Für immer mein

Autor: Professor Dr. Harald Welzer  —  Bilder: Illustration: Oliver Weiss
Regenschirm-Main

Neulich bekam ich eine Mail von jemandem, der einen Vortrag von mir besucht hatte: „Wie passt das Tragen eines Lacoste-Hemdes zu den antikapitalistischen, konsumkritischen Thesen, die ich aus Ihren Büchern mitnehme?“ Gute Frage. Und sogleich fiel mir die Mail-Flut nach dem Fernsehbeitrag ein, in dem Einrichtungsgegenstände aus unserem Wohnzimmer zu sehen waren: „Wie passen denn bitte schön all die Designermöbel zu Ihren Nachhaltigkeitspredigten?“ Und es gibt noch einiges mehr, was Menschen so auffällt: Welche Uhr trägt der, wie oft fährt er in der Gegend herum, wieso sagt er manchmal Dinge, die seinen eigenen Thesen widersprechen? Manchmal bringen mich solche Fragen ins Schwitzen, weil – bitte sagen Sie es nicht weiter – ich gelegentlich gegen meine Überzeugungen handele.

Allerdings eher nicht in solchen Fällen: Das in Verdacht geratene Lacoste- Hemd ist nämlich uralt. Ich könnte jetzt sagen: Es kommt aus der Fabrik in Troyes in Frankreich, wo Lacoste nach wie vor Textilien herstellt. Es kann aber sein, dass es irgendwo in Asien produziert worden ist. Als ich es gekauft habe, vor zehn oder fünfzehn Jahren – ich weiß es nicht mehr –, war ich davon ausgegangen, dass die all ihre Sachen in Frankreich herstellen. Aber wahrscheinlich war das falsch. Natürlich wäre diese Erkenntnis kein Grund, das Hemd nicht mehr zu tragen, sondern einer mehr, es so lange zu benutzen, wie es geht. Was übrigens mit so einem Hemd sehr gut geht, es hält nämlich lange.

Und wenn es irgendwann abgewetzt aussieht, trage ich es zu einer Änderungsschneiderin, die macht es wieder fit. Ein paar meiner Sachen tragen innen ein Label, auf dem steht: „Bis es mir vom Leibe fällt“. Es ist der Name einer kleinen Fashion-Firma in Berlin, die sich dem Reparieren, Umschneidern, Ändern von Kleidungsstücken verschrieben hat, die sonst in den Müll wandern oder ungetragen im Schrank vor sich hin liegen (was, laut einer Greenpeace-Studie, für etwa 40 Prozent aller Klamotten gilt).

Und die Möbel? Noch besser! Was heute wie „Designermöbel“ aussieht, stammt aus einer Zeit, als es den Begriff „Designer“ noch gar nicht gab. Kein Tisch, Stuhl oder Schrank bei mir zu Haus ist jünger als 40 Jahre, jedes so gestaltet, dass es zeitlos ist und von einer Qualität, bei der es auf ein paar Jahrzehnte mehr oder weniger nicht ankommt. Und nicht wenig davon entstammt zäher Suche im Sperrmüll und in Gebrauchtmöbelhäusern. Denn das ist aus meiner Sicht nachhaltig: Wenn man die Dinge, die schon in der Welt sind, so lange wie irgend möglich benutzt. Dann ist der Konsum dessen, was an Arbeit, Material und Energie für sie aufgewendet werden musste, eine äußerst langwierige Angelegenheit, oder anders gesagt: Die Sachen werden nicht verbraucht, sondern verwendet. Auch wenn zum Zeitpunkt der Herstellung eines entsprechenden Stuhls oder Sofas noch kein Mensch über „Effizienz“ geredet hat, ist die Ausbeute der jeweiligen Energie- und Ressourceneinheiten um ein Vielfaches besser als die eines auf baldige Ersetzung ausgelegten Teils, auf dem irgendein Ökosiegel pappt.

