«Ich bin einfach sehr gradlinig»

Autor: Interview: Siebo Heinken
Interview Ueli Steck

Bild: Robert Bösch/Anzenberger Vergrößern

Ueli Steck an der Annapurna-Südwand im Himalaja.

Der Schweizer Ueli Steck (34) zählt zu den besten Bergsteigern der Welt. Einen Namen machte er sich unter anderem, als er 2008 und 2009 solo innerhalb weniger Monate die drei großen Nordwände der Alpen in Rekordzeit kletterte: das Matterhorn in einer Stunde 56 Minuten, die Eiger-Nordwand in zwei Stunden 47 Minuten, die Grandes-Jorasses-Nordwand in zwei Stunden 21 Minuten (seine Erfahrung schildert er in seinem Buch „Speed“). Ende Februar brach der Ausnahmeathlet zu einer neuen Expe­dition in den Himalaja und ins Kara­korum-­Gebirge ­(Pakistan) auf, über die er regelmäßig in unserem Online-Special berichtet.

Herr Steck, kennen Sie Angst?
Ich bin ein ängstlicher Mensch. Das glaubt mir allerdings keiner. Aber wovor hat man Angst? Vor Unbekanntem oder dass man sich überschätzt. Dass ich mich ­überschätze, ist mir zum Glück noch nie passiert. Das ­andere ist gute Vorbereitung. Ich bin noch nie in eine Situa­tion geraten, in der ich keine Lösung mehr hatte.

Auf Fotos von der Excalibur-Route im Berner Oberland sieht man Sie wie einen Gecko an der Wand kleben. Was empfanden Sie, allein und ohne Sicherung dort zu klettern?
Von außen betrachtet ist das eine glatte Wand. Man muss sich damit befassen. Ich war dort vorher fünfmal mit Seil geklettert. Und hatte gesehen: Da gibt es Griffe und Tritte. Und irgendwann erreichte ich den Punkt, an dem ich hundertprozentig überzeugt war: Das wird funktionieren! Wenn Sie eine Treppe hochsteigen, müssen Sie auch nicht überlegen, wo Sie den linken und den rechten Fuß setzen. Das machen Sie von selbst. Es ist genau dieses Prinzip.

Was, wenn Sie einen Krampf bekommen oder husten müssen?
Einen Krampf bekommen Sie nicht einfach so. Wenn ich mich körperlich nicht gut fühle, dann steige ich gar nicht erst in eine Route ein. Und husten? Da würde überhaupt nichts passieren.

Ungesichert zu klettern, das widerspricht doch allen mensch­lichen Urängsten.
Gewiss, aber auf der anderen Seite spürt man das Leben sehr intensiv. Das ist das Schöne. Das Geniale daran, ohne Seil zu klettern, ist doch, sich diesem Druck auszusetzen. Aber er darf nicht zu groß sein. Ich darf nie an mein körper­liches Limit gehen. Dann kann nichts passieren.

Haben Sie je auf halbem Weg gedacht: Das packe ich nicht?
Nein, man muss nur aufpassen, dass man sich nicht überschätzt. Dann kommt man irgendwann in den Teufelskreis, dass man sagt: ja, noch was Schwierigeres. Das eine geht noch und das andere auch. Man muss wissen, wo die Grenze ist. Ich bin mal Schwierigkeitsgrad zehn ohne Seil geklettert. Das hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Und danach war eben Schluss. Zehn plus wäre zu viel gewesen.

Wie bewältigen Sie die mentale Belastung des Solokletterers?
Das Schöne ist, dass ich alle Entscheidungen allein treffen und die Konsequenzen sofort selber tragen muss. Es gibt kein Wenn und Aber, alles hängt an mir. Das kann extrem belastend sein. Aber wenn man damit umgehen kann und am Ende erfolgreich ist, dann ist es die ganz eigene Leistung. Und das ist extrem befriedigend.

Sie sagten mal, dass Sie Routen im zehnten Schwierigkeitsgrad geklettert seien, und da hätte Ihnen absolut nichts passieren können. Das klingt sehr gewagt...
Das war in dem Moment so. Aber wenn ich diese Route in meinem jetzigen Zustand machen würde, dann wäre es saugefährlich. Damals war ich an diesem Punkt, wo ich das klettern konnte, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich da runterfallen würde, war gleich null.

Wegen Ihrer guten Vorbereitung? Sie kennen viele Ihrer Routen so gut wie ein Musiker seine Partitur.
Ja. Ich probiere die Routen und präge sie mir ein. Oft ­mache ich auch Skizzen. Das bleibt haften. Beim ­Klettern sind es die Bewegungsabläufe. Ich befasse mich sehr ­intensiv damit und muss sie, wenn ich ohne Seil unterwegs bin, genau präsent haben. Ich muss sie lernen und möglichst gut im Kopf behalten.

Zum Beispiel?
Etwa der Grat zwischen Gasherbrum I und II in Pakistan. Ich habe Fotos, die ich mit meinen Erinnerungen verknüpfen kann. Ich sehe also, der Grat war so und so. Ich fühle fast, wie kalt es zu der Zeit war. Ich sehe vor meinem inneren Auge noch genau, wie es damals war, wie es runtergeht und dann rauf zu diesem Hauptgipfel. Das sind Bilder und Eindrücke, die ich nicht wieder vergesse.

Sind solche Touren der ultimative Kick? Wer hat etwas davon?
Niemand außer mir. Das ist alles sehr egoistisch. Aber ich bin zufrieden, und es gibt meinem Leben einen Sinn. ­Außerdem gefährde ich niemand anderen. Das ist doch eine gute Sache. Nein, ein Kick ist das nicht. Es ist vielmehr eine Herausforderung, und ich probiere, diese Herausforderung zu bewältigen. Ich setze mir ein Ziel und will dieses Ziel erreichen. Das ist es, was mich daran reizt. Aber es ist klar, dass es am Schluss auch eine schöne Selbstbestätigung ist, wenn man sich etwas vorgenommen hat, und es funktioniert.

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(NG, Heft 05 / 2011, Seite(n) 34-38)


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