Geschichte und Kultur

Die riesigen Steinfiguren der Osterinsel

Die Kolossalfiguren der Osterinsel sind ein Rätsel der Menschheit. Archäologen entwickelten jetzt neue Theorien, wie sie einst bewegt wurden. Aber wozu dienten sie? Donnerstag, 19 Juli

Von Hannah Bloch

Die Kolossalfiguren der Osterinsel sind ein Rätsel der Menschheit. Archäologen entwickelten jetzt neue Theorien, wie sie einst bewegt wurden. Aber wozu dienten sie? Sind sie Zeugnisse menschlicher Erfindungsgabe – oder Zeugen einer ökologischen Katastrophe?

An einem Winterabend verlässt José Antonio Tuki seine winzige Hütte an der Südwestküste der Osterinsel und geht Richtung Norden an den Anakena-Strand. Dort sollen die ersten polynesischen Siedler vor etwa tausend Jahren angelandet sein. Bald darauf sitzt der 30-Jährige im Sand und betrachtet die kolossalen Statuen, moai genannt, die in der Nähe des Ufers stehen. Vor Jahrhunderten aus vulkanischem Tuffstein gemeißelt, dienten sie der Verehrung göttlicher Ahnen. Die Figuren gelten bis heute als einer der größten Mythen der Menschheit.

Hähne krähen, streunende Hunde bellen. Der kühle Wind von der Antarktis lässt Tuki bibbern. Der junge Künstler ist ein Rapanui, ein indigener polynesischer Einwohner von Rapa Nui („Große Insel“), wie die Einheimischen die Osterinsel nennen. Wahrscheinlich waren auch seine Vorfahren daran beteiligt, einige von den Hunderten Statuen anzufertigen, die überall auf den grasbewachsenen Hügeln und an den Küsten stehen. Am Anakena-Strand halten sieben dickbäuchige moai auf einer 16 Meter langen Plattform Wache, ihren Rücken dem Pazifik zugewandt, die Arme an den Seiten, auf dem Kopf eine Art Zylinder – den pukao – aus Rotschlacke, einem vulkanischen Gestein. Sie stammen aus einer fernen Zeit, aber wenn Tuki in ihre Gesichter schaut, fühlt er sich ihnen verbunden. «Es ist eine besondere Energie », sagt er. «Diese Figuren sind ein Erbe meiner Vorfahren. Wie haben sie sie nur gemacht?»

Die Osterinsel ist etwas kleiner als Fehmarn und eines der abgelegensten Eilande der Welt. Sie liegt 3.500 Kilometer westlich von Südamerika und 2.000 Kilometer östlich von Pitcairn, dem nächsten bewohnten Flecken im Pazifik. Nach der ersten Besiedelung blieb Rapa Nui jahrhundertelang isoliert. Alle Energie und Ressourcen, die in die bis zu zehn Meter hohen und mehr als 80 Tonnen schweren moai investiert wurden, stammen allein von der Insel.

Als der Niederländer Jakob Roggeveen am 5. April 1722, dem Ostersonntag, hier an Land ging, traf er auf eine jungsteinzeitliche Kultur. Die meisten moai waren mit einfachsten Werkzeugen aus einem Steinbruch herausgelöst und bearbeitet, dann ohne Hilfe von Zugtieren oder Rädern zu den bis zu 18 Kilometer entfernten Steinplattformen – ahu genannt – transportiert worden. Tukis Frage beschäftigt seit Jahrzehnten Forscher und Besucher: Wie bewältigten die Polynesier diese kolossale Aufgabe?

Seit kurzem sind die moai Gegenstand einer viel weiter reichenden Debatte über die Osterinsel, bei der zwei unterschiedliche Theorien ins Feld geführt werden. Sie betreffen letzten Endes die ganze Menschheit. Die erste Theorie stammt vom bekannten amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond. Er sieht die Insel als Metapher für den extremen Fall einer Gesellschaft, die sich selber zugrunde richtet, indem sie ihre Umwelt zerstört. Diamond fragt: Kann die Erde, können wir alle verhindern, das gleiche Schicksal zu erleiden?

Die andere Theorie sieht die alten Rapanui als Beispiele menschlicher Erfindungsgabe und Widerstandskraft. Exemplarisch dafür steht ihre Fähigkeit, riesige Statuen aufrecht kilometerweit über unebenes Terrain „gehen“ zu lassen. Diese Vorstellung wird von den amerikanischen Archäologen Terry Hunt und Carl Lipo vertreten.

