Geschichte und Zivilisation

Eiszeit: Als in Deutschland Löwen lebten

Eine raue, unwirtliche Kältewüste? Von wegen. In Wirklichkeit war Europa während der letzten Kälteperiode ein üppiges Paradies voll riesiger Tiere, sagen Forscher.

Von Andreas Weber

Die Eiszeit muss furchtbar ungemütlich gewesen sein, düster, karg und kalt – so stellen wir es uns heute vor. Doch vor 30.000 Jahren war Europa kein Eisklotz. Tatsächlich ähnelte die Landschaft eher der afrikanischen Savanne. Die Museumsshow „Eiszeit-Safari“ in Koblenz führt seine Besucher durch das damalige Europa als Mammuts, Bisons, Wollhaarnashörner, Löwen , Wölfe, Bären und Riesenhirsche durch die Landschaft streiften. Die Eiszeit hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. Der passionierte Sammler Klaus Reis hat sie zusammen getragen: Mineralien, Knochen und Geweihe. Seine Fundstücke bilden die Grundlage für die „Eiszeit-Safari“. Die Ausstellung zeigt auch, dass uns die damaligen Menschen ähnlicher waren, als wir glauben.

Lena, so nennt Wilfried Rosendahl die junge Frau liebevoll. Er trifft sie neuerdings täglich an seinem Arbeitsplatz. Der Paläontologe mit den flinken Augen und den fliegenden Haaren ist Direktor an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen.

Lena ist nicht viel kleiner als er, schlank, ein attraktiver Typ. Das Gesicht regelmäßig, offenes braunes Haar, der Blick selbstbewusst.

Rosendahl berührt Lenas Fingerkuppen. Ihre Haut ist weich, das Gewebe unter den leicht schmutzigen Nägeln – vom Feuermachen? – gibt elastisch nach. Sie hätte gewiss einen herzlichen Händedruck. Würde er ihr je in Fleisch und Blut begegnen.

Ihr Vorbild lebte allerdings schon vor 30 000 Jahren, während der letzten Eiszeit. Lena sieht zwar auch lebendig aus, sie wurde aber von der Berliner Figurenbauerin Lina Büscher aus Silikon geformt, mit echten Wimpern und Haaren modelliert und mit indianisch anmutenden Lederkleidern ausstaffiert.

Lässig auf einen Holzspeer gestützt, repräsentiert Lena gemeinsam mit einer männlichen Figur mit perlendurchflochtenem Bart die Spezies Homo sapiens, den modernen Menschen, in der spektakulären Museumsshow „Eiszeit­ Safari“, die gerade in Koblenz eröffnet wurde.

Lenas Anblick macht deutlich: Zwischen den Menschen, die unseren Kontinent während der Eiszeit vor 30 000 Jahren bewohnten, und den heutigen Europäern gibt es keinen Unterschied. Lenas Mammut jagende Zeitgenossen unterschieden sich äußerlich nicht von jenen Menschen, die heute auf Autobahnen im morgendlichen Pendlerstau vorankriechen. Auch der Bauplan der Psyche jener frühen Europäer, da ist sich eine wachsende Zahl von Paläoanthropologen sicher, unterschied sich nicht von unserer. „Ein Kind aus der Eiszeit würde sich, in unsere Welt versetzt, ganz normal entwickeln“, sagt der Tübinger Forscher Hervé Bocherens.

Wie nah uns das Leben in der Eiszeit immer noch ist, das möchte diese Ausstellung veranschaulichen. Dafür wurden zahlreiche komplette Skelette und nie zuvor gesehene Rekonstruktionen der eiszeitlichen Tierwelt in einem Landschaftsambiente arrangiert. Nicht nur Lena, sondern auch Mammuts, Europäische Bisons, Wollhaarnashörner und Riesenhirsche wurden für die Ausstellung unglaublich realistisch nachgebildet.

„Eiszeit-Safari“ haben die Reiss-Engelhorn-Museen die Show genannt. Sie wollen damit aufzeigen, dass Europa vor 30 000 Jahren tatsächlich mehr mit der afrikanischen Savanne gemein hatte als mit Grönland. Denn befeuert durch populäre Medien und animierte Kinofilme („Ice Age“), stellen sich die meisten unter der Eiszeit eine kältestarrende Epoche vor. Eine düstere Zeit, in der neben dem Homo sapiens noch der Neandertaler den Kontinent durchstreifte, immer hart am Tod durch Erfrieren, Verhungern, Erschlagenwerden. Doch die Eiszeit war weder ausschließlich eisig noch karg.

