Schon vergessen?

Autor: Harald Welzer  —  Bilder: Illustration: Oliver Weiss
Lächeln-Main

Auch hierzulande ging es den Menschen schon richtig schlecht. Erinnern wir uns daran. Damit wir sehen, wie klein unsere Probleme heute sind.

Wann haben Sie das letzte Mal eine gute Rede gehört, zum Beispiel von einem Politiker? Ich in diesem Jahr schon ein paar mal. Und jedes Mal war ich überrascht, weil ich etwas Langweiliges und Sonntagsredenhaftes erwartet hatte. Ja, ich weiß, das ist arrogant, weil ich damit den Rednern nicht zugetraut habe, dass sie vielleicht etwas zu sagen hätten, was wichtig wäre.

Da war zum Beispiel der Innenminister von Niedersachsen Boris Pistorius, der in seinem Grußwort zum 50. Geburtstag der Kinderhilfsorganisation Terre des hommes sagte: „Statt Ober­grenzen für Flüchtlinge festzulegen, sollten wir Untergrenzen der Humanität definieren.“ Fand ich super, nicht nur, weil es ein Statement gegen das ewige Hetzen gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin war. Sondern auch, weil hier ein Argument mal umgedreht und elegant in Erinnerung gerufen wurde, worum es wirklich geht: um die Frage, welche moralischen Standards bei uns gelten und Grundlage unserer Entscheidungen sind.

Und noch eine Rede hat mich beeindruckt. Die hielt Oberbürgermeister Frank Baranowski beim Neujahrsempfang von Gelsenkirchen, einer armen und krisengebeutelten Stadt mit fast 14 Prozent Arbeitslosigkeit: „Wir haben ja in der Geschichte unserer Stadt erlebt, wovor viele heute Angst haben. Wir haben erlebt, woran eine Gesellschaft – zumindest theoretisch – zerbrechen könnte. Wir wissen, wie es ist, wenn die Geschäftsgrundlage eines Gemeinwesens wegfällt, ja wegbricht.“ Allein in den Branchen Kohle und Stahl seien in Gelsenkirchen 80.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, sagte Baranowski. „Wenn wir von Belastungsgrenzen einer Gesellschaft sprechen – in jenen Jahren waren sie hier ganz sicher erreicht, ja überschritten. Das war eine ganz andere Belastungsprobe als die, von der heute manche reden. Wenn man sich nur noch einmal die Zahl der weggefallenen Arbeitsplätze und Existenzgrundlagen in der Montanindustrie vor Augen führt – 80.000 –, kann man kaum glauben, dass einige Leute kürzlich einen ähnlichen Ausnahmezustand gesehen haben bei der Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland, bei etwa 4.500 zugewiesenen Flüchtlingen in Gelsenkirchen.“

Herr Baranowski hat in seiner Rede noch viele andere gute Sachen gesagt, über Zusammenhalt und Haltung beispielsweise. Können Sie alles auf www.gelsenkirchen.de nachlesen – es lohnt sich. Wichtig ist hier aber auch wieder der Blickwechsel: Belastungsgrenze mal anders. Und daraus dann eine Geschichte erzählen, wie das Überleben einer sozialen Katastrophe die Stadt stärker und solidarischer gemacht hat.

Und daraus kann man eine allgemeine Frage ableiten: Was macht uns eigentlich stark? Individuell und gesellschaftlich? Bestimmt nicht das ewige Genörgel an allem, was angeblich nicht funktioniert. Bestimmt nicht das stein­ dumme Geschwätz vom „Staatsversagen“, und bestimmt auch nicht das Dagegen-­sein-­aus-­Prinzip.

Mein Lieblingsbeispiel dazu stammt aus einem Bericht über den Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Dort teilte ein gut gekleideter Endfünfziger einem ZDF-­Interviewer allen Ernstes mit, er erwarte mehr Führung, „in so schweren Zeiten wie heute“. Schwere Zeiten? In einem Land, in dem Frieden, Vollbeschäftigung und Steuerüberschüsse herrschen? In dem die Leute hauptsächlich davon gestresst sind, dass sie sich dauernd etwas Neues im Internet bestellen und es dann wieder zurückschicken müssen?

Oder umgekehrt: Schwere Zeiten? Wo die weit überwiegende Mehrzahl aller terroristischen Anschläge in muslimischen Ländern stattfindet, wo islamistische Gruppen Hunderte Mädchen entführen und Zigtausende Menschen drangsalieren, wo weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind? Wohin haben sich denn die Maßstäbe bei so jemandem verschoben?

Leider steht der Mann, der zu seinem Glück offenbar noch nie etwas erlebt hat, das sich ernsthaft als „schwer“ bezeichnen ließe, nicht allein: Manchmal scheint ja das ganze Land in wehleidige Hysterie zu verfallen: Alle jammern, haben aber in der Zwischenzeit schon längst vergessen, warum eigentlich. Und verbreiten schlechte Laune, worüber dann gleich der Nächste jammern kann. In Talkshows ist das mittlerweile zum Prinzip geworden: Wir senden heute wieder schlechte Laune! Viel Vergnügen!

Apropos: Mir hat gerade ein Radiosender ein Hörspiel aus dem Jahr 1947 zugeschickt, ein grandioses Stück Rundfunkgeschichte. Damals hat ein Journalist namens Ernst Schnabel die Hörer gebeten, sie mögen ihm schreiben, was sie am 29. Januar jenes Jahres erlebt und wie sie diesen Tag empfunden hatten. Er bekam 35.000 Zuschriften und hat daraus ein zwei­stündiges Hörspiel komponiert. Darin finden sich berührende Sätze wie: „Ich möchte um etwas Geschirr bitten. Wir trinken abwechselnd aus einer Tasse.“ Oder: „Man hat ein bisschen Hunger. Oder, was noch schlimmer ist: Man hat diese dauernde Angst, dass man Hunger bekommen könnte.“

Ups. Ähm. Also, tja ... ist doch peinlich, worüber heute gejammert wird, oder? Wollen wir uns bitte mal alle ein bisschen nachjustieren und in Erinnerung rufen, was wirkliche Probleme sind? Ja? Und uns dann mal umschauen, wer heute noch genau solche Probleme hat? Und dann überlegen, was man zur Abschaffung dieser Probleme tun kann – als Einzelner und als Gesellschaft?

Genau. Und wenn man das macht, fällt der Perspektivwechsel ganz leicht: von der Obergrenze zur Untergrenze, vom Jammern zum Anpacken, von der schlechten zur guten Laune. Und dann fällt einem vielleicht auch wieder ein, weshalb man eigentlich auf der Welt ist.

Professor Dr. Harald Welzer

Bild: Fabian Zapatka Vergrößern

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Professor Dr. Harald Welzer hat sich in mehreren Bestsellern („Klimakriege“, „Selbst denken“) mit den Folgen eines nicht nachhaltigen Wachstums auseinandergesetzt. Als Direktor der Stiftung „Futur Zwei“ sucht er nach praktischen Wegen, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. www.futurzwei.org


(NG, Heft 03 / 2017, Seite(n) 22 bis 23)
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