Reiner Klingholz: «Wir sind die Vorreiter.»

Autor: Erwin Brunner und Jürgen Nakott  —  Bilder: Gordon Welters

Reiner Klingholz, 58, ist Deutschlands bekanntester Experte für alle Aspekte der Demografie. Seit 2003 leitet der promovierte Chemiker und Molekularbiologe das „Berlin-Institut für Bevölke­rung und Entwicklung“. Nach den Büchern „Wir Klimamacher“, „Wahnsinn Wachstum“ und vielen weiteren veröffentlichte er vor kurzem eine Studie mit dem Titel „Die Zukunft der Dörfer“.

Herr Klingholz, werden wir in 30 Jahren alle in Städten leben?
Das hängt von der Weltregion ab. Bei uns werden die großen Städte eher wachsen. Auf dem Land wird die Infrastruktur zurückgebaut, die Menschen ziehen in die urbanen Zentren, denn dort entstehen neue Jobs. Bis 2050 ist in Deutschland trotz Zuwanderung ein Rückgang der Bevölkerung um zwölf bis 14 Millionen zu erwarten – zu Lasten der peripheren Räume.

Und in Afrika, Asien, in den Ländern mit starkem Wachstum?
Dort muss das Wachstum in den Städten stattfinden, weil die ländlichen Regionen überfordert wären. Wird die Landwirt­schaft modernisiert, verlieren viele Bauern ihre Arbeit. In der Stadt sind Bildungsstand, Wertschöpfung und Gesund­heitsstand höher, die Fertilitätsraten sinken...

... also es wird besser oder führt zumindest auf einen guten Weg...
Sicher, aber da gibt es auch viele Probleme. Gerade in armen Ländern. Die Migranten landen erst mal auf dem informellen Arbeits- und Wohnungsmarkt. In solchen informellen Siedlungen in Afrika ist die Kindersterblichkeit oft höher als auf dem Land, es gibt untragbare sanitäre Verhältnisse, Infektionskrankheiten, Trinkwasserprobleme.

Bedeutet Stadt nicht auch bessere, schonendere Nutzung von Ressourcen und somit weniger Naturzerstörung?
Städte sind eine Lösung. Aber sie führen zu einer kompletten Entfremdung, gerade wenn das Wachstum so schnell geht. Die Menschen in Korea oder China sind in einer Generation vom Reisfeld in diese endlosen Hochhaussiedlungen gezogen. Sie werden allen natürlichen Kreisläufen entfremdet. Wir sind ja nach wie vor biologische Wesen, und zur Sozialisierung gehört auch Naturerfahrung. Wo dies fehlt, habe ich nur begrenztes Vertrauen in die Überlebensfähigkeit dieser Gesell­schaften. Das zeigt sich in extrem niedrigen Kinderzahlen je Frau: Shanghai hat 0,7, und das läuft auf keinerlei Art von Gleichgewicht hinaus, sondern bedroht den Fortbestand.

In São Paulo scheint die Lösung Stadt zu funktionieren: Weniger CO2 als im landesweiten Durchschnitt von Brasilien.
Das gilt nicht überall, denn die Landbewohner in armen Län­dern sind im Grunde ja biologische Solarmobile. Sie sind CO2-neutral, leben von dem, was da wächst und geben ihren Tieren zu fressen, was hinter der Hütte wächst. Aber in der Stadt werden sie, verglichen mit ihrem früheren Leben, zu CO2-Emittenten. Das ist ja die große Krux beim Bevölke­rungswachstum: Wir erkaufen uns die Abnahme des Bevöl­kerungsdrucks mit der Verschärfung des Klimaproblems.

Wie entkommt man diesem Dilemma?
Die Entwicklungsländer müssen versuchen, in der Energie­versorgung gleich den Sprung über die fossile Wirtschaft hinweg zu einer regenerativen Energiewirtschaft zu schaf­fen. Sonst haben wir das, was wir heute und in nächster Zeit in China erleben, in allen Schwellenländern – und dann fliegt uns mit dem Klimawandel alles um die Ohren.

Gibt es für diesen Sprung schon Beispiele?
China versucht dieses leap frogging. Und zwar schneller, als wir das je gemacht haben. Brasilien kann das, weil es dort viel Wasserkraft gibt. Das Gute an den armen Ländern ist, dass sie alle in Regionen mit guten regenerativen Energie­quellen liegen. Aber in den nächsten Jahren läuft die Ent­wicklung erst einmal auf einen starken Anstieg der Treibhausgas-Emission hinaus. Das Zwei-Grad-Ziel ist illusorisch!

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(NG, Heft 01 / 2012, Seite(n) 32 bis 36)


Extras

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