„Eiszeit war anders“, sagt Rosendahl.

War sie womöglich sogar der europäische Garten Eden, die Landschaft, deren Abbild bis heute in unserem kollektiven Unterbewusstsein schlummert?

Zunächst einmal, sagen Geologen zur Klarstellung, ist das, was wir Laien als Eiszeit bezeichnen, nur die letzte Kaltzeit des bislang letzten Eiszeitalters, des känozoischen. Das begann vor 30 Millionen Jahren und dauert bis heute an. In dieser Zeit wechselten sich mehrere Kalt- und Warmzeiten ab. Heute leben wir seit rund 10 000 Jahren in einer solchen Warmzeit, die aber immer noch Teil eines Eiszeitalters ist.

Die Kälteperiode davor (Würm- oder Weichseleiszeit) währte fast 100 000 Jahre. Sie haben die meisten vor Augen, wenn sie von „der Eiszeit“ sprechen. Das ist die Periode, durch die uns die Koblenzer Ausstellung führt – und diese Safari zwingt uns, unser Bild zu korrigieren.

Die Ausstellungsmacher verarbeiteten für die Präsentation ganz neue, oft revolutionäre Ergebnisse von Paläontologen, Pflanzenforschern, Genetikern, Ökologen und Datierungsexperten. Die Wissenschaftler liefern ein völlig neues Bild des eiszeitlichen Lebens auf unserem Kontinent.

Bis vor gerade mal 10 000 Jahren war er ein Ökosystem mit einer regelrecht tropisch anmutenden Lebensfülle. Unsere Vorfahren begegneten gewaltigen Tieren. Das Klima war vielerorts lebensfreundlicher und angenehmer als häufig gedacht, in den kurzen Sommern konnte die Temperatur auch mal über 20 Grad steigen. Es gab viel blauen Himmel und Sonnenschein. Eisig war es in der warmen Jahreszeit nicht besonders – nicht einmal in direkter Nähe der Gletscher. Obwohl diese von Skandinavien aus bis ins heutige Norddeutschland vorgerückt waren, wo sie die Landschaft nachhaltig prägten. Und obwohl sich im Süden die Schnee- und Eismassen der Alpen bis ins Flachland hinabschoben. Die großen Seen wie der Chiemsee oder der Bodensee füllen heute die Becken, die von diesen Eiszungen gegraben wurden.

Die spektakulären Zeugen glazialer Kräfte sind noch heute unübersehbar. Sie lenken die Aufmerksamkeit allerdings von den überraschenden Spuren ab, die nur Spezialisten ausmachen können. Diese wissen heute: In der letzten Eiszeit bedeckte im Frühsommer eine Savanne aus wogenden Gräsern die europäische Erde. So weit der Blick reichte, erstreckte sich ein Blütenmeer, durchsetzt mit Buschland und vereinzelten Baumgruppen.

Diese Szenerie ist das Gegenteil der lang herrschenden Vorstellung, dass eine karge Tundra mit Flechten und Krüppelsträuchern das Land bedeckt hätte. Oder der finstere Nadelforst der Taiga. „Das Bild von einem vorgeschichtlich dicht bewaldeten Europa ist überholt“, fasst die Paläontologin Mietje Germonpré vom Brüsseler Naturhistorischen Museum den letzten Stand des Wissens zusammen. Die Forscher müssen umdenken: Wo wir heute leben, war einst eine Art Serengeti.

Die Landschaft war nicht karg, sondern üppig, sie barst schier vor Leben. Anders als Tundra oder Taiga ist eine Grassavanne hochfruchtbar. Die Tiere darin waren nach Ansicht von Forschern wie Bocherens und Germonpré oft erheblich größer als ihre heutigen Verwandten. Herden von Mammuts, Bisons und Pferden, Wollnashörner, Saiga-Antilopen und Riesenhirsche grasten in der Savanne. Es gab Leoparden, Wölfe, Hyänen, Löwen, Braun- und Höhlenbären, in der letzten Warmzeit vor 120 000 Jahren (Eem-Warmzeit) sogar noch Flusspferde, wie zahlreiche Fossilfunde belegen.

