Geschichte und Zivilisation

Myanmar – Das letzte Abenteuer

Aus dem Dschungel von Myanmar erhebt sich der schneeweiße Gipfel des Hkakabo Razi. Fünf Bergsteiger riskierten ihr Leben, um den geheimnisvollen Berg erstmals zu vermessen.

Door Mark Jenkins

Zusammenfassung: Bis heute ist die genaue Höhe des geheimnisvollen Berges Hkakabo Razi im Dschungel von Myanmar unbekannt. Eine Gruppe von fünf Bergsteigern riskierte ihr Leben um den schneebedeckten Berg zu vermessen. Durch dichten Dschungel und auf eisigen Bergflanken stiegen sie bis zu einer Höhe von 5743 Meter auf, bevor sie mangels Austrüstung kurz vor dem Gipfel umkehren mussten. Helfer vor Ort fanden sie kaum- auch weil einige Wochen zuvor eine Expedition in einem tödlichen Desaster endete.

Der Wind peitscht in die Bergflanke, als gäbe kein Morgen. Verzweifelt umklammere ich die Griffe der Eispickel. Ich drücke meinen Kopf in den Schnee, sehe hinab. Ein Blick wie aus einer geöffneten Flugzeugtür. Unter meinen Steigeisen geht es 1500 Meter in die Tiefe. Ein Seil verbindet mich mit meinen zwei Partnern, aber nicht mit dem Berg . Wenn einer fällt, sterben wir alle.

Als der Wind endlich nachlässt, schlage ich einen Aluminiumanker in den Schnee und klinke meinen Karabiner ein. Bei einem Sturz würde mich das wohl auch nicht halten, aber es gibt mir den Mut weiterzumachen. Ich schwinge die Eispickel und treibe meine Steigeisen in den Hang. An blankem Fels setze ich einen Fixpunkt und sichere meine Kameraden Cory Richards und Renan Ozturk.

„Super Vorstieg, Kumpel“, schreit Cory, klettert schräg nach links oben weiter und sucht einen Weg durch Eis und Granit. Als Renan endlich einen Felsvorsprung auf meiner Höhe erreicht, ist Cory schon nicht mehr zu sehen. Renan und ich ducken uns vor dem Wind in eine schneebedeckte Flanke. Wir sind erschöpft und frieren. Nach einer Stunde spüren wir weder Finger noch Zehen, Renans Bart ist gefroren, er ruft: „Ich muss mich bewegen.“

Renan klettert los. Ich steige nach. In einer Seilschaft muss man bereit sein, dem Partner sein Leben anzuvertrauen – so lautet das Gesetz der Berge. Während sich Cory über uns durch ein Schneefeld in der Nordwand kämpft, machen wir in einer Felsnische erneut Halt. Wir drängen uns aneinander, aber es wird kaum wärmer. Der Wind heult und schnappt nach uns wie eine unsichtbare Hyäne .

Hier, in gut 5000 Meter Höhe, frage ich mich zum ungefähr zehnten Mal, ob wir die Besteigung des höchsten Bergs von Myanmar nicht besser abbrechen sollten. Die Expedition hat uns an unsere körperlichen und psychischen Grenzen gebracht. Am Vortag erst hatten wir uns im Lager 3 in einem Zelt auf einem verschneiten Grat von Hilaree O’Neill und Emily Harrington verabschiedet – nach einem erbitterten Streit darüber, wer den Aufstieg zum Gipfel antreten darf.

Dokumentation: Sehen Sie Renan Ozturks preisgekrönten Film „Down to Nothing“ über das Abenteuer in Myanmar

https://player.vimeo.com/video/136761532

Down To Nothing from The North Face on Vimeo.

Ich rufe Renan zu, er solle die Stiefel ausziehen und seine Füße unter meinem Daunenparka an meine Brust legen. Ich bin kein Ofen, aber es gibt keine komfortablere Lösung. Weil Cory unterdessen beginnt, weiter oben einen Felspfeiler zu erklettern, setzen auch wir uns wieder in Bewegung. Eine Stunde später stoßen wir zu ihm. Unser eigentliches Ziel ist immer noch unendlich weit entfernt: Der Gipfelgrat des Westkamms funkelt im Sonnenlicht wie die Schneide eines Schwerts.

