Gibt es noch Kannibalen?

Bilder: Robin Hanbury Tension/Robert Harding/ Picture Alliance
Yanomami-Main

Bild oben: Das Leben der Yanomami im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Venezuela hat sich mit dem Eindringen von Siedlern und Goldgräbern verändert. Manche Bräuche pflegen sie noch. So nehmen sie etwa die Asche besonders verehrter Verstorbener zu sich.

„Ich würde eher fragen: Gab es überhaupt jemals Kannibalen? Wenn wir dabei an wilde Menschenfresser denken, auf deren Speisekarte Gerichte wie ,Filet vom Mann mit grünem Pfeffer und Pilzen‘ stehen, hat es sie wohl nie gegeben. Zwar kommt es vor, dass Menschen sich Teile von anderen Menschen buchstäblich einverleiben. Meist geschieht das aber nur bei strikt geregelten Ritualen. So trinken etwa die Yanomami in Südamerika einen flüssigen Brei aus Bananen, den sie mit der Totenasche besonders verehrter Verstorbener vermischt haben.

Spannender ist, wer wen für Kannibalen hält. Noch im 20. Jahrhundert glaubten zum Beispiel in Afrika viele Menschen, die Corned-Beef-Dosen aus England enthielten in Wirklichkeit Menschenfleisch. Man hatte nämlich beobachtet, wie die Europäer frische Gräber öffneten, die Leichname zerteilten und dann in großen Kesseln kochten. So wurde das Fleisch von den Knochen abgelöst, die man an europäische Museen und Forschungsinstitute schickte.

Das war ein Verbrechen – Kannibalismus aber war es nicht. Tatsächlich wurde noch nie eine Gesellschaft entdeckt, in der Menschenfleisch als normaler Bestandteil der Nahrung gedient hätte. Kannibalen waren am Ende immer die anderen – und Kannibalismus war ein sehr effektiver Vorwurf, um die eigenen Übeltaten zu rechtfertigen.“

Thomas Reinhardt

Bild: Tanja Kubes Vergrößern

Thomas Reinhardt, Professor für Ethnologie an der LMU München.

Diese Frage wurde von Thomas Reinhardt beantwortet. Er ist Professor für Ethnologie an der LMU München. Auf Feldforschung in Afrika und anderswo isst er, was auf den Tisch kommt, verzichtet ansonsten aber auf Fleisch.

Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie uns unter frage@nationalgeographic.de.


(NG, Heft 03 / 2017, Seite(n) 26)
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