Eifel

Autor: Gerhard Fitzthum  —  Bilder: Norbert Rosing

Ehemaligen Sperrgebieten und Nazirelikten trotzend, erobert die Natur das Grenzland zwischen Deutschland und Belgien zurück. Im Nationalpark Eifel regiert jetzt die Vielfalt von Flora und Fauna.

Neuland zu betreten steht seit langem auf der Roten Liste der aussterbenden Reiseerlebnisse. Wohin man seinen Fuß auch setzt – überall sind schon Tausende und Abertausende vor einem gewesen. Sie haben die identische Szenerie bewundert, die gleichen Fotos gemacht und dieselben Wege ausgetreten, auf denen man jetzt selber unterwegs ist. Umso größer ist meine Vorfreude, in eine Landschaft zu kommen, die bis vor kurzem noch unzugänglich war. Und das, ohne eine halbe Weltreise machen zu müssen. Es genügt, die A 61 Richtung Köln zu nehmen, nach Euskirchen abzubiegen und von dort in die Höhen der Eifel zu fahren. Verantwortlich für den weißen Fleck auf der Landkarte ist ausgerechnet das Militär. Zunächst von den Engländern requiriert, diente die Dreiborner Hochfläche im Nationalpark Eifel den Belgiern von 1950 bis Ende 2005 als Truppenübungsplatz.

Ich parke das Auto am Ortsrand von Dreiborn an der Grenze zum Nationalpark Eifel, packe die Wanderkarte aus und gehe zur Panzerstraße hinüber, an der das Sperrgebiet früher begann. Der Betonstreifen wirkt umso trostloser, als er beiderseits von dicht stehenden Fichten gesäumt wird. Jenseits des Sichtschutzes öffnet sich dann aber eine völlig andere Welt. Der Blick gleitet über die endlose Weite einer steppenartigen Wiesenlandschaft, aus der nur hier und da ein paar Ginsterbüsche ragen. Dahinter fließen gewellte Höhenzüge bis zum Horizont endlos sanft ineinander. Das Flüsschen Erkensruhr verrät sich nur durch die Nebelbänke, die aus einer Senke zwischen zwei Hügelrücken emporsteigen. Ich setze mich auf eine Bank, adaptiere die Stille und genieße die Offenheit des Horizonts im Nationalpark Eifel. Selten habe ich mich der Schwerkraft des Alltagslebens so enthoben, leicht und frei gefühlt wie in diesem Moment.

Doch auch hier ist die Freiheit nicht grenzenlos. Mit dem Abzug der Soldaten wurde die Hochfläche Teil des Nationalparks Eifel, in dem naturgemäß strenge Regeln gelten – bis zum Zugangsverbot in einigen Arealen. Ohne das 33 Quadratkilometer große Übungsgelände wäre der einzige Nationalpark im Westen der Republik nur ein Flickenteppich kleiner Schutzgebiete geblieben. Das ehemalige militärische Sperrgebiet lieferte die nötigen Flächen. Auch psychologisch ebnete es dem Nationalpark in der Eifel den Weg. Weil die Bevölkerung zwischen Simmerath, Heimbach und Schleiden keine lieb gewordenen Freiheiten aufgeben musste, blieb der Widerstand gegen das Schutzgebiet in der Eifel gering. Im großen Unterschied zum nordhessischen Kellerwald, der genau wie die Nordeifel am 1. Januar 2004 zum Nationalpark erklärt wurde.

Am Nachmittag treffe ich Bernd Wiesen. Der schlanke Mittdreißiger mit dem breitkrempigen Hut ist einer der 16 Forstbediensteten des Nationalpark Eifel, die sich seit der Nationalparkgründung zum Ranger umschulen ließen. Im sympathischen Singsang des Rheinländers berichtet er, während wir durch das Gelände streifen, von einem weiteren Vorteil der jahrzehntelangen Freiheitsberaubung. «Das Rotwild hat hier im Laufe der Zeit seine Scheu fast ganz verloren», sagt er. An die Panzer in der Eifel hätte es sich schnell gewöhnt, weil sie stets auf einigen festgelegten Wegen geblieben seien. «Ende der Neunziger schlich ich mit einem Freund im Schutz der Büsche auf das Übungsgelände im heutigen Nationalpark Eifel, um Hirsche bei der Brunft zu beobachten», erzählt er. Plötzlich seien sie von rund 40 Tieren umgeben gewesen und konnten aus nächster Nähe zusehen, wie ein Zwanzigender sein Revier gegen jüngere Konkurrenten verteidigte. «Nach 60 Jahren, in denen das Gebiet von der Öffentlichkeit abgeschirmt war, ist das Rotwild wieder tagaktiv geworden und kann nun viel besser beobachtet werden als anderswo in Deutschland.»

Trotzdem stapfen wir nun schon eine Stunde vergeblich durchs Gelände im Nationalpark Eifel. «Der Schießplatz hätte bleiben sollen», sagt der Ranger nachdenklich. Ich schaue ihn verblüfft an. «Ja! Solange die Militärpolizei das Gelände überwachte, traute sich niemand herein, jetzt laufen alle kreuz und quer und vertreiben das Wild.»

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