«Der Mensch war von Beginn an religiös»

Autor: Siebo Heinken
Professor Klaus Schmidt

Bild: Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung Vergrößern

Professor Klaus Schmidt in der steinzeitlichen Tempelanlage von Göbekli Tepe, die er seit 1994 ausgräbt. Der 58-jährige Archäologe gehört der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin an.

Eine Stätte wie Göbekli Tepe zu finden, das muss für einen Archäologen wie ein Sechser im Lotto sein.
Das kann man wohl sagen. Jedenfalls hatte ich dieses Gefühl: Das ist eine Entdeckung, die mein restliches wissenschaftliches Leben ausfüllen wird.

Sie bezeichnen Göbekli Tepe als Ort des Todes. Wozu dienten die Tempelanlagen?
Was dort genau geschah, wissen wir noch nicht. Wir kennen zeitgleiche Siedlungen und wissen, wie das tägliche Leben dort ablief. Auf dem Göbekli Tepe haben wir keinerlei Alltagsgegenstände gefunden. Ich nehme an, dass sich alles um Totenkulte drehte.

Wurden Opfergaben dargebracht?
Wahrscheinlich. Zerschlagene Tierknochen und vor einem der zentralen Pfeiler abgelegte Stein­gefäße deuten darauf hin.

Wem wurde gehuldigt?
Diese Frage werde ich wohl erst in ein paar Jahren beantworten können. Es ist ja schon eine ­Menge, sagen zu können, dass dort gehuldigt wurde. Vermutlich ging es schon damals um Astral- und Wetter­gott­heiten, die auch in allen späteren Kulturen eine besondere Bedeutung hatten.

Religiöse Symbole sind schon von sehr frühen ­Jäger-und-Sammler-Kulturen bekannt. Was ließ die ersten Menschen spirituell werden?
Das ist eine ganz elementare Frage. Wir wissen, dass der Homo sapiens von Anfang an religiöse Artefakte schuf. Bei den fast 40000 Jahren alten Sta­tuetten von der Schwäbischen Alb ist zum Beispiel klar: Das sind keine Gebrauchsgegenstände, und es ist auch kein Spielzeug. Der Mensch hatte immer reli­giöse Gedanken. Das unterscheidet ihn vom Tier.

Konnten die Menschen vom Göbekli Tepe also auf reli­giösen Erfahrungen ihrer Vorfahren aufbauen?
Gewiss, nämlich auf einem Erfahrungsschatz ­eurasischer Jägerkulturen von 30.000 Jahren. Der Mensch hat die Eiszeit überlebt, und er ist daran gewachsen. Er hätte auch zugrunde gehen können. Von all diesen Erfahrungen haben die Menschen am Göbekli Tepe profitiert, auch in spiritueller Hinsicht.

Es gab also eine Art Wissenstransfer?
Mit Sicherheit! Es gibt zwar noch viele missing links zwischen den Fundstätten in Mittel- und Ost­europa und jenen in Vorderasien. Aber die Menschen haben all ihr Wissen schon damals weitergegeben, über lange Zeit und über große Entfernungen hinweg. Da gibt es eine Kontinuität der Geschichte.

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(NG, Heft 6 / 2011, Seite(n) 64)


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