Geschichte und Zivilisation

Auf den Spuren von König Artus

Wer war dieser ideale Herrscher, der die Menschen seit Jahrhunderten in seinen Bann zieht? Eine Reise nach Südengland, zu den Ursprüngen eines Mythos.

Von Christian Schüle

Waffen klirren, Pferde schnauben. Aus dem ganzen Land sind die Ritter gekommen, um sich zu messen, hier in Westminster. Einer von ihnen soll der neue König von Britannien werden. Unter den stärksten Männern ist auch Sir Kay. Als der Wettstreit vor den Toren der Stadt beginnt, bittet er seinen 15-jährigen Pflegebruder, ihm sein Schwert zu geben, doch der hat es nicht bei sich. Er eilt zurück in die Stadt – und sieht einen großen Stein, in dem ein prachtvolles Schwert steckt. Mühelos zieht er es heraus und bringt es Kay.

Woher hat der Junge die Waffe? Als die Ritter später zum Findling ziehen, lesen sie die Inschrift: „Wer dieses Schwert herauszieht, wird der rechtmäßige König Britanniens sein.“ Doch wie können sie dem Knaben glauben? Er soll seine Tat beweisen.

Der Junge steckt das Schwert zurück. Ein Ritter nach dem anderen tritt an und zieht. Reißt. Nimmt alle Kraft. Die Waffe scheint mit dem Stein verwachsen. Dann packt Kays Bruder den Griff – und zieht das Schwert ein zweites Mal heraus: wie aus Butter.

Magische Kräfte müssen im Spiel sein. Göttlicher Beistand. Die Vornehmsten knien nieder vor dem Wunderkind.

So oder ähnlich beginnt nach verschiedenen Überlieferungen ein bis heute lebendiger Mythos, eine der großen Legenden der Menschheitsgeschichte. Ein paar Jahre später wird der Junge zum stärksten aller Männer, ja, zum edelsten aller Könige. Sein Name: Artus.

Cornwall, Anfang des 5. Jahrhunderts. Das Römische Reich ist im Niedergang, und auch aus dem Südwesten Britanniens ziehen sich die Truppen zurück. Sie hinterlassen ein Vakuum. Unter den einheimischen Stämmen entwickeln sich Rivalitäten. Ihre Anführer sind untereinander verfeindet, es herrscht Krieg um Einfluss, Land, Macht. Und ein neuer Feind ist im Anmarsch: die Angeln und Sachsen aus dem heutigen Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Immer weiter dringen sie vor, plündern, töten. Wie sollen die einheimischen Stämme ihre gerade gewonnene Freiheit verteidigen? Vor allem: Wer hat in dieser dramatischen Lage die Kraft und Persönlichkeit, die Zerstrittenen gemeinsam in den Kampf gegen die Invasoren zu führen?

Da tritt einer der Stammesführer hervor und schart die Besten um sich. Großgewachsen sei er gewesen, so heißt es, charismatisch und unerschrocken. Dazu: edel und gerecht. Er schwört seine Landsleute auf den Widerstand ein. Von zwölf Schlachten gegen die Angelsachsen verliert er nicht eine. Sein Schwert „Excalibur“ macht ihn unverwundbar. Sein Name: Arthur. Wir kennen ihn als Artus.

Für Britannien sind dies historisch verbürgte Schicksalstage – ein Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Und genau in dieser Situation formt ein unerschrockener, nobler Anführer aus verfeindeten Stämmen eine Einheit. Seine Geschichte gleicht der des Jesus von Nazareth. Nie hat es in der abendländischen Kultur einen größeren irdischen Helden gegeben als ihn.

Wer war Artus? Was ist Mythos, was historisch belegt? Meine Reise auf den Spuren dieses bis heute wirkmächtigsten aller Könige führt nach England, in die Region Cornwall, nach Cadbury, Slaughterbridge und Glastonbury.

