Lasst die großen Katzen leben!

Autor: George B. Schaller  —  Bilder: Steve Winter

Die Majestät der Großkatzen begeistert mich, seit ich mich als Biologe auf ihre Fährten setzte: Tiger, die auf Samtpfoten durch die Wälder Indiens streiften, selbstbewusst in ihrer Kraft und Schönheit. Die Löwen der Serengeti, die im Schatten der Akazien hingegossen lagen wie Honig im goldenen Gras. Die Schneeleoparden an den Hängen des Himalaja und die einsamen Jaguare in den Sümpfen des Pantanal in Brasilien.

Zu Beginn meiner Laufbahn als Wissenschaftler, in den sechziger und siebziger Jahren, erforschten wir die Tiere mit, aus heutiger Sicht, altmodi­schen Methoden. Um bestimmte Tiger sicher wiedererkennen zu können, prägte ich mir das Streifenmuster auf ihren Gesichtern ein. Um ihre Reviere kennenzulernen, folgte ich ihren Spuren durch Sümpfe oder im Schnee. Es gab keine Satellitenüberwachung und keine Infra­rotkameras. Immerhin haben wir Jaguare schon mit Funkhalsbändern ausgestattet und so ihre Wanderungen verfolgt, als die Radiotelemetrie noch in den Kinderschuhen steckte. Aus der Art ihrer Beute erfuhr ich etwas über ihr Alter und Geschlecht. Wenn man die Tiere schützen will, braucht man solche Informationen.

Damals hatte ich keine Ahnung, dass die Wildnis so schnell schwinden würde. Seither hat sich die Zahl der Menschen mehr als verdoppelt. Wo früher Wälder standen, wächst heute Mais. Wo früher Wild äste, weidet heute Vieh.

Außerhalb der Schutzgebiete werden Löwen von Viehzüchtern und Bauern geschossen oder vergiftet, weil sie ein Rind gerissen oder einen Menschen getötet haben. Andere werden zum Opfer von Jägern illegaler Trophäen. Es sieht so aus, als könnten Löwen bald nur in Reservaten überleben. Ähnliches droht den Tigern: In freier Wildbahn leben vermutlich noch knapp 4000. Gleichzeitig werden – welch trauriger Kontrast – in China und in den USA jeweils rund 5000 Tiger in Gefangenschaft gehalten, in Zuchtanstalten, in öffentlichen und privaten Zoos.

Organisierte Wilderer töten in Asien Tiger und Leoparden, um vor allem den chinesischen Markt mit Fellen zu versorgen, aber auch Kör­perteilen der Tiere, die angeblich medizinischen Wert haben. Zwei indische Schutzgebiete – Sariska und Panna – haben alle ihre Tiger quasi unter den Augen der Wildhüter verloren.

Die einsame Spur eines der letzten asiatischen Geparde verfolgte ich vor Jahren einmal quer durch die iranische Wüste. Wie kann die Welt unbeteiligt zusehen, wie solche Prachtstücke der Evolution Land für Land ausgerottet werden?

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(NG, Heft 12 / 2011, Seite(n) 124 bis 137)


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