Und das bringt mich zu einem der Lieblingsirrtümer der meisten Menschen, die über Nachhaltigkeit reden: Dass Nachhaltigkeit vor allem durch mehr Effizienz zu erreichen sei. Falsch: Nachhaltigkeit beruht vor allem auf Ineffizienz – etwa durch die langwierige, geduldige, sorgfältige Herstellung eines Gutes. Oder durch die komplexe Konstruktion eines Mantels, der – wie früher ganz selbstverständlich – dafür gemacht war, dass man ihn irgendwann umarbeiten würde. Sei es, weil der Träger im Lauf der Zeit dicker oder dünner geworden war, oder weil das Stück von jemand anderem weitergetragen wurde.

Aus solchen Zeiten stammt auch der Satz: „Ich kann es mir nicht leisten, billig zu kaufen“, der heute wahrscheinlich nur als Witz verstanden wird, wo einem die Welt vor allem in Gestalt von Dauer- „Sales“ und Preisvergleichsportalen entgegentritt. Es ist aber kein Witz. Der Satz legt Zeugnis davon ab, dass man sich des Aufwands – und damit des Wertes – bewusst ist, der in den Sachen steckt. Wo es um Effizienz geht, spielt Zeit nur die Rolle einer Größe, die unbedingt zu verringern ist.

Und bei dieser Gelegenheit schauen wir uns mal den Ursprung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ an, der bekanntlich aus der Forstwirtschaft stammt, von einem Mann namens Hans Carl von Carlowitz. Der forderte im Jahr 1713, dass „eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget“, damit seine Nutzung „immerwährend“, „continuirlich“ und „perpetuirlich“ stattfinden könne. „Daßwegen sollten wir unsere oeconomie also und dahin einrichten, daß wir keinen Mangel daran leiden, und wo es abgetrieben ist, dahin trachten, wie an dessen Stelle junges wieder wachsen möge.“ Gut gesagt, Carlowitz! Kein Wunder, dass heute kaum eine Sonntagsrede zur Nachhaltigkeit ohne Verweis auf den alten Oberberghauptmann aus Freiberg auskommt – und alle im Saal ob solch tiefer Weisheit ganz gerührt sind.

Aber: Wie immer im Leben kommt es auch hier drauf an, was man draus macht. Man kann darauf nämlich die romantische Vorstellung des geduldigen, naturverbundenen, bärtigen Forstmanns bauen, der dem Wald die Zeit gibt, die er nun mal braucht, um nachzuwachsen. Oder ganz im Gegenteil sofort auf die Idee kommen, dass man unter der Voraussetzung der „Gleichheit zwischen Zuwachs und Abtrieb“ eben besser besonders schnell wachsende Bäume pflanzt – womit man in Carlowitz den Erfinder genau jenes monokulturellen Stangenwalds hat, der möglichst schnell das Holz für die Billigmöbel liefert, die ihrerseits möglichst schnell wieder weggeworfen werden. So betrachtet ist der Begriff der Nachhaltigkeit schon janusköpfig, seit es ihn gibt – und in einer Wirtschaft, die alle Effizienzgewinne in Mehrwert umsetzt, ist der langsame, unordentliche und vielfältige Mischwald echt hintendran.

Was lehrt uns das? Dass echte Nachhaltigkeit eben nicht daran ablesbar ist, wie effizient eine Ressource ausgebeutet wird. Und dass wir wieder zu unterscheiden lernen müssen, was Wert hat und was Wert lediglich zerstört.

Am Ende noch die Auflösung: Carlowitz war doch ein Guter. Und Sinn für Humor hatte der Kerl auch. Denn in seinem Buch steht auch dieser Satz: „Man soll keine alten Kleider wegwerfen, bis man neue hat.“

Professor Dr. Harald Welzer

Bild: Fabian Zapatka Vergrößern

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Professor Dr. Harald Welzer hat sich in mehreren Bestsellern („Klimakriege“, „Selbst denken“) mit den Folgen eines nicht nachhaltigen Wachstums auseinandergesetzt. Als Direktor der Stiftung „Futur Zwei“ sucht er nach praktischen Wegen, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. www.futurzwei.org


(NG, Heft 02 / 2017, Seite(n) 20 bis 21)
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