Zuerst aber nach Tintagel: ans Ende der Welt. Von der Landstraße biegt die Fore Street zur Küste ab. Unten tobt der Atlantik, Wellen rollen gegen den Fels, die Gischt spritzt. Hier, auf dieser Halbinsel, soll Artus als uneheliches Kind von Uther Pendragon und seiner heimlichen Geliebten Igerne, der Gemahlin des Herzogs Gorlois von Cornwall, gezeugt und geboren worden sein. Der Bastard wurde von dem in einer nahen Höhle lebenden Druiden, Propheten und Zauberer Merlin erzogen – von jenem Mastermind mit magischen und prophetischen Kräften also, der zu Ehren der Toten die Monolithen des Steinkreises nach Stonehenge brachte und Artus auch die Tugenden lehrte. Der Magier wurde später zur Hauptfigur von Theaterstücken und Romanen, die BBC benannte eine Fantasy­ Serie nach ihm.

Zu Artus’ Lebzeiten im 5. Jahrhundert war Tintagel ein hoch entwickelter Handelsort. Archäologen konnten nachweisen, dass auf einem Plateau oberhalb der Klippen die Hauptfestung der kornischen Könige lag. Die Forscher fanden Gräber und jüngst auch mediterrane Tongefäße, auf exakt jene Zeit datierbar. Damals landeten Schiffe von Spanien bis Kleinasien ihre Fracht aus Wein und Olivenöl hier an und tauschten sie gegen den wertvollen Rohstoff Zinn, der nahebei gewonnen wurde. Wer damals in Tintagel lebte, war wohlhabend und einflussreich.

Heute ist Tintagel ein trostloses Nest am Meer, vor allem bei Regen. 1800 Menschen, Teashop, Pasties-Takeaway, ein indisches Tandoori-Restaurant. Der Artus-Tourismus ist der größte Wirtschaftsfaktor der Region; von diesem Mythos lebt der Ort nicht schlecht, seit der Puddingfabrikant und Millionär Frederick Thomas Glasscock kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Geist des Königs die Welt vor dem Abgrund retten wollte und sein unternehmerisches Talent der Verbreitung einer neuen Moral widmete.

Er gründete den „Orden der Gefährten von den Rittern der Tafelrunde“ und ließ in der Fore Street eine Villa zur Burg ausbauen. 1933 wurden die „King Arthur’s Great Halls“ eingeweiht. Seither tagen hier Freimaurer-und-Artus-Logen, und jedes Jahr kommen 20000 Besucher in diese Welt der Huldigung, in derer fenster- und lichtloser, mit rotem Stoff tapezierter Vorhalle es nach altem Holz, Teppich und Leder riecht.

In der „Großen Halle der Tugend“ steht ein monumentaler Königsthron aus Granit mit neun Säulen über einer runden Tafel. Die Analogie zum Hochaltar einer Kathedrale ist so zwingend wie jene der Artus-Überlieferung zu den Motiven der christlichen Heilsgeschichte. Seit je knüpfen Christen ihre Hoffnung auf Erlösung an den Messias Jesus; die frühen Briten verbanden sie mit dem Kämpfer Artus. Gerade mal 500 Jahre auseinander, wirken die beiden wie zwei Versionen derselben Idee: Jesus der himmlische König der Könige und Messias in der christlichen Lehre; Artus der irdische König der irdischen Könige und Erlöser der Briten. Er ist jener Archetypus, den die Literaten seit je für die großen Themen ihrer Zeit heroisierten: für den Widerstand gegen Invasoren, für Romantik und Liebe, Nobilität und Ehre.

Der Mönch Geoffrey von Monmouth schrieb Artus in seinem um 1135 verfassten Werk „Historia Regum Britanniae“ magische Kräfte aus keltisch-paganischer Mythologie zu. Knapp vier Jahrzehnte später entwarf der französische Dichter Chrétien de Troyes eine ideale höfische Welt, stilisierte den König zur tragischen Figur und brachte ihn mit dem Heiligen Gral, einem wundertätigen Gefäß in Form einer Schale, und den christlichen Tempelrittern in Verbindung. Um 1460 stellte Sir Thomas Malory in seinem Werk „Le Morte d’Arthur“ alle Erzählungen über Artus zusammen und stattete ihn mit den Tugen- den des edlen Ritters aus. Alfred Lord Tennyson adaptierte Malorys Geschichte 1848 schließlich für das viktorianische Zeitalter.

