Geschichte und Kultur

Marihuana als Heilmittel - Ein Tabu fällt

Cannabis ist verboten. Doch Cannabis heilt. Die Belege für den medizinischen Nutzen sind erstaunlich und werden nicht mehr ignoriert.

Von Hampton Sides, Jürgen Nakott

Zusammenfassung: Für schwer kranke Menschen ist Cannabis ein Segen. Die Pflanze lindere Schmerzen und fördere ihren Appetit – das berichten Patienten aus aller Welt. Auch immer mehr Ärzte und Wissenschaftler erkennen das medizinische Potential der Pflanze. Doch es gibt auch Risiken, Marihuana ist kein harmloser Stoff. Mit viel Leidenschaft wird daher um die Legalisierung von Cannabis gestritten.

Natürlich ist an Cannabis nichts Neues. Hanf begleitet die Menschen seit sehr langer Zeit. In 5.000 Jahre alten Grabhügeln in Sibirien fan­den Archäologen Cannabissamen. Die Chinesen nutzten die Pflanze schon vor Jahrtausenden als Grundlage für Arzneimittel. Der erste ameri­kanische Präsident, George Washington, baute am Mount Vernon Hanf an. In der ganzen langen Geschichte der Menschheit waren Canna­bisprodukte zumeist legal, sie waren ein Be­standteil vieler medizinischer Tinkturen und Extrakte – auch in Deutschland.

Dann kam das 20. Jahrhundert. 1930 lief der Film „Reefer Madness“ („Kiffer-­Wahnsinn“) in den Kinos, ein von der Kirche finanzierter Streifen über Marihuana als Mörder der Jugend. Das Killergras. Die Einstiegsdroge. Das war der Beginn der Kriminalisierung von Cannabis. Bald war die Nutzung der Pflanze weltweit verpönt, auch Forscher beschäftigten sich kaum noch mit ihr. 1961 trat das sogenannte Einheitsabkommen der Vereinten Nationen in Kraft, in dem sich die unterzeichnenden Länder verpflichteten, illegale Drogen zu bekämpfen, auch Cannabis. Deutschland schloss sich an – nicht zuletzt auf Drängen seiner großen Pharmakonzerne Bayer und Merck. 1971 wurde der Stoff in das deutsche Betäubungsmittelgesetz aufgenommen. Seither waren die meisten Menschen, die wissenschaft­liche Kenntnisse über Cannabis gewinnen woll­ten, per Definition Kriminelle.

Doch nun naht die Befreiung. Seit einigen Jah­ren wird die Cannabisforschung in Amerika und Europa wieder vorangetrieben. Immer mehr Menschen behandeln – legal oder illegal – ihre Krankheiten mit Hanfwirkstoffen. In 23 Bundes­staaten der USA ist der Einsatz von Cannabis zu bestimmten medizinischen Zwecken wieder er­laubt. In Uruguay wurde es freigegeben, in Por­tugal wird beim Besitz kleiner Mengen von einer Strafverfolgung abgesehen. Israel, Kanada, die Niederlande und zahlreiche andere Länder haben in den vergangenen Jahren ihre Gesetze gelockert. Im Bundestag legten die Grünen im Frühjahr einen Gesetzentwurf zur Legalisierung kleinerer Mengen vor, und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe plant, den Einsatz von Cannabis als Schmerzmittel zu erleichtern.

Der unverkennbare Duft des Indischen Hanf schockiert die meisten Menschen heute ohnehin nicht mehr, wenn er ihnen irgendwo in die Nase steigt. Sicher, wer das Kraut raucht, neigt vielleicht vorübergehend zu unmotiviertem Lachen, schaut Löcher in die Luft, hat Gedächtnisaussetzer oder plötzlich Heißhunger auf fettige Pommes. Unbestritten ist, dass Marihuana in seinen wirkungsstarken Varianten eine mächtige und unter Umständen gefährliche Droge sein kann. Obwohl – anders als etwa bei Alkohol – bisher nie über einen Todesfall durch eine Überdosis Marihuana berichtet wurde.

