Geschichte und Zivilisation

Die reichen Roma

Wohnwagen zu Villen: Im rumänischen Städtchen Buzescu logieren die fahrenden Leute von einst heute wie Könige. Freitag, 17 August

Von Tom O’Neill

Entspannt lehnt sich der alte Herr Paraschiv auf seiner Bank zurück. Die Hände auf dem wohlgenährten Bauch gefaltet. Den Strohhut eng wie eine Krone auf dem Kopf. Paraschiv betrachtet seine majestätische Nachbarschaft. Entlang der Hauptstraße stehen Villen wie aus einer anderen Welt. An den Fassaden prangen schmucke Balkone und Säulen. Die Dächer mit ihren Erkern, Türmen und Kuppeln erinnern an Partyhüte. Schnittige BMW und Mercedes gleiten vorbei. Der Fahrer eines Schweinelasters tritt auf die Bremse und staunt. Paraschiv lächelt. Das ist seine Heimatstadt, das ist Buzescu. Hier lebt die seltenste Bevölkerungsgruppe Europas: die reichen Roma.

Das Wort „Roma“ würde Paraschiv nie gebrauchen. Die korrekte, achtungsvolle Bezeichnung für seine Volksgruppe bedeutet auf Romani „Menschen“. Stattdessen nennen sich er und viele seiner Nachbarn unbefangen tsigani – Zigeuner. Sie sind mit dem alten, abwertenden Wort aufgewachsen. Hier benutzen viele den Begriff immer noch. Er ist gleichbedeutend mit Bettler, Dieb, Schmarotzer und anderen abfälligen Bezeichnungen.

«1996 habe ich eine der ersten Villen gebaut», sagt Paraschiv und nickt in Richtung seines herrschaftlichen Hauses. Der phantasievolle Klotz ist mit grauem und weißem Marmor verkleidet und mit Eckbalkonen verziert. Die Namen seiner Kinder Luigi und Petu stehen an der Spitze eines blechgedeckten Turms. «Meine Söhne wollen das Haus abreißen und ein neues bauen. Sie sagen, das hier sei aus der Mode.» Paraschiv zuckt mit den Schultern. «Wenn sie das wollen, na, von mir aus.»

Paraschivs einstöckige Villa wirkt eher bescheiden. Riesige, vier Stockwerke hohe und mit Säulen verzierte Paläste schießen im Roma-Viertel im Süden des Orts aus dem Boden. Daneben gibt es auch Konzernzentralen-Ästhetik mit verspiegelten Fassaden, Adelsburgen mit pastellfarbenen Zinnen und Balkonen wie Opernhauslogen. Und Schweizer Chalets mit Spitzdächern und Gartenzwergen auf der Veranda. Die knallige, hemmungslose Architektur ist der unverhohlene Ausdruck des neuen Reichtums. In dem ansonsten trostlosen, 5000 Einwohner zählenden Städtchen 80 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Bukarest sind ein Drittel der Bewohner Roma – und sie haben etwa einhundert Villen gebaut.

„Reiche Roma“, das wirkt auf den ersten Blick wie ein Druckfehler. Oder wie Hohn. Die schätzungsweise zwei Millionen Roma in Rumänien stellen etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Viele führen ein schweres Leben, fristen ihr Dasein in armseligen städtischen Slums oder Barackensiedlungen am Ortsrand. Dieses Schicksal teilen sie mit zahlreichen anderen Roma in Osteuropa. Das ehemals halbnomadische Volk bildet dort eine verachtete Unterschicht – gezeichnet von Armut, mangelnder Bildung und hartnäckiger Selbstisolation.

Vielen gadje, wie Außenstehende in der Romani-Sprache genannt werden, sind die Prunkbauten der Roma in Buzescu ein Dorn im Auge, weil sie angeblich unverdienten Reichtum zur Schau stellen. Aber der Roma-Elite scheint wenig daran zu liegen, Außenstehende zu beeindrucken. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass Fragen stellende und fotografierende Fremde nicht willkommen sind. „Pleaca, pleaca – hau ab, hau ab“, rufen mir Kinder immer wieder zu. Die Erwachsenen blicken finster oder wenden sich ab, wenn ich auf sie zugehe. «Diese Orte sind nichts für Sie», erklärt mir der Roma-Soziologe Gelu Duminica. Die Villen werden nur für die Augen der Einheimischen gebaut, sagt er: Damit beweist man innerhalb der Roma-Gemeinschaft seinen Wohlstand und Status.

