Geschichte und Zivilisation

Berlin – Die Stadt, die immer wird

25 Jahre nach dem Mauerfall: Ein englischer Journalist entdeckt Berlin als Vorbild für die Metropole der Zukunft. Montag, 20 Oktober

Von Adam Nicolson

Berlin ist für mich eine zutiefst inspirierende Stadt. Hier herrscht zwar nicht die schwüle, filmreife Atmosphäre der Verführung wie in Paris.

Auch gibt es nicht jene Adrenalinstöße, die Manhattan dem Besucher verabreicht. Aber es gibt etwas anderes, das für Metropolen einzigartig ist. Das sich stärker anfühlt und viel tiefer geht.

Alteingesessene Berliner mögen sich über eine so blauäugige Sicht auf ihre Stadt amüsieren, aber für mein Empfinden scheint das moderne Berlin seinen Weg in die Zukunft mit einem Optimismus und einer Offenheit zu gehen, die man so anderswo selten findet. Dies ist nicht Silicon Valley und auch nicht das geldstrotzende Ungeheuer London. Es ist: eine Modellstadt. Trotz ihrer schmerzlichen Vergangenheit könnte sie – im Kleinen – ein Vorbild dafür werden, wie man die moderne Welt ins Lot bringt.

Es war nicht unbedingt zu erwarten: Berlin, die Stadt des Traumas, der Grausamkeit und des Leids, 40 Jahre lang eine Insel, über Jahrzehnte kaum enger verbunden mit dem Rest des Kontinents als eine Raumstation mit der Erde, führt Europa jetzt möglicherweise in eine zivilisierte, offene, großzügige Zukunft. Wie kommt es, dass Berlin sich auf dem Weg zum Glück befindet?

Zum Teil hat es genau mit dieser brutalen und schwierigen Vergangenheit zu tun. Nirgendwo auf der Welt treten die Beispiele für politischen Ehrgeiz, für Tyrannei, Unterdrückung und menschliches Versagen noch immer so deutlich zutage. Wer durch die Straßen Berlins geht, wird auf Schritt und Tritt an die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erinnert, als diese Stadt ein Machtzentrum war. Mag Bismarck auch die berühmten Worte gesprochen haben, Deutschland solle nicht der „Schulmeister“ in Europa werden – hier findet man allerorten die Lektionen der Geschichte:

Albert Speers große, halbleere Bauten in Tempelhof; die Einschusslöcher in den Gebäuden der Museumsinsel; die mahnenden Mauerfragmente; die „Stolpersteine“ in Erinnerung an ermordete Juden. Das ist die Botschaft: Versuch zu herrschen, und du wirst leiden. Versuch zu zerstören, und du wirst zerstört. Versuch das Zentrum der Welt zu werden, und du wirst deine Stadt zerstückelt und geteilt vorfinden. In diesem Sinn ist das großartige Holocaust-Denkmal in der Mitte Berlins eigentlich kaum notwendig. Die Straßen selbst sind Mahnmale der Grausamkeiten und Katastrophen. Hier zu leben fühlt sich manchmal an, als würde man in einem Aquarium der Vergangenheit schwimmen.

Andere große Städte verbergen die Übel ihrer Geschichte. Berlin zeigt sie mit erstaunlichem Mut. Die Stadt „trägt ihre Wunden wie Sterne“, wie Virginia Woolf bereits über London schrieb, als es 1940 von der deutschen Luftwaffe beschossen wurde. Berlin erlangt heute seine wunderbare Würde, indem es auf einer ganz elementaren Ebene eine Vergangenheit akzeptiert, die es hinter sich lassen muss.

Die historische Schichtung dieser Stadt ermöglicht Erlebnisse, an die man sich erinnert. Etwa meine Begegnung mit dem jungen Internet-Unternehmer Simon Schäfer, der an der Rheinsberger Straße eine „Factory“ für Start-ups eröffnet hat. Es reicht ihm nicht, dass man aus seinem neuen Gebäude über den ehemaligen Verlauf der Mauer blickt. In seinem Büro hängt einer der Leuchter aus „Erichs Lampenladen“, dem abgerissenen Palast der Republik, Sitz der DDR-Volkskammer, im Herzen des alten Ost-Berlin. So vermischen sich nicht nur hier Vergangenheit und Gegenwart.