Als die ersten polynesischen Siedler Rapa Nui erreichten, hatten sie viele Wochen in offenen Kanus auf See verbracht. Vermutlich waren es nur ein paar Dutzend Menschen, die um die Wende zum 2. Jahrtausend eine 2.000 Kilometer lange Reise über den Pazifik wagten.

Mitte des vergangenen Jahrhunderts erforschte der norwegische Anthropologe und Abenteurer Thor Heyerdahl, wie Polynesien besiedelt wurde, und hob die Osterinsel auf die archäologische Weltkarte. Seine Expeditionen mit dem Balsaholzfloß „Kon-Tiki“ führten ihn zur Annahme, dass es eine Besiedlungswelle von Südamerika aus gegeben habe: Die moai seien in einer Epoche vor den Inka von Siedlern aus Peru und nicht etwa von Polynesiern geschaffen worden. Der Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken schrieb sie gar Außerirdischen zu. Beide Ansichten sind widerlegt worden. Gestützt auf linguistische, archäologische und genetische Studien wurde nachgewiesen, dass die Polynesier die moai schufen. Nicht endgültig geklärt ist, wie sie die Statuen transportierten. Lange Zeit galt die Annahme, dass die Osterinsulaner sie zogen und dabei Seile und Holz verwendeten.

«Glaube ich alles nicht», sagt Suri Tuki, José Tukis 25-jähriger Halbbruder. «Wir Rapanui kennen die Wahrheit: Die Statuen sind aufrecht gegangen.»

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Die mündliche Überlieferung der Rapanui besagt, dass die moai durch die spirituelle Kraft mächtiger Vorfahren (mana) belebt wurden. Seit der Ankunft der Europäer im 18. Jahrhundert gibt es keine Berichte mehr über ihre Herstellung. Damals gab es auf der Osterinsel nur noch ein paar armselige Bäume. Doch in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts fand der Biogeograph John Flenley von der neuseeländischen Massey-Universität in Sedimenten bewahrte Pollen, die darauf schließen lassen, dass die Insel jahrtausendelang mit üppigen Wäldern bedeckt war, vor allem mit Honigpalmen. Erst lange nach Ankunft der Polynesier um 800 n. Chr. wichen sie weitläufigen Grasflächen, die eher an Schottland denken lassen.

Jared Diamond behauptet in seinem Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, dass die frühen Osterinsulaner unbeabsichtigt Ökozid begangen haben; dabei stützt er sich stark auf Flenleys Arbeit. Diamond zufolge hatten die Rapanui das Pech, auf einer extrem empfindlichen, weit abgelegenen Insel zu leben. Es gab wenig Wasser, und der Boden konnte nicht von außerhalb mit Nährstoffen angereichert werden. Nachdem die Inselbewohner die Wälder für Brennholz und Ackerland gerodet hatten, wuchsen keine Bäume mehr nach. Holz wurde rar, und die Rapanui konnten keine seetüchtigen Kanus mehr bauen, um Fischfang zu betreiben. Sie aßen Vögel. Als Folge der Erosion gingen ihre Ernten zurück. Schon bevor die Europäer ankamen, war es zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Kannibalismus gekommen. Der Zusammenbruch ihrer Zivilisation, schreibt Diamond, sei «das eindeutigste Beispiel für eine Gesellschaft, die sich durch übermäßige Ausbeutung ihrer eigenen Ressourcen selbst zerstört hat». Zudem «ein schlimmstmögliches Szenario für das, was uns selbst in Zukunft vielleicht noch bevorsteht».

Die Schaffung der moai, so nimmt Diamond an, beschleunigte die Zerstörung noch. Der Evolutionsbiologe interpretiert die Statuen als Machtdemonstrationen rivalisierender Häuptlinge, die – gefangen auf einer winzigen Insel im weiten Meer – keine andere Möglichkeit hatten, ihre Stärke zu zeigen. Sie konkurrierten miteinander, indem sie immer größere moai in Auftrag gaben. Diamond vermutet, dass die Figuren auf Holzschlitten gelegt und auf Schienen aus Baumstämmen transportiert wurden. So bestätigte es durch Versuche Jo Anne Van Tilburg, Archäologin an der Universität von Kalifornien und Direktorin des „Easter Island Statue Project“. Diese Art des Transports erforderte große Mengen an Holz und viele Menschen. Um sie zu ernähren, musste noch mehr Wald gerodet werden. Als der verschwunden war und Konflikte ausbrachen, fingen die Inselbewohner an, die moai umzustürzen. Im 19. Jahrhundert stand keine einzige Statue mehr.

