Geschichte und Zivilisation

Das Geheimnis des Maya-Kalenders

Geht die Welt im Dezember unter? Was ist an der Prophezeiung dran? Dienstag, 3 Januar

Von Christian Schüle

Erwartet uns am 21. Dezember der Untergang? Angeblich, so behaupten selbsternannte Exper­ten und besorgte Bürger, geht an diesem Freitag die Welt unter. Wird der Supervulkan unter dem amerikanischen Yellowstone-Nationalpark aus­brechen? Wird der einst von den Sumerern ent­deckte Planet Nibiru auf die Erde fallen? Kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einem erhöh­ten Auftreten von Gammastrahlen? Kehrt sich das Magnetfeld der Erde um? Lassen Sonnen­stürme die Telefon- und Datennetze zusammenbrechen?

Auf Webseiten gibt es schon heute Survival-Kits: Messer, Angelhaken, Taschenlampe. Und das alles wegen der Maya .

Wer auch immer das Ende der Welt erwartet, bezieht sich auf deren angebliche Prophezeiungen. In der Tat weist die Inschrifttafel eines königlichen Sarkophags in der alten Maya-Stadt Tortuguero auf ein Ereignis im Jahr 2012 hin und sagt voraus, dass ein Gott herabsteigen wird. Und am 21. Dezember 2012 endet ein be­deutender Zyklus im Kalender der Maya.

Werden wir erleben, womit der Regisseur Roland Emmerich uns in seinem Filmepos „2012“ schaudern ließ: apokalyptische Flutwellen und verheerende Vulkanausbrüche?

Ein Jahr vor dem magischen Datum mache ich mich auf, das Geheimnis der Prophezeiungen des legendären Kalenders zu ergründen. Und fahre zuallererst ins: Rheinland.

Weltweit gibt es nur eine Handvoll Koryphäen der Maya-Forschung, die meisten in den USA , eine aber in Deutschland . Wenn jemand Sinn, Syntax und Mythologie des Kalenders und seiner Aussagen zum Jahr 2012 deuten kann, dann Nikolai Grube von der Universität Bonn. Ich treffe ihn in seinem denkbar schlichten Büro im zweiten Stock des Instituts VII der Philoso­phischen Fakultät, Abteilung Altamerikanistik. Keine Statuen, Bilder, prachtvollen Masken. Eine Yuccapalme, auf dem Schreibtisch Computer und Kassettenrekorder. Hier hält sich niemand lange auf. Die Hälfte des Jahres verbringt Grube ohnehin im Urwaldgebiet an der Grenze von Mexiko zu Guatemala. Seit 2006 gräbt er dort die Königstadt Uxul aus, ein Relikt der Klassi­schen Periode zwischen 700 und 900 n. Chr.

Seine Faszination für die Maya begann 1973. Der elfjährige Nikolai war zu Besuch bei seiner Großmutter in Kiel, und um dem Enkel etwas zum Lesen zu geben, drückte sie ihm ein Buch in die Hand: C. W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Der Junge war wie gebannt. Eigentlich fand er alles spannend in diesem „Roman der Archäologie“ – besonders aber „Das Geheimnis der verlassenen Städte“. Dieses Kapitel über den Untergang der Maya wurde für Grube zur Ein­stiegsdroge in eine lebenslange Leidenschaft. Als er mit 22 Jahren, inzwischen Student der Altamerikanistik, zum ersten Mal nach Mexiko reiste, wusste er bereits: Die Maya waren ganz anders, als sie lange eingeschätzt worden waren.

«Man hat immer geglaubt, es handle sich um eine schriftlose Kultur wilder Indianer», sagt er. «Alles ganz falsch. Sie hatten eine hoch differen­zierte, vollständig entwickelte Schrift.»
«Also eine antike Hochkultur?»
«Ja, wie die Ägypter, Juden, Chinesen.»

Man spürt, was Grube wichtig ist. Es geht über faszinierende Astronomie und geniale Mathematik hinaus: Wer ein Volk verstehen wolle, sagt er, müsse dessen Mythologie entschlüsseln. Nicht jede Kultur habe eine Endzeitvorstellung, aber jede einen Anfangsmythos.

