Havanna: Schöne neue Welt

Autor: Christopher P. Baker  —  Bilder: Your Photo Today
Uferpromenade in Havanna

Foto oben: Kubanischer Mikrokosmos: Auf der Uferpromenade trifft man Fischer, Musiker und Zigarrenverkäufer. Und hier flirtet Havannas Jugend abends mit Blick auf den Atlantik.

Fidel Castro ist tot – doch Havanna feiert das Leben mit Musik, Kunst und gutem Essen. Kubas Hauptstadt pflegt die Atmosphäre vergangener Zeiten und ist doch im 21. Jahrhundert angekommen.

Neulich traf ich Freunde in Havannas Stadtteil Vedado und genoss das abendliche Treiben: Ein stolzer 1956er-Chevrolet fuhr vorbei, die Luft war von Mimosenduft und leichtem Modergeruch erfüllt. Hölzerne Fensterläden quietschten in ihren Angeln, eine kühle Brise wehte vom Meer herüber.

„Hier würde ich gerne leben“, seufzte ich. Meine kubanische Bekannte Mari antwortete scheinbar ganz ernsthaft: „Warum heiratest du nicht Jessica?“ – ihre Teenager-Tochter. Ein Scherz, aber wenn ich in Havanna bin, fühle ich mich immer, als wäre ich in einem Hollywoodfilm oder einem wilden Roman gelandet – als sei plötzlich alles möglich.

Nach dieser Episode brauchte ich einen Drink und ging auf einen Mojito ins Hotel Nacional, ein Luxushotel aus den Dreißigerjahren, das für anspruchsvolle Reisende noch immer erste Wahl ist. Der Mafiaboss Lucky Luciano lud hier 1946 zu einem Gangstergipfel und ließ sich dabei von einem Sänger namens Frank Sinatra unterhalten.

Mein Lieblingsclub Gato Tuerto liegt in der Calle O gleich um die Ecke. Der winzige Laden ist herausgeputzt worden, wird aber vor allem von Kubanern besucht. Wenn ich den Musikern zuhöre, denke ich jedes Mal, Sinatra könne mit seinem Rat Pack in der Tür auftauchen.

In den vergangenen Jahren ist Havanna wieder aufgeblüht – durch Raúl Castros Reformen ist ein gewisses Maß an Wohlstand auch für die Kubaner wieder möglich. Spürbar ist das zum Beispiel im Restaurant El Cocinero. Ich liebe es, mit einem der Sammeltaxis (colectivos) über die Uferpromenade, den Malecón, hierherzufahren. Durch ein eng gewundenes Treppenhaus geht es hinauf zur Dachterrasse, wo frische Tintenfisch-Tapas serviert werden. Nebenan treffen sich Künstler in der Fábricade Arte, die auch gut in den hippen New Yorker Meatpacking District oder nach Berlin-Mitte passen würde.

Am anderen Ende des Malecón liegt die Altstadt, Habana Vieja. Hier taucht man in eine ganz andere Welt ein: herrschaftliche Häuser und Plätze, auf deren Kopfsteinpflaster man noch die Schritte der spanischen Eroberer zu hören glaubt.Gegenüber der Plaza de la Catedral schaue ich oft in der Galerie Taller Experimental de la Gráfica vorbei: Hier arbeiten Künstler an Holzschnitten und Lithografien. Sie drucken Unikate auf Handpressen, mit denen einst Zigarrenbanderolen hergestellt wurden.

Als ich ein paar Wochen später wieder in Havanna bin, erklärt mir Mari, sie habe sich die Sache mit ihrer Tochter anders überlegt: „Aber ich könnte mich von meinem Mann Jorge trennen, und wir beide heiraten ...“ Ich muss lachen und denke: Was für wunderbare Menschen, was für eine aufregende Stadt.

LAGE
Kuba liegt 150 Kilometer südlich von Florida und ist die größte der Karibischen Inseln – sie erstreckt sich 1300 Kilometer weit. Die Metropole Havanna mit ihren zwei Millionen Einwohnern liegt im Nordwesten der Insel am Atlantik.

ANREISE
Der Internationale Flughafenist 15 Kilometer von Havannas Innenstadt entfernt und von mehreren deutschen Flughäfen nonstop in zwölf Stunden zu erreichen.

REISEZEIT
Kubas tropisches Klima ist feucht-heiß und wird von zwei Jahreszeiten geprägt: Die Regenzeit beginnt im Mai, ab Juli muss man mit Wirbelstürmen rechnen. Am besten reist man in der Trockenzeit zwischen Februarund April – dann ist es mild und die Luft klar.


(NG, Heft 3 / 2017, Seite(n) 142 bis 144)
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