Oder war alles ganz anders? Eine neuere Interpretation der Fakten wirft einen optimistischeren Blick auf die Geschichte der Rapanui. Sie stammt vor allem von den Archäologen Terry Hunt von der Universität von Hawaii und Carl Lipo von der Staatlichen Universität von Kalifornien in Long Beach. Beide haben die Insel in den vergangenen zehn Jahren erforscht. Ergebnis: Dort lebten eher friedliche, erfinderische Menschen, die behutsam mit ihrem Land umgingen und sich mit der Herstellung der moai befassten. Hunt und Lipo sehen zwar auch eine „ökologische Katastrophe“ als Folge des Verlusts der üppigen Wälder – aber dafür sollen die Inselbewohner nicht direkt verantwortlich gewesen sein. Man könne, so Hunt, viel aus der Entwicklung der Osterinsel lernen, «aber die Geschichte hat sich anders abgespielt».

Die neue Interpretation der Ereignisse stützt sich auf Ausgrabungen am Anakena­Strand. Lipo und Hunt sind davon überzeugt, dass die Polynesier erst um 1200 n. Chr. dort landeten, also etwa vier Jahrhunderte später als bisher angenommen. Konnten sie die Insel in nur 500 Jahren so stark verändern, wie die Europäer sie vorfanden? Die beiden Archäologen bezweifeln, dass dies allein durch Brandrodung möglich war, und ziehen eine weitere Ursache für die dramatischen Veränderungen in Betracht.

Bei ihren Ausgrabungen entdeckten die Forscher winzige Rillen auf den Nüssen der ausgestorbenen Honigpalme: Spuren der scharfen Zähne pazifischer Ratten. Die Nager kamen mit den Kanus der ersten Siedler. Zahlreiche Knochenfunde legen nahe, dass sich die Insulaner von den Tieren ernährten. Fressfeinde hatten die Ratten nicht; wahrscheinlich eroberten sie die Osterinsel innerhalb weniger Jahre. Da sie massenhaft Palmnüsse fraßen, verhinderten sie Hunt und Lipo zufolge die Reproduktion der Bäume und verursachten allein dadurch schon den Untergang des Waldes. Gewiss fraßen die Ratten auch Vogeleier.

Die Forscher vermuten, dass die ersten polynesischen Siedler die Ratten absichtlich in ihren Kanus mitbrachten, ebenso wie auch Hühner. Wie bei vielen invasiven Arten schadeten die Nagetiere dem Ökosystem mehr als dem Menschen. Die Archäologen fanden keine Hinweise darauf, dass die Zivilisation der Rapanui zusammenbrach. Die Bevölkerung war nach Ansicht der Forscher nach der Besiedlung rasch auf ungefähr 3000 Menschen angewachsen und bis zur Ankunft der Europäer recht stabil geblieben.

Ratten als Ursache für den Verlust des Wal­des? Burghard Vogt vom Deutschen Archäologischen Institut mag dem nicht zustimmen. Er erforscht seit Jahren die einstige Wasserversorgung auf der Insel. Bei seinen Ausgrabungen fand er zwar mehrere hundert Nüsse der Honigpalme, aber nur wenige mit Nagespuren.

Gewiss ist, dass urbare Felder einst wertvoller waren als Palmenwälder. «Die Rapanui verwandelten ihre Insel innerhalb kürzester Zeit in eine vollständige Kulturlandschaft», sagt Vogt. «Kaum ein Fleckchen Erde blieb unberührt.»

Niederschläge gab es nur unregelmäßig; auf der Osterinsel zu überleben kostete große Anstrengungen. Die Menschen kannten zwar weder Metalle noch Keramik, legten aber geschickt runde Gärten mit Windschutzmauern an, die manavai. Sie mulchten ihre Felder mit vulkanischem Gestein, um den Boden feucht zu halten und mit Nährstoffen zu versorgen. Sie legten Wasserbecken an und opferten ihrem Regengott Hiro. Hunt, Lipo und andere bezeichnen die frühen Rapanui daher als Pioniere einer nach- haltigen Landwirtschaft und nicht etwa als unbewusste Verursacher eines Ökozids. «Wir haben hier keine Geschichte des Versagens, sondern die eines unglaublichen Erfolgs», schreiben die Forscher in ihrem Buch „The Statues That Walked“.

Die Rapanui kommen darin besser weg als bei Jared Diamond. Hunt und Lipo schenken den mündlichen Überlieferungen, in denen von heftigen Auseinandersetzungen die Rede ist, wenig Glauben. Scharfe Obsidianabschläge, die andere Archäologen als Waffen interpretieren, sehen sie als landwirtschaftliche Werkzeuge.