Cannabis wird neuerdings auch keineswegs mehr nur als Kifferdroge wahrgenommen, sondern als eine Arznei, die Schmerzen und Depressionen lindert, den Schlaf fördert, den Appetit anregt. Seine Wirkstoffe unterdrücken den Brechreiz bei Chemotherapien, erweitern die Bronchien und hemmen Entzündungen. Manche Wissenschaftler sind überzeugt, Inhaltsstoffe der Pflanze könnten das Gehirn vor seelischen Verletzungen schützen, das Immunsystem stärken und nach Katastrophen helfen, schmerzhafte Erinnerungen zu löschen. Sie setzen Cannabis zur Therapie Posttraumatischer Belastungsstörungen ein.

Und je lauter die Stimmen werden, dass Gras wieder gesellschaftsfähig werden soll, desto mehr Aufmerksamkeit widmet auch die Forschung dem alten Stoff. Denn es gibt noch viele offene Fragen. Wie genau wirkt sich eigentlich Marihuana auf Körper und Gehirn aus? Und wie kann die Pharmazie auf dieser Grundlage neue Medikamente entwickeln?

Der Chemiker - Die ungeöffnete Schatzkiste
Bis weit ins 20. Jahrhunderts hatte die Wissenschaft noch nicht einmal die grundlegende Frage über Marihuana beantwortet: Was sind seine Inhaltsstoffe? Da es sich um eine verpönte Droge handelte, waren nur wenige seriöse Wissenschaftler bereit, sie zu erforschen und damit ihren Ruf aufs Spiel zu setzen.

1963 jedoch beschloss ein junger Israeli, der Chemiker Raphael Mechoulam in Tel Aviv, sich die chemische Zusammensetzung der Pflanze genauer anzusehen. Über die heilsame Wirkung von Cannabis konnte man schon einiges nachlesen. In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift hatte 1890 der Arzt G. See einen Artikel über die wohltuende Wirkung von Cannabis bei Schwindel, Migräne, Depressionen und Magenbeschwerden veröffentlicht. Nur was genau da wirkte, wusste niemand.

NG-Video: Marihuana in der Medizin

Bereits 1805 hatte man aus Opium das Morphium und 1855 aus Kokablättern das Kokain gewonnen. Und Marihuana? „War nur eine Pflanze, ein Mischmasch unidentifizierter Verbindungen“, sagt Mechoulam heute in seinem Büro in Jerusalem. Er war damals in den Sechzigern auf einen Artikel des deutschen Pharmakologen Siegfried Walter Loewe gestoßen. Loewe hatte 1950 die schmerzhemmende und krampflösende Wirkung von Cannabis beschrieben – und erste Hinweise auf die Wirkstoffe geliefert.

Mechoulam besorgte sich bei der israelischen Polizei fünf Kilo beschlagnahmtes Haschisch aus dem Libanon. Er isolierte daraus eine Reihe von Substanzen und spritzte sie Rhesusaffen. Nur ein Extrakt löste eine erkennbare Wirkung aus. „Normalerweise sind Rhesusaffen ziemlich aggressiv“, sagt Mechoulam. Wenn er ihnen aber diese Verbindung injizierte, wurden die Affen erkennbar ruhiger.

Wie sich herausstellte, war diese Verbindung der wichtigste aktive Inhaltsstoff der Pflanze. Sie verändert den Geist, sie ist das Zeug, das einen high macht. Mechoulam ermittelte die exakte chemische Struktur dieser Verbindung, die man heute Tetrahydrocannabinol (THC) nennt. Er entdeckte auch die chemische Struktur einer weiteren Verbindung, Cannabidiol (CBD). Dieser Inhaltsstoff von Marihuana wirkt medizinisch, erzeugt aber keinen Rausch.

Seither gilt Mechoulam als Vater der Cannabisforschung. Der 84-Jährige ist Mitglied der israelischen Akademie der Wissenschaften und emeritierter Professor an der Hadassah Medical School, an der er bis heute ein Labor leitet. Er ist Autor von mehr als 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, hält rund 25 Patente und hat sein ganzes Leben der Erforschung von Cannabis gewidmet. „Cannabis“, sagt er „ist eine medizinische Schatzkiste, deren Inhalt wir noch gar nicht richtig kennen.“ Obwohl er selbst nie Gras geraucht hat, ist er ein Star in der Pot-Welt und wird mit Bergen von Fanpost überschüttet.