Eine Schlüsselposition in dieser eiszeitlichen Serengeti nahm das Rheintal ein. Weil durch die Burgundische Pforte südliche Luft ungehindert an den Alpen vorbeiströmen konnte und hier schon damals das Klima milder war als in der Umgebung, kreuzten sich die Zugrouten der großen Herden. Die Oberrheinebene war noch vor 20000 Jahren so etwas wie eine europäische Etosha-Pfanne – kaum weniger artenreich als die legendäre Salzebene Namibias, die jedes Jahr Tausende von Wildlife-Touristen anzieht.

Klaus Reis hat die Erinnerung daran mit eigenen Händen ausgegraben. Der heute 81-jährige Seniorchef einer Riesling-Sektkellerei in Deidesheim ist in jeder freien Stunde seines Lebens am Oberrhein auf Safari gegangen. Es war eine Pirsch in die Vergangenheit.

Reis ist seit seiner frühen Kinderzeit ein begeisterter Sammler. Zunächst suchte er in den späten Vierzigerjahren in der deutschen Provinz wie viele andere ganz brav nach Mineralien. Bis er durch Zufall auf etwas stieß, was sein Lebensinhalt werden sollte. „Eines Tages, bei Niedrigwasser im Rheinbett, bin ich über einen Schädel gestolpert“, erinnert er sich. Der Junge grub fasziniert tiefer und tiefer und hatte schließlich den Schädelknochen eines Riesenhirsches freigelegt – komplett mit Geweihschaufeln.

Aus dem Jungs-Hobby wurde eine Leidenschaft für den Rest seines Lebens. Über die Jahre sammelte Reis im Rheinkies Tausende von Schädeln und weitere Überreste von Mammuts, Nashörnern, Büffeln und anderen Tieren, nicht nur aus der letzten Eiszeit, sondern dem gesamten Quartär. So nennen Geologen die Epoche der letzten 2,6 Millionen Jahre, den jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der bis heute reicht.

Die Knochenfunde von Klaus Reis bilden eine wichtige wissenschaftliche Basis für das Projekt „Eiszeit-Safari“. Wobei vieles, was er zusammengetragen hat, gar nicht gezeigt werden kann, so groß ist die Menge der Gebeine, die der Sammler in der Serengeti am Oberrhein aufgestöbert hat. Bis in die Achtzigerjahre gab es in Rheinland-Pfalz keine gesetzliche Regelung für fossile Funde. Sammler konnten behalten, was sie ausgegraben hatten. Reis hatte freie Hand. Oft suchte er in den Abraumhalden, die beim Ausbaggern der Fahrrinne am Flussufer entstanden. Oder in Kiesgruben.

„Ich weiß nicht, warum gerade ich so viel Glück hatte“, beschreibt Reis seine Gefühlslage während zahlreicher verzückter Tage, wie zum Beispiel an jenem Gründonnerstag 1977, als nach einem Gewitterguss etwas in der tropfenden Bruchkante einer Sandgrube schimmerte. „Abends um fünf lag ein weiteres Geweih eines Riesenhirsches neben mir in den Brennnesseln“, erinnert sich Reis. „Ob ich Tränen in en Augen hatte, weiß ich nicht mehr, aber ich habe mich gefragt: Mein Gott, warum denn immer ich?“

Dieses Füllhorn von Fundstücken spiegelt freilich schlicht die üppigen Lebensverhältnisse der Eiszeit wider. Unsere Vorfahren lebten in einer Welt des Überflusses. Nahrung war nicht knapp, wenn auch saisonal stark verschieden. Eier gab es nur vom Frühling bis in den Frühsommer, Früchte nur vom Sommer bis zum Herbst. Fleisch aber war nie rar. Mangel litten die Menschen kaum, höchstens gegen Ende langer Winter.

Die eiszeitliche Mammutsteppe überzog fast die gesamte Nordhalbkugel. Sibirien und Alaska waren nicht durch die Beringstraße getrennt, weil der Meeresspiegel durch das in den Polkappen gebundene Wasser um 150 Meter niedriger lag als heute. Das jetzige Europa, Asien und weite Teile Nordamerikas bildeten damals ein gigantisches Ökosystem, das sich als Sommersteppe einmal um den Globus zog.

Ein ausdauernder Wanderer hätte durch diese unfassbar reiche Landschaft vom Strand der heutigen Biskaya nach Osten trockenen Fußes durch das heutige Russland bis nach Amerika laufen können. „Das ist die Welt, in der sich der moderne Mensch entwickelt hat“, sagt Bocherens. Der Homo sapiens blieb auch nach dem Auszug aus Afrika ein Savannenbewohner.

