Geschichte und Zivilisation

Anthropozän - Das Zeitalter des Menschen

Größenwahn! 828 Meter misst ein neuer Wolkenkratzer in Dubai. Wie hoch wollen wir eigentlich noch hinaus? Anthropozän – so nennen die Forscher das Zeitalter des Menschen. Es ist zum Staunen, aber auch zum Fürchten. Montag, 7 Februar

Von Elizabeth Kolbert

Der Weg führt einen Hügel hinauf. Zweimal überqueren wir einen Bach. Meiner Ansicht nach regnet es, doch mein Begleiter hier im schottischen Hochland erklärt mir, das sei nur so etwas wie ein besonders feuchter Nebel, ein smirr. Kurz vor der letzten Kehre unterhalb des Gipfels taucht ein Wasserfall aus dem Dunst auf. In dem Felsabbruch daneben wechseln sich senkrechte Streifen ab wie in einem auf der Seite liegenden Tortenstück. Hier ist ein Teil der Erdkruste nach oben gedrückt worden und umgekippt. Jan Zalasiewicz, ein britischer Stratigraph, macht mich auf einen besonders breiten grauen Streifen aufmerksam. «Schlimme Dinge sind da passiert», sagt er.

Stratigraphen sind Geowissenschaftler, die an der Abfolge von Fels- und Bodenschichten die Geschichte der Erde ablesen. Der graue Streifen neben dem Wasserfall ist vor etwa 445 Millionen Jahren entstanden, als sich auf dem Boden eines uralten Ozeans eine dicke Schicht von Ablagerungen sammelte. Damals, im Ordovizium, war das Leben auf der Erde noch weitgehend auf das Wasser beschränkt. Und es durchlief eine Krise: In der Zeit, in der sich dieser einen Meter dicke Streifen ablagerte, starben etwa 80 Prozent aller Lebensformen im Meer aus. In der gleichen Phase erlebte unser Planet einen extremen Klimawandel. Weltweit fiel der Meeresspiegel, die chemische Zusammensetzung des Wassers veränderte sich. Ursache war vermutlich die Verschiebung eines Superkontinents über dem Südpol. Die Folge war eines der fünf großen Artensterben der jüngsten 500 Millionen Jahre.

Stratigraphen sind gewöhnlich schwer zu beeindrucken. Sie betrachten die Erdgeschichte aus der Langzeitperspektive. In ihrem Geologiebuch erhalten nur außergewöhnliche Ereignisse eigene Kapitel, Wendepunkte in der Entwicklung unseres Planeten. Und an einem solchen Wendepunkt, am Beginn eines neues Abschnitts, stehen wir jetzt.

Das jedenfalls meinen Zalasiewicz und viele seiner Kollegen. Die Menschen hätten die Erde seit 100 oder 200 Jahren so stark verändert, dass wir nun in eine neue Epoche einträten: das Anthropozän. Ich fröstele im smirr, schaue auf die Streifen im Fels und frage meinen Begleiter, wie sich Stratigraphen in einer fernen Zukunft diese Zeit wohl darstellen werde: als Schicht mit gleitenden Übergängen oder mit scharf abgegrenzten Rändern, als Zeugnis einer Ära, in der schlimme Dinge passiert sind – wie das Massensterben am Ende des Ordoviziums? Das, antwortet Zalasiewicz, liege

Den Begriff Anthropozän prägte vor etwa zehn Jahren der holländische Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen. Er saß in einem Symposium, in dem der Vorsitzende immer wieder das Holozän erwähnte, jene Epoche, die mit dem Ende der letzten Eiszeit vor 11500 Jahren begann und die – offiziell – bis heute andauert. Crutzen erinnert sich, dass er plötzlich ausrief: «Hören wir auf damit. Wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im Anthropozän.» Danach sei es eine Weile still im Saal gewesen, aber in der nächsten Kaffeepause hätten einige Kollegen vorgeschlagen, Crutzen solle sich die Urheberschaft für den Begriff sichern.

Das neue Wort traf einen Nerv. Der Einfluss des Menschen auf den Planeten ist unübersehbar geworden, nicht zuletzt, weil die Bevölkerungszahl sich in nur 50 Jahren seit 1960 auf fast sieben Milliarden Köpfe verdoppelt hat. Der Biologe E. O. Wilson formulierte es sinngemäß einmal so: «Unser Vermehrungsverhalten im 20. Jahrhundert entspricht eher dem von Bakterien als dem von intelligenten Säugetieren.» Crutzens Wortschöpfung tauchte schon bald in wissenschaftlichen Arbeiten auf: „Von der Steuerung des Erdsystems zu Anthropozän-Syndromen“ lautet eine Überschrift, eine andere: „Böden und Sedimente im Anthropozän“.