Wenn man so will, ist der Professor an allem schuld, an all den großen gesundheits- und drogenpolitischen Diskussionen weltweit. Er grinst, wenn man ihm das in seinem Büro sagt, mit Regalen, deren Bretter sich unter Büchern biegen, und Wänden, die man vor lauter Auszeichnungsurkunden kaum mehr sieht. „Mea culpa“, antwortet er. In Israel hat er eines der ehrgeizigsten Programme für den medizinischen Einsatz von Marihuana mit aufgebaut. Mehr als 20.000 Patienten haben dort derzeit die Genehmigung, Cannabis zu konsumieren: gegen Krankheiten wie den Grünen Star (Glaukom), die Darmentzündung Morbus Crohn, Appetitlosigkeit, Tourette-Syndrom und Asthma.

Und trotzdem kämpft der Chemiker nicht dafür, Cannabis als Genussmittel freizugeben. Nein, niemand solle wegen des Besitzes eingesperrt werden, sagt er, „aber Marihuana ist kein harmloser Stoff“. Vor allem nicht für junge Menschen. Er zitiert Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass der langfristige Gebrauch von Marihuana mit hohem THC-Gehalt die Entwicklung des Gehirns schädigen könne. Cannabis könne Panikattacken verursachen. Und bei Personen mit der genetischen Veranlagung eine Schizophrenie auslösen.

Mechoulam plädiert für die Freigabe, aber nur als Arzneimittel, das strengen Vorschriften unterliegt – und noch viel genauer erforscht werden müsse: „Die Menschen wissen noch gar nicht, was sie da eigentlich nehmen“, sagt er. „Wenn es in der Medizin akzeptiert werden soll, müssen wir seine Wirkstoffe genau kennen und auch in welchen Dosierungen welche Substanz wirkt. Was man nicht messen und zählen kann, ist keine Wissenschaft.“

Er selbst leistete 1992 einen weiteren bedeutenden Beitrag dazu. Zusammen mit einigen Kollegen isolierte er eine vom menschlichen Organismus produzierte Substanz, die im Gehirn an den gleichen Rezeptor andockt wie das Rauschmittel THC. Weil der Körper diesen Wirkstoff selbst herstellt, heißt diese Stofflasse heute Endocannabinoide, im Gegensatz zu den von außen – „exo“ – zugeführten Wirksubstanzen. Mechoulam nannte das erste entdeckte körpereigene Rauschmittel Anandamid – von dem Sanskrit-Wort für „erhabene Freude“.

Seither wurden etliche weitere Endocannabinoide entdeckt. Sie wirken ähnlich wie andere „Glückshormone“: Endorphine, Serotonin und Dopamin. Körperliche Anstrengung lässt den Endocannabinoidspiegel im Gehirn ansteigen. Das erklärt wohl auch das „Runner’s High“, wie Langstreckenläufer es kennen. Diese Verbindungen, sagt Mechoulam, spielen offenbar eine wichtige Rolle für grundlegende Körperfunktionen wie unser Gedächtnis, den Gleichgewichtssinn, die Immunabwehr und den Schutz des Nervensystems.

Wie üblich begannen Pharmaunternehmen bald, einzelne Wirkstoffe aus der Pflanze zu isolieren. Mechoulam vermutet aber, dass die Substanzen in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen des Marihuanas oft viel besser wirken würden als allein. Der entourage effect, der „Kombinationseffekt“, bezeichnet eines der vielen Geheimnisse, die Cannabis noch birgt. „Bisher haben wir nur an der Oberfläche gekratzt“, sagt Mechoulam. Er hält kurz inne. „Ich finde es sehr schade, dass ich nicht noch einmal ein ganzes Leben dieser Pflanze widmen kann.“

Der Botaniker - Am Anfang war der Hanf

Das klotzige 4.000-Quadratmeter-Gebäude in einem Industriegebiet von Denver liegt gegenüber einer Polizeistation, mitten in einer Reihe umfunktionierter Lagerhäuser, die man heute Grüne Meile nennt. Außen deutet nichts darauf hin, was für ein Betrieb hier ansässig ist. Summend öffnet sich die Tür, dahinter wartet Phillip Hague, der Chefgärtner von Mindful. Das Unternehmen ist eine der größten Cannabisfirmen der Welt. Hague, 38, trägt Arbeitsanzug und Stiefel und im Gesicht das Lächeln eines Menschen, der sich täglich aufs Neue freut, dass er seine Berufung gefunden hat.

