Geschichte und Zivilisation

Dharavi, die Schattenstadt

Alle Städte Indiens sind laut, aber nirgendwo ist der Lärmpegel so hoch wie in Mumbai, dem früheren Bombay. Rund um die Uhr dröhnt der Verkehr, gellen die Autohupen. Dienstag, 1 Mai

Von Mark Jacobson
Bilder Von Jonas Bendiksen

Alle Städte Indiens sind laut, aber nirgendwo ist der Lärmpegel so hoch wie in Mumbai, dem früheren Bombay. Rund um die Uhr dröhnt der Verkehr, gellen die Autohupen. In Dharavi jedoch, einem Slum, in dem eine Million Menschen leben, ist der Lärm kein Problem. Am Abend wird es in dem Gassenlabyrinth - zu eng sogar für die knatternden Motorrikschas - so still wie auf einer Waldlichtung. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, 28 Quadratmeter Wohnfläche mit 15 anderen Menschen zu teilen, stellt sich ein merkwürdiges Gefühl der Entspannung ein: Ah, endlich ein Moment, in dem man einen klaren Gedanken fassen kann. Dharavi wird gern mit dem zweifelhaften Attribut "größter Slum Asiens" belegt oder gleich als "größter Slum der Welt" bezeichnet. Aber das stimmt nicht. Im Elendsviertel Neza-Chalco-Itza in Mexico City leben viermal so viele Menschen. In Asien hat Orangi, ein Vorort von Karatschi, Dharavi den Rang abgelaufen. Sogar in Mumbai selbst, einer schnell wachsenden Stadt von derzeit zwölf Millionen Einwohnern, lebt ungefähr die Hälfte in Behausungen, die "informelle Wohnformen" genannt werden. Und hier gibt es Slums, die sich, was Größe und Elend angeht, mit Dharavi messen können.

Dennoch ist Dharavi einzigartig. Mitten im Herzen vom Mumbai gelegen, ist es ein zweieinhalb Quadratkilometer großes Zentrum für alle und alles - geographisch, psychologisch, spirituell. Seine Lage macht es außerdem zu einem "Filetgrundstück" in Mumbai, einer Stadt, die wie kaum eine andere Indiens Hoffnungen verkörpert, mit China wirtschaftlich konkurrieren zu können. Auf einem Planeten, auf dem bald die Hälfte der Menschheit in Städten wohnen wird, ist Dharavi nicht nur ein Fenster in die Zukunft Indiens, sondern in die der Städte weltweit. Manche Familien sind schon seit drei oder mehr Generationen hier. Fragt man ihre Mitglieder, wie Dharavi entstanden ist, antworten sie: "Wir haben es erbaut." Das kommt der Wahrheit sehr nahe. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das Gebiet ein Mangrovensumpf. Hier fischte das Volk der Koli. Als der Sumpf verlandete - aufgefüllt mit Kokosblättern, Fischresten und Müll -, mussten die Koli weichen. Andere füllten den Raum: Aus Gujarat kamen die Kumbhar und gründeten eine Töpferkolonie. Tamilen aus dem Süden machten Gerbereien auf. Tausende wanderten aus Uttar Pradesh zu, um in der boomenden Textilindustrie zu arbeiten. Das Resultat ist das von den Menschen her wohl vielfältigste Wohnviertel in Mumbai, Indiens sowieso schon vielfältigster Stadt.

"Sprich davon, etwas für die Slums in Mumbai zu tun, und keiner hört zu. Sprich über Dharavi, und du kommst dir vor wie im Film 'Mission Impossible'. Die Leute regen sich auf wie über einen internationalen Zwischenfall", sagt Mukesh Mehta, als er den Konferenzraum im Verwaltungszentrum des Bundesstaats Maharashtra betritt. Der 56-jährige Stadtplaner hat neun Jahre lang das "nachhaltige, slumfreie Mittelschicht-Dharavi" entworfen. An diesem Morgen soll das Vorhaben von Ministerpräsident Vilasrao Deshmukh abgesegnet werden. Mehta will Dharavi in fünf Sektoren aufteilen und diese unter Beteiligung von Investoren - hauptsächlich von Indern im Ausland - sanieren. Dafür sollen zunächst 57 000 Familien in Hochhäuser umquartiert werden, die in der Nähe ihrer jetzigen Wohnungen liegen. Jede Familie hat Anspruch auf 21 Quadratmeter Wohnfläche. Plus Innentoilette! Als Gegenleistung für den Bau der mietfreien Häuser erhalten die Privatunternehmen lockende Anreize, damit sie auch "Profithäuser" bauen, die für teures Geld verkauft werden sollen.

"Das Einzige, was noch fehlt, ist die Genehmigung", sagt Mehta zu Deshmukh, einem mürrischen Gentlemen im blütenweissen Anzug, der mit seinen Beratern an dem zwölf Meter langen Konferenztisch Platz genommen hat. Eigentlich müssten 60 Prozent der Bewohner von Dharavi den Plänen zustimmen. Doch in der Rajendra Prasad Chawl, einer meterbreiten Gasse in Dharavi, fand die Nachricht von der Genehmigung der Pläne ein geteiltes Echo. Meera Singh sah kaum von Fernseher auf. Sie hatte schon zu oft von der geplanten Umgestaltung gehört. Es war noch nie viel geschehen. Warum sollte es jetzt anders sein?

Und warum sollte sie in eine 21-Quadratmeterwohnung umziehen, wenn sie mietfrei sein sollte? Zurzeit bewohnt sie fast 37 Quadratmeter. Sie bekommt 1100 Rupien im Monat von den Möbeltischlern und noch einmal 1000 als Miete für ihren Keller. Warum sollte sie darauf verzichten, um in ein siebenstöckiges Wohnhaus umsiedeln, wo sie alle möglichen Nebenkosten zahlen muss, darunter eine Liftumlage? Sie fährt nicht gern Aufzug. Aufzüge sind ihr unheimlich.

Die Geschäftsleute in der Innenstadt von Mumbai beklagen sich, dass die Slums der Stadt die Luft nähmen und Mumbai, den ihm zustehenden wichtigen wirtschaftlichen Platz im 21. Jahrhundert verwehrten. Lassen sich innenstadtnahe Slums in Millionenstädten tatsächlich durch stadtplanerische Maßnahmen verhindern? 

(NG, Heft 5 / 2007)