Bild: Nic Frechen Vergrößern
Dr. Erwin Brunner, Chefredakteur NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND
Biodiversität ist schön, liebe Leserin, lieber Leser. Vielleicht erschien Ihnen schon unser Titelbild wie ein Tableau voller Perlen. Sonst blättern Sie einfach zu einer Preziose wie dem Stachelkissenstern, zum rehbraun-eleganten Schwärmer, zur cool gestylten Schmuckschildkröte. Es sind drei Exemplare jener Myriaden von mal unscheinbaren, mal phantastischen, meist aber winzigen Kreaturen, die eigentlich "die Welt regieren", wie Edward O. Wilson, der große alte Herr der Artenforschung einmal schrieb. Wesen, die wir hier gern in gebührendes Licht rücken. Eine Augenweide also zum Auftakt für das von der Unesco ausgerufene „Internationale Jahr der Biodiversität 2010“. Und dennoch ist unsere prachtvoll ausgebreitete Inventur auch eine Art Todesliste. Manche der hier gezeigten Lebewesen sind bereits vom Aussterben bedroht, andere haben eine höchst ungewisse Zukunft. Nach Schätzungen der Weltnaturschutzunion schrumpfte die Gesamt-zahl der bisher 1,8 Millionen bekannten Arten allein in den Jahren von 1970 bis 2000 um 40 Prozent. Weitere 15500 könnten schon bald für immer von der Erde verschwunden sein, darunter ein Viertel der Säugetiere, ein Drittel der Amphibien, zwölf Prozent der Vögel.
Natur entsteht, Natur vergeht, könnte man nun einwenden. Und dass unser Planet schon fünf gewaltige Artensterben überlebte. Doch diesmal wäre kein kosmisches Desaster, kein Meteoriteneinschlag die Ursache. Heute ist es der Mensch, der die Wälder zerstört, die Meere plündert, die Böden auslaugt, das Klima verändert – und damit sich selber aufs Spiel setzt. Aber wollen wir wirklich als die eigentliche Naturkatastrophe in die Geschichte eingehen? Es wäre mehr als nur unschön. Es wäre eine Schande.