Seit seinem achten Lebensjahr macht er sich die Hände schmutzig. In der Gärtnerei seiner Familie in Texas hat er schon als Kind Weihnachtssterne, Buntwurz und Chrysanthemen gezüchtet. Heute gehört seine Aufmerksamkeit einem etwas einträglicheren Gewächs. Hinter den Büros lagern in Kühltruhen Cannabissamen aus der ganzen Welt – aus Asien, Indien, Nordafrika, der Karibik. Hague gilt als eine Art Schmetterlingssammler in der Cannabisszene, aber seine Samenbank mit seltenen, wilden und alten Sorten ist zugleich ein wichtiger Teil des geistigen Eigentums der Firma. „Cannabis hat die Evolution der Menschen seit Anbeginn der Zeiten begleitet“, sagt der Botaniker. „Sein Gebrauch ist und war immer ein Teil von uns. Die Pflanze hat sich nach der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren von Zentral­asien aus verbreitet und ist mit den Menschen um die ganze Welt gegangen.“

Vor sechs Jahren zog Hague nach Colorado, in den US­-Bundesstaat mit den liberalsten Can­nabisgesetzen. Er war von Anfang an Teil der „grünen Revolution“ und leitet heute eine der bekanntesten und größten Plantagen der Welt, in seinen Gewächshäusern wachsen mehr als 20.000 Pflanzen. An Trockungsräumen vorbei führt der Weg durch einen Gang, in dem der Lärm von Pum­pen, Lüftungen, Filtern, Generatoren und Schnittmaschinen dröhnt. Überwachungska­meras nehmen alles auf, auch die jungen Ange­stellten in ihren Medizinerkitteln. Die Gesich­ter der Laboranten strahlen vor Begeisterung und Aufregung, es ist der Rausch einer exoti­schen Branche, die es selbst nicht fassen kann, wie sehr sie boomt.

Mindful hat Expansions­pläne, ähnliche Fabriken sind in anderen Bundesstaaten geplant. „Pot is hot!“, sagt Hague. Er stößt eine schwere Tür auf, und der Schein heller Lampen blendet die Augen. Der Raum hinter der Tür ist riesig, es riecht wie auf einem Reggaefestival. Fast tausend weibliche Cannabispflanzen ragen zwei Meter in die Höhe. Nur sie bilden die marihuanahaltigen Blüten. Ihre Wurzeln stehen in einer Nährstofflösung, die gezackten Blätter wippen im sanften Zug der Lüftung. Hier wächst ganz besonders THC-reiches Gras im Wert von mehr als einer halben Million Dollar.

Völlig anders sieht es ein paar Türen weiter aus. In einem feuchtwarmen Aufzuchtraum treiben junge Pflanzen in nahezu völliger Dunkelheit gerade Wurzeln. Diese Pflanzenbabys, die mit gelben Etiketten markiert sind, werden ausschließlich zu medizinischen Zwecken gezüchtet. Sie sind allesamt Klone einer einzigen Mutterpflanze. Diese Sorte enthält fast kein berauschendes THC, ist aber reich an Cannabinoiden wie CBD und anderen Stoffen, die sich als vielversprechend für die Behandlung unterschiedlichster Krankheiten erwiesen haben: Multiple Sklerose, Schuppenflechte, Posttraumatische Belastungsstörung, Schizophrenie und Amyotrophe Lateralsklerose (an der etwa der weltberühmte Kosmologe Stephen Hawking leidet). „Diese Sorten lassen mich nachts wach liegen“, sagt Hague, „und dann träume ich davon, was man mit ihnen alles Gutes tun kann.“

Der Biochemiker - Ein Wunder?

Die meisten haben wohl schon davon gehört, dass Cannabis die Begleiterscheinungen bei der Behandlung von Krebs lindern kann. Es hemmt die Übelkeit, die häufig bei einer Chemotherapie auftritt, stärkt den Appetit und hilft gegen Schmerzen und Schlaflosigkeit. Aber wirkt es auch gegen den Krebs selbst? Das Internet ist voll von solchen Geschichten, doch bei den meisten Meldungen handelt es sich im besten Fall um unbelegte Einzelereignisse, im schlechtesten um Betrug.

