"Jeder kann etwas tun"

Autor: Interview: Jürgen Narkott
Harald Welzer

Bild: Heike Ollertz Vergrößern

Harald Welzer

Harald Welzer, 52, Sozialpsychologe am Kulturwissenschaft­lichen Institut der Universität Essen, hat mit seinen Büchern „Klimakriege – wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ und „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (Mitautor: Claus Legge­wie) Furore gemacht. Die Aussicht auf den nahenden Kollaps unserer Gesellschaft sei aber kein Grund zu resignieren...

Herr Prof. Welzer, bald leben mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Weil bei uns die Bevölkerung schrumpft, in Asien und besonders in Afrika aber rasch wächst (siehe Seite 40), steigt der Druck auf Europas Grenzen. Trotzdem lehnen führende Poli­tiker Einwanderung entweder völlig ab oder wollen nur „nützliche“ Einwanderer akzeptieren. Wie lange kann das gut gehen?
Es ist schon überraschend, dass Politiker angesichts der offensichtlichen globalen Entwicklung immer noch diesen Populismus bedienen. Das Argument, die Migranten aus Afrika ­würden uns wegen ihrer geringen Qualifizierung künftig auf der Tasche liegen, ist nur vorgeschoben. Tatsache ist doch, dass die Menschen, die jetzt an Europas Küsten landen, zu ­einer hochinteressanten Gruppe gehören.

In welcher Hinsicht?
Es sind eben nicht die ungebildeten Armen, die da kommen. Es sind die Eliten ihrer Länder, junge Frauen und Männer, die viel für ein besseres Leben zu investieren bereit sind. Motivierte, ­fähige Menschen, auf ­denen zu Hause viele Hoffnungen ruhen. Es ist eine kurzsichtige Strategie, sie nicht zu uns zu lassen.

Viele bezweifeln, dass die Migranten Klimaflüchtlinge sind.
Was sind denn Klimaflüchtlinge? Wenn in Darfur im Westen Sudans der Boden knapp wird, weil die Wüsten sich ausbreiten, wenn es dann zu Kriegen zwischen den Volksgruppen um Boden und Wasser kommt und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen werden – sind das Klimaflüchtlinge? Was ist mit den Bewohnern des Inselstaats Tuvalu, die aufgrund des steigenden Meeresspiegels Asyl in Neuseeland beantragen? Sind das Klimaflüchtlinge? Völkerrechtlich ist noch gar nicht geklärt, wie man mit diesem Begriff umgehen soll.

Dennoch haben europäische Regierungen schon begonnen, die Außengrenzen dicht zu machen?
Es ist nicht allgemein bekannt, aber seit 2004 gibt es die europäische Agentur Frontex. Sie fasst europäische Grenzschützer zusammen und hilft, die Zugangswege nach Europa zu überwachen. Erst im Oktober hat Griechenland Frontex um Hilfe gebeten, um den Zustrom von Flüchtlingen über die türkische Grenze zu stoppen. Auch mit Hilfe deutscher Beamter.

Kann das den Zustrom von Migranten aus menschenreichen, aber rohstoff­armen Ländern aufhalten?
Zunächst einmal zwingt das die Zuwanderer auf abgelegenere, gefährlichere Routen, auf denen viele von ihnen sterben. Das soll durchaus abschrecken. Praktisch möchte man Europas Außengrenzen nach außen verschieben, nach Afrika selbst. In spanischen Exklaven in Marokko gibt es das ja schon. Wenn der Druck weiter steigt, wenn nicht mehr Tausende, sondern Millionen kommen, führt das wahrscheinlich zu wechselseitiger Aufrüstung.

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(NG, Heft 01 / 2011, Seite(n) 34-38)


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