Bayerischer Wald

Autor: Rüdiger Dilloo  —  Bilder: Norbert Rosing

Lange Zeit mussten die Einheimischen zusehen, wie ihre geliebten Bäume dem Borkenkäfer zum Opfer fielen. Doch nun zeigt die Natur, welche Kraft sie hat, wenn man sie sich selber überlässt. Ein Urwald wächst heran.

Hilfe, dieser Jagatee ist stark! Von wegen Tee. Schmeckt eher wie heißer Kräuterschnaps mit Zuckerwasser. Bin ich hier der Einzige, dem das Zeug ins Blut und das Blut in den Kopf schießt? Lothar trinkt schon den zweiten, aber ihm ist nichts anzumerken. Seine Rede ist klar und kühl der Blick seiner hellblauen Huskyaugen. Wir kennen uns seit drei und duzen uns seit zwei Stunden. Lothar Mies ist 40 Jahre alt, groß, schlank, naturbraun, fesch auf eine unaufdringliche Art. «Nationalpark-Wacht» steht auf dem Ärmel seiner forstgrünen Fjällräven-Jacke. Er sagt etwas über die letzte Hochlagenwaldinventur (oder war das Hochwaldlageninventur?) – es geht jedenfalls ums Zählen junger Bäume. Immer geht hier alles um die Bäume und wie man gefälligst damit umzugehen hat. Der Wald im Nationalpark Bayerischer Wald ist wie ein Kind, um dessen richtige Erziehung sich die Eltern erbittert streiten. Hassausbrüche und Scheidungsdrohungen inklusive.

Wir sitzen im Stimmengewirr einer dampfenden Hüttenstube. Es ist Mittagszeit, das Lusen-Schutzhaus gut besucht. Draußen ein klarer, kalter Frühjahrssamstag. Wir sind vom Dorf Waldhäuser über einen steilen, schnurgeraden, Himmelsleiter genannten Pfad aufgestiegen. Der Lusen, 1373 Meter hoch, ist einer der drei Berge im Nationalpark Bayerischer Wald, Rachel und Falkenstein heißen die anderen. Es sind keine spitzen, alpinen Gipfel, sondern aus dem Wald wachsende Mittelgebirgskuppen, lange vor der Alpenfaltung aus flüssigem Magma entstanden.

Der Lusen im Nationalpark Bayerischer Wald hat zwei Besonderheiten. Erstens: Sein Gipfel ist überschüttet mit Granitblöcken fast gleicher Größe und Form, als hätte vor 500 bis 600 Millionen Jahren die Straßenbaufirma Rübezahl & Riese hier mal eben eine Fuhre Pflastersteine im Nachtschränkchenformat zwischengelagert und dann vergessen. Zweitens: Der Wald sieht zum Fürchten aus. Wie tot.

Wir hatten uns beim Aufstieg Zeit gelassen, Lothar Mies hatte viel über seinen Nationalpark Bayerischer Wald geredet und ich seine ernsthafte Art schätzen gelernt. Lothar ist ein Waldler („Waidler“), im Bayerwald aufgewachsen. Er war Mechaniker und Heizungsmonteur und in der Freizeit immer schon gern beim Wandern und Skifahren. Vor 15 Jahren ließ er sich zum Nationalparkwächter ausbilden – nicht ahnend, dass er schon bald in seiner schmucken Ranger-Dienstkleidung als „Dreckhammel“ beschimpft werden würde.

Zunächst war die Welt noch in Ordnung. Der Nationalpark Bayerischer Wald, 1970 als erstes solcher Schutzgebiete in Deutschland eröffnet, bescherte der armen, abgelegenen Region am Eisernen Vorhang staatliches Geld, touristischen Aufschwung und Arbeitsplätze. Dann aber, Mitte der neunziger Jahre, kam der Käfer in den Nationalpark Bayerischer Wald. Ips typographus, der Buchdrucker-, vulgo Borkenkäfer, braunschwarz, vier bis sechs Millimeter groß. Er befällt ausschließlich Fichten, bohrt Löcher in die Bäume, legt zwischen Rinde und Holz in fächerförmig herausgefressenen Brutgängen seine Eier ab. Zerstört damit die Nahrungskanäle des Baums und bewirkt sehr schnell dessen Absterben. Der traurige Anblick hatte mich schon bei der Anfahrt des Nationalpark Bayerischer Wald schockiert. Die Straße vom Städtchen Grafenau hinauf nach Waldhäuser, dem mit 1000 Metern höchstgelegenen Dorf im Bayerischen Wald, überquert einige vorgelagerte Hügel, dann öffnet sich der Blick auf den Hauptkamm, die Wasserscheide, die historische Grenze zwischen Bayern und Böhmen, Deutschland und Tschechien. Über dem gewohnten dichten Waldgrün der unteren Hänge tut sich eine seltsame Zahnstocherlandschaft auf. Als hätte ein Waldbrand gewütet – nur dass die toten Bäume nicht verkohlt, sondern als helle, rindenlose Gerippe kläglich in den Himmel starren.

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