Seit dem Mittelalter hat sich jede Epoche ihren Artus erschaffen. Der König gilt als Erlöser und Heilsbringer, um seine Person entstanden der Kult der Minne und das Ideal vom Ehrenmann.

In allen Epochen wird Artus verherrlicht, in zahllosen Sagen und Liedern des Mittelalters besungen, in Filmen und Musicals der Neuzeit gefeiert. 1860 ließ Königin Victoria einen Raum im Westminster-Palast mit Fresken der Artus- Sage ausschmücken, Prinzen und Thronfolger tragen den Namen Arthur. Bis in unsere Zeit reichen die „Nebel von Avalon“ aus dem Jahr 1982, in dem die Fantasy-Autorin Marion Zimmer Bradley die Legende für neue Generationen erschlossen und interpretiert hat.

Jede Zeit hat sich ihren Artus erschaffen, durch alle Länder des mittelalterlichen Europa zog sich die Geschichte des Heilsbringers und Erlösers, der Führungskraft, Anstand, Loyalität und Ehre in sich vereint. Kaiser und Könige haben sich auf Artus berufen. Heinrich VIII. glaubte sich als dessen Inkarnation und ließ 1522 sein eigenes Antlitz auf den berühmten Runden Tisch der Tafelrunde in der Great Hall von Winchester malen. Maximilian I. von Österreich, 1508 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt, sah im König der Briten die Vollendung des Rittertums und sich selbst als „letzten Ritter“. Er gab 1512 eine überlebensgroße Artus-Statue in Auftrag, heute das Highlight seines Grabmals in der Innsbrucker Hofkirche.

Als 1963 John F. Kennedy erschossen wurde, starb mit ihm ein Artus unserer Zeit. In einem Interview kurz nach seinem Begräbnis erzählte seine Witwe dem Reporter Theodore Harold White des Magazins Life von den Idolen ihres Mannes. Für den Präsidenten seien Artus und die Tafelritter Helden gewesen, die der Gerechtigkeit dienten. Männer, die nicht gefragt hätten, was das Land für sie tun könne, sondern was sie für ihr Land tun könnten. Kennedy, so schrieb White, habe vom ersten Tag seiner kurzen Präsidentschaft an nach einer gerechteren, besseren Welt gestrebt – nach einem neuen Camelot.

In der Great Hall von Tintagel ist zu spüren, weshalb Artus solche Anziehungskraft auf die Menschen ausübt. Auf 13 der 72 Glasfenster sind die Prinzipien des Ehrenkodex symbolisch repräsentiert: Aufrichtigkeit, Höflichkeit und Mut, Ehre, Gleichheit und Loyalität. Diese Tugenden sind zeitlos und überall gültig: in allen Lebenslagen. Sie stellen universell verbindliche Normen dar, auf die sich – wie auf die Zehn Gebote – alle einigen können. «Die Höfe europäischer Monarchen haben sich an Artus’ Ideen ausgerichtet», sagt Joe Parsons, der Begründer und Leiter des Arthurian Centre in Camelford nahe Tintagel.

Für die Krönung des Königs gibt es keinen Augenzeugen, für seinen Tod keine Bestätigung. Keine Handschrift erzählt von seinen Taten, und es gibt keinen materiellen Beweis seiner Regentschaft. Der Mythos von König Artus ist ein Produkt mittelalterlicher Literatur und Phantasie. Mit seiner Person verbindet sich der Kult der Minne, der einem Ritter vorgab, den Damen – und zwar allen – zu jeder Zeit beizustehen. Artus’ Ritter verbeugten sich vor ihren Geliebten, und an Kirchen stiegen sie vom Pferd, gingen auf die Knie und beteten. Sie schufen das Ideal vom Ehrenmann, romantischen Liebhaber und unbesiegbaren Kämpfer.

