Der Wolf und das Zugunglück

Autor: Merlin Gröber  —  Bilder: Merlin Gröber
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Bild oben: Mondaufgang in den Coast Mountains.

Vier Monate, 5000 Kilometer per Anhalter und 1000 Kilometer zu Fuß durch Kanada: Einen Sommer lang wanderte und trampte ich von Toronto nach Vancouver. Der Weg war das Ziel – und die Menschen, die mir auf dieser Reise begegneten. Ich traf gottesfürchtige Lkw-Fahrer, besorgte Großeltern und flüchtige Scharfschützen. Meine Wanderungen führten mich über schneebedeckte Gipfel in den Rocky Mountains, entlang einsamer Kiesstrände an den Großen Seen und durch dichte Regenwälder auf Vancouver Island.

„Wenn du einem einzelnen Wolf begegnest, bist du tot. Der Wolf lenkt dich ab und – zack –wirst du vom restlichen Rudel angefallen und zerfleischt“. Michael war sich sicher, dass Wölfe gezielt Jagd auf einsame Wanderer wie mich machten.

Der „North Coast Trail“ ist der wilde Bruder des berühmten „West Coast Trails“. Das Wetter im Norden der Insel war rauer und unberechenbarer als an der Westküste, es gab keine touristischen Einrichtungen, die Wege wurden nur sporadisch in Stand gehalten. Häufig war der „North Coast Trail“ nur ein schmaler, schlammiger Trampelpfad, der durch dichten Regenwald aus Küsten-Kiefern, Hemmlocktannen und Sitka-Fichten führte.

Große Farne und verzweigte Beerensträucher bildeten ein undurchdringliches Dickicht am Wegesrand. An der Pazifikküste lichtete sich der dichte Regenwald und ging in breite Sandstrände und kleine Buchten über. Wer den 2008 eröffneten Wanderweg erreichen möchte, muss mit dem Helikopter, Wassertaxi oder wie ich über endlose Schotterpisten anreisen.

In der ersten Nacht schlug ich mein Zelt in Nissen Bight, einer kleinen Bucht mit feinen, grauen Sandbänken auf. Es regnete und stürmte, am nächsten Morgen tauchten dunkle Wolken aus dichtem Nebel die Welt in ein monotones Grau. Wie jeden Morgen seit drei Monaten gab es zum Frühstück warmen Haferschleim. Mittags standen Erdnüsse und Bananenchips auf der Speisekarte, abends Nudeln. In manchen Nächten träumte ich von den Burgern mit extra Speck, die der Scharfschütze Tony mir auf der zweiten Etappe meiner Reise geschenkt hatte.

Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg nach Cape Scott. Ein zweitägiger Abstecher führte an das entlegene Kap, auf dem seit 1960 ein einsamer Leuchtturm steht. Der Wanderweg schlängelte sich durch lichte Wälder und kleine Sümpfe an den Überresten dänischer Siedlungen vorbei. Um die Jahrhundertwende gab es mehrere Anläufe, die unwirtliche Gegend im Norden Vancouver Islands zu besiedeln. Die Gegend war jedoch zu rau und entlegen, um dauerhaft hier leben zu können. Alte Bretter, verrostete Sägeblätter und Überreste landwirtschaftlicher Gerätschaften sind stumme Zeugen der vergeblichen Siedlungsversuche.

Heute leben noch zwei Menschen auf Cape Scott: Harvey und sein Partner Steve. Seit 16 Jahren betreuen sie den Leuchtturm, einer der letzten bemannten Leuchtfeuer in ganz Kanada. „Hier hast du vor allem eins: Zeit“, sagte Harvey, nachdem er mir Bier und Suppe auf den großen Holztisch mit der aufgemalten Kanadaflagge gestellt hatte. Die beiden waren gerade am Mittagessen und luden mich ein. „Lesen, schlafen, wandern“, fasste er seinen Alltag zusammen, nachdem er seinen Teller leergegessen hatte. „Und alle drei Stunden funke ich die Daten der Wetterstation an die kanadische Küstenwache“.

Die Miete in dem kleinen weißen Häuschen neben dem neun Meter hohen Leuchtturm war umsonst. Die Versorgung und Neuigkeiten vom Festland kamen einmal im Monat per Helikopter. „Vor allem im Winter sind wir manchmal wochenlang allein“, sagte er. „Das kann sehr nervenaufreibend sein“. Missen will er den einsamen Flecken Erde aber nicht. „Ich liebe die Ruhe“, sagte Harvey. Dann musste er los, die Wetterdaten durchfunken. Zur Stärkung gab er mir noch zwei Müsliriegel und eine Dose Bier mit. Ich hatte keine Ahnung, dass ich diese Bierdose wenig später dringend brauchen würde.

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