Geschichte und Zivilisation

Die Geburt der Zivilisation

Vor 11.000 Jahren errichteten Jäger und Sammler in der Südtürkei die ersten Tempel der Menschheit. Dort, in Göbekli Tepe, gehen deutsche Forscher der Frage aller Fragen nach: Wie kam die Religion in die Welt? Montag, 9 Mai

Von Charles C. Mann

In der Südtürkei kann man zur Wiege der Zivilisation reisen. In weißen, klimatisierten Bussen geht es über holprige Serpentinen bis zu einem steinernen Tor. Die Touristen – meist Türken, manchmal auch Westeuropäer – fingern an ihren MP3-Spielern und Was­serflaschen und scheren sich wenig um die An­weisungen und Erklärungen der Reiseleiter. Ihr Ziel ist der Gipfel des Hügels. Oben auf dem Göbekli Tepe angekommen, stehen sie plötzlich da wie Comicfiguren, die Münder zu einer Reihe staunender O geöffnet. Wie gebannt schauen sie auf Dutzende riesi­ger Steinpfeiler, in mehreren Ringen angeordnet, einer gegen den anderen gelehnt. Die Stätte erinnert ein wenig an Stonehenge. Doch die Anlage auf dem Göbekli Tepe wurde viel früher erbaut. Und sie besteht nicht etwa aus grob behauenen Steinblöcken wie der Kultort in Südengland, sondern aus sorgfältig bearbeiteten Kalksteinpfeilern. Sie sind reich mit Tierfiguren verziert: mit Gazellen, Schlangen, Füchsen, Skorpionen und furchterregenden Kei­lern. Errichtet wurde das Ensemble vor etwa 11600 Jahren, 7000 Jahre vor Stonehenge und dem Bau der Pyramiden von Giseh.

Auf dem Göbekli Tepe steht die älteste be­kannte Tempelanlage der Welt – ja, die älteste bekannte monumentale Architektur überhaupt. Das erste Bauwerk, das größer und komplexer als eine Hütte war. Als diese Pfeiler aufgerichtet wurden, gab es, so weit wir wissen, nichts ver­gleichbar Großes auf der Welt. Nach einem Moment verblüfften Schweigens zücken die Touristen auf dem mythischen Hügel ihre Kameras und Handys. Vor elf Jahrtausen­den hatte natürlich niemand solche Geräte. Den­noch haben sich die Dinge weniger geändert, als man annehmen könnte. Große religiöse Zentren waren schon immer Wallfahrtsziele für spiritu­elle Reisende, die oft lange Strecken zurücklegen, um Einzigartiges zu schauen, um berührt oder geheilt zu werden. Der Göbekli Tepe könnte die erste dieser Pil­gerstätten gewesen sein.

Für die hier arbeitenden Archäologen ist der Fall ziemlich klar: Der menschliche Sinn für das Heilige und nicht zuletzt auch unsere Vor­liebe für grandiose Inszenierungen schufen die Grundlage für die Zivilisation. Zu der Zeit, als der Göbekli Tepe entstand, lebten die meisten Menschen in kleinen noma­dischen Gruppen, die Wildpflanzen suchten und Tiere jagten. Doch um so eine Tempelanlage zu errichten, mussten mehr Leute an einem Ort zusammenkommen als vermutlich jemals zuvor. Und, noch überraschender: Diese Men­schen schafften es, bis zu 16 Tonnen schwere Felsblöcke zu brechen, zu bearbeiten und einige hundert Meter weit zu transportieren – dabei verfügten sie weder über das Rad noch über Lasttiere. Die Pilger, die zum Göbekli Tepe ka­men, kannten auch noch keine Schrift, kein Metall, keine Keramik. Wer sich diesem Tem­pelbezirk näherte, auf den müssen die Pfeiler wie mächtige Riesen gewirkt haben. Und die im Feuerschein zitternden Tierfiguren wie Boten aus einer Geisterwelt – die sich der Mensch wohl erst vorzustellen begann.

Die Ausgrabungen am Göbekli Tepe sind noch in vollem Gang, und die Archäologen dis­kutieren weiterhin über seine Bedeutung. Was sie schon wissen: Die Stätte ist die bedeutendste in einer Reihe unerwarteter Funde, die frühere Vorstellungen der kulturellen Entwicklung geradezu auf den Kopf stellen. Vor nur 20 Jahren glaubten die meisten Forscher noch, Zeit, Ort und ungefähren Verlauf der Neolithischen Revo­lution zu kennen – jenes Über­gangs, in dem sich der Ackerbau entwickelte und Jäger und Sammler der Spezies Homo sapiens sesshaft wur­den. Damals begann die Entwicklung hin zu Gesellschaften mit großartigen Bauwerken und Herrschern, die die Arbeit ihrer Untertanen dirigierten und diese Leistungen in schriftlicher Form festhielten.