Aber es gibt auch seriöse Artikel, die darauf hindeuten, dass Cannabinoide tatsächlich gegen Krebs wirken könnten. Viele dieser Berichte wurden in einem Labor in Spanien verfasst, das von einem nachdenklich wirkenden Biochemiker namens Manuel Guzmán geleitet wird. Guzmán, Anfang 50, beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Cannabis. Sein Arbeitszimmer an der Complutense-Universität in Madrid liegt in einem goldgelb gestrichenen, mit Graffiti besprühten Gebäude. Er spricht mit so leiser Stimme, dass ein Zuhörer sich zu ihm neigen muss. „Vieles wird behauptet, meistens steckt nichts dahinter. Zeitungsschlagzeilen wie ‚Gehirnkrebs mit Cannabis besiegt!‘ stimmen einfach nicht“, sagt er. „Aber ich will Ihnen etwas zeigen.“

Auf dem Bildschirm seines Computers erscheinen zwei Tomografieaufnahmen eines Rattengehirns. In der rechten Hirnhälfte fällt eine große Gewebemasse auf – sie ist aus Zellen eines menschlichen Hirntumors gewachsen, die Guzmáns Mitarbeiter dem Tier gespritzt haben. Er zoomt näher heran, bis der Tumor das Bild ausfüllt. Diese Ratte scheint dem Tod geweiht. „Wir haben das Tier dann eine Woche lang mit THC behandelt“, fährt Guzmán fort. „Und so sah es hinterher aus.“ Auf den beiden Fotos, die auf dem Monitor die alten ersetzen, ist die kranke Masse nicht nur geschrumpft, sie ist fort. „Kein Tumor mehr.“

Seit 15 Jahren behandelt Guzmán krebskranke Tiere mit Cannabisverbindungen. In der Studie, aus der diese Bilder stammen, waren am Ende die Tumore bei einem Drittel der Ratten komplett verschwunden; bei einem weiteren Drittel waren sie kleiner geworden. Entdeckungen wie diese versetzen die ganze Welt in Aufregung, und Guzmán sorgt sich jedes Mal aufs Neue, dass seine Forschungen bei Krebskranken falsche Hoffnungen wecken könnten. „Das Problem“, sagt er, „liegt darin, dass Ratten keine Menschen sind. Wir haben keine Ahnung, ob man das Ergebnis auf Menschen übertragen kann.“

Die Wissenschaftler seines Teams untersuchen auch den krankhaften Nervenverfall und gehen dabei unter anderem der Frage nach, wie Cannabinoide sich auf das frühe Stadium der Gehirnentwicklung auswirken. Die Ergebnisse sind eindeutig: Der Nachwuchs von Mäusemüttern, die während der Trächtigkeit regelmäßig hohe THC-Dosen erhielten, hat gesundheitliche Probleme. Die Jungen bewegen sich unkoordiniert, haben Schwierigkeiten im Sozialverhalten, sie fürchten sich rascher. Andere junge Mäuse lassen sich kaum aus der Ruhe bringen, wenn man eine Katzenpuppe in die Nähe ihres Käfigs bringt. Die Kinder der bekifften Mütter sind dann hingegen vor Angst wie gelähmt – eine durchaus besorgniserregende Erkenntnis.

Schlagzeilen hat Guzmán aber trotzdem vor allem mit seiner Forschung an Hirntumoren gemacht. Nach jahrelangen Untersuchungen ist er nun sehr sicher, dass sich bei Mäusen eine Kombination aus THC, CBD und Temozolomid (einem konventionellen, allein allerdings wenig wirksamen Medikament) am besten für eine Behandlung eignet. Ein Cocktail aus diesen drei Verbindungen greift offenbar Krebszellen im Gehirn auf mehreren Wegen an, er verhindert, dass sie sich ausbreiten und führt dazu, dass sie sich selbst zerstören.

Auf der Basis von Guzmáns Versuchen läuft derzeit am St. James’s University Hospital im englischen Leeds eine möglicherweise bahnbrechende klinische Studie. Neuroonkologen behandeln Patienten, die an aggressiven Hirntumoren leiden, mit Temozolomid und Sativex, einem Mundspray, das die Marihuanabestandteile THC und CBD enthält. Kann Cannabis also tatsächlich bei der Heilung von Krebs helfen? „Mein Bauchgefühl sagt Ja“, sagt Guzmán. „Zumindest wird Cannabis nun als Therapeutikum gegen Krebs ernst genommen.“

Der Arzt und seine Patienten - Joint oder Keks?