 

Wütend wird demonstriert, als ein schickes neues Apartmenthaus am Spreeufer gebaut werden soll. Es bedeutet nämlich, dass ein paar Meter jener Mauer entfernt werden müssen, die die Welt vor 25 Jahren unbedingt niederreißen wollte. Wenn Sophia Brandl, eine wasserstoffblonde Zugereiste aus München, zur Gartenarbeit auf den „Stadtacker“ geht, einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, dann gewinnen ihre Kohlrabi und Kartoffeln zusätzliche Bedeutung gerade daraus, dass sie in Hochbeeten auf der ehemaligen Rollbahn für Nazi-Flugzeuge wachsen. „Hier gibt es ein gutes Karma“, sagt Brandl. „Ich komme und finde Offenheit. Frieden. Ich kann atmen. Natürlich ist dies eine Stadt mit vielen emotionalen Wüsten, aber überall gibt es solche Oasen. Dies ist eine Metropole der Möglichkeiten.“

TED-Video: Berlin durch die Augen einer Drohne

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In der Berliner DNA wurde Herrschaft durch Chance ersetzt, und diese genetische Veränderung ist Teil der seltsamen Atmosphäre. Einst hieß es hier: „Das musst du tun.“ Jetzt: „Das kann ich machen.“ Berlins Erfahrung mit Autorität war in der Vergangenheit so qualvoll und traumatisch, dass diese Stadt nun Wege in ein bürgerliches Leben sucht, die man in jeder anderen europäischen Hauptstadt für nahezu anarchisch halten würde. Kürzlich wollte der Berliner Senat die weite Fläche des Flugfelds in Tempelhof bebauen, wo heute Lerchen singen und Wildblumen blühen – aber in einem Volksentscheid sprachen sich die Berliner dagegen aus. Anders als in London, Paris oder Rom ist die Stadtregierung machtlos gegen den Bürgerwillen, auch wenn er nur von wenigen initiiert wurde. An Sophia Brandls Entzücken über frische Luft kann man erkennen, welche Art von Stadt Berlin sein will.

Seit den wilden Tagen gleich nach der Wende ist Berlin reifer geworden. Als der unglaublich erfolgreiche Galerist Gerd Harry Lypke nach dem Mauerfall aus Leipzig in die leere, verwahrloste Mitte Berlins kam, wo es weder eine moderne Straßenbeleuchtung noch Zentralheizung in den Altbauten gab, fand er eine phantastische Welt, die er so beschreibt: „Die Parole war: Lasst uns Spaß haben! Du wachst morgens auf und denkst: Ah ja, ich bin Journalist, und den ganzen Tag lang bist du Journalist. Du schreibst einen Artikel und schickst ihn an die Zeitung. Am nächsten Tag sagst du dir: Oh, ich mach eine Bar auf, und, zack, sofort bist du Barmann. Oder Künstler, und dann bist du Künstler. Du bist Galerist. Du gehst zur Bank. Alles war möglich ...“

Das Haus an der Auguststraße, in dem sich jetzt seine Galerie befindet, hat Lypke für 250 Mark pro Quadratmeter gekauft. Heute müsste man dafür 6000 Euro pro Quadratmeter zahlen. „Damals gab es hier keine berühmten Leute, nur Verlierer“, sagt der Galerist und lacht. „Es gab kein Geld, nur Freundschaft.“ Ende der neunziger Jahre änderte es sich. „Das Geld wurde zum Maßstab. Meine Reaktion? Mehr Geld zu haben, damit ich am Drücker sitze. Hier ist jetzt Boboville, ein wenig Boheme, etwas Bourgeoisie, und das gefällt mir. Schauen Sie, ich bin mein eigenes Label!“

Die chaotischen Neunziger, als es weniger um Erfolg und Geld ging, verschafften Berlin eine neue Identität. „Diese Stadt erfindet sich immer wieder neu“, sagte mir der Senatssprecher Richard Meng. „Nach 1989 brauchte Berlin zehn Jahre, um seinen Weg zu finden. Man dachte, das geht alles von selbst. Aber dann wurde klar, dass es nicht von selbst geht und man es steuern muss.“ Die Formel, auf die man sich einigte: „Eine aufgeschlossene Stadt, die die internationale Gemeinschaft willkommen heißt und es jungen Menschen ermöglicht, hier zu leben und sich inspirieren zu lassen.“ Mit anderen Worten: das genaue Gegenteil aller früheren Vorstellungen von Berlin als einem Schauplatz der Macht – und ein Nein zu jener düsteren deutschen Geschichte von Stärke und Kontrolle, Brutalität, Gewalt und Zerstörung.

Aber es gab ein Problem. In Berlin herrschte Mangel an Gewerbe und Großindustrie, die Steuereinnahmen waren unzureichend – und sind es noch immer. Berlin hat Schulden von 63 Milliarden Euro und im Budget ein jährliches Defizit von 30 Prozent. Es wird durch den Finanzausgleich anderer Bundesländer und Hilfen der Bundesregierung ausgeglichen. Ohne diese Unterstützung wäre Berlin pleite. Das jährliche Defizit schrumpft zwar, und neue Unternehmen werden gefördert, aber noch immer scheint es nicht so dringlich zu sein, das Problem zu lösen, jedenfalls nicht hier. „Arm, aber sexy“, so beschrieb Noch-Bürgermeister Klaus Wowereit seine Stadt. Die Zukunft sieht man in Berlin mit einer gewissen heiteren Unbekümmertheit.

Die Metropole erlebt eine ganz eigene Art von Blüte, angefacht vom Tourismus, vom neuen Internet-Geld, von Bevölkerungszuwachs und der wachsenden Erkenntnis, dass die geographische Lage dieser Stadt eine entscheidende Rolle in den künftigen europäischen Ost-West-Beziehungen zuweist.