Somit speiste nicht allein die Weite Ostafrikas, die „Wiege der Menschheit“, unser kollektives Unterbewusstsein mit Erinnerungen an ein Zusammenleben mit großen Herden. In Europa war es nicht anders. Und auch nicht anderswo auf der Erde. „Auf allen Kontinenten wurden die Ökosysteme von riesigen Pflanzenfressern dominiert“, sagt Bocherens. Und überall brachte deren Herrschaft eine wundersame Vielfalt hervor.

In Amerika etwa, südlich des kanadischen Eisschilds, und damit getrennt von der eurasischen Mammutsteppe, hatte sich eine Welt geformt, die von wärmeliebenden Kolumbianischen Mammuts, von Riesenfaultieren und urtümlichen, elefantenähnlichen Mastodonten durchschritten wurde. Im südlichen Asien und im sogenannten Fruchtbaren Halbmond des heutigen Nahen Ostens beherrschten Elefanten und Auerochsen die Ebenen.

Eine Hochphase des Planeten: das globale Savannenparadies der großen Graser, denen weder Wolf noch Höhlenlöwe ernsthaft zu Leibe rücken konnten. Aber die Macht der riesigen Leiber reichte noch weiter, als sich nur gegen Raubtiere wehren zu können: Das Weideverhalten der großen Vegetarier veränderte die Nährstoffkreisläufe auf eine Weise, die auch die Witterung beeinflusste und sie milde hielt. Die riesigen Herden schufen sich ihr Klima selbst.

Eine solche Aussage, das weiß Bocherens, stößt bei manchen Kollegen zunächst auf Skepsis. „Bislang glaubten Biologen, ein fruchtbarer Lebensraum mit üppiger Vegetation sei die Voraussetzung, viele Pflanzenfresser ernähren zu können; erst dann seien dort auch die Raubtiere hingezogen“, erläutert Bocherens.

Vegetation, Tiere und Klima wurden in getrennte Schachteln gesteckt. Heraus kam einerseits das Bild einer tropisch anmutenden Fülle von Tierarten – und andererseits das der eiszeitlichen Landschaft als öde Eiswüste, dürre Tundra oder düsterer Nadelwald, das die populäre Vorstellung bis hin zu den Episoden der „Ice Age“­Filme prägt. Viel Frost, wenig Bodenbakterien, kaum Nährstoffumsatz – was einmal gefressen war, wäre unter diesen Bedingungen lange Zeit nicht wieder zu Dünger geworden.

Die Folgen für das Ökosystem schienen sich an den kargen Flechtenrasen der heutigen Polargebiete ablesen zu lassen. „Was wir aber nicht bedacht hatten“, so Bocherens, „das war die Rolle der Tiere selbst.“ Oder vielmehr ihrer Mägen. Deren Mikroflora nämlich ersetzte die Bodenbakterien und recycelte Stoffe, die dadurch blitzschnell wieder als Dünger für neues Pflanzenwachstum zur Verfügung standen.

„Während der Eiszeit war die Bakterienflora aus dem Boden gleichsam in die allgegenwärtigen Mägen der Mammuts, Hirsche, Pferde und Bisons verlegt“, erklärt Bocherens. Damit waren die Großsäuger zu Landschaftsgestaltern geworden. Ihr Dung ließ selbst am Rand der aus den Polargebieten weit vorgerückten Gletscher eine Vegetation sprießen, die den heutigen mitteleuropäischen Sommerwiesen mit unzähligen Blüten, Insekten und Kleintieren ähnelte. Auch wenn es paradox erscheint: Die Herden der Pflanzenfresser stellten die Pflanzen her, die sie benötigten, um sich massenhaft zu vermehren.

„Wir müssen uns die Eiszeitlandschaft als ein von den Tieren selbst kontrolliertes Ökosystem vorstellen“, sagt Bocherens.

Einen aktuellen Beleg für diese These liefert der „Pleistozän Park“ im russischen Sibirien. Dort halten Forscher seit zwei Jahrzehnten Großsäuger auf einem mehrere Quadratkilometer großen Areal. Zwar sind es keine prähistorischen Mammuts und Wollnashörner, sondern Pferde, Europäische Bisons und Yaks, doch ihre Anwesenheit hat den gleichen Effekt wie einst: Ihre Mägen beherbergen eine eifrige Bakterienflora, die das gefressene Grün blitzschnell wieder zu Nährstoffen mineralisiert, die der Dung der Tiere auf dem Permafrostboden verteilt. Ein weiterer Effekt kommt hinzu: Die Großsäuger knabbern die Schösslinge junger Bäume und verhindern dadurch die Entstehung großer Nadelwälder.