Als ich den Grat endlich erreiche, halte ich mein eisverkrustetes Gesicht in die Sonne. Die unverhoffte Wärme gibt mir wieder Hoffnung. Nach der dunklen, gefährlichen Kälte der Nordwand fühlt sich dieser Moment an wie eine Wiedergeburt.

Renan und Cory sind auf die andere Seite des Grats hinabgeklettert und haben im Windschatten einen über der Südwand hängenden Felsvorsprung entdeckt. Die Sonne ergießt sich wie Honig über das Gestein. „Pausenplattform“ taufe ich unseren Adlerhorst.

Wenig später läuft unser kleiner Kocher auf Hochtouren. Renan zieht die Stiefel aus und massiert seine Zehen. Cory nimmt seine Kamera und fotografiert. Seit mehr als einer Woche sind wir am Berg unterwegs. Jetzt erblicken wir zum ersten Mal den Gipfel, eine steile, schimmernde Schneepyramide. Aber wir sehen auch, was noch vor uns liegt: ein bedrohlicher Grat aus Granit und Eis, der von einem Dutzend spitzer Felstürme bewacht wird.

Während des Abstiegs vom Mount Everest im Frühjahr 2012 dachte Hilaree schon über das nächste Projekt nach. „Lass uns ein klassisches Abenteuer erleben“, sagte sie zu mir, „eine Expedition an einen entlegenen und noch unbekannten Ort.“ Hilaree ist die zäheste Frau, der ich je begegnet bin. Nach der Besteigung des Everest kletterte sie mit zwei gerissenen Bändern am Sprunggelenk noch auf den benachbarten Lhotse, der 8516 Meter hoch ist.

Hilaree und ich hatten viel gemeinsam. Wir liebten beide das Leben in den Bergen. Wir waren beide verheiratet, hatten jeweils zwei Kinder und bemühten uns, das Familienleben mit unserer Abenteuerlust in Einklang zu bringen. Gleichzeitig waren wir ernüchtert von der Kommerzialisierung und dem Massenbetrieb im Himalaja und wollten zurück zu dem, was uns einst zum Bergsteigen gebracht hatte. Einsamkeit, Abgeschiedenheit, das Testen der eigenen Grenzen.

Im 21. Jahrhundert kann man mit dem Flugzeug zum Nordpol fliegen und mit dem Hubschrauber ins Everest-Basislager. Touristenschiffe fahren auf dem Nil und dem Amazonas. Einen Ort, den man nur erreicht, wenn man tage- oder wochenlang zu Fuß unterwegs ist, den man sich erarbeiten muss, gibt es auf der Erde nur noch selten.

Ich aber wusste von so einem Ziel, einem Berg, der mich schon lange im Bann hielt. „Wie wäre es“, fragte ich, „mit dem Hkakabo Razi?“ Der Berg gilt als höchster Gipfel Südostasiens. Das Massiv aus schwarzem Granit und weißen Gletschern ragt aus dem dampfenden, grünen Dschungel in Nordmyanmar, direkt an der Grenze zu Tibet. Britische Vermesser ermittelten 1925 eine Höhe von 5881 Metern. Der Gipfel liegt jedoch so isoliert, dass bis heute kaum ein Bergsteiger von ihm gehört hat. Auf dem Weg zum Hkakabo Razi muss man zwei Wochen durch dichten Dschungel mit tiefen Schluchten und giftigen Schlangen wandern. Hilaree war begeistert.

Ich hatte den Hkakabo Razi bereits in den Achtzigerjahren in einem vergilbten Buch entdeckt. In „Burma’s Icy Mountains“ beschreibt der britische Forschungsreisende Francis Kingdon- Ward seinen Versuch, den Hkakabo Razi während einer Expedition im Jahr 1937 im Alleingang zu besteigen. Er gelangte bis auf eine Höhe von 4500 Metern. Dann zwang ihn eine unüberwindbare Granitmauer zur Umkehr – „jenseits meiner Kräfte“, notierte er.

