Harz

Autor: Claus-Peter Lieckfeld  —  Bilder: Norbert Rosing

Brocken, Rabenklippen, Kyffhäuser – auf diesen Höhen kann der Wanderer nicht nur Heines „Harzreise“ nachempfinden, er kommt auch einigen der großen deutschen Mythen nah. Und er erlebt den Wandel eines „gräuslichen Unthiers“ zum Sympathieträger: Der Luchs ist wieder da.

„Pamina“ muss auf den Catwalk. Ihr ist die Karriere als Model wie auf den Leib geschrieben. „Pamina“ ist jugendschön, mit Bernsteinfeuer im Blick. Ihre schlanken Flanken stecken in gut tailliertem Pelz. Im Luchsschaugehege an den Rabenklippen im Harz – nur ein paar Fahrminuten mit dem Erdgasbus oder eine stramme Wanderung von Bad Harzburg aus vier Kilometer bergan – soll „Pamina“ künftig hübsch wild sein. Aber zugleich zahm genug, sodass die vielen Besucher auch etwas von ihr zu sehen bekommen.

Das Luchsfräulein wurde im Sauerland von Menschen aufgezogen und kam zum Jahresende 2005 in den Harz. Hier bewohnt sie vorerst eine eigene Parzelle. Das bereits etablierte Luchspaar von nebenan muss erst noch zu verstehen geben, dass es die Neue dulden wird, bevor sich für „Pamina“ die umzäunte Waldfelsenwelt öffnet.

Ole Anders, 36, ist Luchsfachmann im Dienst des Nationalparks Harz; er riskiert einen Schmusegriff durch den Maschendrahtzaun. Als er meinen Blick bemerkt, sagt er: «Das geht nur bei Luchsen, die Menschen quasi von Geburt an als ihresgleichen betrachten.» „Paminas“ künftige Fans werden sowieso nicht in Versuchung geraten, einen Zeigefinger zu riskieren. Das Schaugehege im Harz ist durch einen Vorzaun vom Besucherweg abgetrennt. Das schafft Abstand, auch für die Tiere. Die können sich – wenn sie genug Schreie kindlicher Begeisterung gehört haben – zwischen Fels und Farn unsichtbar machen.

Das Schaugehege ist, was amtliche Naturschützer mit fachspezifischer Ironie eine „Ablenkungsfütterung“ nennen: Parkbesucher bekommen hier etwas zu sehen, damit sie nicht dorthin drängen, wo Menschen unerwünscht sind. Zum Beispiel dort, wo das eigentliche, vielfach größere Luchsgehege liegt, das in keiner Karte verzeichnet ist. Hier leben «unsere Kandidaten», sagt Anders, der das Luchsauswilderungsprogramm im Harz betreut.

Diese Luchse werden im Harz in einem Fast-Urwald mit Baumriesen und Granitfelsen freiheitstauglich gemacht, unter anderem mit „Ganzkörpernahrung“, meistens toten Rehen. Ein Revierförster nähert sich den Luchsen nur so weit wie nötig. Die Freiheitskandidaten sollen scheu werden, sollen den Menschen aus dem Wege gehen. Von den 22 Tieren, die seit 2000 im Harz ausgewildert wurden, waren zwei zu menschenbezogen und wurden wieder eingefangen. Sechs weitere schafften es nicht, sich selbständig zu ernähren, und wurden wieder in Vollpension genommen. Aber 14 geglückte Auswilderungen sind keine schlechte Bilanz, zumal in den letzten Jahren Luchsnachwuchs im Harz verbürgt und per „Fotofalle“ dokumentiert ist.

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