Doch seit einigen Jahren sehen sich die Ar­chäologen gezwungen, diese Vorstellungen zu überdenken. Die Ausgrabungen auf dem Göbekli Tepe spielen dabei eine zentrale Rolle. Zunächst betrachteten die Forscher die Neo­lithische Revolution als einmaliges Ereignis – als eine Art jähen Geistesblitz unserer frühen Vorfahren in Mesopotamien, dem heutigen Südirak. Von hier aus nahm sie ihren Weg nach Indien, Europa und darüber hinaus. Die meis­ten Archäologen waren überzeugt davon, dass sich dieses plötzliche Erblühen der Zivilisation weitgehend Umweltveränderungen verdankte: nämlich der Wärmephase nach dem Ende der Eiszeit. Dies hätte es ermöglicht, erstmals Pflan­zen anzubauen und große Tierherden zu halten. Die neuen Forschungen legen nun nahe, dass nicht nur viel mehr Menschen an dieser „Re­volution“ beteiligt waren, sondern dass diese sich auch über ein riesiges Gebiet und einen Zeitraum von Tausenden von Jahren hinzog. Und möglicherweise waren es gar nicht neue Umweltbedingungen, die diese Umwälzung verursachten.

Aber was war es dann? Als Klaus Schmidt, ein seit Jahrzehnten mit der Region vertrauter Archäologe, 1994 zum Göbekli Tepe kam, wusste er sofort, dass er hier lange Zeit ver­bringen würde. Der gebürtige Franke hatte einige Jahre lang an anderen Grabungsstellen in der Südtürkei geforscht und damals eine neue Fundstätte gesucht. Die größte Stadt in der Um­gebung ist Sanlıurfa. Der Legende nach wurde hier der Stammvater Abraham geboren. Nördlich liegen die ersten An­höhen der Berge, in denen Eu­phrat und Tigris entspringen. Nur 14 Kilometer außerhalb der Stadt verläuft ein langer Hügelzug mit einem gerundeten Gip­fel, den die Einheimischen Göbekli Tepe nen­nen: „gebauchter Berg“.

In den Sechzigern hatten sich Archäologen der Universität von Chicago hier umgesehen, den Göbekli Tepe aber nicht für besonders interes­sant befunden. Auf dem Hügel konnten sie zwar erkennen, dass dort etwas verändert worden war, und sie schrieben die vielen Feuersteinabschläge schon der Steinzeit zu. Doch die monumentale Architektur blieb ihnen noch verborgen. Schmidt, durch die kurzen Aufzeichnungen seiner amerikanischen Kollegen neugierig ge­worden, beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Als Erstes fielen auch ihm die riesigen Mengen Feuersteinfragmente auf. «Nach weni­gen Minuten war mir klar», erzählt mir der For­scher, «dass hier in vergangenen Jahrtausenden Dutzende, wenn nicht Hunderte Menschen ge­arbeitet haben mussten.»

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Ar­chäologischen Institut (DAI), dem er heute an­gehört, und dem Museum von Sanlıurfa macht sich Schmidt 1995 an die Arbeit. Nur Zentimeter unter der Oberfläche stößt sein Team auf einen kunstvoll gestalteten Stein. Dann kommen weitere zum Vorschein: ein Kreis von aufrecht stehenden Pfeilern. Im Laufe der Jahre finden die Archäologen und ihre einhei­mischen Helfer einen zweiten Steinkreis, dann einen dritten. Durch geomagnetische Messun­gen identifizieren sie allein im Jahr 2003 min­destens 20 solcher Anlagen. Die größten Pfeiler sind fünfeinhalb Meter hoch und 16 Tonnen schwer. Sie sind mit Tierfiguren in Form von Flachreliefs dekoriert, gefertigt in verschiedenen Stilen, einige nur grob angedeutet, andere fein ausgearbeitet wie byzantinische Kunstwerke. An weiteren Stellen des Hügels findet sich die größte Ansammlung neolithischer Feuerstein­werkzeuge, die Schmidt je untergekommen ist: Messer, Beilklingen, Pfeilspitzen. «Es gibt hier auf einem oder zwei Quadratmetern mehr Feu­ersteine, als viele Archäologen an ganzen Gra­bungsstellen finden», sagt er.

Die Steinkreise sind alle nach gleichem Mus­ter errichtet. Sie wurden aus Kalksteinpfeilern zusammengesetzt, die oben eine Art Querbalken tragen und somit wie ein T geformt sind. Fünf­mal so breit wie tief, stehen sie zwei Armlängen oder mehr voneinander entfernt. Verbunden werden sie durch niedrige Steinbänke. In der Mitte der Kreise stehen jeweils zwei größere Pfeiler, die mit ihren schmalen Enden in Furchen im Fels eingelassen sind. Der Rothenburger Architekt und Bauingenieur Eduard Knoll, der mit Schmidt an der Erhaltung der Stätte arbeitet, vermutet, dass die Pfeiler einst abge­stützt waren, möglicherweise mit Holzpfosten.