Im Verständnis der Maya war der 11. August 3114 vor unserer Zeitrechnung der Tag eins der gegenwärtigen Welt. Das heißt nicht, dass vor diesem Datum nichts gewesen wäre. Davor hat es nach der Vorstellung der Maya bereits unend­lich viele Welten gegeben. Den Nullpunkt der Zeit datierten die Maya Grube zufolge vor Oktillionen Jahren, mathematisch ausgedrückt: vor mindestens 1048 Jah­ren. Nach heutiger Kenntnis also Milliarden Jahre vor dem Urknall! Wie konnte man im 9. Jahrhundert derart weit zurückrechnen? Fragt man bei Grube nach, sagt er schlicht: «Die Maya hatten Bücher mit Multiplikationstabellen und Kalkulationen.»

Vor meinem Besuch bei Grube hatte ich nur eine vage Ahnung, welch komplizierte, aber faszinierende Angelegenheit der Maya-Kalender ist. Er ist nicht nur hohe Mathematik und prä­zise Astronomie, sondern Götterkunde und Mythologie. All das verdichtet sich auch in ihren handgeschriebenen Büchern: den Kodizes.

Ernst Wilhelm Förstemann war Leiter der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden, als ihm 1887 eine Schrift mit mysteriösen Inhal­ten in die Hände fiel: der „Dresdner Kodex“, ein Leporello aus 39 Tafeln, doppelseitig beschrie­ben auf dem Bast der Feigenbaumrinde. Insge­samt ist das Werk 3,56 Meter lang. Förstemann verwahrte es in seinem Schreibtisch und fing nach Dienstschluss an, das Geheimnis dieser bunten, seltsam dargestellten Tiere und Figuren, Balken und Punkte zu ergründen. Was der 65-jährige Forscher entzifferte, war ein hoch komplexer Zusammenhang astronomischer und religiöser Zeichen. Die Balken und Punkte stell­ten Zahlen dar. Und Förstemann fand heraus, dass es eine Null gab und Zahlen nur bis 19 ge­schrieben wurden; es war also ein Vigesimalsystem, ein Zwanzigersystem. Er erkannte, dass die Zahlen, werden sie multipliziert, jeweils einen nächsthöheren Zyklus ergeben. Seine ent­scheidende Erkenntnis aber war, dass die Maya seit dem Jahr 3114 jeden Tag einzeln zählen.

Bei Google ergibt die Kombination „Maya+2012“ 5,3 Millionen Treffer. Auf der Website weltuntergang-2012.de läuft der Countdown: Tage, Stunden, Minuten und Sekunden werden auf den 21. Dezember hin rückwärts gezählt. Das Apokalypse-Voting auf dieser Site kommt ein Jahr vor der prophezeiten Katastrophe zu folgendem Ergebnis: 24,6 Prozent erwarten den Weltuntergang, 58,7 Prozent nicht, 16,7 Prozent sind unentschlossen.

Der Maya-Kalender besteht aus mehreren Systemen, die miteinander in Beziehung stehen die „Lange Zählung“, der land­wirtschaftlich wichtige Sonnenjahrzyklus von 365 Tagen, das zyklische 260-Tage-System. Die­ser tzolk’in fungierte als Ritualkalender. Warum 260? Zum einen ist 260 das Ergebnis der Multi­plikation von 20 und 13, der beiden heiligen Zahlen der Maya. Zum anderen ergeben 260 einzeln gezählte Tage ziemlich genau den Zeit­raum, in dem ein Mensch zum Menschen wird: die neun Monate der Schwangerschaft.

Immer wieder stoße ich bei meinen Recher­chen auf den „Dresdner Kodex“, dessen Kopie der russische Soldat Knosorow 1945 nach Mos­kau mitgenommen hatte. In gewisser Weise ist diese Schrift schon durch ihre Prophezeiungen heilig – vor allem aber deswegen, weil sie das einzig verbliebene authentische Buch der Maya-Kultur ist. Seit 273 Jahren befindet sich dieses älteste erhaltene Buch Amerikas in Dresden.