„MIR GEHT ES GUT!“ Wenn Angelika Lingelbach das sagt, meint man, die Großbuchstaben regelrecht herauszuhören. Für die 50-Jährige aus Gelsenkirchen ist der Zustand eine relativ neue Erfahrung. 21 Jahre lang musste sie wegen chronischer Schmerzen Morphine schlucken. Sie leidet an einer Spinalkanalverengung, die Schmerzen verursacht wie ein heftiger Bandscheibenvorfall. Immer wiederkehrende lähmende Schmerzen, an manchen Tagen hat sie ein Taubheitsgefühl in Armen und Beinen. Die Ärzte sagten, eine Operation sei möglich, aber riskant, im schlimmsten Fall drohe der Rollstuhl. Die Alternative war Morphium. In steigenden Dosen. Mit zunehmenden Nebenwirkungen.

„Ich hatte Gedächtnislücken, meine Sprache wurde matschig, ich war benommen, depressiv, verwirrt und konnte nichts mehr essen.“ Bei einer Körpergröße von 1,72 Metern wog sie im Jahr 2013 noch 48 Kilo. Dann las sie etwas über den Arzt Franjo Grotenhermen und die Möglichkeit, sich mit Cannabis behandeln zu lassen. „Als Teenager hatte ich mal einen Joint geraucht, aber der Kontrollverlust war nicht mein Ding“, sagt Lingelbach. Nun probierte sie es trotzdem noch einmal. Illegal. Die Schmerzen waren weg. Wenig später vereinbarte sie einen Termin bei Grotenhermen.

Der 58-Jährige empfängt Patienten in einem unauffälligen Einfamilienhaus in Rüthen, am nördlichen Rand des Sauerlands. Seit mehr als 20 Jahren erforscht der Arzt die medizinische Wirkung von Cannabis und seiner Inhaltsstoffe. Schon 1997 gründete er die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM), drei Jahre später wurde daraus die IACM, die internationale Arbeitsgemeinschaft, deren Geschäftsführer er heute ist.

Grotenhermen und seine Kollegen können Kranken auf zweierlei Weise helfen: Sie verschreiben Medikamente aus Cannabis-Inhaltsstoffen wie Dronabinol oder Sativex. Oder sie unterstützen ihre Patienten, bei der Bundesopiumstelle am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BOS) eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Damit dürfen die Kranken in der Apotheke Marihuana bestellen und sich selbst behandeln. Voraussetzung ist, dass alle anderen Möglichkeiten der Behandlung ausgeschöpft sind. Gerade mal rund 400 Menschen in Deutschland haben diese Genehmigung.

„Die Bandbreite der Krankheiten, die wir mit Cannabis behandeln, reicht buchstäblich von A bis Z“, sagt Grotenhermen, „von Allergieneigungen und Angststörungen über ADHS und chronische Schmerzen bis zu Epilepsie, Migräne und Zwangsstörungen. Mein jüngster Patient ist vier Jahre alt, meine älteste Patientin 85.“ Er selbst hat etwa 250 Patienten – und eine Wartezeit von fünf bis sechs Monaten für Neupatienten. Bundesweit sind es rund 8.000 Menschen, die ihre Leiden mit Cannabiswirkstoffen oder natürlichem Marihuana lindern.

„Es könnten mehr sein“, sagt Grotenhermen, „aber womöglich hat es sich noch nicht herumgesprochen, dass alle Ärzte Cannabisprodukte verordnen dürfen. Im Rahmen eines sogenannten individuellen Heilversuchs ist es grundsätzlich erlaubt, wenn sich sowohl Arzt als auch Patient davon einen Nutzen versprechen.“ Vielleicht scheuen sich auch manche Kollegen noch, vermutet er. „Und das, obwohl wir seit Langem wissen, dass man bei Spastik, Schmerzen oder Krebs mit Cannabis ohne Nebenwirkungen helfen kann, wo andere Medikamente nichts mehr ausrichten.“

Dass bei ihr sonst nichts mehr half, hatte Angelika Lingelbach immerhin von ihrem Hausarzt schriftlich, als sie zu Grotenhermen ging und schließlich im Frühjahr 2014 den Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie bei der BOS stellte. Bis zu zwei Stunden nimmt Grotenhermen sich beim Erstkontakt Zeit, um einen neuen Patienten kennenzulernen. Wenn er überzeugt ist, dass nur noch Marihuana helfen kann, schreibt er eine Empfehlung, die der Patient zusammen mit dem Befund des Hausarztes einreicht. Bis die Genehmigung erteilt wird, kann es zwei Monate dauern, die Behörde prüft nicht nur die Arztberichte, sondern auch das soziale Umfeld des Patienten. „Es wäre naiv zu glauben, man könne die BOS hinters Licht führen, um legal an Stoff zu kommen“, sagt Grotenhermen. Die Prüfstelle habe aber auch noch nie einen Antrag abgelehnt, den er befürwortete: „Zu mir kommt keiner, der nichts hat.“