Der ökologische Effekt ist spektakulär: Binnen weniger Jahre hat sich die Tundra innerhalb des Parks in eine fruchtbare Steppe verwandelt. Insekten und Singvögel sind eingezogen. Sogar Bienen wagen sich unter diesen Umständen mittlerweile weit über den Polar­ kreis nach Norden vor. Mit diesen Befunden lässt sich endlich erklären, warum Archäologen eiszeitliche Mammutknochen noch auf 72 Grad nördlicher Breite ausgruben. Die Klimagestaltung der Pflanzenfresser hat das Land so fruchtbar gemacht, dass Säugerherden in jenen Regionen gedeihen konnten.

Das aber heißt: Auch andere unwirtliche Landschaften nördlicher Hemisphären müssten nicht zwangsläufig so aussehen, wie wir sie kennen. „Tundra und Taiga sind das, was sich bildet, wenn die großen Äser verschwinden“, stellt Bocherens fest. Sie sind eine Art ökologische Schwundstufe. „Bleiben die Großsäuger fort, wird ein Kipppunkt überschritten“, so erklärt es der Biologe. Hat sich die ökologische Wippe erst einmal zu einer Seite geneigt, ändern sich Stoffzyklen, Niederschlagsmuster wechseln, Arten sterben massenhaft und rapide aus – und die Landschaft wird karger.

Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Kaltzeiten des prähistorischen Europas, sondern auch für spätere Warmzeiten. Mit ihr wird zudem das Idealbild vom dichten Buchenwald als dem natürlichen ökologischen Zustand unseres Kontinents infrage gestellt, eine Vision, die viele Umweltschützer so lieben. Schon vor rund 2 000 Jahren berichteten römische Geschichtsschreiber von den Feldzügen Caesars durch die endlosen Wälder Germaniens, und das stimmte zu jener Zeit und in einigen Regionen wohl auch. Doch im Großen und Ganzen gab es auf dem Kontinent die meiste Zeit wohl weniger große Wälder als vielfach angenommen. Mammuts, Pferde und Bisons sorgten für fruchtbare, offene Landschaften.

Kein Geschichtsbuch und erst recht kein ökologisches Lehrwerk verzeichnet bislang, dass unsere europäische Vergangenheit in einer Landschaft stattfand voll von Tieren, so weit das Auge reichte. Vielleicht hat sich der Widerhall dieser Fülle aber in den Mythen vom Paradies niedergeschlagen, wie es sie in vielen Hochkulturen gibt. Adam und Eva wären dann Eiszeitmenschen gewesen – Zeitgenossen von Lena, der drahtigen Jägerin.

Die Vorstellung von menschenleerer Wildnis hat sich womöglich in uns festgesetzt, weil seit der Antike in Europa, Asien und im arabischen Raum keine Großsäugerherden mehr die Steppen begrasen. Wir haben vergessen, wie die Landschaft unserer Frühzeit aussah.

Die Biologen sind bei ihren Thesen zum Glück nicht allein auf Spekulationen angewiesen, Bestätigung finden sie durch immer empfindlichere Messverfahren. Wissenschaftler können heute herausfinden, wovon sich Tiere und Menschen, die vor vielen Zehntausend Jahren gestorben sind, ernährt haben. Denn je nach Art der Mahlzeiten lagern sich unterschiedliche Typen von Kohlenstoff und Stickstoff in den Knochen ab – und diese Isotope sind in den fossilen Überresten erhalten.

So lässt sich etwa zeigen, dass Mammuts Gräser fraßen, während Rentiere Flechten und Moose bevorzugten. Kürzlich konnte bestätigt werden, dass der furchterregende Höhlenbär in Wahrheit ein reiner Vegetarier war. Und dass sich die frühen Menschen am liebsten von Mammuts ernährten. Von denen gab es reichlich, ebenso wie anderes Großwild.

Die ursprüngliche Lebensumgebung unserer Art ist somit nicht das, was wir heute als „Wildnis“ bezeichnen, eine stille Landschaft, in der sich zahlenmäßig unterlegene Tiere scheu ins Gebüsch drücken. Als sich der moderne Mensch in Europa breitmachte, existierte er vielmehr in der Mitte einer Fülle anderer Lebensformen. Dazu gehörte auch eine, die ebenfalls in Gruppen ihre Beute hetzte, aber genau wie der Homo sapiens weiterhin pflanzliche Kost aß: der Neandertaler. Das eiszeitliche Savannenparadies ernährte nicht nur eine, sondern zwei Menschenarten.