Woher stammt dieser Wohlstand? „Metallhandel“, lautet die schlichte Antwort der ortsansässigen Roma. In Buzescu gehören die meisten zu den kalderash. Das Romani-Wort bedeutet „Kupferschmied“, und die Gruppe hat eine lange Tradition als Metallverarbeiter. Noch Anfang der neunziger Jahre zogen Familien aus Buzescu mit Pferdewagen über Land. Sie machten in den Ortschaften halt und verkauften cazane, Destillierapparate zur Obstbrandherstellung. Bei einem Stückpreis von mehreren hundert Dollar ein lukratives Geschäft. Doch die kommunistischen Behörden überwachten die Roma streng, und die reichsten Familien verhielten sich unauffällig.

Nach dem Sturz des Ceauşescu-Regimes im Jahr 1989 gab es für den Unternehmerinstinkt der kalderash kein Halten mehr. Die cazane-Hersteller und ihre Söhne bereisten ganz Osteuropa. Sie entfernten – zuweilen illegal – wertvolles Altmetall wie Silber, Kupfer, Aluminium und Stahl aus leer stehenden Fabriken. Ihre Aktivitäten auf dem Rohstoffmarkt brachten manchen Roma aus Buzescu üppige Gewinne ein.

Eine Woche lang laufe ich durch die Straßen des Orts und versuche, Villenbesitzer zu überreden, mir ihre Häuser zu zeigen. Manchmal funktioniert es. Dann öffnen sich Haustüren und geben den Blick frei auf glänzende Marmorflächen und Kronleuchter. Eine Freitreppe führt hinauf zu Kinderzimmern, in denen sich das Spielzeug türmt. Aber viele Räume wirken völlig unbewohnt. In Villen mit zwölf und mehr Zimmern leben oft nur die Großeltern und kleine Kinder. Die Eltern und älteren Söhne sind geschäftlich unterwegs und kommen nur zu Feiertagen, Taufen und Beerdigungen nach Hause. Diese Villen sind Schauräume, mit Stolz und Staunen zu betreten.

Und eine weitere Überraschung: Hinter den neuen Fassaden leben alte Traditionen weiter. Bei Victor Filisan, der mir den üblichen Jack Daniel’s mit Red Bull anbietet, frage ich nach dem Weg zur Toilette. Statt des Bads mit Whirlpool zeigt er mir ein Außenklo am Rand des Grundstücks, das auch er und seine Frau benutzen. Viele ältere Roma wollen nicht unter dem Dach kochen, unter dem sie auch die Toilette benutzen. In anderen Häusern servieren Ehefrauen im Teenager-Alter ihren ebenso jungen Ehemännern das Essen. Arrangierte Ehen, oft schon mit 13 Jahren, sind bei den wohlhabenden Familien im Buzescu immer noch häufig.

Die Nomadenvergangenheit der Gemeinschaft ist weiterhin lebendig. Buzescu ist eine ruhelose Stadt. Ständig ziehen Familien weg, um sich in Spanien, Frankreich oder Bukarest niederzulassen. An Straßenecken erzählen alte Männer von ihren Wanderjahren und träumen wehmütig vom Abenteuer. Überall bauen die Roma neue Häuser oder reißen ältere ab, um größere und prunkvollere Villen zu errichten – so wie es auch Paraschivs Söhne vorhaben. Außer familiären Bindungen scheint hier nichts Bestand zu haben.

«Wir sind die kultiviertesten Zigeuner in Rumänien», prahlt ein Mann namens Florin. «Wenn wir etwas Schönes sehen, wollen wir etwas noch Schöneres.» Ich erzähle das Rada, einer älteren Witwe. Sie hat früher in einer Villa gelebt, wohnt auf ihre alten Tage jedoch in einem kleinen, muffigen Haus, in dem Hühner in der Küche ein und aus gehen. Sie sieht mich an, den törichten gadjo, und sagt: «Egal wie hoch du baust, irgendwann endet jeder im Grab.»

(NG, Heft 09 / 2012, Seite(n) 68 bis 83)