Artus’ Königshof, so weit stimmen die Quellen überein, lag in Camelot. Dort tagte die Tafel- runde mit Rittern wie Lancelot, Parzival, Iwein und Erec – eine bis dahin unbekannte Form der kooperativen Führung. Wenn zwölf Ritter um einen runden Tisch platziert sind, gibt es keine Hierarchien; die Zahl Zwölf symbolisiert Ganzheit und das Universum. Alle Ritter haben gleich große Bedeutung, das gleiche Recht zu sprechen. Die Tafelrunde war anders als die politischen Organisationsformen zuvor. Der König saß unter Gleichen am Tisch – und war doch allen überlegen, denn Gott hatte ihn auserwählt. Wer will, kann in der Tafelrunde die Abendmahlstafel Jesu erkennen und in Artus dessen irdischen Bruder im Geiste.

Es gibt viele Orte in England und Wales, von denen behauptet wird, dort habe sich Artus’ Hof befunden. Mir scheint Cadbury der plausibelste zu sein. Hier kommen sich Poesie, Geographie und Archäologie am nächsten.

Von Tintagel ostwärts, Richtung Grafschaft Somerset. Dünn besiedeltes Hügelland, Kornfelder. Mein Ziel ist ein Erdkastell in einem Dorf mit 61 Häusern und dem Pub The Camelot. Historiker erkennen in dieser Hügelfestung den Hauptsitz eines Königs aus dem 5. Jahrhundert. Sein Name ist unbekannt, die Identität ungeklärt. Doch kaum jemand in Cadbury South zweifelt daran, dass es Artus war.

Vom Pub führt der Weg die Chapel Road, dann die enge Castle Lane aufwärts. Das Gattertor ist leicht zu öffnen, der Weg matschig. An seinem Ende weist ein Schild auf die Geschichte des Hügels hin: «Vom Neolithikum bis ins späte Mittelalter war die Festung von Cadbury Castle Militär-, Kultur- und Handelszentrum.»

Oben zeigt sich eine unbebaute, von Mauer- werk umgebene Fläche, auf der Rinder weiden – ein heute sich selbst überlassenes Hochplateau, das zu allen Seiten stark abfällt. Bei archäologischen Grabungen wurden Speere, Pfeilspitzen, Tongefäße und Schilde gefunden – und, weit wichtiger: Keramik gleichen Typs und gleicher Datierung wie in Tintagel.

Cadbury Castle, schon in der Steinzeit und Bronzezeit besiedelt, war ein idealer Ort für eine Ringfestung. Mit Häusern, Werkstätten, Speichern. Doch würde man als König wirklich Familie und Vorrat hier oben in Sicherheit bringen? Cadbury bietet keine Flucht-, keine Rückzugsmöglichkeit. War der sonst so kluge Artus derart fahrlässig, dies zu ignorieren?

Oder lag das wahre Camelot doch anderswo: im walisischen Caerleon? Oder nicht weit von Tintagel, bei Killibury am Camel River? Dort gab es vor 1500 Jahren einen strategisch wichtigen direkten Zugang zum Meer. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der Führer von Dorf zu Dorf ritt, lokale Festungen aufbaute, Mitstreiter anwarb und überall kleine Dependancen ein- richtete. Das erklärt, warum es mehrere, viel- leicht viele Camelots gegeben haben könnte.

Wo auch immer Artus’ Hauptsitz gewesen sein mag – der König lebt in den Vorstellungen der Menschen fort. So auch gut 50 Kilometer östlich von South Cadbury im steinzeitlichen Zeremonialzentrum Stonehenge. Dort hält sich John Timothy Rothwell für den legitimen Nachfahren des mythischen Herrschers. Er hat sich in „Artus Uther Pendragon“ umbenannt, steht der Laienrittergruppe Loyal Artusians vor und schlägt vor Glück weinende Männer und Frauen im Namen Pendragons zu Rittern und Adelsdamen. Er und seine Öko-Streiter feiern im Steinkreistempel die Winter- und Sommer- Solstitien und fordern zum Schlachtruf „Wahrheit, Ehre und Gerechtigkeit“ ein neues Bewusst- sein für Natur und Umwelt. Rothwells skurillen Rittern geht es um Werte, Normen, Ideale und eine Ethik der Gemeinschaft. Das ist nichts anderes als der Ehrenkodex, den König Artus in den Epen der Dichter hinterlassen hat.

