herausstellte, dass jene Individuen besser überlebten, sich zahl­ reicher fortpflanzten und dass nach wenigen tausend Jahren die natürliche Selektion aus einer Greifzehe eine Abstoßzehe geformt hatte.

Ähnliches gelte, sagt White, für den Übergang von Australopithecus zum dritten Stadium unserer Entstehungsgeschichte, zum Homo. Man lerne, sich kalorienreichere Nahrung zu beschaffen, sorge so für das Wachstum des Gehirns, mit dessen Hilfe man sich noch besser ernähren könne, und siehe da, man habe die Linie komplett: Daka, Bodo, Herto, heute.

Damit ist aber der Mittlere Awash als Schatztruhe für Funde zur Evolution des Menschen noch nicht erschöpft. Von unserem Aussichtspunkt blicken wir weit nach Westen. Dort, am Rand des Untersuchungsgebiets, hat Yohannes Haile­Selassie Bruchstücke von Hominidenknochen gefunden, die 5,8 Millionen Jahre alt sind. Man hat der Art den Namen Ardipithecus kadabba gegeben, doch nach Ansicht der meisten Fachleute ist das nur eine „Chronospezies“ zu Ardipithecus ramidus: Sie sei nur eine ältere Version der gleichen Art, genauso wie Australopithecus anamensis und Australopithecus afarensis wohl Vertreter der gleichen Spezies seien, nur aus verschiedenen Zeiten.

In der gleiche Reihe sehen White und seine Kollegen auch zwei noch ältere Funde: sechs Millionen Jahre alte Oberschenkelknochen aus Kenia – man gab der Art den Namen Orrorin tugenensis – und einen rätselhaften Schädel aus dem Tschad, der vorläufig auf ein Alter von nahezu sieben Millionen Jahren datiert und der Sahelanthropus tchadensis genannt wurde.

Wo sie im Stammbaum des Menschen stehen, ist unklar, und die Verbindungen zwischen den Arten sind spekulativ. Die besten Erkenntnisse über die allerersten Anfänge der menschlichen Abstammungslinie, auf den letzten Vorfahren, den wir mit den Schimpansen gemeinsam haben, liefert derzeit wohl Ardipithecus ramidus. Hat White denn eine Vorstellung, wie dieser Vorfahr ausgesehen haben mag?

Er stelle sich ein Wesen wie „Ardi“ vor, antwortet er, allerdings noch ohne die Merkmale, die ihr einen – wenn auch unbeholfenen – aufrechten Gang ermöglichten. Aber das sei nur eine Mutmaßung. Und wenn er am Mittleren Awash eines gelernt habe, dann das: «Wenn man wirklich wissen will, wie etwas ausgesehen hat, gibt es nur eine Möglichkeit», sagt White. «Man muss hingehen, suchen und es finden.

(NG, Heft 8 / 2010, Seite(n) 36)