Die Frage ist: Wird zu großer Erfolg Berlins Freiheiten allmählich untergraben? Vielerorts wird gegen den Bau neuer Apartmenthäuser demonstriert. In Kreuzberg und Mitte, wo in den neunziger Jahren nach dem Mauerfall die Hausbesetzer- und Künstlerszene aktiv war, ist Geld das neue Problem. Der Zufluss von Kapital wird das kostbare integrative Sozialgefüge der Stadt verändern.

Eine Frau, der ich in Kreuzberg begegnete, erzählte von Reichen, die vor ihrem Haus halten. „Sie begutachten es, weil sie es herrichten und teuer verkaufen wollen. Solche Leute brauchen keine Schulen, nur Parkplätze.“ Dann schleudere sie ihnen ihren Satz entgegen: „Haut ab! Das ist mein Haus und nicht euer Profit.“

Damit in Berlin nicht passiert, was andere Weltstädte erleben, ist es von entscheidender Bedeutung, dieses gewachsene, wertvolle Miteinander zu erhalten. Das Londoner Modell (ungezügelter freier Wohnungsmarkt) oder das Pariser Modell (superschicker Kern, umgeben von armen Vorstädten) gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Nur durch Integration, Teilhabe und Nachbarschaft kann die moderne Stadt auf Menschlichkeit hoffen. Diese Botschaft vernimmt man von allen Seiten.

Seit 2009 betreiben der Historiker Marco Clausen und der Dokumentarfilmer Robert Shaw Landwirtschaft im Prinzessinnengarten mitten in Berlin, dort, wo ein einst jüdisches Kaufhaus im Zweiten Weltkrieg zerbombt und später nicht wieder aufgebaut wurde. Wenn Leute einwenden, der 6000 Quadratmeter große Garten könne wohl nicht besonders viel Ertrag bringen, sagt Clausen: „Was wir produzieren, ist Nachbarschaft.“ Der Garten sei ein Symbol für viele Dinge, die sich die Menschen wirklich wünschen.

Viele empfinden diese Kultur, deren Wurzeln in der West-Berliner Hausbesetzerszene vor 1989 liegen, als gefährdet. „Wie wird diese Stadt künftig aussehen, wenn wir einfach so weitermachen und an den Meistbietenden verkaufen?“, fragt Clausen. „Eine Metropole wird nicht von ihren Planern und Architekten gestaltet. Sie lebt von ihrer Kultur und dem Miteinander.“ Das ist eine starke Vision von einer guten Stadt, wie sie sein könnte. Lasst nicht Geld und Macht herrschen – und verhindert, dass sie die Menschlichkeit verdrängen.

Wolfgang Thierse, ehemaliger SPD-Bundestagsabgordneter und Bundestagspräsident, sagt: „Das Attraktive an dieser Stadt war ihre Unvollkommenheit. Aber diese Unordnung verschwindet allmählich.“ Thierse wohnt am Prenzlauer Berg, wohin 90 Prozent der Einwohner erst nach 1990 gezogen sind. „Das bedeutet aber auch, dass neun von zehn Menschen hinausgedrängt wurden“, sagt er. „Gentrifizierung ist ein Phänomen der vergangenen zehn Jahre und eine äußerst schmerzliche Erfahrung. Die Menschen erwarten von der Stadt, dass sie diesen Prozess bremst.“

Der große Erfolg Deutschlands nach 1945 war die soziale Marktwirtschaft, Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. „Für die meisten Menschen hier sind London und Paris ausgesprochen negative Beispiele für einen nicht regulierten Markt. Eine große Mehrheit will, dass die Regierung den Wohnungsmarkt steuert“, sagte Thierse.

Das ist das zentrale Paradoxon. Berlin blüht und gedeiht heute durch die behutsame Verwaltung einer sich frei fühlenden Stadt. Aber was kann man der wachsenden Dominanz des Marktes entgegensetzen? Wie schafft man Institutionen, denen die Menschen vertrauen? Wie kann man ökonomischen Erfolg und zwischenmenschliche Nähe versöhnen?

Ein großer Teil der kommerziellen Bebauung um den Potsdamer Platz wirkt heute etwas brutal und protzig. Andererseits kann man sich fragen, ob eine Hauptstadt die manchmal rauen, vielfältigen Viertel wie das alte Kreuzberg und Neukölln verträgt. Dass alles nebeneinander existiert, ist eine Offenbarung.

Wer denkt, dass Deutschland nur aus Ingenieuren mit Nickelbrillen besteht, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man das Geräusch der zuschlagenden Tür eines Autos noch weiter verbessern kann, der sollte sich diese Metropole anschauen. Trotz aller rechtsextremen Schläger und illegalen Immigranten ist sie das hoffnungsvollste Erlebnis in Europa. „Die Stadt, die niemals ist, sondern immer wird“, haben die Leute im 19. Jahrhundert über Berlin gesagt. Es stimmt noch immer.

(NG, Heft 11 / 2014, Seite(n) 72 bis 87)