Aus seinen vielen anderen Büchern wusste ich, dass Kingdon-Ward über zahlreiche ungewöhnliche Kräfte verfügte. Er war ein ausgezeichneter Botaniker, sprachgewaltiger Schriftsteller und angeblich auch britischer Spion. Monatelang wanderte er durch die tropischen Urwälder und ernährte sich nur von Reis und Tee. Abends am Lagerfeuer schrieb er in sein Reisetagebuch. Zwischen 1909 und 1956 unternahm er mehr als 20 Expeditionen in Zentralasien, sammelte Hunderte Pflanzen und gab vielen von ihnen einen Namen, darunter Rhododendron- und Lilienarten, die heute in Gärten auf der ganzen Welt blühen.

Seine Reisen faszinierten mich, und ich war entschlossen, den Hkakabo Razi als Erster zu besteigen. Im Herbst 1993 warb ich meine Kletterfreunde Steve Babits, Mike Moe und Keith Spencer an. Mike war seit der Schulzeit mein bester Freund. Gemeinsam hatten wir mehrere Erstbesteigungen in den Rocky Mountains gemacht und den Niger in Westafrika flussabwärts mit dem Kajak bereist. Keith und Steve kannte ich von der Universität Wyoming.

Die Militärjunta von Myanmar erlaubte ausländischen Besuchern damals keine Reisen in den Norden des Landes. Also flogen wir nach Lhasa und trampten durch Osttibet , das für Touristen ebenfalls geschlossen war. Wir reisten auf Ladeflächen von Lastwagen und erfanden an Kontrollpunkten möglichst glaubwürdige Geschichten. Bis wir den Fuß des Hkakabo Razi erreicht hatten, war mehr als ein Monat vergangen. Mike und Steve mussten nach Hause zurück. Keith und ich machten uns zu zweit an den Aufstieg über die Nordseite, doch dann ging uns der Proviant aus. Nach dem Abstieg in ein tibetisches Dorf wurden wir vom chinesischen Militär festgenommen. Wir unterschrieben ein vier Seiten langes Dokument, in dem wir unser „Fehlverhalten“ einräumten, und wurden des Landes verwiesen.

Zwei Jahre später erlaubte die Regierung von Myanmar dem japanischen Bergsteiger Takashi Ozaki die Hkakabo-Besteigung. Ozaki war ein erfahrener Himalaja-Alpinist. Er hatte 1980 als Erster die Nordwand des Mount Everest durchstiegen (an der Südseite des Bergs kam er 2011 ums Leben). 1995 musste Ozaki zwei Versuche am Hkakabo Razi abbrechen. Aber im September 1996 erreichte er zusammen mit dem aus Tibet stammenden Bergsteiger Nyima Gyaltsen den Gipfel. „Der Hkakabo Razi ist einer der schwierigsten und gefährlichsten Berge der Welt“, sagte Ozaki der Asia Times . „Ich habe noch nie solche Angst gehabt wie dieses Mal.“

Ozaki veröffentlichte einen detaillierten Expeditionsbericht. Allerdings hatte er kein GPS-Gerät auf dem Gipfel dabei gehabt. Die genaue Höhe des Gipfels im Dschungel blieb ein Geheimnis.

Mike, Keith und ich planten eine erneute Besteigung des Hkakabo, zu der es nicht mehr kam. Mike starb 1995 bei einer Expedition im Polarmeer an Unterkühlung, als ein Grönlandwal sein Schiff zum Kentern brachte. 2009 musste ich mit eigenen Augen sehen, wie Keith starb. Während einer Klettertour an einem gefrorenen Wasserfall in Nordwyoming stürzten Eisbrocken herab. Keith brach sich das Genick.

Während unserer Mittagspause auf dem Felsband am Hkakabo Razi denke ich an meine toten Freunde. Mike war witzig, ein ähnlicher Typ wie Cory, der uns mit seinen lockeren Sprüchen im richtigen Augenblick anspornt. Keith war, ähnlich wie Renan, ganz ruhig und nahm stets all das Schöne um ihn herum wahr. Selbst in kritischen Situationen blieb er gelassen. In meinen beiden jungen Begleitern erkenne ich meine Reisegruppe von damals: Cory und Renan tragen die gleiche Leidenschaft fürs Bergsteigen in sich, die gleiche Zähigkeit, den gleichen Ehrgeiz und auch diesen Glauben an die eigene Unverwundbarkeit.