Zalasiewicz war einer der ersten Geologen, die den neuen Terminus benutzten. „Das Zeitalter des Menschen“ – der Vorschlag schien ihm treffend. «Viele Wissenschaftler übernahmen den Begriff gleich ohne Anführungsstriche und ohne jeden Beiklang von Ironie», sagt er.

Auf einer Fachtagung der britischen Geologischen Gesellschaft in London fragte er dann vor vier Jahren seine Kollegen, was sie als Stratigraphen von der Bezeichnung Anthropozän hielten. 21 von 22 Teilnehmern fanden, die Idee sei es wert, darüber zu diskutieren. Natürlich müsse man als Wissenschaftler zunächst einige grundlegende Fragen klären, ehe man eine neue geologische Zeitrechnung beginnen lasse. Würde der Begriff Anthropozän den Kriterien für die Benennung einer Epoche genügen?

Im Geologenjargon sind Epochen relativ kurze Zeitspannen, auch wenn sie einige Millionen Jahre umfassen können. Mehrere Epochen bilden eine Periode wie das Ordovizium (das rund 50 Millionen Jahre währte) oder die Kreidezeit (80 Millionen Jahre). Die Kreide wiederum bildet zusammen mit Jura und Trias die Ära des Erdmittelalters, des Mesozoikums, das 185 Millionen Jahre dauerte. Unsere Ära, das Känozoikum, die Erdneuzeit, begann vor 65 Millionen Jahren, mit dem Ende der Dinosaurier. Die bislang jüngste Epoche der Erdneuzeit ist das Holozän. Grenzen zwischen Epochen sind an Veränderungen im Sedimentgestein zu erkennen, an Schichten, wie wir sie im schottischen Hochland angeschaut hatten. Sie unterscheiden sich durch das Auftauchen eines neuen Typs fossiler Tierarten oder das plötzliche Verschwinden anderer Arten.

Was werden die Geologen der Zukunft an den Gesteinsproben unserer Zeit dereinst ablesen können? Werden sich menschliche Einflüsse als „stratigraphisch signifikant“ erweisen? Zalasiewicz und seine Kollegen haben sich in dieser Frage für ein eindeutiges „Ja“ entschieden, wenn auch nicht auf der bislang geltenden Grundlage geologischer Namensgebung.

Die schwerwiegendste Veränderung des Planeten durch den Menschen ist wahrscheinlich der Städtebau, die Anhäufung von Stahl, Glas, Beton und Ziegeln. Doch die meisten Städte sind bei Licht besehen keine guten Kandidaten für ein langfristiges Überdauern. Denn sie sind auf Land gebaut und auf der Erdoberfläche den Kräften der Erosion besonders stark ausgesetzt: Wind, Wasser und Licht werden in erdgeschichtlichen Zeiträumen selbst die größten Städte pulverisieren. Vom Standpunkt des Geologen sind deshalb die am deutlichsten sichtbaren menschlichen Einflüsse auf die heutige Landschaft «vermutlich in vieler Hinsicht die vergänglichsten», sagt Zalasiewicz.

Auch mit der Einführung der Landwirtschaft hat der Mensch die Welt verändert. Etwa 38 Prozent des nicht von Eis bedeckten Bodens dienen heute dem Anbau von Nutzpflanzen. Das hat Folgen auf die Umwelt, wird aber langfristig ebenfalls nur schwache Spuren hinterlassen.

Künftige Geologen werden das Ausmaß der industriellen Landwirtschaft wahrscheinlich am deutlichsten erkennen können, wenn sie die Ablagerungen von Blütenstaub analysieren. Wo über Jahrzehntausende eine Vielfalt von Pollen herrschte, treten plötzlich monochrome Schichten von Mais-, Weizen- und Sojapollen auf. Auch die weltweite Abholzung der Wälder könnte sich in den Sedimenten ablesen lassen. Zum einen, weil auf baumlosen Flächen die Erosion stark zunimmt und der Regen viel mehr Boden in die Flüsse schwemmt, der sich schließlich in den Mündungsbereichen in dicken Schichten ablagert. Deutlicher aber wird wohl das zweite Zeichen der Entwaldung sichtbar sein: Die Abholzung raubt zahllosen Tier- und Pflanzenarten den Lebensraum. Biologen rechnen vor, dass heute in vergleichbaren Zeitabschnitten hundert- bis tausendmal so viele Arten aussterben wie im größten Teil der vergangenen 500 Millionen Jahre. In späteren Ablagerungen aus unserer Zeit wird man dann plötzlich keine fossilen Überreste dieser Arten mehr finden.