Seit einem Jahr kauft Angelika Lingelbach nun ihr Cannabis in der Apotheke. Die bezieht es aus den Niederlanden. „Ich horche jeden Morgen in mich hinein, ob ich es heute gegen die Schmerzen brauche“, sagt Lingelbach. „Je nachdem, wie ich mich fühle, rauche ich entweder einige Züge, oder ich esse ein paar selbstgebackene Haschkekse. Dann kommt die Wirkung später, hält aber länger an.“ Sie strahlt. „Mir geht es gut. Ich kann ohne Morphium endlich wieder klar denken, klar reden, habe wieder Appetit.“ Sie hat zugenommen, wiegt nach eigenen Angaben heute 60 Kilo. „Dafür habe ich mir die Zigaretten abgewöhnt.“ Nur eines bekrittelt sie: „Die aktuelle Sorte schmeckt nicht gut, ein bisschen wie Weihrauch.“

Ihre Medizin muss sie aus eigener Tasche bezahlen. Ihre Wochenration, fünf Gramm, kostet etwa 90 Euro. Medizinalhanf aus der Apotheke ist damit teurer als das Gras auf dem Schwarzmarkt, dennoch sei Missbrauch natürlich nicht auszuschließen, sagt Grotenhermen: „Tatsächlich könnte Cannabis aus der Apotheke auf den Markt gelangen, wenn es vermehrt verschrieben werden kann und von den Krankenkassen erstattet wird. Aber Missbrauch gibt es bei anderen Medikamenten auch. Das ist kein Argument, jemandem, dem es hilft, Medizinal­hanf zu verweigern. Ein Jugendlicher, der einen Joint will, kommt auch so ran.“

Für Lingelbach, die wegen ihrer Krankheit nicht arbeiten kann, sind die monatlich 300 bis 400 Euro für ihre Apothekenration viel Geld, ohne Unterstützung durch die Familie könnte sie ihre Selbsttherapie nicht finan­zieren. Patienten, die den Cannabiswirkstoff Dronabinol in Tropfenform verordnet bekom­men, zahlen etwa genauso viel. Das muss man sich leisten können. Groten­hermen beklagt eine „Zweiklassenmedizin“ im Umgang mit Cannabis: „Viele Schwerstkranke, denen erwiesenermaßen nichts anderes hilft und die Cannabinoide oder Marihuana eigent­lich nehmen dürften, müssen leiden, weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen.“

Mittlerweile haben sich in Deutschland ei­nige Patienten das Recht erklagt, aus therapeu­tischen Gründen selbst Cannabis anbauen zu dürfen, wenn die legalen Medikamente für sie zu teuer sind. In der ersten Instanz haben sie Recht bekommen. Ihnen den Anbau zu verwei­gern, käme einer unterlassenen Hilfeleistung gleich, urteilten die Gerichte. Auf diese Entwicklung reagiert nun auch der Bundesgesundheitsminister. Hermann Gröhe von der CSU verkündete im März, dass eine Gesetzesvorlage in Arbeit sei. „Wir wollen, dass schwerkranke Menschen, denen nur durch Me­dizinalhanf geholfen werden kann, gut versorgt werden“, sagt er. „Deshalb werden wir die recht­lichen Bedingungen, unter denen dies erfolgt, zeitnah anpassen. Dazu gehört auch die Frage der Kostenerstattung durch die Kassen.“

Ob „zeitnah“ bedeutet, dass bereits 2016 die Behandlung mit Cannabis erleichtert wird? An­gelika Lingelbach hofft es. Bis dahin klärt sie selbst an Info­ständen in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen und auf Facebook über die se­gensreiche Wirkung der bislang noch verbote­nen Medizin auf. „Vor zwei Jahren“, sagt sie, „war ich körper­lich und seelisch am Ende. Und schauen Sie mich jetzt an. MIR GEHT ES GUT!“