Diese Autoren schickten Artus auf den Feldzug gegen das Böse, wo immer sie es wähnten. Die Tafelritter begegnen Feen, besiegen Riesen, bezwingen Drachen. Sie suchen den Heiligen Gral, lassen sich vor jeder Schlacht an den heiligen Wasserfällen von Saint Nectan’s Glen segnen, unterwerfen Wales, Schottland, Holland und Gotland ebenso wie die Provence und die Normandie. Sie sind das Gegenbild zum rohen Krieger, und der Kühnste, Gerechteste und Edelste unter allen lässt sein Schwert „Excalibur“ über den Häuptern der Feinde kreisen.

Erst im 12. Jahrhundert schreibt ein Mönch Artus’ Geschichte auf – und vermischt sie mit den Erzählungen vom Widerstandskampf eines großen Anführers keltisch-britischer Stämme.

Doch dann kommt eine Frau ins Spiel. Die Legende erzählt, dass Artus der schönen Guinevere verfällt, deren walisischer Name „Weißer Geist“ bedeutet. Sie heiraten, aber Guinevere liebt Sir Lanzelot, Artus’ Lieblingsritter und Vertrauten. Seine eigene Frau betrügt den König mit seinem besten Freund – schon damals klingt eines der großen Leitmotive aller romantischen Plots an: das Verhängnis aus Liebe und Verrat. Artus kündigt Lanzelot die Treue, die Gemeinschaft der Ritter zerbricht, Artus und seine Getreuen gehen in Slaughterbridge zugrunde.

Nirgendwo kommt man der möglicherweise realen Existenz dieses phantastischen Königs näher als hier, an einer unspektakulären Steinbrücke zwischen Camelford und Tintagel, wo sich die Tragödie zugetragen haben soll.

Ein matschiges Feld, Wildbeerbüsche und ein surrender Strommast. Vom Camel River höre ich das Plätschern des bronzefarbenen Wassers, am Ufer wuchert der Farn.

Hier wurde König Artus der Legende zufolge von seinem Sohn Mordred schwer verwundet, bevor er diesen schließlich tötete. Ein 2,70 Meter langer und einen Meter breiter, von Moos und Flechten überzogener Monolith trägt eine in Latein verfasste, nur unvollständig und schwer entzifferbare Inschrift, aber diese Lesart ist unter den meisten Gelehrten mittlerweile Konsens: «Latin hic jacet filius Magni Arturi» – «Hier liegt Latin, der Sohn von Artus dem Großen.»

Man weiß nicht, wer Latin war. Beim Stein ist aber anzunehmen, dass er einen Hang herabgestürzt ist. Direkt oberhalb befindet sich eine von Bäumen gesäumte Wiese. Ein Schild verkündet: «Battlefield». Ob sich die Schlacht von Camlann Mitte des 6. Jahrhunderts wirklich zugetragen hat, kann aber niemand definitiv sagen.

Ein halbes Jahrtausend nach Artus’ Erfolgen gegen die Angeln und Sachsen besiegte der Normanne Wilhelm der Eroberer 1066 in der Schlacht von Hastings die Feinde unter ihrem König Harald II. und wurde wenig später zum König von England gekrönt. Viele Nachfahren der Familien, die vor den Invasoren in die keltische Bretagne und die Normandie geflohen waren, kehrten in die alte Heimat Cornwall zurück. Die Geschichten und Epen, die ihre Vorfahren mit ins Exil genommen hatten, waren mittlerweile mit normannisch-bretonischen Mythen vermischt und vielfach umgeschrieben worden – wohl auch die Erzählung von König Artus und seinen Taten. Alle schriftlichen Zeugnisse über den größten aller Könige sind also mindestens 500 Jahre nach seiner Zeit verfasst worden.

Der Mönch Geoffrey von Monmouth griff nach Überzeugung führender Forscher den mündlich überlieferten Stoff auf, entnahm alten Volksbüchern die Erzählungen vom Widerstandskampf eines charismatischen Führers keltisch-britischer Stämme und komponierte daraus vor dem Hintergrund der historischen Geschehnisse seiner eigenen Zeit die Geschichte des König Artus. «Eine ganze Reihe unabhängiger Quellen haben nachgewiesen, dass ein Artus in dieser Region existiert hat», sagt der renommierte Artus-Forscher Geoffrey Ashe.