Durch die kurze Pause gestärkt, begutachten wir den weiteren Weg in Richtung Gipfel. Der Westgrat des Hkakabo sieht aus wie ein drei Kilometer langes, verbogenes Sägeblatt: eine Reihe von Felsnadeln zwischen steil abfallenden Schneerinnen. Es gibt Gipfel, die man in einer direkten Linie besteigen kann, aber der Hkakabo macht es einem nicht so leicht: Hier ist es ein ermüdendes Auf und Ab – von einer Felsnadel abseilen, über eine Schneewechte balancieren und den nächsten Pfeiler wieder hinaufklettern. Wir versuchen, eine Route auszumachen, aber der gezackte Bergrücken windet sich und verbirgt mögliche Hindernisse. Immerhin entdecken wir eine Nische, in der wir hoffentlich übernachten können.

Erst nach vier Stunden erreichen wir die Lagerstätte. Wir sind so erschöpft, dass wir gerade noch unser Zelt im Schnee aufstellen können. Vor uns liegt eine elende Nacht. Weil bereits vom Lager 3 zu erkennen war, dass der Grat technisch schwierig und trügerisch ist, hatten wir nur das Nötigste mitgenommen. Wir haben dünne Biwaksäcke, einen Kocher, eine Brennstoffflasche, einen Topf, einen Löffel und zwei Nudelfertiggerichte. Wir sitzen im Kreis, unsere Knie berühren sich, der Kocher steht auf unseren Stiefeln. Wir haben alles angezogen, was wir dabei haben. Renan sagt nicht viel, was normal ist. Aber sogar Cory ist still. Ich denke an unser Ziel, das jetzt so nah ist, aber auch an den hässlichen Streit in unserem Team und den Schaden, den meine Freundschaft mit Hilaree deshalb genommen hat.

Wir hatten von einem abgelegenen Ziel geträumt. Aber genau diese Abgeschiedenheit drohte unsere Expedition zum Hkakabo Razi von Anfang an zum Scheitern zu bringen. Zuerst mussten wir den Großteil von Myanmar durchqueren. Von Rangun aus fuhren wir mit einem Überlandbus nach Bagan. Dann nahmen wir eine Fähre über den Irrawaddy nach Mandalay. Weiter ging es mit einem Zug nach Myitkyina, wo wir ein Flugzeug bestiegen. Einer der Passagiere brachte eine Kalaschnikow als Handgepäck mit an Bord. Nach der Ankunft in Putao, der nördlichsten Stadt in Myanmar, saßen wir fünf Tage fest, während Beamte unsere Klettererlaubnis von einem Schreibtisch zum nächsten schoben. Dann endlich durften wir unsere Ausrüstung auf eine Motorradkarawane laden.

Die dreitägige Fahrt führte durch Flüsse und Schlamm. Dann ging es nur noch zu Fuß weiter. 243 Kilometer durch einen feuchten, dunklen Dschungel. Zwei Wochen lang wanderten wir auf einem tunnelartigen Pfad von einem abgeschiedenen Dorf zum nächsten – genau wie Francis Kingdon-Ward vor knapp 80 Jahren.

An unserem ersten Tag wurde Hilaree beinahe von einer Schlange gebissen. Im letzten Moment bemerkte sie das zusammengerollte Tier auf dem Pfad und machte einen Sprung. Die giftgrüne Schlange schwang ihren flachen Kopf hin und her, ihre schwarze Zunge schnellte aus dem Maul heraus. Wir hielten uns alle in sicherer Entfernung – bis auf Cory, der auf Knien ein paar Fotos machte. „Weißlippen-Bambusotter“, befand er lässig. Ihr Gift verursacht Blutungen in Augen, Nase, Mund und Darm und kann zum Tod führen. Wir hatten zwei Gegengifte dabei, eins gegen Otterngift und eins gegen Bisse von Kobras und Kraits, einer Giftnatternart, die im tropischen Südostasien weit verbreitet ist. Die Blutegel und Spinnen waren weniger gefährlich, aber ihre Bisse verheilten oft wochenlang nicht.

