Schwimmen mit Delfinen

Autor: Julia Nolte  —  Bilder: Nomi Baumgartl

Aaron und Jeremias Popp sind Zwillinge, auch wenn sie sich kaum ähneln. Der eine ist ruhig und eher ängstlich, der andere aufbrausend und frech. Sie sehen auch ganz unterschiedlich aus. Jeremias hat dunklere Haare und ist kleiner als sein Bruder. Doch eines haben die beiden zwölf Jahre alten Jungen aus der Nähe von München gemein: Sie lieben Delfine über alles.

Schon dreimal sind sie mit ihrer Familie auf Curaçao gewesen, um mit den Tieren zu schwimmen – allerdings nicht nur zum Spaß, sondern um eine Delfintherapie zu machen. Denn weil Aaron und Jeremias zu früh zur Welt kamen, sind sie körperlich und geistig behindert. Die Begegnung mit den Tieren soll den Kindern helfen, sich besser zu bewegen und zu verständigen. Die erste Delfintherapie vor fünf Jahren tat ihnen so gut, dass die Familie 2007 und 2008 erneut in die Karibik flog. Nun sparen die Popps auf das vierte Treffen mit den Großen Tümmlern.

Die Behandlung läuft über zehn Tage und dauert täglich zwei Stunden. Im Curaçao-Delfin-Therapiezentrum leben die Tiere in einer Lagune, die durch Steinwälle vom Meer abgetrennt ist. Wenn sich die Zwillinge ihnen nähern, schnattern die Tümmler wie zur Begrüssung, erzählt die Mutter, Sabine Popp. Bevor es ins Wasser geht, turnen die Jungen auf einer Matte und üben Sprechen. Dann ziehen ihnen die Therapeuten Schwimmwesten an und heben sie von einem Floß ins Becken zu den Delfinen.

Zu Beginn der ersten Behandlung fürchteten sich Aaron und Jeremias noch vor den großen Tieren. Doch sie wurden schnell Freunde, und die Übungen machten ihnen Spaß. „Am liebsten mache ich Foot Push“, sagt Aaron. Der „Fußschubser“ geht so: Der Junge legt sich auf ein Schwimmbrett und streckt die Beine. Der Delfin schiebt ihn an, indem er mit seiner Schnauze gegen die Füsse drückt. „Witzig“ findet Aaron das und sagt, dass es ihn glücklich macht. Er hat eine DVD, auf der er sich immer wieder anschauen kann, wie er mit dem Delfin durchs Wasser flitzt. Bei einer anderen Übung legt er sich auf den Bauch des Delfins und hält sich an den Flossen fest.

Natürlich macht der Tümmler das nicht von allein und auch nicht umsonst. Während der Therapie sitzt eine Delfintrainerin auf dem Floß und gibt ihm Signale mit ihren Händen und einer Pfeife. Zwischendurch wirft sie ihm zur Belohnung einige Fische zu. „Ich schicke den Delfin zum Kind, aber ich zwinge ihn nie, etwas gegen seinen Willen zu tun“, sagt Esther Kooijman, die Haupttrainerin auf Curaçao. Manche Tierschützer behaupten, die Therapie schade den Delfinen, doch Esther Kooijman ist der Meinung, dass die Tiere diese Kontakte sogar genießen.

Auch Jeremias ist ein begeisterter Delfintrainer. Schon bei der ersten Therapie hat sein Krankengymnast ihm gezeigt, wie er seinen Delfin „singen“ lassen kann: eine Faust machen, Zeige- und Mittelfinger abspreizen, damit winken. Dann taucht der Delfin aus dem Wasser auf und schnattert.

„Delfine sind keine Heiler, aber sie können fantastisch gut motivieren“, sagt Eva Stumpf von der Universität Würzburg. Sie erforscht die Delfintherapie am Nürnberger Zoo. Bei der Behandlung komme es dem Kind so vor, als spiele es mit dem Delfin. Dabei tue es, was der Krankengymnast von ihm fordere: Vielleicht öffnet es seine verkrampfte Hand, um das Tier zu streicheln. „So lernt das behinderte Kind mithilfe des Delfins etwas Neues. Oder entdeckt, dass es etwas kann. Das ist der Erfolg.“

Sabine Popp weiß, dass die Delfine ihre Jungs nicht gesund machen können. Und die Behandlung ist teuer: 5000 Euro für jedes Kind plus Flug und Unterkunft. Doch Aaron sei mutiger und selbstbewusster geworden. Jeremias könne die Arme besser bewegen. „Es sind kleine Fortschritte, aber sie machen unser Leben schöner.“


(NG World, Heft 8 / 2010)
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