Doch wo ist das Grab des Königs? Oder wartet er auf der Insel Avalon auf seine Wiederkehr – an jenem mythischen Ort der Anderswelt, auf halbem Weg zwischen den Göttern und den Sterblichen, wohin er nach seiner Verwundung gebracht worden war? Bis heute ist dieses Eiland nicht identifiziert. Wo könnte es liegen?

Nach Tintagel, Cadbury und dem Schlachtfeld von Slaughterbridge steht ein letzter Name auf meiner Reiseroute: Glastonbury in der Grafschaft Somerset. Esoteriker behaupten, dass rund um die Stadt besondere geomagnetische Kraftfelder zu finden seien.

Den Hinweisen auf den keltischen Glauben an Magie und Naturgeister kann man sich hier nicht entziehen. Allerorten ist das Pentagramm des Paganismus zu sehen, und die Dichte langhaariger Sandalenträger mit Strickponcho ist so hoch wie die Zahl der Transformationszentren mit Hellseherinnen und Heilerinnen, der Workshops für Tarot, Aromatherapie und Vollmondmeditation. Der „Druide“ Brian – Vollbart, Weste, Schlapphut – hinter der Kasse der Boutique Cat & Cauldron behauptet ohne einen Anflug von Zweifel, Glastonbury sei das Herz­Chakra Englands, in dem 52 religiöse Energien zusammenlaufen.

Ist Artus die literarisierte Version einer historischen Person, die 
in der römischen Zeit zwischen Cornwall und Wales lebte? Zwei historisch verbürgte Vorbilder standen vermutlich Pate.

Seit Jahrhunderten glauben die Menschen, Glastonbury sei das legendäre Avalon. Menschen aller Länder pilgern in die Kleinstadt von knapp 9000 Menschen.

Hier stellt sich die entscheidene Frage des großen Mythos: Ist Artus tot oder lebendig? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist er in Glastonbury begraben – oder er lebt und kehrt wie Jesus dereinst zurück.

Um dieser Frage nachzugehen, steige ich auf einen isolierten, wie ein Spitzhut aus dem flachen Land ragenden Hügel, Keltisch tor genannt.

Wie man aus historischen Quellen weiß, gab es rund um Glastonbury schon früh fruchtbares Land. Das kornische Wort Aval bedeutet auf Englisch „Apple“, zu Deutsch „Apfel“. Avalon heißt übersetzt also „Ort der Äpfel“. Nach allem, was bekannt ist, erstreckten sich um die Stadt einst große Apfelplantagen. Es war also Wasser vorhanden – und Glastonbury Tor gar eine Insel? So, wie Avalon eine Insel war, auf die der verwundete Artus gebracht wurde?

Kurz vor Sonnenaufgang versammeln sich auf dem Gipfel etwa 30 Pilger. Sie bilden einen Kreis, beten, singen und meditieren neben dem Kirchturm, dem verbliebenen Rest der Kirche St. Michael’s. Unterhalb ihres Fundaments soll eine geheime Kammer liegen: ein Zugang der Gottheiten zu Annwyn, der Unterwelt der Kelten. Stammt der Name Avalon daher?

Kein Eingang ist zu finden, keine Tafel oder Platte eingelassen. Nichts deutet darauf hin, dass der Herrscher hier auf den Ruf wartet, in die Welt zurückzukehren.

Sind alle Hoffnungen sinnlos?

Geoffrey Ashe ist eine der wenigen Koryphäen, die darauf vielleicht eine Antwort haben. Von der Queen zum Member of the British Empire ernannt, hat der Kulturhistoriker und Autor von 25 Büchern über Artus den sagenhaften König aus der literarischen Phantasie in die Realität geholt. Ashe ist 90 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl – dennoch sind er und seine Frau Pat in die Glastonbury Abbey gekommen.

Die entscheidende Frage gleich zu Beginn eines langen Gesprächs: «Mister Ashe, gab es König Artus wirklich?»

«Oh ja, er war eine reale Person im 5. nachchristlichen Jahrhundert.»

Was Ashe sagt, hat den Charakter von Wahrheit, und dieser Satz ist eine Art Offenbarung: Artus hat gelebt! Aber lebt er immer noch?