Selbst das ist einem Zufall geschuldet. Im Jahr 1739 reiste der Hofbibliothekar Johann Christian Götze nach Wien, um im Auftrag des Kö­nigs von Sachsen Handschriften für die Kur­fürstliche Bibliothek einzukaufen. Er erwarb wertvolle orientalische Originale und, wie er in sein Kaufbuch schrieb, von privat ein „mexika­nisches Buch mit hieroglyphischen Figuren“, mit dem bis dahin niemand etwas anfangen konnte. Wie es nach Europa gelangt war, ist bis heute ein Rätsel. Womöglich aber durch den spanischen Eroberer Hernán Cortés selbst: als Teil jener Abgaben, die er an Karl I. (den späteren Kaiser Karl V.) liefern musste. Wollte er seinem könig­lichen Auftraggeber demonstrieren, dass es jen­seits des Atlantiks auch künftig wertvolle Län­dereien zu erobern gab?

Götze wusste nicht, dass es sich bei der Hand­schrift um einen 1250 in Yucatán verfassten Kalender der Maya handelt, ein Buch voller Götter-Almanache und mathematischer Tafeln. Als „Codex Dresdensis“ wurde die Handschrift im Japanischen Palais an der Elbe ausgestellt. Humboldt ließ Teile davon abzeichnen, Napo­leon und Goethe bewunderten die filigranen Hieroglyphen. Was genau sie bedeuteten, ahnte damals noch niemand. Das fand erst 150 Jahre später Ernst Wilhelm Förstemann heraus.

Der Kalender hatte eine festgelegte Funktion. Er war die Legitimation von Herrschaftsansprüchen, ein Machtinstrument für Könige und Priester. Autoren waren immer die Herrscher. Durch die Bücher verkündeten sie das Wort der Götter. Sie hielten damit Rituale ab, legten Göt­ter darstellende Masken an. Auf dem Tempel­plateau stehend, vollzogen sie Schauspiele und Tänze, während unten das Volk zusah, wie sich die Herrscher ihr kostbares Blut aus Ohrläpp­chen, Zunge oder Penis abzapften, es auf Papier träufelten, zusammen mit Weihrauch verbrann­ten und als Nahrung für die Götter in den Him­mel steigen ließen. In diesem Moment waren die menschlichen Könige die Verkörperung der Göt­ter auf Erden. Wenn ein Zeitabschnitt innerhalb des Kalenders endete, ließen sie neue Tempel bauen oder Stelen errichten.

Der Kalender prägte das Leben der Maya. Wichtige landwirtschaftliche Termine, Aussaaten und Ernten sowie die Sonnenfinsternisse wurden mit seiner Hilfe vorhergesagt. Wenn sich dann tatsächlich die Sonne verdun­kelte, stärkte dieses Zeichen des Himmels die Macht der Gottkönige.

Und wenn nicht? Wenn plötzlich eine nicht vorhergesagte Dürre kam? Und wenn dies sogar zweimal nacheinander geschah? Dann be­drohte das die Autorität des Königs, und der Kalender wurde zum Fluch. In der Phase, als die Stadtstaaten der klassischen Maya-Zeit zwischen 600 und 900 n. Chr. reihenweise kollabierten, gab es auf der Halbinsel Yucatán eine Serie schwerer Dürren.

Die Altamerikanisten waren sich lange nicht einig, wie es zum Kollaps kommen konnte. Einige glauben daran, dass Trockenzeiten zum Untergang der Maya führten. Andere verfechten die These der Hungersnot durch falsche Brandrodung. Für Grube ist die Frage geklärt. «Eine Gesellschaft mit funktionierendem politischen System kann solche Dürren überstehen», sagt er. «Aber bei den Maya war zu diesem Zeitpunkt die Institution des Königtums bereits so ge­schwächt, dass sie das Ende bedeuteten.» Dem Niedergang der Städte ging der politische Kol­laps voraus. Nachdem die Gottkönige und ihre Königshöfe nicht mehr existierten, gab es keine politische Institution mehr, die für die Wasser­versorgung der Menschen zuständig war. Die alten Städte wurden verlassen.

Dürren, Vulkanausbrücke, Flutwellen? Könn­te sich die Geschichte wiederholen? Was wird am 21. Dezember 2012 geschehen? Könnte der „Dresdner Kodex“ vielleicht eine andere Antwort bereithalten? Ich reise nach Dresden. Dort habe ich mich erneut mit Nikolai Grube verabredet.

