Im Dreieck zwischen Reiteralpe, Hagengebirge und Steinernem Meer liegt Deutschlands einziger Hochgebirgs-Nationalpark. Watzmann und Königssee prägen die Landschaft. Ein Glanzlicht in seiner neueren Geschichte ist die Wiederansiedlung des geheimnisvollen Bartgeiers.
Risse jagen unter mir auseinander, krachend schießen sie in alle Richtungen. Andere kommen wie rasende Blitze auf mich zu und spalten den Grund unter mir. Ich gehöre nicht in diese Welt; niemand gehört hierher. Aber immer tiefer führt mich der Jäger Andreas Pfnür in sie hinein. «Niemals umsehen», rät er. «Nicht hinter dich schauen, nicht neben dich.» Konzentriert das Gleichgewicht halten. Wir sind auf Fahrrädern unterwegs auf dem zugefrorenen Königssee, unter uns 190 Meter tiefes, schwarzes Wasser. Das sommerliche Postkartenidyll im Berchtesgadener Land, Ziel hunderttausender Touristen, ist an diesem kälteklirrenden Januartag das reinste Abenteuer. Und, ganz ungewohnt, nahezu menschenleer.
«Wenn Nebel aufkommt, müssen wir nah am Ufer bleiben. Man geht ja schnell verloren», sagt Pfnür. Jeden Wintermorgen macht er sich auf diesen Weg zu den fünf Kilometer entfernten Wildfütterungsplätzen fast am anderen Ende des Sees. Über Land führt kein Pfad dorthin. Was letzte Woche eine gemütliche Bootspartie war, wird auf Eis zur Nervensache. «Vorsicht, Fragerln», warnt der Berufsjäger vor den Spannungsfugen, über die wir behutsam unsere Räder schieben. Über Nacht hat sich der Nationalpark Berchtesgaden dem Menschen verschlossen. Er ist das raueste aller deutschen Schutzgebiete. Das ist sein Reiz und sein Problem.
Nur drei Pässe im Norden und einer im Süden führen in den äußersten Südosten der Republik. Wer sie überquert, von Bad Reichenhall oder von Salzburg kommend, steigt in Berchtesgadens sanften Talkessel ab, sieht vor sich die gewaltigen Gebirgsstöcke von Watzmann und Hochkalter. Lange war die Region im Berchtesgadener Land isoliert, über Jahrhunderte regiert von Fürstpröbsten, ein streng konservativer Kirchenstaat zwischen Bayern und Österreich. In diesen abgelegenen Winkel Deutschlands gelangten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts viele Neuerungen stets Jahrzehnte später als anderswo. Vielleicht deshalb überdauerte hier im Berchtesgadener Land ein urtümliches Stück Alpen, das größtenteils sich selber überlassen blieb, in dem der Mensch nur Zaungast blieb. In dem es keine Höfe gibt und keine Dörfer. Wo mächtige Schotterströme durch Täler fließen und nicht der Straßenverkehr. Wo es Bergmassive gibt, durch die keine markierten Klettersteige führen. Der Yellowstone Bayerns, heißt es. So viel Wildnis wie im Nationalpark Berchtesgaden ist nirgends in Deutschland.
Meine Oberschenkel zittern, als wir das jenseitige Ufer des Königssees im Berchtesgadener Land erreichen. Zum Eisradeln, weiß ich jetzt, braucht man Seiltänzerqualitäten. Jäger Pfnür ist auf der Halbinsel St. Bartholomä längst dabei, aus einem Stall das Heu fürs Rotwild zu holen. Über uns verschwindet die Ostwand des Watzmanns in niedrig hängenden Wolken – fast 1900 Meter steil abfallender Kalkstein, die höchste Felswand der Ostalpen, eine berüchtigte Knochenbrecherin, an der schon 100 Bergsteiger zu Tode stürzten.
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