Für Schmidt stellen die T-förmigen Pfeiler stilisierte menschengestaltige Wesen dar. Diese Annahme wird vor allem durch die geschnitzten „Arme“ gestützt, die von den „Schultern“ einiger Pfeiler abwärts führen und deren „Hände“ sich nach den mit Lendenschür­zen drapierten Bäuchen strecken. Die Steine sind zur Kreismitte ausgerichtet – «wie bei einer Zusammenkunft oder einem Tanz», sagt der Archäologe. Stellen sie eine Kulthandlung dar? Die tänzelnden, springenden Tiere zeigen über­wiegend lebensbedrohende Wesen: Skorpione, Keiler, Löwen. Sollten sie hier die menschlichen Figuren beschützen? Oder sollten die „Men­schen“ die Tiere besänftigen? Galten diese den Menschen möglicherweise als Totems?

Im Laufe der Ausgrabungen kommt Rätsel zu Rätsel. Aus noch unbekannten Gründen schei­nen die Steinkreise vom Göbekli Tepe regelmäßig ihre Kraft oder zumindest ihren Zauber verloren zu haben. Alle paar Jahrzehnte begru­ben die Menschen die Pfeiler und stellten neue auf: einen zweiten, kleineren Ring innerhalb des ersten, manchmal auch einen dritten. Dann wurde alles mit Geröll zugeschüttet und in der Nähe ein völlig neuer Kreis errichtet. Die Stätte könnte über Jahrhunderte hinweg gebaut, zuge­schüttet und neu erbaut worden sein.

Zum Erstaunen der Archäologen ließ die Qualität der Tempelanlagen immer mehr nach. Die ersten Kreise sind die größten und technisch wie künstlerisch anspruchsvollsten. Im Laufe der Zeit wurden die Pfeiler kleiner, schlichter und weniger sorgfältig aufgestellt. Um 8200 v. Chr. endet die Geschichte des Göbekli Tepe. Die Stätte verschwindet von der Bildfläche und ersteht nicht wieder.

Ebenso wichtig wie die Funde der Wissen­schaftler ist das, was sie nicht finden. Hunderte Menschen müssen hier gewirkt haben, um die Pfeiler zu bearbeiten und aufzustellen – aber es gab kein Wasser; der nächste Fluss war etwa fünf Kilometer entfernt. Die Arbeiter brauchten ein Dach über dem Kopf – doch die Archäologen entdecken weder Mauern und Häuser noch Feuerstellen. Die Menschen mussten essen – aber Schmidt findet nicht eine einzige Kochstelle. Der Göbekli Tepe war offenbar ein reines Kultzentrum.

Falls hier überhaupt Menschen gelebt haben, dann waren es nicht Bewohner, sondern eher Helfer und Bedienstete. Tausende Gazellen- und Auerochsenknochen lassen darauf schließen, dass die Arbeiter wohl ständig mit Wild aus ent­fernten Jagdrevieren versorgt wurden. All diese komplexen Prozesse müssen organisiert und überwacht worden sein – aber bisher gibt es keinerlei stichhaltige Beweise für eine soziale Hierarchie. Auch keine Wohnbereiche für Wohlhaben­de, keine reichen Gräber und keine Anzeichen dafür, dass sich manche Menschen besser er­nährt hätten als andere.

«Diese Menschen waren Jäger und Sammler», sagt Schmidt. «Bisher dachten wir dabei immer an kleine, bewegliche Gruppen, ein paar Dut­zend Personen vielleicht. Wir dachten an Leute, die sich keine festen Behausungen bauen konn­ten, weil sie ihren Ressourcen folgen mussten. Wir dachten, dass es keine Klasse von Priestern und Handwerkern geben konnte, weil die Men­schen die zusätzlichen Vorräte nicht mitnehmen konnten, um diese Elite zu ernähren. Und was müssen wir jetzt feststellen? Dass sie genau das taten, was wir ihnen nicht zutrauten.»

Die Erkenntnis, dass der Göbekli Tepe von Jägern und Sammlern errichtet wurde, erscheint uns so unwahrscheinlich, als hätte jemand mit einem Papiermesser einen Airbus gebaut. «Wir konnten das alles zu Beginn selber nicht fassen», sagt Schmidt. Zum Erstaunen der Forscher scheint der Göbekli Tepe beides gewesen zu sein: ein Vorbote der künftigen zivilisierten Welt und zugleich die letzte und größte Hervorbrin­gung einer nomadischen Vergangenheit. Die Leistung, diese Stätte zu errichten, ist ganz er­staunlich, aber wie wurde sie vollbracht, und was bedeutete sie? «In zehn oder 15 Jahren», prophezeit Schmidt, «wird der Göbekli Tepe berühmter sein als Stonehenge. Und das aus gutem Grund.»

(NG, Heft 06 / 2011, Seite(n) 38)