Der Weg in die „Schatzkammer“ des Buch­museums der Sächsischen Landesbibliothek erscheint mir wie der Pilgergang zu einem Tempel. Die Tür der Kammer ist aus massiver Bronze. Dämmriges Licht, die Temperatur kühl, keine Fenster. Alle senken die Stimme. In der Mitte des Raums die Vitrine mit dem „Dresdner Kodex“, dem Prunkstück unter Prunkstücken drum herum: Dürers Skizzenbuch, Luthers Vor­lesungsmanuskript, Bachs Partitur der H-Moll-Messe. Alles Originale.

Dieser Kodex ist der künstlerisch wertvollste und intellektuell anspruchsvollste der drei existenten Kodizes. Er diente wohl einem hoch an­gesehenen Maya-Priester als Handbuch, um Bedürfnisse einer Stadt oder Gemeinde zu be­friedigen, um Königen die besten Tage für die Kriegsführung zu empfehlen. Das Werk besteht aus 80 Almanachen – einzelnen, manchmal vier Seiten langen Wahrsagekalendern. Sie dienten dazu, die Tage des 260-tägigen tzolk’in auf wich­tige Ereignisse zu beziehen.

Wir verlassenen die Schatzkammer und ge­hen zwei Stockwerke tiefer in die Cafeteria der Sächsischen Landesbibliothek. Es ist laut und wuselig, Studenten der Technischen Universität arbeiten an ihren Laptops und trinken Kaffee. In der hinteren Ecke ist noch ein Tisch frei.

«Lässt sich denn nun aus diesem Kodex die Prophezeiung einer Katastrophe ableiten?»
«Definitiv nicht», sagt Grube.
«Dann hatten die Maya keine Endzeitvorstel­lungen?»
«Doch, sie nahmen an, dass es zu einer gro­ßen Flut kommen wird, die unsere gegenwärtige Welt beendet.»
«Sie wussten also, dass die gegenwärtige Welt endlich ist.»
«Ja, aber sie wussten nicht, wann sie endet.»
«Es gibt keine einzige Verbindung einer Welt­untergangs-Vorstellung mit einem konkreten Zeitpunkt.»
«Kein Maya hätte je mit dem Untergang der Welt am 21. Dezember 2012 gerechnet.»
«Aus dem Kalender geht ein Ende der Welt nicht hervor?»
«Es gibt darin keinerlei inhaltliche Aussagen, was in der Zukunft wann passieren wird.»
«Der 21. Dezember stellt für die Maya also keine Zäsur dar.»
«Dieser Tag ist eine Zäsur wie für uns der Wechsel vom Jahr 1999 auf das Jahr 2000. Die Maya wussten natürlich genau, dass es den 22. Dezember 2012 geben wird. Das geht zweifelsfrei aus dem „Dresdner Kodex“ hervor.»

Bleibt die Frage: Wie kann es sein, dass eine falsch gedeutete Prophezeiung derart hartnäckig in den Seelen und Hirnen rationaler Zeitgenos­sen nistet und zu absonderlichen Ängsten führt?

Forscher wie Nikolai Grube oder David Stuart führen zur Erklärung an, dass die Maya als Volk immer schon mit Authentizität und Reinheit assoziiert wurden. Man habe in ihnen das Ideal des edlen Wilden erkennen wollen, der große Weisheit besaß, als friedlich galt und keine Kriege kannte. Dem man unterstellte, keine Herrscher, sondern nur Priester gehabt zu ha­ben, die nichts weiter taten, als die Gestirne anzubeten und Kalenderprophezeiungen zu erstellen. «Das ist alles grundfalsch», stellt Grube fest. Und Stuart schreibt: «Jene, die eine Welt­untergangsprophezeiung auf die Maya stützen, haben keine Ahnung, worüber sie sprechen.»

Von derlei Erkenntnissen unbeeindruckt kommen seit Monaten Menschen aller Konti­nente in das 200-Seelen-Dorf Bugarach am Fuß der französischen Pyrenäen – um der Apoka­lypse zu entgehen. Sie sind fest überzeugt, dass es am magischen Felsmassiv Pic de Bugarach eine Garage für außerirdische Wesen gibt. Und diese Wesen werden sie – die Auserwählten – mit auf den Weg ins Licht nehmen. Bugarach erwartet für den Dezember einen Ansturm. Die Pensionen sind schon jetzt ausgebucht.

(NG, Heft 02 / 2012, Seite(n) 82 bis 107)