Andere dagegen könnten in Regionen auftauchen, wo es sie nie zuvor gegeben hat. Da der Mensch seit wenigen Jahrzehnten so viel Öl und Kohle verheizt, um sich mit Energie zu versorgen, steigt der Anteil des atmosphärischen Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) auf Werte, wie es sie in Millionen Jahren nicht gegeben hat. Das treibt die Durchschnittstemperaturen auf immer neue Rekordwerte, und einige Pflanzen- und Tierarten verschieben ihren Lebensraum schon jetzt in Richtung der Pole.

Lange nachdem unsere Städte, Fabriken und Autos zu Staub zerfallen sind, werden die Folgen der verstärkten Freisetzung von CO2 an anderer Stelle sichtbar bleiben. Denn ein Teil des Kohlendioxids wird von den Weltmeeren aufgenommen und in Kohlensäure umgewandelt. Irgendwann ist das Wasser dann so sauer, dass die Kalkschalen von Schnecken und Muscheln sich auflösen und die Korallen keine Riffe mehr bilden können. Geologen, die in einigen hunderttausend Jahren auf die Gesteinsablagerungen unserer Zeit schauen, werden fehlende Kalkschichten registrieren, die sogenannte Riff-Lücke. Jedes der letzten fünf großen Artensterben ist durch so eine Riff-Lücke markiert. Das bislang jüngste Massensterben ereignete sich vor 65 Millionen Jahren. Es wurde vermutlich durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht und hatte das Ende der Dinosaurier zur Folge. Manche Experten sagen, dass das, was heute mit den Ozeanen geschieht, unsere Umwelt ebenso abrupt und tiefgreifend verändern könnte wie jener katastrophale Meteoriteneinschlag.

Doch wenn wir tatsächlich in eine neue Epoche eingetreten sind, wann hat sie begonnen? Seit wann ist der Einfluss des Menschen so groß, dass das Anthropozän seinen Namen verdient?
William Ruddiman, ein Paläoklimatologe an der Universität von Virginia, lässt diese Epoche schon mit der Einführung des Ackerbaus vor etwa 8000 Jahren beginnen. Seiner Ansicht nach sind die Menschen seit jener Zeit die beherrschende – und verändernde – Kraft auf diesem Planeten. Würde man ihm folgen, könnte man beinahe die gesamte Epoche des Holozän, das vor 11500 Jahren begann, in Anthropozän umbenennen. Für Paul Crutzen fängt es dagegen erst mit dem späten 18. Jahrhundert an, mit der Industrialisierung. Andere Wissenschaftler legen den Beginn der neuen Epoche in die Mitte des 20. Jahrhunderts, als Bevölkerungszahl und Konsum rasch anstiegen.

Zalasiewicz leitet zurzeit eine Arbeitsgruppe der Internationalen Stratigraphischen Kommission (ICS), deren Aufgabe es ist, offiziell zu bestimmen, ob das Anthropozän es verdient, in die Lehrbücher aufgenommen zu werden. Dieser Prozess wird wohl Jahre dauern. Und bis dahin könnte die Entscheidung womöglich leichter fallen. Einige seiner Kollegen sagen nämlich, das Anthropozän habe noch gar nicht begonnen. Nicht, weil der Mensch den Planeten erst wenig verändert hat, sondern weil sich der Einfluss erst in den kommenden Jahrzehnten messbar niederschlagen werde.

Jenem Mann aber, der die Debatte ins Rollen gebracht hat, geht es eigentlich überhaupt nicht um wissenschaftliche Definitionen. Paul Crutzens Ziel ist es vielmehr, uns alle auf die Folgen unseres Tuns aufmerksam zu machen – um vielleicht das Schlimmste noch zu verhüten. «Ich hoffe», sagt er, «dass der Begriff „Anthropozän“ als Warnung verstanden wird.»

(NG, Heft 03 / 2011, Seite(n) 64)