Auch unsere Träger vom Volk der Rawang kämpften mit den Gefahren, die im Dschungel lauerten. Eine unserer jüngsten Trägerinnen war so oft gestochen worden, dass ihre mit Quaddeln übersäten Beine an die Haut einer Kröte erinnerten. Mit schlechtem Gewissen hatten wir sie zusammen mit zwei gleichaltrigen Mädchen und deren Brüdern, Eltern und sogar Großeltern angeheuert, um uns beim Tragen der Ausrüstung zu helfen. In jedem Dorf, durch das wir kamen, suchten wir nach Hilfskräften. Manche blieben ein paar Tage lang, andere arbeiteten nur ein paar Stunden für uns. Manchmal verschwanden sie ohne ein Wort in der Nacht.

Natürlich hatten wir zu viel Gepäck dabei – Kamera, Beleuchtung, Laptops, Reserveakkus, sogar zwei Fotodrohnen für Luftaufnahmen – die Ausrüstung einer modernen Expedition. Das beste Equipment ist jedoch nutzlos, wenn man niemanden hat, der es transportiert. Nach und nach ließen wir Seesäcke mit Ausrüstung zurück, bis wir nur noch ein Viertel unserer ursprünglichen Last dabei hatten.

Dass es so schwer war, Träger zu finden, die für 15 Dollar Tageslohn gearbeitet hätten – was etwa dem Doppelten des dort üblichen Verdienstes entspricht – lag auch daran, dass der Hkakabo Razi kurz vor unserem Eintreffen unerwartet in die Schlagzeilen geraten war.

Drei Wochen vor dem Beginn unserer Expedition hatten wir erfahren, dass am Hkakabo Bergsteiger einer einheimischen Expedition vermisst wurden. Zwei der Alpinisten hatten n der Nähe des Gipfels ein Signal abgesetzt. Danach verschwanden sie spurlos.

Die Rettungsaktion forderte noch ein weiteres Opfer. Auf dem Weg von Putao zum Berg stürzte ein Hubschrauber mit drei Menschen an Bord ab. Neun Tage später taumelte einer der Männer aus dem Dschungel und führte die Retter zu den Piloten. Einer hatte mit schweren Verbrennungen überlebt, der andere war tot. Ein über Jahrzehnte vergessener Berg hatte in einem Monat drei Menschenleben gefordert.

Der Hkakabo ist kein normaler Berg. Den Menschen in Myanmar gilt er als Symbol nationaler Stärke. Deshalb sorgte es für großes Aufsehen, als eine andere amerikanische Expedition im Jahr 2013 erstmals den benachbarten Gamlang Razi bestieg. Die Alpinisten hatten alte russische Karten und Google Earth studiert und gefolgert, dass der Gamlang möglicherweise höher ist als der Hkakabo. Das Team erreichte den Gipfel des Gamlang und ermittelte mit GPS-Geräten eine Höhe von genau 5870 Metern: Das sind zwar elf Meter weniger als die offizielle Höhe des Hkakabo, aber doch neun Meter mehr als die 5691 Meter, die russische Landvermesser in den Siebziger- und Achtzigerjahren errechnet hatten.

Die tragische Expedition, die drei Menschen das Leben kostete, sollte den Nachweis erbringen, dass der Hkakabo Razi tatsächlich der höchste Berg des Landes ist. Bevor die Bergsteiger in Gipfelnähe verschwanden, hatten sie noch eine Höhe von 5790 Metern übermittelt.

Bei meinen Nachforschungen über verschiedene Methoden, die Höhe von Bergen zu messen, hatte ich den Geowissenschaftler Robert Crippen von der Nasa kontaktiert. „Entscheidend ist, dass es zu Fehlmessungen von 30 oder mehr Metern kommen kann, und das ist in etwa der Unterschied zwischen den beiden Gipfeln“, sagte er. „Wir haben also Indizien, aber keine Beweise dafür, welcher Berg höher ist.“ Noch ein Grund für uns, den Gipfel des Hkakabo mit einem GPS-Gerät zu besteigen.