Der Genetiker - Mit großen Schritten

„Cannabis ist eine so wertvolle Pflanze“, sagt Nolan Kane. Der Genetiker und Evolutionsbio­loge steht in einem Gewächshaus auf dem Ge­lände der Universität von Colorado in Boulder und schaut auf zehn Hanfpflanzen, die er kürz­lich zu Forschungszwecken gekauft hat. „So viele Fragen sind noch nicht beantwortet. Wie hat sich die Pflanze im Laufe der Evolution ent­wickelt? Warum produziert sie eine solche Fülle an Inhaltsstoffen? Wir wissen nicht einmal, wie viele Arten Hanf es gibt.“

Im Vergleich zu den üppig grünen Pflanzen in der Plantage von Phillip Hague wirken Kanes kleine Gewächse mit ihren langen, dürren Stän­geln unscheinbar. Sie sind zum Kiffen ungeeig­net, denn sie enthalten – wie von Natur aus die meisten Hanfsorten – nur sehr wenig THC. Dass sie hier stehen, ist trotzdem ein Politikum. Ihrer Anpflanzung auf dem Gelände der Uni­versität ging ein jahrelanges Ringen um die Ge­nehmigung von Behörden und Hochschule vo­raus. Der kommerzielle Anbau von Nutzhanf ist in den USA nämlich noch immer verboten.

„Dabei ist Hanf eine extrem vielseitige Nutz­pflanze mit hoher Biomasse, die den Boden regeneriert und kaum teure Pflege braucht“, sagt Kane. „Hanffasern sind von exzellenter Qualität. Weil es unsere Bundesgesetze verbieten, ihn anzubauen, importieren wir jedes Jahr viele Tonnen Nutzhanf aus China und aus Kanada. Es gibt Farmen in den USA, da blicken die Bauern über die kanadische Grenze und sehen dort Hanffelder, die riesige Gewinne abwerfen.“ Ehe er sich der Cannabispflanze zuwandte, erforschte Kane das Erbgut der Sonnenblume und kartierte es vollständig: Betrachtet man die gesamte Erbinformation – das Genom – als Buch, enthält es bei der Sonnenblume 3,5 Milliarden Buchstaben. Bei Cannabis sind es nur rund 800 Millionen, und dennoch ist diese Pflanze für Kane viel interessanter.

Eine grobe Skizze des Cannabisgenoms hat Kane bereits erstellt, aber sie besteht aus 60.000 unsortierten Einzelabschnitten. Um die Fragmente in die richtige Reihenfolge zu bringen, wird er noch Jahre brauchen. Einem Laien beschreibt er seine Arbeit so: „Wir haben 60.000 Seiten aus einem voraussichtlich hervorragenden Buch, aber sie sind über den ganzen Fußboden verstreut – und wir haben keine Ahnung, in welcher Reihenfolge sich diese Seiten zu einem guten Roman zusammenfügen lassen.“ Sobald die Informationen aus dem Cannabiserbgut komplett entschlüsselt und in eine lesbare Reihenfolge gebracht sind, werden Genetiker – ob an Universitäten oder bei pharmazeutischen Unternehmen – damit neue Sorten züchten können, die bestimmte medizinisch wichtige Inhaltsstoffe in viel größerer Menge enthalten.

Wenn Kane von seiner Arbeit erzählt, leuchten seine Augen, und den gleichen Enthusiasmus strahlen seine jungen Mitarbeiter aus. Die Stimmung hier gleicht der in einem frisch gegründeten Start-up, das hofft, mit einer neuen Idee den Markt zu revolutionieren. „In der Wissenschaft geht es oft nur in kleinen Schritten voran“, sagt Kane, „aber unsere Arbeit mit Cannabis ist keine Wissenschaft der kleinen Schritte. Sie wird nicht nur unsere Kenntnisse über die Pflanze erweitern, sondern auch über uns selbst – über unser Gehirn, unser Nervensystem, unsere Psyche. Das neue Wissen über die biochemischen Eigenschaften der Inhaltsstoffe wird ganze Branchen revolutionieren, nicht nur die Medizin und die Behandlung vieler Krankheiten, auch die Landwirtschaft und Energieproduktion. Es könnte sogar unsere Essgewohnheiten ändern, denn Hanfsamen liefern ein sehr gesundes, proteinreiches Öl.“

Kane sagt es mit etwas anderen Worten, aber er meint dasselbe wie der Forschungspionier Raphael Mechoulam in Israel: „Cannabis ist eine Schatzkiste, deren Inhalt wir noch gar nicht richtig kennen.“ Wir sind aber dabei, den Deckel zu öffnen.

(NG, Heft 8 / 2015, Seite(n) 36 bis 65)