Vor einigen Jahren trat Ashe mit einer Theorie an die Öffentlichkeit, die von der International Artusian Society mittlerweile anerkannt ist: König Artus sei die literarisierte Version mindestens einer historischen Persönlichkeit, die zur Zeit der römischen Besatzung zwischen Südwales und Cornwall gelebt habe. Für ihn ist die nachweisbare Verbreitung des Namens Artus im 6. Jahrhundert bis nach Schottland hin- auf ein Beweis für die reale Existenz eines Mannes, der damals zum riothamus – Keltisch für „Höchster König“ – gekrönt wurde. Zwei Personen standen vermutlich Pate: Artorius, Heerführer im damaligen Frankreich, und Ambrosius Aurelianus, Führer der Römer in Britannien. Ashe nimmt an, dass beide in der fiktiven Figur des Artus zu einem Mythos verschmolzen sind.

«Mr. Ashe, ist Glastonbury dieses Avalon, in das Artus mit einer Barke gerudert wurde?»

«Oh nein!», entfährt es dem Forscher, «Avalon liegt in Frankreich! In Burgund gibt es auf einer Bergspitze ein Dorf mit dem Namen Avallon. Das ist der einzige Ort, der so heißt.»

Wenn Avallon aber in Burgund liegt – wie kann es dann sein, dass neben den Ruinen der Glastonbury Abbey ein Schild mit der Inschrift steht: „Hier ist König Artus’ Grabstätte“?

Zu meiner Überraschung ist Ashe überzeugt, dass Artus tatsächlich hier begraben wurde. Um 1190 hätten Mönche an der Südseite der „Lady Chapel“ in fünf Meter Tiefe vier Eichenholzsärge gefunden, darin: zwei Mönche mit Obelisken, das Skelett einer Frau und das eines Mannes, auf dessen Brust ein Bleikreuz mit der Inschrift: «Hic Jacet Sepultus Inclitus Rex Arturius in Insula Avalonia – Hier, auf der Insel Avalon, liegt der berühmte König Artus begraben.» Man habe die Skelette exhumiert, die Knochen eingelagert und beim Neubau der Kirche rund 90 Jahre später in einem Mausoleum aus schwarzem Marmor erneut beigesetzt.

Wenn Artus also hier begraben wurde, dann wäre sein Leben definitiv zu Ende. Der König könnte nicht wiederkehren. Nur hat man weder den Marmorsarg noch das Skelett je gefunden.

«Mr. Ashe, ist es möglich, dass Artus gar nicht tot ist, sondern nur irgendwo in oder in der Nähe von Glastonbury schlummert?»

«Die mögliche Rückkehr ist die große Idee der ganzen Geschichte», sagt der Forscher. «Sie fesselt die Menschen bis heute.»

«Und solange niemand den definitiven Beweis beibringt, bleibt die Hoffnung am Leben?»

«Oh ja», antwortet Ashe und legt seine gelehrte Hand auf meine. «Glastonbury ist eine wunderbare Mythenschmiede.» Und nach einer kurzen Pause setzt er nach: «Man nennt den Ort auch Fabrik der Lügen.»

Seine amerikanische Frau Pat fügt an: «Die Engländer brauchen immer einen Helden, der sie rettet und beschützt.» Sie lacht und schiebt den Rollstuhl mit ihrem Mann aus der Abtei.

Auf der Fahrt nach London hallen in mir die Wellen des Atlantiks nach, und lange höre ich das Lachen der Möwen. Nach all den Stunden in Tintagel und Cadbury, an der Slaughterbridge und in Glastonbury steht am Ende die Erkenntnis, dass sich mit dem Namen Artus ein ewiges Versprechen auf ein Goldenes Zeitalter verbindet. Der Glaube an eine bessere Zukunft und an das Gute im Menschen – das ist das Vermächtnis, das uns König Artus hinterlassen hat. Er kommt niemals aus der Mode, sagt man noch heute in Tintagel, wo die Menschen tatsächlich hoffen, dass diese Lichtgestalt eines Tages zurückkehren wird, um die Welt zu retten.

(NG, Heft 1 / 2014, Seite(n) Seite 38 bis 61)