Die Nacht vor dem Aufstieg: Cory, Renan und ich reichen den Löffel herum. Gierig schlürfen wir die heiße Suppe. Der Wind schlägt ins Zelt wie ein Boxer auf einen schweren Sandsack. Wir schmelzen Schnee für unsere drei Wärmflaschen und legen uns in dem engen Zelt auf Seilen und Rucksäcken so zurecht, dass wir uns ausstrecken können. „Löffelchenstellung mit zwei schlecht riechenden Kerlen – toll!“, murmelt Cory, der als Dünnster in der Mitte ausharren muss. Stundenlang liegen wir so da, jeder mit seinen eigenen Gedanken.

Zwei Tage vor unserer Ankunft im Basislager trafen wir auf ein abgekämpftes japanisches Team. Die Bergsteiger waren auf dem Rückzug vom Hkakabo. Expeditionsleiter Hiro Kuraoka hatte sich verletzt, als er im Geröll ausgerutscht war. Er beschrieb die Route über den Westkamm in allen Einzelheiten und zeigte uns Aufnahmen vom Gelände. Er berichtete, dass seine Gruppe etwa hundert Meter vom Gipfel entfernt umkehren musste, weil ein scharfer Grat aus Schnee und unüberwindbaren Felstürmen den weiteren Aufstieg unmöglich machte.

Wir tauschten Ausrüstungsgegenstände. Hiro bekam von uns Schmerzmittel, wir Brennstoff und Seile. Dann kletterten wir nach fast zweiwöchiger Wanderung aus dem Dschungel hinaus auf die Südflanke des Hkakabo. Statt tropischer Feuchtigkeit umgab uns plötzlich kühler Bergnebel. Wir holten Fleecepullover und Daunenjacken aus den Rucksäcken.

Im Laufe der folgenden Woche richteten wir auf dem Westgrat drei Lager ein. Der Zeitdruck und das schwierige Gelände schlugen auf die Stimmung. Ich machte mir Sorgen, weil Hilaree das Lager 2 nur mit einer gefährlichen Unterkühlung erreicht hatte. Wir hatten sie aufwärmen können, aber es war uns eine Warnung.

Am folgenden Tag, auf dem Weg zu Lager 3, wirkten Emily und Hilaree auf den offenen Eis und Schneefeldern nicht sehr sicher und kamen nur langsam voran. Emily ist mehrfache Meisterin im Sportklettern, Hilaree eine renommierte Skibergsteigerin, die schwierige alpine Expeditionen mitgemacht hat. Beide verfügten jedoch nicht über so viel Erfahrung in Gelände, das aus Schnee und Fels besteht, wie Cory, Renan und ich.

Cory hatte als erster Amerikaner den 8035 Meter hohen Gasherbrum II im Karakorum im Winter bestiegen und dabei eine Lawine überlebt. Renan war mit einer Expedition auf den 6310 Meter hohen Mittelgipfel des indischen Meru gelangt, der auch „Haifischflosse“ genannt wird – ein Erfolg, den viele nicht für möglich gehalten hatten. Und in meinen 35 Jahren als Bergsteiger hatte ich Erstbesteigungen in der Antarktis, den Rocky Mountains, den Alpen und im Himalaja gemacht.

Am Abend in Lager 3 äußerten Renan und Cory Bedenken, ob der Aufstieg mit dem gesamten Team möglich ist. Den folgenden Tag verbrachten wir in unseren Zelten und gewöhnten uns langsam an die Höhe. Es war jedoch klar, dass sich das klärende, unangenehme Gespräch nicht würde vermeiden lassen. Auf seine leise Art wies Renan darauf hin, dass drei schnelle Kletterer die besten Chancen hätten, es in der verbliebenen Zeit zum Gipfel zu schaffen. Emily gab zu, dass sie überfordert war. Aber Hilaree war zutiefst verletzt und bestand darauf, den Gipfel zu besteigen. Ich argumentierte, dass es um die Sicherheit des gesamten Teams ging. Hilaree war verärgert. „Du bist ein Arschloch, Mark“, sagte sie, als sie das Zelt verließ. „Danke für dein Vertrauen.“