Viele Jahrtausende lebte der moderne Mensch im eiszeitlichen Europa Seite an Seite mit dem Homo neanderthalensis. Als der Homo sapiens vor mehr als 40 000 Jahren als Migrant aus Afrika ankam, traf er den Neandertaler dort bereits an. Der ältere Verwandte wurde nicht in Afrika geboren, sondern war in Europa schon einige Zehntausend Jahre früher aus dem Homo heidelbergensis entstanden. Wie wir selbst kannten auch die Neandertaler das Feuer, bestatteten ihre Toten, stellten Werkzeuge und Schmuck her und verständigten sich untereinander mit einer Art Sprache.

Gut 30000 Jahre vor unserer Zeit verschwanden die Spuren des Neandertalers. Viele Paläoanthropologen vertraten bis in die jüngste Zeit die Ansicht, unsere Vorfahren hätten ihre älteren Vettern im Kampf um Nahrung aus­ gerottet. Doch dass Krieg zwischen den beiden Menschenarten herrschte, ist nicht belegbar. Wie genau die Beziehungen zwischen ihnen aussahen, ist ein Feld heißer Spekulation. Nahmen sie sich überhaupt als verschieden wahr? Oder nur als unterschiedliche Klans mit vielleicht merkwürdigen Gebräuchen? Nur eines ist neuerdings sicher: Die beiden Menschenlinien zogen sich sexuell an. Denn heute ist nachgewiesen, dass sich Homo sapiens und Homo neanderthalensis miteinander fortgepflanzt haben.

Auch solche Erkenntnisse verdanken wir dem rasanten Fortschritt der Analysetechnik. Der Evolutionsgenetiker Michael Hofreiter von der Universität Potsdam ist einer, der die neuen Methoden weiterentwickelt und nutzt. Zu Beginn seiner Karriere hatte er noch versucht, die wenigen aus Knochen gewinnbaren Gensequenzen „von Hand“ zu entschlüsseln. Heute lassen sich Milliarden Stücke urtümlichen Erbguts automatisiert untersuchen und „lesen“.

Deshalb wissen wir seit Kurzem, dass wir einen Teil unserer Erbanlagen direkt dem Neandertaler verdanken. Bis zu drei Prozent unserer DNA stammt von der anderen Menschenart. Ihre Gene steuern Teile unseres Immunsystems, erzeugen Resistenzen gegen manche Allergene und beeinflussen unsere Verdauung.

2015 wurde in Rumänien an den etwa 40 000 Jahre alten Knochen eines modernen Menschen nachgewiesen, dass er fast zehn Prozent Neandertaler­ Gene besaß. Er war der Nachfahre einer fruchtbaren Verbindung mit einem Partner der anderen Art, die noch nicht lange zurücklag. Vielleicht hatte sein Urururgroßvater mit einer Neandertalerin ein Kind gezeugt.

Somit gilt heute: Der moderne Mensch hat den Neandertaler vielleicht verdrängt – aber er hat ihn sich dabei auch einverleibt. Genetisch gesehen. Statt über die Sippschaften des vermeintlich minderbegabten Nahrungskonkurrenten zu triumphieren, haben wir in seine Familie eingeheiratet – und das nicht nur einmal.

„Es gab nicht eine einmalige Einkreuzung des Neandertalers, sondern multiple Verschmelzungsereignisse“, lautet Hofreiters wissenschaftliche Formulierung. Einfacher ausgedrückt: Der eiszeitliche Homo sapiens, unser eigentlicher Vorfahre, sorgte mit jeder artübergreifenden Beziehung dafür, dass seine Kinder ein Stück weit selbst zum Neandertaler wurden. Und damit sind es auch wir.

Für Hofreiter ist deshalb das gängige Bild des menschlichen Stammbaums mit seinen sauber getrennten Abstammungslinien falsch. „In Wahrheit müssen wir unsere Vergangenheit eher als einen fruchtbaren Mischmasch verstehen“, sagt der Paläogenetiker. Die menschliche Linie, sagt er, ähnele mehr dem verästelten Delta einer Flussmündung, aus dem sich Rinnsale abspalten, erneut zusammenfließen und wieder in den Hauptstrom münden, von dem sich dann weitere Seitenarme absondern.

