Warum brauchen wir Archäologie?

Autor: Interview: Siebo Heinken
Hermann Parzinger

Bild: Benno Kraehahn Vergrößern

Hermann Parzinger mit der Nofretete-Büste im Neuen Museum

Hermann Parzinger, 51, ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, der größten deutschen Kultureinrichtung mit unter anderem 16 bedeutenden Museen und zahlreichen Forschungsinstituten. Der Vor- und Frühgeschichtler war 1995 Gründungsdirektor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäo­logischen ­Instituts, von 2003 bis 2008 dann dessen Präsident. Weltbekannt wurde der Archäologe, als er 2001 bei ­Ausgrabungen in der süd­sibirischen Republik Tuwa auf das unberührte Grab eines skythischen Herrschers aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stieß, und darin auf Tausende Goldobjekte (NATIONAL GEO­GRAPHIC 2003). Im Altaigebirge barg Parzinger, der zehn Sprachen spricht, später eine spektakuläre, 2500 Jahre alte skythische ­Eismumie (NATIONAL GEOGRAPHIC 2007).

Herr Professor Parzinger, darf man Sie als Schatzsucher ­bezeichnen?
Dieses Image wird ein Archäologe wohl nie ganz los, vor ­allem, wenn er tatsächlich ­Schätze findet. Aber das ist nicht unser Anliegen. Wir rekonstruieren Geschichte anhand von Objekten, die wir bei unseren ­Ausgrabungen finden. Dennoch: Ich erfreue mich gern an schönen Dingen.

Bekannt wird als Archäologe vor allem, wer einen Goldschatz ­entdeckt. Nicht unbedingt, wer Keramikscherben analysiert.
Es ist wie immer im Leben: Das Spektakuläre sorgt für Schlagzeilen. So ist es bei unserer Arbeit, und so ist es in den ­Museen. ­Natürlich freuen wir uns, wenn wir herausragende Fundstücke präsentieren können. Es wird jedoch Zeit, dass wir das Image des Schatzsuchers ablegen.

Gar nicht so leicht. Archäologie ist die publikumswirksamste ­historische Disziplin. Und fast immer werden die Archäologen als Abenteurer präsentiert. Wird das dieser Wissenschaft gerecht?
Wir machen unsere Arbeit nicht aus Abenteuersucht. Aber in den Medien – Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sender – bemisst sich Erfolg an Auflagen und Einschaltquoten. Wenn wir Wissenschaftler erfolgreich mit den Medien zusammenarbeiten wollen, müssen wir diese Mechanismen verstehen. Entscheidend ist, dass wir bei der Wahrheit bleiben und nicht die Grenze zur Unseriosität überschreiten. Aber das hat jeder Archäologe selbst in der Hand.

Wandelt sich Archäologie durch ihre Popularisierung?
Das glaube ich nicht. Was sich wandelt, ist allenfalls das Bewusstsein des Archäologen, dass er offen sein muss für die Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit. Also: raus aus dem Elfenbeinturm. Das muss der Archäologe wissen. Und er hat es ja relativ leicht. Andere Wissenschaften können nicht so fotogene Objekte aufbieten. Dazu die Landschaften, in denen wir arbeiten. Und wir haben eine Menge zu erzählen. In Russland muss der Archäologe schon mal mit dem Landrat Wodka trinken. Er stellt Arbeiter an und ist ein richtiger Kleinunternehmer. Ständig hat er es mit unterschiedlichen Menschen zu tun.

Leistet eine solche Art der Präsentation in den Medien nicht einer ­Banalisierung dieser Wissenschaft Vorschub?
Nur dann, wenn unsere Arbeit auf das reine „Suchen und Finden“ reduziert wird. Das ist jedoch nur ein Teil der ­archäologischen Forschungstätigkeit. Und oft sind es ja ganz unscheinbare Dinge, die entscheidende Erkenntnisse liefern. Es gibt nur wenige historische Wissenschaften, die –wie die Archäologie – immer noch von sich behaupten können, dass durch eine Entdeckung ein bestimmtes Geschichtsbild völlig auf den Kopf gestellt werden kann. Das macht die Archäologie auch für mich so faszinierend.

Zum Beispiel?
Nehmen wir den skythischen Goldfund von Arschan. Man kannte goldreiche Königsgräber aus der Ukraine, aus Gebieten weiter östlich aber nicht. Man konnte sich nicht vorstellen, dass es so weit entfernt von den antiken Hochkulturen so reiche Gräber und eine so weit entwickelte Goldschmiedekunst gab. Dieser Fund hat unser Bild von den Herrschaftseliten der reiternoma­dischen Völker Sibiriens grundlegend verändert.

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(NG, Heft 02 / 2011, Seite(n) 32-36)


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