In den Bergen ist nichts so schädlich wie Selbstüberschätzung. Aber gleichzeitig ist sie für das Bergsteigen wesentlich. Alle ernsthaften Bergsteiger haben ein extrem starkes Selbstwertgefühl. Das braucht man, um die Risiken, Schmerzen und Entbehrungen zu ertragen. Mit ihrem Gerede von Freiheit und Flow klingen Kletterer manchmal wie Buddhisten, aber in Wirklichkeit sind wir alle Narzissten – ehrgeizig, zielstrebig, masochistisch. Fast jeder von uns widersetzt sich irgendwann auf irgendeinem Berg jeder Logik und weigert sich umzukehren, ganz so, wie es Hilaree nun tat. Offenheit und Ehrlichkeit, auch Freunden gegenüber, ist an einem solchen Punkt wichtiger als höfliches Schweigen.

Wir waren abgekämpft und benommen von der dünnen Luft. In den nächsten Stunden uferten die Gespräche in lautstarke Vorwürfe und Beschuldigungen aus. Irgendwann ertrug Cory es nicht mehr und bot Hilaree seinen Platz im Gipfelteam an. Erst als wir uns um drei Uhr früh im heulenden, eisigen Wind anseilten, traf Hilaree eine Entscheidung und ließ Cory gehen.

Endlich Gipfeltag! Nach 39 Tagen auf Schiffen, in Zügen, im Dschungel und einer elenden Kletterei am Westgrat des Hkakabo sind wir kurz vor dem Ziel. Renan, Cory und ich trinken dampfenden Tee und kriechen widerwillig in die Kälte hinaus. Schnee wirbelt durch die Luft, die Sonne ist eine weit entfernte, kalte Kugel. Wir machen die Steigeisen fest, seilen uns an und klettern los. Nach und nach kehrt Wärme in unseren Körper zurück.

Wir überqueren einen riesigen Felsturm, einen Kilometer unter uns liegt ein Wolkenmeer. Wenn einer von uns auf dem schmalen Grat ausrutschen würde, gäbe es nur eine Rettung: Der nächste am Seil müsste sofort zur anderen Seite hinunterspringen und beten, dass das Seil nicht auf einer der Kanten durchscheuert.

„Ich habe Angst“, sagt Cory. „Ich habe verdammt viel Angst. Wir sollten umkehren.“ Er spricht aus, was wir alle denken. Aber Renan und ich sind noch nicht zur Umkehr bereit. Ich führe das Team einen schneebedeckten Felsblock hinunter und durch eine schmale Passage wieder ein Stück hinauf. Mithilfe unserer Eispickel überwinden wir eine Schneekante. Plötzlich sehe ich die gesamte verbleibende Strecke bis zum Gipfel vor mir. Wie entsetzlich!

Uns war bewusst, dass wir noch eine tiefe Einkerbung im Grat überwinden müssen. Aber erst aus dieser Position können wir erkennen, dass uns viele massive Felsbarrieren im Weg stehen. Um diesen windumtosten Schlund zu durchsteigen, würden wir bis nach Einbruch der Dunkelheit brauchen. Wir müssten eine weitere Nacht auf dem Berg verbringen, ohne Zelt, Essen und Wasser. Wir würden an einer Felswand kauern und langsam erfrieren.

Ich sehe ein: Es ist vorbei! Es wird uns nicht gelingen, den Hkakabo Razi zu vermessen und sein Rätsel zu lösen. Seit Beginn der Expedition trage ich ein Foto meiner toten Kameraden Mike und Keith bei mir, auf dem die beiden grinsend auf einem Berg stehen. Ich wollte das Foto eigentlich auf dem Gipfel hinterlassen. Aber es soll nicht sein. Ich grabe ein kleines Loch in den Schnee und lege das Bild hinein. Mit dem GPS-Gerät messe ich den höchsten von uns erreichten Punkt – 5743 Meter. Wenn wir es lebendig vom Berg schaffen, war die Tour ein Erfolg.

(NG, Heft 7 / 2016, Seite(n) 68 bis 95)