Während Forscher hoffen, auf diese Weise das Schicksal des Neandertalers erklären zu können, gibt das Verschwinden der spektakulären Großtierarten, der Megafauna, ihnen noch mehr Rätsel auf. Über Jahrzehnte waren sich Ökologen einig, dass Mammut, Rhinozeros, Löwe und Hyäne ausstarben, weil die Temperaturen stiegen. Als die Savanne zum Wald wurde, seien die etablierten Arten der Konkurrenz durch wärmeangepasste Neuankömmlinge nicht gewachsen gewesen.

Archäologische Funde aus dem letzten Jahrzehnt zeigen aber immer deutlicher: Es war der Mensch selbst, der die großen Tiere bis zur Ausrottung jagte. Historisch lässt sich das für die Megafauna Nordamerikas sogar nachweisen. Erst nach der Einwanderung des Homo sapiens über die Landbrücke der Beringstraße vor 10 000 Jahren verschwanden so wundersame Formen wie die elefantenähnlichen Mastodonten und das Riesenfaultier vom Kontinent.

Allerdings muss der Mensch die Schuld an ihrer Ausrottung nicht ganz allein tragen. Inzwischen glauben viele Wissenschaftler an eine tödliche Kombination als Ursache für die ökologische Katastrophe, in der die eiszeitlichen Großsäuger untergingen. Der Jagddruck durch den Menschen verstärkte die Auswirkungen der gleichzeitig einsetzenden globalen Erwärmung, die nach der maximalen Kältephase vor rund 20 000 Jahren einsetzte. Was damals geschah, gewinnt angesichts der diesmal menschengemachten Erderwärmung brennende Aktualität für die Zukunft unserer Ökosysteme.

Natürliche Populationen, sagt Bocherens, würden immer stark schwanken. Solange aber irgendwo Restbestände einer Art lebten, könne diese sich selbst von schweren Krisen erholen und beispielsweise in klimatisch günstigere Zonen wandern. Sobald jedoch die Wander- und Ausweichwege vom Menschen blockiert würden, werde es kritisch.

„Über Jahrtausende wurde die europäische Mammutpopulation immer wieder von Tieren aus Sibirien aufgefüllt“, erläutert der Biologe. Die Verluste durch menschliche Jäger im dichter bevölkerten eiszeitlichen Europa wurden dadurch ausgeglichen. Erst als auch die sibirische Population dezimiert wurde, verschwand der wollige Rüsselgigant aus der Alten Welt.

Zum Killerfaktor für Arten – gestern wie heute – wird demnach die Kombination aus dem Wandel von Lebensräumen und aktiver Bedrohung durch den Menschen. Natürliche Veränderung allein könnten die Arten abfedern, sofern sie genug Raum und Zeit haben.

Das wirft ein neues Licht auf die Frage nach dem, was wir beim gegenwärtigen, selbst gemachten Klimawandel versäumen: Bislang konzentrieren sich die Bemühungen darauf, die Aufheizung zu stoppen. Den immer schneller schwindenden Lebensräumen schenken wir fatalerweise weniger Aufmerksamkeit. Für die meisten Spezies weltweit aber ist heute wie einst in der Eiszeit nicht das veränderte Klima das größte Problem, sondern die Vernichtung ihres Habitats. Sie können nirgendwo anders hin.

„Die afrikanischen Berggorillas etwa sitzen mehr oder weniger auf ein paar Hügelspitzen fest“, sagt Hofreiter. „Den Raum dazwischen beansprucht der Mensch.“ Das heißt: Die Primaten können nicht weiter in die Höhe ausweichen – aber auch nicht auswandern. Ohne die Umgestaltung und die Blockade des umgeben­ den Flachlands durch den Menschen hätten die Gorillas mehr Chancen, in lebensfreundlichere Regionen umzuziehen.

Wie widerstandsfähig Arten sein können, wenn der Mensch sie in Ruhe lässt, belegt das Beispiel der Mammuts auf der eisigen Wrangelinsel im sibirischen Nordpolarmeer. Dort haben sich die Tiere noch bis etwa 2000 v. Chr. gehalten – bis Jäger auch auf dieses entlegene Eiland vordrangen (siehe „Jäger des weißen Goldes“, NATIONAL GEOGRAPHIC April 2013). Wenn die Hypothese von der „Mammutsteppe“ stimmt, wonach die Großsäuger ihren Lebensraum weitgehend selbst gestalteten, wurde die Insel erst nach dem Ende der grasfressenden Riesen zur Flechtentundra, wie wir sie heute kennen. Und noch immer wachsen auf ihr überdurchschnittlich viele Arten von Blütenpflanzen.