Mehr noch: Ihrer Ansicht nach trugen die moai dazu bei, den Frieden zu bewahren, und waren Ausdruck von Macht.

Zudem sind Hunt und Lipo davon überzeugt, dass der Transport der moai nur wenige Menschen und kein Holz erforderte. Die Statuen wurden aufrecht fortbewegt. In diesem Punkt decken sich die archäologischen Erkenntnisse mit den mündlichen Überlieferungen.

Der 63-jährige Sergio Rapu, ein Archäologe und früherer Gouverneur der Osterinsel, führt seine amerikanischen Kollegen zu dem Steinbruch auf dem Rano Raraku, einem Vulkan im Südosten der Insel. Während sie die vielen moai betrachten, die in verschiedenen Stadien der Fertigstellung hinterlassen wurden, erklärt er ihnen, wie man die Figuren aufrecht „laufen“ ließ: Die dicken Bäuche drückten sie nach vorn, und durch den D-förmigen Sockel konnten Arbeiter sie an Seilen seitwärts hin und her schaukeln und dabei vorwärts bewegen. Bei einem von der National Geographic Society finanzierten Experiment „schaukelten“ gerade mal 18 Menschen mit drei starken Seilen eine drei Meter hohe und fünf Tonnen schwere moai-Nachbildung mehrere hundert Meter weit. Dutzende umgestürzter Figuren entlang der Wege zeugen von den Schwierigkeiten, die sich einst während des Transports dennoch ergaben.

Sehen Sie hier ein Video zu dem Experiment:

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Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die letzte Statue gefertigt wurde. Es ist auch nicht möglich, das genaue Alter des Gesteins zu datieren. Viele moai standen aber noch, als 1772 die Holländer ankamen und eine blühende Zivilisation vorfanden. Doch sie und andere schleppten tödliche Krankheiten wie Pocken und Masern ein, gegen die die Einheimischen nicht gefeit waren. Und sie brachten Gegenstände mit, die den Rapanui als neue Statussymbole dienten. Die Hüte der Europäer zu tragen – und sie ihnen wegzunehmen –, war besser, als einen tonnenschweren roten pukao auf einen moai zu heben. Im 19. Jahrhundert dezimierten Sklavenhändler die Bevölkerung. 1877 lebten nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel.

Für Hunt und Lipo ist dieses abgelegene Eiland ein Beispiel für Genozid und Auslöschung von Kultur, nicht aber für den von Diamond formulierten Ökozid. Ihr einheimischer Kollege Sergio Rapu kann manches nachvollziehen, aber nicht alles. «Die Werkzeuge aus Obsidian sollen nur in der Landwirtschaft gebraucht worden sein?», fragt er und lacht. «Ich bin sicher, dass sich meine Vorfahren gegenseitig gegessen haben. Hier gab es Kannibalismus.»

Heute sind die Inselbewohner mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: ihr kulturelles Erbe zu nutzen, ohne es zu zerstören. Besuchern ist es verboten, die moai zu berühren, aber Pferde reiben sich daran und wetzen sie ab. Doch die größte Bedrohung könnte der Wunsch der Rapanui sein, das Land ihrer Vorfahren zu erschließen. Es gibt mehr als 20.000 archäologische Fundstellen. Gut 40 Prozent der Insel stehen unter Schutz, das verfügbare Land ist also begrenzt. «Die Menschen müssen lernen, dass die Archäologie ihnen Vorteile bringt», sagt Rapu.

Vor Jahrzehnten half er selber mit, die moai am Anakena-Strand wieder aufzurichten. Dabei erfuhren er und seine Kollegen, wie die Rapanui den Statuen nach dem langen Weg vom Steinbruch Leben eingehaucht hatten: Sie steckten ihnen Augen aus weißer Koralle und Pupillen aus Obsidian oder Rotschlacke in die leeren Augenhöhlen.

Ein angepflanzter Kokospalmenhain oberhalb des Strands vermittelt einem heute das Gefühl, in Polynesien zu sein, mögen auch die Winde heulen und die Hügel eher an Schottland als an die Südsee erinnern. Am Horizont stehen – stumm und geheimnisvoll – die moai: Fragezeichen aus Tuffstein. Stehen stumm in der Landschaft.

Über ihre Geschichte und das Schicksal ihrer Schöpfer verraten sie nichts.

(NG, Heft 08 / 2012, Seite(n) 62 bis 81)