Wie eng Biologie und Klima zusammenhängen, wird nach Ansicht Bocherens noch zu wenig beachtet. Beide Faktoren zusammen könnten Lebensräume rascher verändern, als bislang für möglich gehalten wurde. Ein solches Kippen beobachtet er heute in tropischen Regionen, wo Großsäuger wie Tapire und Waldelefanten aussterben. „Wir sehen bereits, dass dort bestimmte Bäume verschwinden, weil deren Samen nur von großen Tieren gefressen und verbreitet werden können“, sagt der Biologe.

Ausgerechnet der Mensch könnte hier eine ökologische Ersatzfunktion übernehmen. Denn gerade Pflanzen mit großen Kernen – Avocado oder Kakao – werden vor allem von ihm kultiviert. Es scheint: Sind die Riesen fort, übernehmen Bauern die Rolle der Elefanten und Nashörner.

Diese Beobachtung aus den Tropen könnte auch den Schlüssel zu einem der rätselhaftesten Ereignisse der Eiszeitgeschichte liefern: die Neolithische Revolution, der Übergang von der nomadischen Kultur zum sesshaften Ackerbau am Ende der letzten Kälteperiode. Dieser Umbruch begann zwar im Fruchtbaren Halbmond des heutigen Irak und Syrien, und nicht in Mitteleuropa. Unabhängig davon erfanden Menschen die Viehzucht und die Kultivierung von Gras als Getreide mehrmals neu, sei es in China oder in Südamerika. Überall hatte dort zuvor über Jahrzehntausende eine Großsäugersteppe existiert.

Bocherens erkennt darin ein Muster. „Der Mensch hat mit der Landwirtschaft begonnen, als die großen Pflanzenfresser nicht mehr da waren“, folgert er. Vorher hätten Mammuts und Nashörner jede Anbaufläche zerstört. Nach ihrem Verschwinden wiederum verarmte die Landschaft. Der Mensch musste einen Ersatz für ihre ökologische Funktion erfinden, um nicht selbst auszusterben. Mit der Landwirtschaft übernahm demnach Homo sapiens die Rolle der einstigen Grasfresser und Nährstoffversorger für die Böden – „im Schweiße seines Angesichts“, wie die biblische Erzählung es formuliert. Nun mähten die Nachfahren von Adam und Eva das Gras und hielten das Vieh, das die Weiden düngt.

Nicht alle Kollegen teilen Bocherens’ Sicht. Für viele ist der Wechsel zum Landbau nach wie vor rätselhaft – zumal die Ernährungslage der Menschen durch den Übergang vom jagenden Fleisch- zum ackernden Körneresser vorübergehend wohl schlechter wurde. Bocherens aber vermutet, dass der Mensch mit dem Ackerbau instinktiv das Rezept natürlicher Fruchtbarkeit nachahmte: die Steigerung der Produktivität durch große Grasfresser.

Er schätzt, dass heute das Gewicht aller Menschen inklusive der von ihnen gehaltenen Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe dem der einstigen Mammut-, Rentier-, Bison- und Wildpferdherden entspricht. „Die Biomasse der frühen Megaherbivoren wurde durch die Biomasse des Viehs ersetzt“, sagt der Paläoforscher.

So gesehen war die Eiszeit nicht nur anders, als wir bisher dachten. Sie ist nicht einmal vergangen. Auch in unserer Seele nicht. Dutzende psychologische Studien haben immer wieder gezeigt, dass Menschen weltweit eine ganz spezifische Landschaftsform für besonders schön halten: jene weite, tierreiche Savanne, die wir mit den Augen eines Neandertaler-Enkels betrachten. Jene, welche unsere fiktive Eiszeit-Vorfahrin Lena auch gesehen und ebenso schön gefunden hat, weil es ihre Heimat war. Jene, welche den Museumsdirektor Rosendahl so fasziniert, dass er die Besucher zu einer Reise darin einlädt.

Es ist die Landschaft, die im Kopf von Klaus Reis erwachte, wenn er im Rheintal immer wieder fassungslos vor Glück neue eiszeitliche Überreste eines Nashorns, einer Antilope oder eines Mammuts entdeckte.

(NG, Heft 4 / 2016, Seite(n) 38 bis 65)